Sprachnationalismus im 19. Jahrhundert


Hausarbeit, 2010
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Hintergründe

2. Sprachnationalismus
2.1. Begriffsbestimmung
2.2. Ethnologische und anthropologische Argumentationen
2.3. Postulierung der Überlegenheit der eigenen Sprache und Abwertung des Fremden

3. Konsequenzen im 19. Jahrhundert: Sprachpurismus

Literatur

Einleitung

Fast jeder Schneider

will jetzund leider

Der Sprach’ erfahren sein

und redt latein,

Wälsch und französisch,

halb japonesisch,

Wann er ist doll und voll,

der grobe Knoll.

Ihr bösen Teutschen,

man sollt’ euch peitschen,

Daß ihr die Muttersprach so wenig acht.

J. M. Moscherosch (1601–1669)[1]

Sprache spielt bei der Bestimmung ethnischer, kultureller und nationaler Identität von Sprechergemeinschaften eine wichtige Rolle. Obwohl einer Nation nicht immer eine Sprache zugeordnet werden kann, ist Bestimmung der nationalen Zugehörigkeit von Sprechergemeinschaften anhand ihrer Sprache spätestens seit dem aufkommenden Nationalgedanken gegen Ende des 18. Jahrhundert ein fester Bestandteil der Diskussionen.

Während in Zeiten des Humanismus ein patriotisch motiviertes Nationalsprachenbewusstsein erst aufkommt, im 17. Jahrhundert der Begriff deutsche Hauptsprache etabliert wird, im 18. Jahrhundert sich „die Korrelation von Sprache und Nation zu dem Konstrukt eines Nationalcharakters“ (Stukenbrock 2005: 298) verdichtet, werden mit dem 19. Jahrhundert die Begriffe Nation und Nationalsprache in der deutschen und europäischen Geschichte endgültig verankert und erfahren eine zum Teil extreme ideologische Aufladung. Die sprachnationalistische Auffassung, die Sprache sei das wichtigste identitätsbildende Kriterium, verbreitet sich im Laufe des 19. Jahrhunderts und verdrängt ältere Komponenten der nationalen Identitätskonstruktion. Oft sind Sprachmerkmale auch Auslöser für die Entstehung negativer nationaler Stereotypen oder spezifischer Aktionen sowohl innerhalb eigener als auch gegen andere Sprachgemeinschaften.

In der vorliegenden Ausarbeitung werde ich, mich mit dem Phänomen Sprachnationalismus auseinandersetzen und einen exemplarischen Überblick über die in der ausgewählten Forschungsliteratur dargestellten Argumentationsmuster im sprachnationalistischen Diskurs des 19. Jahrhunderts geben. Um die Erscheinung und die geschichtliche Einordnung des Sprachnationalismus nachzuvollziehen, werde ich im ersten Kapitel auf das dem Sprachnationalismus vorausgehende Phänomen Nationalismus und die Korrelation NationNationalismus eingehen. Anschließend wird im zweiten Kapitel die Begriffsbestimmung und die Kennzeichen des Sprachnationalismus nach der Auffassung des deutschen Sprachwissenschaftlers Andreas Gardt erläutert. Hier werden außerdem die ethnologischen, anthropologischen und sprachideologischen Theorien dargestellt, die das Nationalbewusstsein im 19. Jahrhundert geprägt und den Sprachnationalismus begünstigt und radikalisiert haben. Anschließend werden im dritten Kapitel die fremdwortpuristischen Zielsetzungen und Forderungen der im sprachnationalistischen Kontext entstandenen Sprachgesellschaften aufgezeigt und exemplarisch erläutert, mit welchen Absichten Sprachnationalisten handelten. Die Auseinandersetzung mit dem Thema soll zeigen, dass Sprachnationalismus des 19. Jahrhunderts keine einmalige, eindeutige Erscheinung ist, sondern als Zuspitzung und Radikalisierung der älteren patriotischen Ideologisierung der deutschen Sprache verstanden werden muss.

1. Hintergründe

Dem Begriff Sprachnationalismus geht der Begriff Nationalismus voraus. Obwohl der Beginn des Nationalismus meist in das 18. Jahrhundert verlegt wird, ist die zeitliche Einordnung dieses Phänomens alles andere als eindeutig. Und es wird offenbar, wenn man bedenkt, dass die Begriffe Nation und Nationalismus in einer dialektischen Wechselbeziehung zueinander stehen. Setzt der Nationalismus das Vorhandensein einer Nation voraus, oder tragen Nationalbewusstsein, Patriotismus und Nationalismus zunächst zu der Konstituierung einer Nation bei? Die Wissenschaftler seien sich einig, dass der Nationalismus eine Nation hervorbringt: „Nationen […]sind nicht einfach ‘da’, als historische Entitäten, sondern sie werden dort geschaffen, wo nach ihnen verlangt wird, sie werden […] erfunden.“ (Gardt 1999: 91)

In seiner Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart beschreibt Peter von Polenz Nationalismus folgendermaßen:

Nicht nur extreme gruppenegoistische Ideologien, die von der Napoleonzeit bis zur Hitlerzeit mit völkischem Sendungsbewusstsein, Franzosen- und Fremdenhaß, Antisemitismus und militantem Imperialismus zu Kriegen, Verfolgungen und Massenmord geführt haben […], sondern Nationalismus als neue Staatsideologie im Sinne der mittel- und westeuropäischen politischen Begriffsbildung seit der späten Aufklärungszeit und der Französischen Revolution. (Polenz 1999: 2)

Infolge der Zwänge des französischen Besatzungsregimes und vor dem Hintergrund der Tatsache, dass die sprachsoziologische Entwicklung der deutschen Sprache vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert von der kulturellen Vorherrschaft des Lateinischen und des Französischen belastet war, entwickelten sich im 19. Jahrhundert die Anfänge des deutschen Sprachnationalismus mit antifrankophoner Tendenz. Die ideologischen Interpretationen von Sprache und abwertenden Äußerungen über französische Sprache und Kultur existieren in Deutschland schon vor dem 19. Jahrhundert. Doch wenn sie im Barock keine aggressive, gegen Frankreich gerichtete Politik, sondern eher ein Sprach- und Kulturpatriotismus bedeuten, im kulturpatriotischen Diskurs des 17. Jahrhunderts mehr als die Selbstaufwertung gegenüber dem als überlegen gesehenen Nachbarn empfunden werden, werden sie schon seit der Mitte des 18. Jahrhunderts sprachnationalistisch orientiert. Mit der Erfahrung der französischen Fremdherrschaft und den Befreiungskriegen von 1813/15 wird das deutsche Sprachnationalismus noch mehr befeuert und radikalisiert. (Stukenbrock 2005: 241)

2. Sprachnationalismus

2.1. Begriffsbestimmung

Die Bezeichnung Sprachnationalismus bezieht sich auf „all jene Argumentationsformen des Nationalismus, deren Bezugspunkt die Sprache ist.“(Gardt 2000: 247) Dabei ist der Sprachnationalismus von dem Sprachpatriotismus zu unterscheiden. Die folgenden Merkmale sind nach der Auffassung des deutschen Sprachwissenschaftlers Andreas Gardt für beide Phänomene charakteristisch:

Das emphatische Lob der eigenen Sprache sowie deren Hypostasierung, d.h. ihre Vergegenständlichung zu einer Größe, die aus ihren historischen und sozialen Bezügen herausgelöst ist und eine von ihren Sprechern unabhängige Natur (Charakter, Wesen, Kraft, Geist, Genie / Genius etc.) besitzt; (2000: 248)

Dabei tritt die Sprache dem Menschen als unabhängige Entität gegenüber, die sein Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst. Außerdem gilt für die beiden Phänomene

die Übereinanderblendung – oft assoziativ und argumentativ nicht schlüssig, dabei ins Mythologische und Sakrale ausgreifend - der Bereiche des Sprachlichen mit denen des Kulturell-Ethnischen (SpracheVolk / Kultur / Nation etc., mit dem Sonderfall des Ethnisch-Moralischen: SpracheSitte / Moral etc.), des Politischen (SpracheNation / Reich / Land etc.), in Teilen auch des Anthropologischen (SpracheStamm / Rasse / Volk, vor allem in sprachnationalistischen Kontexten). (2000: 248)

Als Folge dieser Übereinanderblendung wird eine Sprachnatur mit einem Volks- oder Nationalcharakter identifiziert.

Lediglich den Sprachnationalismus kennzeichnet außerdem

die pointiert bis aggressiv formulierte Behauptung der Überlegenheit der eigenen Sprache und damit, aufgrund der erwähnten Übereinanderblendungen, der eigenen kulturell-ethnischen (u.a. ethnisch-moralischen), politischen und anthropologischen Gemeinschaft über andere Gemeinschaften sowie (implizit oder explizit) die Behauptung der Gefährdung der Integrität bzw. Identität der eigenen Sprach-, Volks- und Kulturgemeinschaft durch fremde Sprachen, Völker, Rassen, Nationen und Kulturen. (2000: 248)

Diese Behauptung hat zur Folge, dass eine Abwehr und Abwertung des sprachlich und kulturell Fremden legitimiert wird.

2.2. Ethnologische und anthropologische Argumentationen

Der Sprachnationalismus im 19. Jahrhundert wird durch solche Theorien wie Rassenlehre, sprachlichen Relativitätsprinzip und Klimatheorie untermauert und befeuert.

Mit dem Aufkommen der Ethnologie und der Anthropologie im 19. Jahrhundert wird der Nationsbegriff mit dem der Rasse ergänzt, der in den sprachbezogenen Diskussionen besonders relevant wird. Das Korrelieren einer Sprache mit einer Rasse impliziert den Anschluss von Eigenschaften der Sprecher an die der Sprache. Die Einbeziehung des Konzeptes Rasse in die sprachpatriotischen Argumentationen kann man in vielen anthropologischen und ethnologischen Arbeiten des 19. Jahrhunderts beobachten. Dabei erfolgt die rassenbezogene Unterscheidung von Sprachen eher eurozentrisch, als nationalistisch. Die europäischen Sprachen, und somit auch die europäische Rasse, werden von den außereuropäischen abgegrenzt und als überlegen angesehen. Eine der einflussreichsten Klassifikationen der Menschenrassen war die Kategorisierung von Carl von Linné, der auf die antike Temperamentenlehre zurückgreift und die Menschenrassen in vier Unterarten unterteilt: americanus – rote Haut, schwarze Haare, cholerisches Temperament; europaeus – weiße Haut, blonde Haare, sanguinisches Temperament; asiaticus – braune Haut, dunkle Haare, melancholisches Temperament; und afer – mit der schwarzen Haut, schwarzen wolligen Haaren und phlegmatischem Temperament. (Gardt 2000: 250f.) In diesem Kontext entstehen zahlreiche Hierarchisierungen von Rassen aufgrund psychischer Eigenschaften, z. B. Temperament; physischer Merkmale, z. B. Augen und Haarfarbe, Körperbau; und syntaktischer Besonderheiten ihrer Sprachen: flektierende, agglutinierende oder isolierende Sprachtypen.

Die Einteilungen dieser Art erfahren im Laufe des 19. Jahrhunderts eine drastische ideologische Zuspitzung. So geht J.A.C. de Gobineau von einer genetisch bedingten Ungleichheit der Rassen aus und spricht der arischen Rasse, insbesondere der Germanen, die Dominanz in Bezug auf Kultiviertheit und Zivilisiertheit zu. Des Weiteren behauptet Gobineau, dass die geistigen Werte einer Rasse vollkommen mit den ihr angeborenen und eigentümlichen Sprache übereinstimmen, und dass die Rangordnung der Sprachen der Rangordnung der Rassen entspricht. (Gardt 1999: 106) Dabei spielt das Konzept sprachlicher Relativität eine wichtige Rolle: die Sprache wird mit dem Denken ihrer Sprecher verknüpft und aus einem Sprachvergleich ein Vergleich des kognitiven Leistungsvermögens von Sprachgemeinschaften abgeleitet. Auf die höchste Stufe wird der flektierende Sprachtyp, dem auch die meisten europäischen Sprachen angehören, gesetzt. Es wird argumentiert, dass die komplexeren grammatischen Strukturen der flektierenden Sprachen die kognitiven Prozesse der Sprachträger positiv beeinflussen und somit ein komplexeres, niveauvolleres Denken ermöglichen, als die einfachen Strukturen der agglutinierenden oder isolierenden Sprachen. Auch der Sprachwissenschaftler August Schleicher sieht in den flektierenden Sprachen die „Träger der Weltgeschichte“ (Zit. in Gardt 2000: 261) und stellt „die redenden Nationen […] im Vergleich mit dem Reste der Menschheit entschieden auf der höchsten Stufe.“ (Zit. in Gardt 2000: 261)

[...]


[1] Janning, Jürgen (2003): Worte sind der Seele Bild. Eine Anthologie zum Sprach- und Dichtungsverständnis deutschsprachiger Lyriker vom Barock bis zur Gegenwart. Würzburg: Königshausen und Neumann, 8.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Sprachnationalismus im 19. Jahrhundert
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
13
Katalognummer
V168286
ISBN (eBook)
9783640852284
ISBN (Buch)
9783640851997
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sprachnationalismus, 19. Jahrhundert, Nationalismus, Sprachpflege, Sprachkritik, Sprachpurismus, Nation
Arbeit zitieren
Katja Klass (Autor), 2010, Sprachnationalismus im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168286

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Sprachnationalismus im 19. Jahrhundert


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden