„Amalia von Edelreich teilt das Los aller Schillerschen Frauengestalten, sofern sie nicht den Vorteil haben, zugleich Titelfigur eines Dramas zu sein: sie blieb unbeachtet, beargwöhnt, belächelt […].“ In der Tat wird sie sowohl im Stück als auch in vielen Inszenierungen oft als eine naive, stereotyp weibliche, passive Gestalt, der es an Komplexität und Aktivität fehlt, dargestellt. Besonders im Vergleich zu den anderen Figuren des Stückes, ist sie eher eine „wirkungslose“ Gestalt, weil sie die Handlung direkt kaum beeinflusst. Ein Mangel an Aktivität hat aber nicht unbedingt zur Folge, dass eine Figur nicht komplex ist oder noch weniger, dass sie keine bedeutende Rolle im gesamten Stück spielt. In der vorliegenden Hausarbeit soll der Versuch unternommen werden, Amalia als eine viel komplexere Figur, als es auf den ersten Blick scheint, zu rechtfertigen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Kontext: Das Frauenbild im 18. Jahrhundert
2. Amalia
2.1 Die Ikone
2.2 Zwischen Empfindsamkeit und Sturm und Drang
3. Funktion der Amalia: Wirkungsvolle Gestalt
Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Diese Hausarbeit untersucht die Figur der Amalia von Edelreich in Friedrich Schillers Drama "Die Räuber" und stellt die These auf, dass sie entgegen verbreiteter Auffassungen keine bloße, passive Nebenfigur ist, sondern einen komplexen Charakter mit zentraler Bedeutung für den Handlungsablauf darstellt. Dabei werden die Geschlechterverhältnisse des 18. Jahrhunderts und die Einflüsse von Empfindsamkeit und Sturm und Drang analysiert.
- Zeitgenössisches Frauenbild im 18. Jahrhundert
- Amalias Charakterisierung zwischen Idealbild und eigenständiger Figur
- Einfluss der Epochen Empfindsamkeit und Sturm und Drang auf die Frauenrolle
- Amalia als Gegenspielerin Franz Moors
- Amalias Funktion für die Handlung und die Entwicklung von Karl Moor
Auszug aus dem Buch
2.2 Zwischen Empfindsamkeit und Sturm und Drang
Obwohl Amalia viele den Frauen im 18. Jahrhundert anhafteten Eigenschaften aufweist, ist sie nicht ganz den klischeehaften Vorstellungen der spezifisch weiblichen Rolle und Identität verhaftet wie es auf den ersten Blick scheint. Schon die Tatsache, dass Amalia ihre Gefühle für Karl bekennt, zu ihrer Liebe steht und darüber offen spricht weist auf die Stärke ihres Charakters hin und hebt sie von dem traditionellen Bild einer tugendhaften Frau ab, welcher die bürgerliche Sexualmoral und ihre eigene Frömmigkeit keinerlei Leidenschaft erlaubt. Sie steht auch im Kontrastverhältnis zum weinerlichen, hilflosen alten Moor, dessen Rührseligkeit und Tatlosigkeit an mancher Stelle ins Lächerliche gezogen werden. Amalia ist kein „urteilsschwacher Charakter, dessen ‘Passivität’ (NA 22, 129) ihn zum willenlos wirkenden Opfer seiner gescheiterten Erziehungspraxis werden läßt.“ Im Gegensatz zu dem rührseligen Grafen entlarvt sie Franz’ boshafte Kabalen und verteidigt ihre eigene Autonomie:
Den Verführungsversuchen des lüsternen Intriganten widersetzt sie sich couragiert; ihren Anspruch auf Selbstbestimmung gibt sie auch dort nicht preis, wo sie unter äußerem Zwang handelt: wenn sie Karl am Ende auffordert, er solle angesichts der Hoffnungslosigkeit ihrer Lage töten, bezeugt den Mut der Verzweiflung. Von den Tochterfiguren des zeitgenössischen Familienstücks erbt auch sie den Hang zur melodramatischen Attitüde, der jedoch zum Schluß durch Bekundungen der Tatkraft zugedeckt wird.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage vor, Amalia als eine komplexe Figur anstatt als passive, wirkungslose Gestalt in Schillers "Die Räuber" zu rehabilitieren.
1. Kontext: Das Frauenbild im 18. Jahrhundert: Dieses Kapitel erläutert das zeitgenössische, von patriarchalischen Strukturen und Philosophen wie Rousseau und Kant geprägte Frauenbild der Aufklärung.
2. Amalia: Hier wird Amalia als zentrale Frauenfigur analysiert, wobei ihr Status als Liebes-Ikone und ihre emotionale Welt im Fokus stehen.
2.1 Die Ikone: Dieser Unterpunkt untersucht Amalias Darstellung als treues, tugendhaftes Objekt der Liebe und ihre Rolle innerhalb des brüderlichen Konflikts.
2.2 Zwischen Empfindsamkeit und Sturm und Drang: Dieser Abschnitt beleuchtet, wie Amalia sich durch ihre Stärke und Autonomie von den klischeehaften passiven Rollenbildern der Empfindsamkeit abhebt.
3. Funktion der Amalia: Wirkungsvolle Gestalt: Das Kapitel analysiert die direkte und indirekte Bedeutung Amalias für den Handlungsverlauf des Dramas sowie ihren Widerstand gegen Franz.
Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass Amalia entgegen der Annahme einer passiven Nebenfigur eine autonome Gestalt ist, die für das Stück unerlässlich bleibt.
Schlüsselwörter
Friedrich Schiller, Die Räuber, Amalia von Edelreich, Frauenbild, 18. Jahrhundert, Aufklärung, Empfindsamkeit, Sturm und Drang, Geschlechterrollen, Emanzipation, Autonomie, Tugend, Weiblichkeit, Dramenanalyse.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Figur der Amalia von Edelreich in Schillers Drama "Die Räuber" und setzt sich kritisch mit der traditionellen Sichtweise auseinander, sie sei lediglich eine passive und wirkungslose Gestalt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind das Frauenbild des 18. Jahrhunderts, der Einfluss von Empfindsamkeit und Sturm und Drang auf dramatische Figuren sowie die moralische Autonomie und Tatkraft der Amalia.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Amalia entgegen gängiger Vorurteile eine komplexe dramatische Figur ist, die durch ihren Widerstand gegen Intrigen und ihren Einfluss auf den Handlungsverlauf eine tragende Rolle spielt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text des Dramas mit zeitgenössischen theoretischen Diskursen (z.B. Rousseau, Kant) und der Forschungsliteratur vergleicht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des historischen Kontextes des Frauenbildes, die Charakterisierung Amalias als Ikone und ihr Agieren zwischen den Epochenmerkmalen sowie ihre konkrete dramaturgische Funktion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Amalia von Edelreich, Geschlechterrollen, Aufklärung, Empfindsamkeit, Sturm und Drang sowie Autonomie und Emanzipation.
Inwiefern unterscheidet sich Amalia vom alten Grafen von Moor?
Im Gegensatz zum alten Moor, dessen Rührseligkeit und Tatlosigkeit teilweise ins Lächerliche gezogen werden, zeigt Amalia in kritischen Momenten Stärke, Entschlossenheit und Widerstandskraft gegen Franz.
Welche Rolle spielt die Sprache für die Charakterisierung Amalias?
Ihre Sprache ist geprägt von der Gefühlswelt der Empfindsamkeit, signalisiert aber gleichzeitig durch Erregung und Affekte ihre innere Zerrissenheit und ihre existentielle Krise.
- Citation du texte
- Katja Klass (Auteur), 2010, Amalia von Edelreich - Zwischen Empfindsamkeit und Sturm und Drang, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168282