Sigmund Freuds Abhandlung „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ in der praktischen Analyse in Bezug auf verschiedene Beispielwitze


Hausarbeit, 2011
14 Seiten, Note: 1,0

Gratis online lesen

Weshalb Freud täglich auf die Couch sinken wollte…

Das Säkularjahr 1900 beginnt für Sigmund Freud zwei Monate früher, wobei weniger seine visionäre Prophetie den Ausschlag gibt, als ein schlichter Etikettenschwindel: das im November 1899 druckfertige Werk „ Die Traumdeutung “ wird vordatiert veröffentlicht, und Freud hat in der allgemeinen Umbruchstimmung den ersten Longseller der Psychologie lanciert. Darin richtet sich der Ahnherr der Psychoanalyse sowohl gegen die gängige Interpretation des Traumes als einer Aufarbeitung des Tagesgeschehens wie auch gegen die mystizistische Folklore vom zweiten Gesicht, mit dessen Hilfe der Mensch seinen Lebensweg vorhersehen könne. Ganz im Gegenteil- das schlafende Individuum erhalte über eine vielfältig kodierte Symbolik eine Art Schlüssel zu seinen Kindheitserfahrungen. Diese seien freilich über die Jahre des Erwachsenwerdens mutiert und hätten sich- zumindest in einigen Fällen- zu kaum nachvollziehbaren Formen und Figuren entwickelt. An diesem Punkt der Genese tritt der Psychotherapeut auf, denn nur er besitzt das Instrumentarium zur Dekodierung der Träume, in ihm findet der Patient ein fähiges Übersetzungsprogramm.

Die Schwachstelle dieser Theorie bleibt seinen Zeitgenossen nicht lange verborgen. Wie verlässlich ist der Traumdeuter in seinem Bemühen, unbewusste Prozesse ins Bewusstsein zu überführen? Ob Manfred Geiers Theorie zutrifft, nach der der allseitige „[…] mangelnde Sinn für Witz und Humor […]“[1] Freud zu der 1905 folgenden Gegendarstellung reizte, kann nicht restlos ausgeschlossen werden. Die wahrscheinlichere Initialkritik für sein neues Werk ist aber der Widerstand seiner Disziplin, denn kurze Zeit später trifft Freud die doppelzüngige Spitze eines seiner engsten Freunde, des Arztes Wilhelm Fließ, der „[…] den Stil der Träumer und damit zugleich den der Traumdeutung als zu witzig […]“[2] kritisiert. Hinter dieser Aussage verbirgt sich nichts anderes als ein Generalangriff auf die eben erst auf die Couch gesunkene Methodik der Traumanalyse, denn unausgesprochen vertritt Fließ die These, lediglich der Analysand selbst sorge für die witzige Komponente der Träume. Indem dieser aus wüst-wirren Traumfragmenten des Patienten einen kohärenten Sinnzusammenhang stiften wolle, was ihm nur mit dem Kleister der logischen Junktoren gelingen kann, erschaffe er die Choreografie eines albernen Traumtänzers, der sich unbeholfen von einem Spotlight zum nächsten windet; und somit sei die Geschichte, in die sich ein Traum im Notizblock des Psychologen verwandelt, alleiniger Verdienst des synthetischen Bewusstseins und damit in etwa so viel wert wie ein geselliges Kombinationsspiel, bei dem man zugerufene Albernheiten möglichst spaßig zusammenfügt. Als lyrischer Ausdruck der Unauslotbarkeit der Psyche ist die zufällige Begegnung eines Regenschirmes mit einer Nähmaschine auf dem Seziertisch sicherlich attraktiv; wissenschaftlich gesehen bleibt sie obskur.

Freuds Reaktion lässt einige Zeit auf sich warten. Vielleicht überlegt er sich die Strategie zur Verteidigung seiner Ideen. Denkbar wäre immerhin auch, dass er Fließ` Einwand mit dem Hinweis auf dessen fachliche Inkompetenz vom Tapet wischt und den witzigen Eindruck auf Fließ` unseriösen Charakter zurückführt. Dafür würde auch der Abbruch der Freundschaft 1904 sprechen, als Freuds Rang den seines ehemaligen intellektuellen Entwicklungshelfers übertrifft und er –auch finanziell- auf eigenen Beinen stehen kann.[3] Doch dann, 1905, als Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten erscheint, zeigt sich, wie umfassend und integrativ Freud arbeitet: er inkorporiert den Witz als basales Element in die menschliche Psyche. Enthält der Traum eines Probanden witzige Fügungen, dann liegt das schlicht an der gemeinsamen Quelle von Traum und Witz. Die selben unbewussten Mechanismen, die einen Traum kreieren, sorgen auch für den darin enthaltenen Witz. Folglich herrscht nach Anna Tuschling mittlerweile Konsens darüber,„[…] dass der Witz als Verteidigungsschrift der Traumdeutung gehandelt wird […]“[4], wobei Freud in der Vorrede auch seine ausgeprägte komische Ader als Schaffensgrund angibt. Durch den engen Zusammenhang von Traum und Witz wird auch Freuds Arbeitsweise an dem Buch beeinflusst, denn wie noch niemand vor ihm möchte er die reinen Techniken des Witzes offenlegen, die komische Wirkung quasi als Skelett präsentieren, um ihren universellen Wirkmechanismus zu finden.

Formen des Wortwitzes

Freuds Herangehensweise an das Thema seiner Abhandlung ist dann auch- freilich erst nachdem er die Leistungen seiner Vordenker ausreichend goutiert hat- revolutionär. Mit seinem Urteil, landläufige Witz-Bestimmungen wie etwa Kürze, evozierte Vorstellungskontraste oder ein Verblüffungsmoment seien nicht aussagekräftiger als „[…] eine Reihe von Anekdoten zur Charakteristik einer Persönlichkeit […]“[5],reißt er Oberflächenbetrachtungen dieser Art aus der Vitrine der sauber analysierenden Wissenschaften. Den ersten chirurgischen Schnitt setzt Freud am Träger des Lustvollen in einem witzigen Satz an. Denn wie jede Äußerung ist auch der Witz eine Kombination von sprachlichen Ausdrücken und dadurch vermittelten Gedanken; und mit dem Hinweis auf die Binsenweisheit, dass paraphrasierte Witze häufig eben keine Witze mehr sind, die Semantik allein also oft nur zum Wegnicken reizt, macht sich Freud auf die Fährte der spezifisch witzigen Komponente in der Anordnung des sprachlichen Materials. Die von Freud favorisierte Einteilung in Wort- und Gedankenwitze ist, wie Anke Blasius zusammenfasst, „[…] nicht unumstritten.“[6] Der Einwand des Literaturwissenschaftlers Wolfgang Preisendanz etwa, ein im Gedankenwitz entfaltetes Thema sei wie auch der Wortwitz konstitutiv an Sprache gebunden, wodurch jeglicher Unterschied nivelliert werden müsse, klingt plausibel, führt aber an Freuds Analyse vorbei. Nach Textauszügen von Heinrich Heine oder Georg Christoph Lichtenberg gliedert er die Kunstfertigkeit der humoristischen Schriftsteller in Gruppen. Heines Wortwitz vom hochnäsigen Krösus, der seinen Gast Hirsch- Hyacinth betont familionär behandelt, interpretiert Freud, spürbar begeistert von Heines komischer Sternstunde, als eine Verdichtung mit Ersatzbildung, in dem sich zwei Wörter umschlingen – familiär und Millionär- und als Ersatzbildung das Mischwort familionär erzeugen. Eine Erklärung für den lustigen Effekt dieses Ausspruchs wird hier jedoch nur angedeutet, Freuds Augenmerk liegt vorerst auf dem Zusammentragen von Beispielen. Doch schon nach wenigen Seiten Recherche scheint ihm das Ausmaß der Möglichkeiten selbst nicht mehr geheuer zu sein; über den Techniken der mehrfachen Verwendung des gleichen Materials und des Doppelsinns kommt er ins Schwitzen, weil im Gewüst der Literatur offenbar „[…] eine zunächst noch gar nicht übersehbare Anzahl von Möglichkeiten […]“[7] lauert. Nichtsdestotrotz hetzt der Duktus der Abhandlung nicht etwa kurzatmig von einer Variante zur nächsten, vielmehr scheint man hinter jedem einzelnen Witz noch das genüssliche Echo von Freuds Lachen hören zu können. Vermutlich hätte ihn auch folgende, modernere Ausformung eines Doppelsinn-Witzes erfreut:

Ein Künstler geht im Grenzgebiet spazieren. Kommt ein Volkspolizist und fordert ihn auf: „Weisen Sie sich aus!“ Erstaunte Frage des Künstlers: „Was denn, müssen wir das denn auch schon selber machen?“[8]

[...]


[1] Geier, Manfred: Worüber kluge Menschen lachen: Kleine Philosophie des Humors. 1. Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2006. (S. 196)

[2] Tuschling, Anna: Klatsch im Chat: Freuds Theorie des Dritten im Zeitalter elektronischer Kommunikation. 1. Auflage. Bielefeld: transcript- Verlag 2006 ( = Medienanalysen; Bd. 1). (S. 54)

[3] Vgl. Lohmann, Hans- Martin: Sigmund Freud. 5. Auflage. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2004. (S. 36)

[4] Tuschling, Anna (S. 52)

[5] Freud, Sigmund: Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten; Der Humor. Neunte, unveränderte Auflage. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2009. (S. 30)

[6] Blasius, Anke: Der politische Sprachwitz in der DDR: Eine linguistische Untersuchung. 1. Auflage. Hamburg: Verlag DR. Kovac 2003 (= Philologia; Sprachwissenschaftliche Forschungsergebnisse; Bd. 54). (S. 60)

[7] Freud, Sigmund (S. 48)

[8] Blasius, Anke (S. 302)

14 von 14 Seiten

Details

Titel
Sigmund Freuds Abhandlung „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ in der praktischen Analyse in Bezug auf verschiedene Beispielwitze
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Germanistik)
Veranstaltung
Komik in der Literatur
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V168274
ISBN (Buch)
9783640854424
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sigmund, freuds, abhandlung, witz, beziehung, unbewussten“, analyse, bezug, beispielwitze
Arbeit zitieren
Max Rössner (Autor), 2011, Sigmund Freuds Abhandlung „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ in der praktischen Analyse in Bezug auf verschiedene Beispielwitze, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168274

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Sigmund Freuds Abhandlung „Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten“ in der praktischen Analyse in Bezug auf verschiedene Beispielwitze


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden