Wie entstand der Raffael-Kult und wie populär war dieser im 19. Jahrhundert? Welche Bedeutung hatte eine Italienreise für einen Künstler? Wie viele Nachzeichnungen von Werken Raffaels gibt es im Œuvre Oesterleys?
Die vorliegende Arbeit beleuchtet Oesterleys künstlerisches Konvolut an Zeichnungen im Hinblick auf den Einfluss des Raffael-Kultes. Ziel der Arbeit ist es, anhand dieser Zeichnungen, die während seiner Italienreise entstanden sind, den Stellenwert von Raffael für sein weiteres künstlerisches Schaffen und seine Lehrtätigkeit an der Georg-August-Universität zu skizzieren und den veränderten Standpunkt zu Raffael im Laufe von Oesterleys Lebenszeit aufzuzeigen.
Die Studie überprüft zudem, ob es motivische Anlehnungen von Werken Raffaels im malerischen Werk Oesterleys zu finden sind.
Carl Oesterley war ein äußerst angesehener und vielbeschäftigter Historien- und Porträtmaler, der ein umfangreiches wie vielseitiges Œuvre hinterließ. Sein Schaffen ist geprägt von der Kunstauffassung der Spätromantik und den Idealen des Lukasbundes. Mit einigen Künstlern dieser Vereinigung verkehrte Oesterley während seines richtungsweisenden zweijährigen Aufenthalts in Italien. Während seiner italienischen Jahre studierte er die altitalienische und raffaelische Kunst durch allerhand Nachzeichnungen von Gemälden und Fresken. Raffael (1483-1520) wurde wie ein Künstlerheiliger verehrt und galt als Vertreter höchster Vollkommenheit in der christlichen Kunst, in dessen künstlerischem Werk sich die Verbindung von Seelenschönheit, äußerer Schönheit, moralischer Reinheit und Vollkommenheit realisiert hatte. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland betätigte sich Oesterley über drei Jahrzehnte als Professor für Kunstgeschichte an der Göttinger Georg-August-Universität.
Das Manuskript der Vorlesung „Über das Leben Raffaels von Urbino“, die Oesterley erstmals im Sommersemester 1841 hielt und in den folgenden Jahren mehrfach wiederholte, ist ein bedeutendes Zeugnis der Raffael-Rezeption und Raffael-Forschung sowie der kunstgeschichtlichen Praxis des 19. Jahrhunderts.
Inhaltsverzeichnis
- 1 Einleitung
- 2 Raffael-Kult im 19. Jahrhundert
- 3 Skizzierung von Oesterleys Relation zum Raffael-Kult
- 3.1 Oesterleys Anfänge
- 3.2 Italiensehnsucht
- 3.3 Oesterleys Zeichnungen seiner italienischen Jahre
- 3.4 Oesterleys Raffael Vorlesung
- 4 Fazit
- 5 Quellen- und Literaturverzeichnis
- 6 Anhang
- Abbildungsteil
- Verzeichnis der Abbildungsnachweise
- Abkürzungsverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit beleuchtet Carl Oesterleys künstlerisches Konvolut an Zeichnungen im Hinblick auf den Einfluss des Raffael-Kultes. Das primäre Ziel ist es, anhand dieser Zeichnungen den Stellenwert Raffaels für Oesterleys künstlerisches Schaffen und seine Lehrtätigkeit aufzuzeigen sowie den Wandel seines Standpunktes zu Raffael im Laufe seines Lebens zu skizzieren.
- Entstehung und Popularität des Raffael-Kultes im 19. Jahrhundert.
- Bedeutung der Italienreise für Künstler der Romantik.
- Analyse von Oesterleys Nachzeichnungen nach Werken Raffaels.
- Untersuchung motivischer Anlehnungen Raffaels im malerischen Werk Oesterleys.
- Die Entwicklung von Oesterleys Ansichten zu Raffaels Kunst.
- Einordnung von Oesterleys Raffael-Vorlesung in die kunsthistorische Forschung.
Auszug aus dem Buch
Raffael-Kult im 19. Jahrhundert
Die Arbeit setzt sich aus drei Teilen zusammen: Zuerst werden die Grundlagen erarbeitet mit einer Darstellung der Entwicklung und Popularität des Raffael- und Dürerkultes im 19. Jahrhundert. Als nächstes werden die Voraussetzungen für eine Analyse des Raffael-Kultes in Oesterleys Zeichenkunst geschaffen, indem Oesterleys Anfänge mit einer kurzen biografischen Skizze und der Bedeutung und die Beweggründe für eine Italienreise erörtert werden, sowie Oesterleys wichtigste Stationen und Kontakte bzw. Freundschaften während seines Italienaufenthaltes rekonstruiert werden. Dies geschieht, um im dritten Unterkapitel mit der Analyse von Oesterleys Zeichnungen nach Raffael an den einzelnen Ergebnissen anknüpfen und Rückschlüsse aus den stattgefundenen Veränderungen zu Oesterleys Standpunkt zu Raffael ziehen zu können. Nach der Analyse der Nachzeichnungen wird anschließend Oesterleys Raffael-Vorlesung betrachtet mit einer Darlegung der Grundlage der Vorlesung und einer Einordnung dieser in die kunsthistorische Forschung. Im Fazit werden zum einen die Einordnung von Oesterleys Schaffen in die Zeit, aber auch sein distanziertes Verhältnis zu seinem einstigen Künstleridol und das einzige Gemälde mit Anknüpfungspunkten zu einem Werk Raffaels extrahiert.
2 Raffael-Kult im 19. Jahrhundert
Für ein Verständnis von Oesterleys Auffassung und Bewertung von Raffaels Malerei und deren Bedeutung in seiner Zeichenkunst ist es notwendig einen Einblick in die Entstehung und Popularität des Raffael-Kults zu geben.
Der Raffael-Kult erreichte in der Romantik seinen Höhepunkt. Zum Künstlerheiligen stilisiert wurde er zum künstlerischen wie moralischen Vorbild einer ganzen deutschen Künstlergeneration, die nach 1800 in Rom tätig waren und auf dessen Leben und Werk religiöse und gesellschaftliche Konzepte projiziert wurden. Das Vorhandensein von Zeichnungen nach Raffael in Oesterleys künstlerischem Œuvre versinnbildlicht die Notwendigkeit eines Malers sich mit dem Musterkünstler auseinanderzusetzen, der als christlicher Maler mit guten Umgangsformen und Tugenden angesehen wurde. Um Raffael im christlichen Sinne als Heiligen zu stilisieren, wurden seine amourösen Eskapaden, die Vasari noch ausführlich schilderte, verschwiegen.9
Der Ursprung des idealisierten Bildes von Raffael geht auf die Kunst des Lukasbundes bzw. der Nazarener und der zeitgenössischen Kunstliteratur zurück. Drei poetische Schriften haben den Raffael-Kult der Romantiker besonders stark stimuliert: „Die Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“ (Berlin 1797), „Franz Sternbalds Wanderungen. Eine altdeutsche Geschichte“ herausgegeben von Ludwig Tieck (Berlin 1798) und die „Phantasien über die Kunst für Freunde der Kunst“ herausgegeben von Ludwig Tieck (Hamburg 1799). Dort wird erstmals Raffael zum Gegenstand einer empfindsamen und pseudo-religiöse Züge annehmenden Verehrung transformiert mit dem Verzicht auf die Künstlergeschichte Italiens. Die Vite Vasaris bildet die Grundlage und den Referenztext für die drei Schriften sowie für die Erinnerung an die ferne Renaissancewelt. Für Tieck und Wackenroder ist die Renaissance das Heldenalter der Kunst und Vasari dessen Überlieferer. Dabei griffen sie auf von Vasari überlieferten Legenden von Raffael als christlicher Künstler, herausragender Mensch und Schöpfer unerreichbar schöner Ideen auf. 10 In dem berühmten Traumgesicht des Klosterbruders erscheinen sogar die vom Himmel herabgestiegenen Künstler Raffael und Dürer Hand in Hand, somit auf gleicher Augenhöhe, während sie ihre Werke in einer Galerie betrachten.11
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel stellt Carl Oesterley als Historien- und Porträtmaler vor, beleuchtet den Einfluss des Raffael-Kultes auf sein Œuvre und seine Lehrtätigkeit und formuliert die zentralen Forschungsfragen der Arbeit.
2 Raffael-Kult im 19. Jahrhundert: Hier wird die Entstehung und Popularität des Raffael-Kultes in der Romantik beschrieben, insbesondere wie Raffael zum künstlerischen und moralischen Vorbild stilisiert wurde und welche Rolle der Lukasbund dabei spielte.
3 Skizzierung von Oesterleys Relation zum Raffael-Kult: Dieses Kapitel skizziert Oesterleys künstlerischen Werdegang, seine prägende zweijährige Italienreise und die Entwicklung seiner Haltung zu Raffael, die von anfänglicher Ablehnung zu Lob überging, basierend auf seinen Nachzeichnungen und der Raffael-Vorlesung.
4 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Oesterleys Italienaufenthalt seinen künstlerischen Stil maßgeblich prägte, ihn der Spätromantik zuordnete und zeigt sein distanziertes Verhältnis zu Raffael sowie vereinzelte motivische Anlehnungen in seinen Historiengemälden.
Schlüsselwörter
Carl Oesterley, Raffael-Kult, 19. Jahrhundert, Kunstgeschichte, Italienreise, Nazarener, Lukasbund, Zeichnungen, Kunsttheorie, Spätromantik, Göttinger Universität, Kunstakademie, Malerei, Kunstkritik, Romantik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Diese Arbeit untersucht den Einfluss des Raffael-Kultes auf das künstlerische Werk und die Lehrtätigkeit von Carl Oesterley, einem deutschen Historien- und Porträtmaler des 19. Jahrhunderts, insbesondere anhand seiner Zeichnungen aus seiner Italienreise.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die Entstehung und Popularität des Raffael-Kultes im 19. Jahrhundert, die Bedeutung der Italienreise für Künstler, die Analyse von Oesterleys Nachzeichnungen nach Raffael und die Untersuchung motivischer Anlehnungen in seinem malerischen Werk.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, den Stellenwert Raffaels für Carl Oesterleys künstlerisches Schaffen und seine Lehrtätigkeit zu skizzieren und den Wandel seines Standpunktes zu Raffael im Laufe seines Lebens aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer tiefgehenden Analyse von Oesterleys künstlerischem Konvolut an Zeichnungen, der Rekonstruktion seiner Italienreise und der Einordnung seiner Raffael-Vorlesung in die kunsthistorische Forschung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Entwicklung und Popularität des Raffael-Kultes im 19. Jahrhundert sowie Oesterleys biografische Anfänge, seine Italiensehnsucht und detaillierte Analysen seiner Zeichnungen und seiner Raffael-Vorlesung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Schlüsselwörter wie Carl Oesterley, Raffael-Kult, 19. Jahrhundert, Kunstgeschichte, Italienreise, Nazarener, Lukasbund, Zeichnungen, Kunsttheorie, Spätromantik, Göttinger Universität, Kunstakademie, Malerei, Kunstkritik und Romantik charakterisiert.
Wie veränderte sich Oesterleys Haltung zu Raffael während seiner Italienreise?
Oesterleys Haltung zu Raffael wandelte sich während seiner Italienreise von einer anfänglich ablehnenden zu einer lobenden Haltung, insbesondere nachdem er durch Perugino die Frühwerke Raffaels kennenlernte, die ihn mehr ansprachen als dessen spätere, als manieriert empfundene Werke.
Welche Rolle spielten die Nazarener im Kontext des Raffael-Kultes?
Die Nazarener, Mitglieder des Lukasbundes, trugen maßgeblich zur Stilisierung Raffaels als christliches und moralisches Vorbild bei. Sie sahen in Raffael und Dürer Leitbilder und strebten eine Verschmelzung alter deutscher und italienischer Kunst an, wobei sie Raffael nicht stumpf kopierten, sondern seine Ideen und Denkart nachahmen wollten.
Warum galt die "Villa Raffael" als wichtiger Ort für die Künstler der Romantik?
Die "Villa Raffael" im Park der Villa Borghese wurde in der Romantik als Ort der Inspiration aufgeladen, da man sich dort das Privatleben des Malers und Liebhabers Raffael besonders eindrücklich vorstellen konnte, losgelöst vom städtischen Trubel Roms.
Wie unterschieden die Nazarener zwischen Kopieren und Nachahmen alter Meister?
Die Nazarener verstanden Kopieren als Kunstübung zur Beherrschung von Technik, Formen und Darstellung, während das Nachahmen bedeutete, die Ideen und die Denkart Raffaels zu übernehmen, um im eigenen Schaffen selbstständige Werke hervorzubringen, anstatt nur zu reproduzieren.
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- Anonym (Author), 2024, Der Raffael-Kult in der Zeichenkunst von Carl Oesterley, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1682636