Amalia von Edelreich - Zwischen Empfindsamkeit und Sturm und Drang


Hausarbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Kontext: Das Frauenbild im 18. Jahrhundert

2. Amalia
2.1 Die Ikone
2.2 Zwischen Empfindsamkeit und Sturm und Drang

3. Funktion der Amalia: Wirkungsvolle Gestalt

Schlussbetrachtung

Einleitung

„Amalia von Edelreich teilt das Los aller Schillerschen Frauengestalten, sofern sie nicht den Vorteil haben, zugleich Titelfigur eines Dramas zu sein: sie blieb unbeachtet, beargwöhnt, belächelt […].“[1] In der Tat wird sie sowohl im Stück als auch in vielen Inszenierungen oft als eine naive, stereotyp weibliche, passive Gestalt, der es an Komplexität und Aktivität fehlt, dargestellt. Besonders im Vergleich zu den anderen Figuren des Stückes, ist sie eher eine „wirkungslose“ Gestalt, weil sie die Handlung direkt kaum beeinflusst. Ein Mangel an Aktivität hat aber nicht unbedingt zur Folge, dass eine Figur nicht komplex ist oder noch weniger, dass sie keine bedeutende Rolle im gesamten Stück spielt. In der vorliegenden Hausarbeit soll der Versuch unternommen werden, Amalia als eine viel komplexere Figur, als es auf den ersten Blick scheint, zu rechtfertigen.

Um die Geschlechterverhältnisse in Schillers Drama nachzuvollziehen, werde ich im ersten Kapitel auf das zeitgenössische Frauenbild im Kontext der Aufklärung eingehen. Dieses Kapitel verleiht unter anderem einen exemplarischen Überblick über die einflussreichen Theorien über das Geschlechterverhältnis der Zeitgenossen Schillers, wie Rousseau und Kant, die die Herausbildung des im 18. Jahrhundert geltenden Frauenbildes beeinflusst haben. Die Auseinandersetzung mit dem Weiblichkeitsdiskurs des 18. Jahrhunderts soll zeigen welche Weiblichkeitsmuster Amalias Charakter beeinflusst und geprägt haben könnten. Anschließend im zweiten Kapitel werde ich Amalias Charakterzüge und Sprache in Bezug auf die im 18. Jahrhundert herrschende Weiblichkeitsmuster analysieren und zeigen inwiefern Amalia diesen Mustern entspricht bzw. davon abweicht. Im dritten Kapitel werde ich auf die Funktionen, die Amalia im Stück erfüllt, eingehen. Dabei soll geklärt werden, ob und auf welche Weise Amalia die Handlung beeinflusst. Hier wird sie nicht nur als Karls Vertreterin in der Franz-Handlung, sondern auch als eine – wenn auch selten – handelnde Figur präsentiert. Die Auseinandersetzung mit Amalias Sprache und Charaktereigenschaften soll zeigen, dass sie keine „blasse, begrifflich-abstrakte Formel“, sondern „eine Gestalt mit durchaus eigener Problematik“[2], die für den Handlungsablauf des Stückes von großer Bedeutung ist.

1. Kontext: Das Frauenbild im 18. Jahrhundert

Friedrich Schiller schrieb 1799:

[…] Der Mann muss hinaus

Ins feindliche Leben,

Muss wirken und streben

Und pflanzen und schaffen,

Erlisten, erraffen,

Muss wetten und wagen,

Das Glück zu erjagen.

[…]

Und drinnen waltet

Die züchtige Hausfrau,

Die Mutter der Kinder,

Und herrschet weise

Im häuslichen Kreise.[3]

Diese berühmten Verse aus dem Gedicht Lied von der Glocke machen anschaulich, wie die Darstellung der Frau in der Literatur des 18. Jahrhundert von der bestehenden Geschlechterpolarität und den männlich normierten Weiblichkeitsvorstellungen dieser Zeit weitgehend geprägt ist. Theorie der Geschlechterdifferenz, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts maßgebend war, behauptet, dass sich die beiden Geschlechter von Natur aus grundsätzlich voneinander unterscheiden. Diese Theorie betont die Inferiorität der Frau und erklärt ihre Unterordnung unter den Mann als „gottgewollte oder naturbedingte Geschlechtererscheinung“.[4] Solche psychologischen und moralischen Merkmale des Weiblichen wie Güte, Liebe, Schönheit, Tugend, Gefühl, Passivität und Rezeptivität, die auf die biologischen Eigenschaften zurückzuführen seien, bestimmen den Handlungsrahmen der Frau: „[I]hr Wirken [ist] ganz auf das Wohl der Mannes und der Kinder ausgerichtet, […] ihr Wesen [ist] durch ihre Funktion in der Familie festgelegt.“[5] Die Gegenüberstellung von männlicher Selbständigkeit und weiblicher Unselbständigkeit sorgt im 18. Jahrhundert für die Herausbildung von Rollenzuweisungen. Während dem Mann der öffentliche Rahmen als Bezugssystem zugewiesen wird, ist für die Frau der private Rahmen der Familie bestimmt. Da die Frau rechtlich und ökonomisch von dem Ehemann bzw. dem Vater abhängig ist und „sich dem Befehl des Mannes oder des Vaters fügen muss“[6], kann sie nicht an dem öffentlichen Leben teilnehmen und damit auch kein autonomes Verhältnis zur Welt konstituieren. Der Frau wird einzig die Rolle der Ehefrau und Mutter zugewiesen, die Rolle, die „nicht öffentlich, nicht politisch, ohne individuelle kulturschaffende Funktion und damit ohne historische Dokumentation geblieben ist“.[7]

Neben der Theorie der Geschlechterdifferenz ist die Sündenfallgeschichte, die bis ins 18. Jahrhundert hinein einflussreich blieb, von großer Bedeutung für die historische Ausprägung der Weiblichkeitsmuster. Das vom christlichen Denken geprägte dualistische Frauenbild, das sich auf Eva und Maria bezieht, hat Frauenverachtung einerseits, und Frauenverehrung andererseits hervorgerufen:

Während nun der Frau hauptsächlich Triebverhalten unterstellt und insgesamt ihr Menschsein bezweifelt wurde, war sie im Haus unentbehrlich. Dämonisierung und Domestizierung der Frau war die Folge. Sie charakterisieren innerhalb der Frühaufklärung zwei erkennbare Strategien zur Frauenunterdrückung.[8]

Frauen, die nicht an einen patriarchalischen Haushalt gebunden sind, werden als Bedrohung für die Gesellschaft angesehen. Die nicht verheirateten Frauen werden zu Außenseiterinnen, deren Wirkungsbereich auf Hexen- oder Mätressenwesen reduziert wird. Hexenwahn und Misogynie sind die bekanntesten Folgen der Dämonisierung der Frau. Diese Lage sollte sich im Zuge der Aufklärung verändert haben. Gegen den Hexenmythos wird Anfang des 18. Jahrhunderts das Ideal der gelehrten Frau entwickelt. Im Zuge der politischen und kulturellen Veränderungen wird die Notwendigkeit einer Bildung für Frauen allgemein akzeptiert und das Streben nach der Gleichheit der Geschlechter und geforderten Mündigkeit der Aufklärung vorangetrieben. Es entstehen Schulen für Mädchenerziehung, wo die Mädchen des mittleren und oberen Standes eine minimale Schulbildung erhalten. Allerdings konnten nur wenige Frauen ausnahmsweise von der Bildung wissenschaftlich profitieren. Das tatsächliche Bildungsziel war nicht eine wissenschaftliche Ausbildung als Vorbereitung auf eine spätere berufliche Tätigkeit, sondern Ausbildung von Tugenden und praktische Vorbereitung auf Ehefrau- und Mutterrolle. Das Frauenbildungsprogramm umfasste neben dem Lesen und Schreiben solche Tätigkeiten wie Haushaltsführung und Kindererziehung, deren Hauptziel in der Einführung in die christlichen Tugenden und weiblichen Aufgaben bestand. Weibliche Tugend, die sich auf weibliche Unschuld bezieht und auf den Typus der christlichen Heiligen verweist, wird zu einer Eigenschaft, die eine neue bürgerliche Moral kennzeichnet. Die Herausbildung der Weiblichkeitskonzepte von Tugend, zarter Weiblichkeit und „schöner Seele“[9] in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verkörpert die moralischen Wunschvorstellungen einer bürgerlichen Gesellschaft: „Die Frau wird Trägerin einer neuen Welt- und Lebensanschauung mit zu verändernden Werten.“[10] Dabei wird der gelehrte Frauentyp den neuen Aufgaben nicht gerecht und wird durch das neue empfindsame Frauenleitbild abgeschafft.

Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau hatte durch in seinen Werken propagierten Rollenmuster und enthaltenen Werturteile über die Differenzierung der Geschlechter die Abkehr von der aufklärerischen Konzeption der gelehrten Frau besonders vorangetrieben. Nach seiner Auffassung, ist die Fähigkeit der Frau, Kinder zu gebären, ihre ursprüngliche Bestimmung.

Aus diesem Grunde sei sie schutz- und schonungsbedürftig, dem Manne anvertraut, und das aus gewähre ihr den besten Entfaltungsrahmen. Ihre Interessen soll sie auf Haushalt und Familie ausrichten, denn ihre biologische Beschaffenheit verbiete es geradezu, m Öffentlichen als Kulturträgerin aufzutreten. Das muss der Mann leisten. In der Privatsphäre übernimmt sie seine Reproduktion und lebt nur auf ihn ausgerichtet.[11]

Die Rousseauschen Weiblichkeitsvorstellungen bleiben bis zum Ende des 18. Jahrhundert maßgebend für die Herausbildung und Verfestigung eines bürgerlichen Frauenideals und für das Verständnis der Frauenrolle. Tugend, Natürlichkeit und Weiblichkeit werden zum neuen Ideal, das nicht aus den Büchern gelernt, sondern ausschließlich durch „Bildung des Verstandes und des Herzens“[12] erreicht werden soll. Nach der Auffassung eines anderen einflussreichen idealistischen Philosophen Immanuel Kant kann die Frau „weder handeln noch moralische Qualitäten erwerben, die sie zu ‚erhabener Tugend […] führen. [S]ie kann nur zur ‘schönen Tugend’ […] erzogen werden, die sich durch Mitleid, Geselligkeit, schöne Einfalt äußert.“[13] Die Herausbildung des bürgerlichen Tugendbegriffes hat zur Folge, dass die Frau empfindsame Komponenten entfaltet und oft als leidendes Opfer in der von Männern beherrschten Welt dasteht. Da das Frauenideal des 18. Jahrhunderts von den bürgerlichen Moralvorstellungen wie Sittlichkeit, Frömmigkeit und Häuslichkeit geprägt ist, bedeutet die Tugend der Häuslichkeit für die Frau Verzicht auf Selbstbestimmung, Sinnlichkeit und Sexualität und Unterordnung unter die privaten Ziele der Familie. Triebunterdrückung und passiv leidende Tugend, die rein moralische Freiheit und das Selbstbewusstsein ausschließt, verhindern die Entfaltung solcher Eigenschaften wie Selbstständigkeit, Entschlossenheit, Verstand und Gefühlsstärke.[14] Als Folge entfaltet sich nicht die Frau als Individuum, sondern „verharr[t] als Zuschauer[in] der Geschichte in den Vorzimmern der Moral.“[15]

[...]


[1] Kluge, Gerhard: Zwischen Seelenmechanik und Gefühlspathos. Umrisse zum Verständnis der Gestalt Amalias in ‚Die Räuber‘ – Analyse der Szene I, 3. In: Jahrbuch der deutschen Schillergesellschaft 20 (1976), S. 186.

[2] Ebd., S. 186.

[3] Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, hrsg. von Gerhard Fricke u. a.. 5 Bde. 1. München: Hanser 1958, S. 432.

[4] Scholz, Hannelore: Wiedersprüche im bürgerlichen Frauenbild. Zur ästhetischen Reflexion und poetischen Praxis bei Lessing, Friedrich Schlegel und Schiller. Weinheim: Deutscher Studienverlag 1992, S. 40.

[5] Becker-Cantarino, Barbara: Die Geschichte der Frau in Deutschland, 1500-1800. Ein Forschungsbericht. In: Die Frau von der Reformation zur Romantik. Die Situation der Frau vor dem Hintergrund der Literatur- und Sozialgeschichte, hrsg. von Barbara Becker-Cantarino. Bonn: Grundmann 1980, S. 246.

[6] Scholz, S. 53.

[7] Becker-Cantarino, S. 246.

[8] Scholz, S. 44. Vgl. Hoffmeister, Gerhart: Engel, Teufel oder Opfer: Zur Auffassung der Frau in der sentimentalen Erzählung zwischen Renaissance und Aufklärung. In: Monatshefte 69 (1977), H. 1, S. 151.

[9] Becker-Cantarino, S. 265ff.

[10] Scholz, S. 48.

[11] Ebd., S. 50.

[12] Ebd., S. 52.

[13] Ebd., S. 53.

[14] Huyssen, Andreas: Das leidende Weib in der dramatischen Literatur von Empfindsamkeit und Sturm und Drang: Eine Studie zur bürgerlichen Emanzipation in Deutschland. In: Monatshefte 69 (1977), H. 1, S. 160ff.

[15] Bovenschen, Silvia: Die imaginierte Weiblichkeit. Exemplarische Untersuchungen zu kulturgeschichtlichen und literarischen Präsentationsformen des Weiblichen. 1. Aufl.. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1979, S. 231.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Amalia von Edelreich - Zwischen Empfindsamkeit und Sturm und Drang
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V168282
ISBN (eBook)
9783640852260
ISBN (Buch)
9783640852604
Dateigröße
542 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Amalia von Edelreich, Amalia, Empfindsamkeit, Sturm und Drang, Schiller, Die Räuber
Arbeit zitieren
Katja Klass (Autor:in), 2010, Amalia von Edelreich - Zwischen Empfindsamkeit und Sturm und Drang, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168282

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