Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Literatur anhand eines Vergleichs der beiden Hörspiele „Die verschlossene Tür“ und “Zwielicht“


Bachelorarbeit, 2010

47 Seiten, Note: 1,8


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Historische Komponente
2.1 Antisemitismus - Versuch einer Definition
2.2 Verbreitung des Antisemitismus im Dritten Reich
2.3 Stereotype Judenbilder in der deutschen Bevölkerung
2.4 Die deutschen Ostgebiete
2.5 Die Situation der Juden

3. Zwielicht
3.1 Allgemeine Einführung: „Zwielicht“
3.2 Mendel Horowitz
3.2.1 Der Ameisentraum
3.3 Anna Sawanka
3.4 Sawacki
3.5 Bedeutungen des Titels „Zwielicht“
3.6 Stilmittel des Hörspiels „Zwielicht“

4. Die verschlossene Tür
4.1 Allgemeine Einführung: „Die verschlossene Tür“
4.2 Herbert Baron Kedell
4.3 Doktor Levi
4.4. Rolle des Begriffs „Bruder“
4.5 Stilmittel des Hörspiels „Die verschlossene Tür“

5. Biografische Interpretation

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

1. Einleitung

In einer Studie der Friedrich Ebert Stiftung aus dem Jahr 2006 mit dem Titel „Vom Rand zur Mitte - Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland“ wird den Be- fragten folgende Behauptung vorgelegt: „Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß.“ (Brähler, 33) Ganze 13,6 Prozent der Befragten erklären, dass sie der Behauptung „überwie- gend“ zustimmen würden. Weitere 4,6 Prozent geben an, sie stimmten der Aussage „voll und ganz“ zu. (vgl. ebd., 33) Rechnet man jetzt noch jene Gruppe von Leuten hinzu, welche die Antwort „stimme teils zu, teils nicht zu“ (ebd., 33) gaben, ergibt sich ein, meines Erachtens, höchst bedenkliches Bild der deutschen Gesellschaft. Rund 41 Prozent1 der Befragten dieser repräsentativen Studie unterstützen damit mindestens im Ansatz eine klar als antisemitisch einzuschätzende Behauptung. Ähnlich hohe Zustimmungswerte ergeben sich etwa bei den Behauptungen „Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen.“ (ebd., 33) oder „Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns.“ (ebd., 34) Nicht ohne Grund heißt es daher zusammenfassend: „Rechtsextreme Einstellungen sind durch alle gesellschaftlichen Gruppen und in allen Bundesländern gleichermaßen hoch vertreten.“ (ebd., 157) Die Problemfelder Ausländerfeindlichkeit, Chauvinismus und Antisemitismus sind demnach keine Fragen irgendeiner finsteren Vergangenheit, sondern eben auch der Gegenwart. Die Problematik des noch immer fortbestehenden Antisemitismus ist die Intention für diese Ab- schlussarbeit mit dem Titel „Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Litera- tur anhand eines Vergleichs der beiden Hörspiele ‚Die verschlossene Tür’ und ‚Zwielicht’.“ Für diese beiden Hörspiele habe ich mich aus mehreren Gründen entschieden. Einerseits ist es die unterschiedliche Herkunft der beiden Autoren. „Die verschlossene Tür“ stammt von Fred von Hoerschelmann, einem 1901 in Estland geborenen so genannten Baltendeutschen (Schwitzke, 42), welcher den Großteil seines Lebens im westlichen Teil Deutschlands ver- brachte. Der Autor von „Zwielicht“, Rolf Schneider, ist dagegen 1932 in Chemnitz geboren (Schneider, 13) und verbrachte den Großteil seines Lebens in der DDR. Schon allein dieser Umstand macht es interessant zu untersuchen, wie sich beide Autoren in ihren Hörspielen mit der Frage nach den Verbrechen im Nationalsozialismus auseinandersetzen. Wichtigstes Merkmal beider Hörspiele ist nämlich der Umstand, dass einer der Hauptprotagonisten der Handlung stets ein verfolgter Jude in der Zeit des Zweiten Weltkrieges ist, welcher Hilfe und Unterschlupf ausgerechnet bei Teilen der Bevölkerung findet, welche Juden entweder negativ oder zumindest skeptisch gegenüberstehen. In diesem Zusammenhang ergibt sich die Frage, nach den unterschiedlichen Motiven der Helfer. Damit unweigerlich verbunden ist die gewählte Charakteristik, welche Hoerschelmann und Schneider ihren Juden geben. Dass diese Thematik von Interesse sein muss, belegt allein der Umstand, dass sowohl Schneider als auch Hoerschelmann das Bild eines wohlhabenden jüdischen Flüchtlings zeichnen, was bei oberflächlicher Betrachtung doch eher dazu anregen würde würde, herrschende Stereotype über Juden zu bedienen. Um diese Frage ausführlich diskutieren zu können, habe ich mich für folgende inhaltliche Gliederung entschieden.

Bevor sich diese Arbeit der eigentlichen Handlung widmen kann, ist es meines Erachtens dringend notwendig, sich in einem ersten Schritt der historischen Komponente zu nähern. Deshalb wird im ersten Kapitel dieser Abschlussarbeit ein kurzer Exkurs in die historische Entwicklung des Antisemitismus unternommen. Zentral sind dabei die Fragen: Was sind seine Ursachen? Welche Merkmale bzw. Eigenschaften werden Menschen mit jüdischen Glauben nachgesagt?

Zweiter wichtiger Komplex der historischen Komponente wird ein kurzer Abriss über den Zeitraum zwischen 1933 und 1945, also der Machtergreifung Adolf Hitlers bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa, sein. Zentral sollen hier drei Fragen sein. Erstens: Wie kam es zur Besiedelung Polens durch die deutsche Bevölkerung und welche Auswirkungen gab es deshalb für die Einheimischen? Zweitens: Wie machte sich Hitler den schon seit dem Mittelalter existierenden Antisemitismus zu Eigen und inwieweit waren antijüdische Ressentiments in der deutschen Bevölkerung verbreitet? Drittens: Welche Stationen des Zweiten Weltkrieges spielen in den Hörspielen direkt oder indirekt eine Rolle?

Es ist ganz klar, dass die oben genannten Fragen der zeitgeschichtlichen Komponente nur sehr grob behandelt werden können, da deren Umfang sehr komplex ist und mit Sicherheit genug Material für eigenständige Arbeiten bietet. Antisemitismus und der Zweite Weltkrieg bilden den Rahmen der Handlungen von „Die verschlossene Tür“ und „Zwielicht“. Erst durch den Einbezug dieser Aspekte kann klargemacht werden, warum einige Protagonisten in den Hör- spielen zurückhaltend oder sogar negativ auf die Anwesenheit des Juden im jeweiligen Haus- halt reagieren.

Kapitel drei und vier bauen dann auf den Erkenntnissen aus der historischen Komponente auf. Im Mittelpunkt werden hier die einzelnen Charaktere der beiden Hörspiele stehen. Untersucht wird, welche Eigenschaften die Protagonisten besitzen, welche Motive sie für ihr Handeln haben und inwieweit sie als typische Personen ihrer Zeit gelten können. Dieser Bereich wird den Hauptteil des Vergleiches ausmachen.

Der abschließende Komplex des Hauptteils dieser Abschlussarbeit widmet sich speziell dem Medium Hörspiel. Untersucht werden soll, welche Elemente dieses Mediums genutzt werden, um etwa den Verlauf der Handlung zu unterstützen. Werden Hintergrundgeräusche eingesetzt und wenn ja, an welcher Stelle geschieht dies? Wie wird zwischen den einzelnen Szenen ge- wechselt? Kommt eventuell Musik zum Einsatz? Um den Zusammenhang zwischen inhaltli- cher Analyse und den Mitteln des Mediums Hörspiel möglichst eng zu gestalten, schließt sich dieser Komplex jeweils an das Ende der jeweiligen inhaltlichen Charakterisierung eines Hör- spiels an.

Als fünftes Kapitel schließt sich eine Interpretation unter Zuhilfenahme der Biografien Schneiders und Hoerschelmanns an. Dieser Aspekt sollte zwar stets kritisch hinterfragt werden, da er schnell zu falschen Schlussfolgerungen bei der Interpretation verleiten kann, ist in Anbetracht der unterschiedlichen Lebensverläufe aber angebracht. Im Anschluss an den Hauptteil wird eine kurze Zusammenfassung formuliert. Diese beinhaltet neben dem Aufgreifen der erwähnten Fragestellungen ein sich daraus ergebendes mögliches Szenario für den Umgang mit den Ergebnissen und deren praktische Verwendung.

Bevor es jedoch an den eigentlichen Kern dieser Abschlussarbeit geht, sei noch ein Hinweis zur verwendeten Zitierweise erlaubt. Geht es um inhaltliche Fragen des Hörspiels, so wird stets die jeweilige Seitenzahl im Drehbuch in Klammern genannt. Geht es dagegen um spe- zielle Eigenschaften des Mediums Hörspiel, welche zum Einsatz gekommen sind, dann wird in Klammern auf den jeweiligen zeitlichen Rahmen in Minuten und Sekunden verwiesen.

2. Historische Komponente

2.1. Antisemitismus - Versuch einer Definition

Möchte man sich der Handlung in „Die verschlossene Tür“ und „Zwielicht“ wissenschaftlich annähern, so erscheint es als unablässig, den Begriff des Antisemitismus genauer zu erläutern. Dabei fällt schnell auf, dass es mit der Übersetzung von Antisemitismus mit dem Schlagwort „Judenhass“ nicht getan sein kann. In der einschlägigen Wissenschaft wird etwa zwischen dem „rassistischen, nationalsozialistischen und antizionistischen Antisemitismus“ (Holz, 17) unterschieden. Gern wird in der Literatur auch von einem „Antisemitismus nach Auschwitz“ (Bergmann, 20) gesprochen, welcher nichts anderes, als den Antisemitismus nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bezeichnet. Derartige feinschichtige Unterscheidungen des Terminus sind für die vorliegende Arbeit jedoch nicht von Belang, wenngleich dies nicht bedeuten soll, dass sie für die Wissenschaft unwichtig wären.

Zunächst muss festgehalten werden, dass Antisemitismus kein Phänomen der Neuzeit ist. Salewski stellt dazu folgendes fest:

„Antijüdische Hetze und epidemienhaft auftretende Judenpogrome im gesamten europäischen Raum, also von Spanien bis nach Rußland, gehörten seit dem Hohen Mittelalter geradezu zum »Standartprogramm« der mittelalterlichen Geschichte. Der religiös vermittelte Judenhaß ist ein Grundsubstrat der durch das Christentum geprägten abendländischen Geschichte, und manchmal verdichtete sich dies zu den schlimmsten Verfolgungen - so im Umkreis der Kreuzzüge, der Reconquista in Spanien, der Pestzüge des Mittelalters.“ (Salewski, 228)

Dennoch muss man festhalten, dass „die Judenhetze des Mittelalters und der frühen Neuzeit mit dem pseudowissenschaftlichen Antisemitismus, wie er im 19. Jahrhundert aufkam, im Grunde nichts zu tun“ (ebd., 228) hat. Schließlich gipfelte die „NS-Judenpolitik“ (ebd., 229) im Holocaust, also der systematischen Ermordung der Juden. Nähert man sich dem Terminus Holocaust, so ergibt sich für die Wissenschaft ein schwerwiegendes Paradoxon, wie man Salewski entnehmen kann:

„Sollte es gelingen, den Holocaust verständlich zu machen, so riskierten wir die Generierung eines Denkmusters, innerhalb dessen es nur allzu leicht sein könnte, aus Verstehen so etwas wie Entschuldigung, gar Verzeihen zu machen. Lassen wir aber die Ungeheuerlichkeiten des Holocaust unvermittelt stehen, so sind entscheidende Grundsätze der wissenschaftlichen Be- schäftigung mit der Vergangenheit verraten, indem dieses Stück Geschichte als eine Singula- rität erscheint, die mit der Geschichte »an und für sich«, um mit Hegel zu reden, nichts zu tun hat.“ (Salweski, 227)

Die Wissenschaft befindet sich in der Zwickmühle. Der Politikwissenschaftler Norman Fin- kelstein etwa lehnt die Bezeichnung des Holocaust als singuläres Ereignis ab. Die Betrach- tung als einzigartiges Ereignis in der Geschichte verleite dazu, spätere Verbrechen, im fol- genden Beispiel die des israelischen Staates an den Palästinensern, zu rechtfertigen. „Erstens nutzt Israel das unsagbare Leid, das den Juden während des Zweiten Weltkriegs angetan wur- de aus, um seine Verbrechen an den Palästinensern zu rechtfertigen. […] Der palästinensische Kampf sei deswegen so schwierig, weil die Palästinenser Opfer von Opfern seien.“ (Fin- kelstein, 20) Besonders für die Deutschen ergibt sich daher eine problematische Lage, da sie im Zweiten Weltkrieg die Täter gewesen sind. „Daraus ergibt sich für die Deutschen die Not- wendigkeit, einen Spagat zu versuchen, nämlich die nach Wiedergutmachung verlangende deutsche Vergangenheit im Blick zu behalten […]“ (ebd., 20) Gleichzeitig dürfe die Sühne für vergangene Verbrechen aber nicht dazu führen, aktuelle Verbrechen zu dulden. (vgl. ebd., 20) Diesen Spagat nennt Finkelstein die „würdigste Form der Holocaust-Erinnerung.“ (ebd., 20) Für die vorliegende Abschlussarbeit lassen sich daher zwei wesentliche Aspekte ableiten. Erstens: Sowohl Befürworter als auch Gegner der Bezeichnung des Holocausts als singuläres Ereignis sprechen von einem schrecklichen Verbrechen der Nazis an der jüdischen Bevölke- rung. Zweitens: Antisemitismus hat gerade in Europa eine lange, traurige Tradition, wenn gleich sich dessen Motive und konkreten Auswüchse stark unterscheiden.

2.2 Verbreitung des Antisemitismus im Dritten Reich

Schon das 25 Punkte umfassende Programm der NSDAP aus dem Jahr 1932 verrät deutlich, welche gesellschaftliche Stellung Juden im Deutschen Reich nach einer möglichen Machter- greifung haben sollten. „Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist, Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtsnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.“ (Comité des Délégations Juives, 39) Von einer möglichen syste- matischen Ermordung der Juden wird an dieser Stelle noch nicht offiziell gesprochen, ob- gleich Hitler in seinem Werk „Mein Kampf“ bereits davon redete, „daß es während des Ersten Weltkrieges besser gewesen wäre, einige tausend Juden »unter Gas« zu halten […].“ (Salewski, 229f.)

Dass spätestens seit der Machtergreifung Hitlers der Plan bestanden hat, dass jüdische Volk zu vernichten, soll an dieser Stelle nicht weiter diskutiert werden. Stellvertretend sei hier noch einmal auf Salewski verwiesen, welcher sich u.a. mit der Propagandaschrift „Das Reich“ auseinandersetzt. Er schreibt:

„Dem »Reich« kam eine Art Meinungsmonopol zu, man kann deswegen davon ausgehen, daß auch andere Zeitungen im gleichen Tenor schrieben. Hier konnten die Deutschen am 6. No- vember 1941, notabene vor der Einladung zur Wannseekonferenz, lesen, die Juden zu ver- nichten sei ein »elementares Gebot völkischer, nationaler und sozialer Hygiene… Die Juden sind eine parasitäre Rasse, die sich wie ein fauler Schimmel auf die Kulturen gesunder, aber instinktarmer Völker legt. Dagegen gibt es nur ein wirksames Mittel: einen Schnitt machen und abstoßen. «“ (ebd., 233)

2.3 Stereotype Judenbilder in der deutschen Bevölkerung

Die im letzten Abschnitt zitierten Ausschnitte sollten Beleg genug dafür sein, dass es die NSDAP im Dritten Reich und auch schon in der Zeit davor verstand, stereotype Bilder eines typischen Juden zu verbreiten. Dieses Judenbild, welches nichts anderes als Antisemitismus bedeutet, besitzt vielschichtige Dimensionen. Bergmann und Erb nennen etwa „die politische und wirtschaftliche Ablehnung, das negative Körperbild, die ambivalent gesehenen besonde- ren ‚Begabungen’ der Juden, ihre Religion und ihr Gruppenbewußtsein.“ (Bergmann, 115) Wie man aus der in der Einführung dieser Abschlussarbeit zitierten Studie der Friedrich Ebert Stiftung entnehmen kann, ist die Verbreitung antijüdischer Stereotype in der deutschen Be- völkerung bis heute stark vertreten. Zwangsläufig ergibt sich daher die Frage, wie weit Anti- semitismus kurz vor und während der Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland ver- breitet gewesen ist. Die Annahme ist, dass die Zustimmungswerte für antisemitische Haltun- gen noch größer gewesen sein müssen, da sonst eine systematische Verdrängung der Juden aus dem Alltag und deren spätere Vernichtung in den Arbeitslagern nicht möglich gewesen wäre. Diese Behauptung anhand von statistischen Erhebungen zu belegen, gestaltet sich als schwierig, da besonders in der Zeit zwischen 1933 und 1945 in Deutschland, meinen Nach- forschungen zufolge, keinerlei Erhebungen dieser Art durchgeführt wurden. Einen ersten Hinweis findet man erneut bei Salewski, welcher schreibt:

„In der Theorie pflegten auch die bravsten und biedersten Hausfrauen und Schulmeister von der notwendigen »Ausrottung« des Judentums zu sprechen […], aber vor dem Gedanken der physischen Vernichtung der Juden schreckten die meisten Menschen doch zurück, zumindest wurde darüber öffentlich nicht geredet.“ (Salewski, 229)

Der Historiker begründet dieses Verhalten mit der „Abstraktion des Geistes“ (ebd., 229), wel- ches die Verbrechen des Holocaust erst ermöglichte. (vgl. ebd., 229) Konkret geht es bei die- ser Theorie also darum, dass sich ein großer Teil der deutschen Bevölkerung eine Vernich- tung der Juden vorstellen konnte und dies auch aussprach, jedoch selbst nie physisch vorge- hen würde. Demnach kann man von einer zustimmenden Billigung der Bevölkerung zu den späteren Ereignissen ausgehen, gleichwohl man nichts mit der konkreten Umsetzung zu tun haben wollte. Einen weiteren Hinweis, auf die Verbreitung des Antisemitismus innerhalb der deutschen Bevölkerung bieten empirische Studien, welche ab 1946 in den Besatzungszonen durchgeführt worden sind. Zwar sind diese Befragungen erst nach dem Ende des Nationalso- zialismus in Deutschland erhoben worden, dennoch liegen sie so zeitnah an den Ereignissen, dass sie Rückschlüsse auf die Haltung der Deutschen bezüglich des Antisemitismus zwischen 1933 und 1945 erlauben. Verwiesen sei etwa auf eine Studie, welche 1946 in der US-Zone durchgeführt wurde. (vgl. Bergmann, 57) Den Ergebnissen zufolge seien 21 Prozent als Anti- semiten und 18 Prozent als „harte“ Antisemiten (vgl. ebd., 57) der deutschen Bevölkerung einzustufen. Daraus ergibt sich ein antisemitischer Bodensatz von rund 40 Prozent. Nun ist dieser Anteil zwar hoch, dennoch hieße dies im Umkehrschluss, dass eine Mehrheit von etwa 60 Prozent der deutschen Bevölkerung kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges keine oder nur eine sehr geringe antisemitische Einstellung besessen hat. Meiner Vermutung nach sind die Zustimmungswerte zum Antisemitismus in Wahrheit noch größer ausgefallen. Auch die Auswertung der Studie ergibt, „daß die Bevölkerung bei diesen politisch heiklen Fragen aus Furcht vor Nachteilen wohl kaum ihre wahren Ansichten geäußert hat.“ (vgl. ebd., 57) Doch selbst, wenn man nur von den ermittelten etwa 40 Prozent Antisemiten ausgeht, reicht dies meines Erachtens aus, die Verbreitung von Judenfeindlichkeit in Deutschland zu dieser Zeit nachzuweisen. Für die weiteren Ausführungen dieser Arbeit ist es notwendig, die vorge- legten Zahlen im Hinterkopf zu behalten. Erst durch sie wird verständlich, weshalb einige auftretende Protagonisten in „Die verschlossene Tür“ und „Zwielicht“ abneigende Tendenzen gegenüber den Juden aufweisen. Im Folgenden soll es um die Frage der deutschen Gebiete im heutigen Polen gehen, welche in beiden Hörspielen der Ort der Handlung sind.

2.4 Die deutschen Ostgebiete

Die Handlungen beider Hörspiele lassen sich im heutigen Polen verorten. Mendel Horowitz, der Jude in Schneiders „Zwielicht“, stammt aus der polnischen Stadt Krakau, wie man Men- dels Aussage „Wo ich geflohen bin aus Krakau […]“ (Schneider, 21) entnehmen kann. Dass das Dorf, in welches sich Mendel zu Anna Sawanka und ihrem Mann flüchtet, ebenfalls in Polen liegen muss, lassen zwei Hinweise vermuten. Zum einen der polnische Nachname Sa- wanka und zum anderen der mehrfache Verweis auf die deutschen Besatzer und Krakau. „Die Deutschen haben ein Land genommen ums andere. […] Vielleicht hat es am Anfang noch viele gegeben wie dich. Sie sind gefunden worden, zuletzt der von Krakau“ (ebd., 25), sagt etwa Anna Sawanka. Eine genauere geografische Bestimmung des Dorfes ist nur schwer möglich. Mehrfach ist jedoch von einem „Sumpf“ (ebd., 20) die Rede und das Sawankas Haus „abseits“ (ebd., 22) eines Dorfes steht.

Einen eindeutigen Hinweis auf den Ausgangspunkt der Handlung von „Die verschlossene Tür“ gibt es gleich zum Anfang des Hörspiels. Als Herbert Baron Kedell seinen Bruder im Krankenhaus besucht, fragt dieser, ob er sich in der Greifenhagenschen Klinik von Reval be- finde. (vgl. Hoerschelmann 1987, 7) Bei Reval handelt es sich um den deutschen Namen der estnischen Stadt Tallinn. (vgl. Klein, 28) Die Brüder Kedell müssen demzufolge aus Reval stammen. Herbert klärt seinen Bruder nach mehrmaligen Nachfragen auf, dass sie sich mo- mentan „in Posen“ (ebd., 7) aufhalten würden. Posen ist wiederum eine Stadt im westlichen Teil Polens. Herbert, seine Frau Helen und sein Bruder Benno sollen als „Umsiedler“ (Hoer- schelmann 1987, 5) aus ihrer alten Heimat auf ein Gut in die Nähe von Leslau umgesiedelt werden. (vgl. ebd., 8) Bei Leslau handelt es sich um die polnische Stadt Włocławek, welche zwischen 1940 und 1945 von den Deutschen besetzt wurde. (vgl. dtv-Lexikon, 23) Die eigent- liche Haupthandlung selbst spielt auf dem Gut Baranowo. (vgl. Hoerschelmann 1987, 10) Was hat es nun mit dem geschichtlichen Hintergrund der Umsiedlung auf sich? Einzuführen wäre in diesem Zusammenhang der Begriff der so genannten „Baltendeutschen“2, welcher zunächst geklärt werden muss. Um die Ausgangslage des Hörspiels zu verstehen, sollte man sich zunächst den in der Geschichtsschreibung als Hitler-Stalin-Pakt bekannten Vertrag vom 23. August 1939 ansehen. (vgl. Salewski, 77) Speziell von Interesse ist hier das geheime Zu- satzprotokoll, welches die „eigentliche Brisanz“ (ebd. ,76) enthält, denn „es skizzierte den Fahrplan nicht allein der vierten Teilung Polens, sondern der Aufteilung ganz Mitteleuropas, einschließlich einer Auslieferung der baltischen Staaten an die Sowjetunion.“ (ebd., 76) Schon sehr lange war das Baltikum Ziel der Begierde von Deutschland und Russland, welche sich seit dem Mittelalter um das Territorium gestritten haben. (vgl. ebd., 16) Durch den Pakt mit der Sowjetunion hatte Deutschland jedoch auf seine Ansprüche im Baltikum verzichtet und Stalin freie Bahn erteilt. Am 5. August 1940 kam es deshalb zur Einverleibung Lettlands, Litauens und Estlands in die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. (vgl. Klein, 32) Nun mussten sich die tausenden von „Baltendeutschen“ in den unter sowjetischer Herrschaft stehenden baltischen Gebieten zwischen einer Heimkehr ins Deutsche Reich oder zu einem Verbleib unter neuer Herrschaft entscheiden. Dazu heißt es:

„Bis zum Jahreswechsel siedelten in einer ersten Welle etwa 14.000 Personen aus Estland und 52.500 aus Lettland ins Reich um, während einige tausend Volksdeutsche die Option zur Aus- reise ins Reich nicht wahrnahmen […] Die Sowjetunion fand sich durch die massenhafte Ab- wanderung bloßgestellt, weil viele ‚Baltendeutsche’ - vollkommen zu Recht - annahmen, daß die Annexion ihrer Heimat beschlossene Sache sei und man sich daher besser schnell absetzen müsste.“ (ebd., 34)

Die geflüchteten Deutschen aus dem Baltikum wurden vorwiegend in den neu eroberten östli- chen Gebieten des zerschlagenen Polens angesiedelt. Und genau hier setzt die Handlung des Hörspiels „Die verschlossen Tür“ ein. Bei den beiden Hauptprotagonisten Herbert Baron Ke- dell und Helen Baronin Kedell handelt es sich demnach um „Baltendeutsche“, welche im Zu- ge der Annexion des Baltikums ins Deutsche Reich umgesiedelt wurden. Interessant ist in diesem Zusammenhang zu erwähnen, dass der Autor Fred von Hoerschelmann selbst 1901 in Estland geboren wurde (vgl. Klose 1987, 57) und somit selbst als Baltendeutscher gilt. Auf mögliche biografische Einflüsse auf das Werk werde ich zu einem späteren Zeitpunkt weiter eingehen.

2.5 Die Situation der Juden

Wie bereits geschildert wurde, spielt sich die Handlung beider Hörspiele in dem von Deutsch- land in Besitz genommen Teil des zerschlagenen polnischen Staates ab. Dass in beiden Wer- ken jeweils ein jüdischer Flüchtling ein Hauptakteur der Handlung ist, soll noch einmal kurz speziell auf die Lage der Juden nach der Machtergreifung Hitlers eingegangen werden. Es gibt keine genauen Zahlen darüber, wie viele Juden dem Holocaust der Nationalsozialisten genau zum Opfer gefallen sind. Die Schätzungen schwanken zwischen insgesamt 5,2 und 6,2 Millionen ermordeter Juden. (vgl. Salewski, 235) Doch noch ein weiterer Fakt ist für die wei- tere Untersuchung der beiden Hörspiele von Interesse. Es sind „etwa 3000 Juden in Deutsch- land von Deutschen versteckt worden.“ (ebd., 235) Im Fall von „Die verschlossene Tür“ han- delt es sich mit dem Ehepaar Kedell um genau solche Deutschen. Es lässt sich daher vermu- ten, dass Hoerschelmann mit seinem Hörspiel genau diesen, wenn auch nur in sehr geringer Zahl vorhandenen, helfenden Deutschen mehr öffentliche Beachtung schenken wollte. Für Hoerschelmann scheint es den „guten Deutschen“ auch im Anbetracht der unglaublichen Verbrechen noch zu geben. Im Kontrast steht dazu Ralf Schneider, welcher das Bild des Deutschen in „Zwielicht“ mit finsteren Farben malt. Weshalb dies so sein könnte, soll im wei- teren Verlauf noch genauer geklärt werden.

Doch zunächst zurück zur Lage der Juden nach Hitlers Machtergreifung. Nach dessen Macht- ergreifung wurde eine Vielzahl von Gesetzen erlassen, welche an dieser Stelle nur in Auszü- gen behandelt werden können. Über allen stand zunächst die Maxime: „Der Staat vertritt den Grundsatz, dass Juden aus jeder Art öffentlichen Lebens auszuscheiden sind.“ (Comité des Délégations Juives, 30) Dass Juden keine deutschen Staatsbürger nach Auffassung der Natio- nalsozialisten sein können, darauf wurde bereits hingewiesen. Doch die Maßnahmen gingen noch deutlich weiter.

„Das neue Deutschland, das den Kampf gegen die Juden mit jener so außerordentlichen Be- mühung und Methodik führt, hat sich nicht damit begnügt, sie aus allen als höherwertig oder besonders einflussreich angesehen Berufen zu verdrängen, ihnen die Bildungsmöglichkeiten zu nehmen oder zu beschränken und sie wirtschaftlich zu vernichten oder zu schädigen. […] Deutschland beschränkt die Juden auch in den primitiven und primitivsten Rechten, angefan-gen vom Bürgerrecht bis zu der Sexualgemeinschaft.“ (Comité des Délégations Juives, 446)

[...]


1 In der vorliegenden Studie wird der Anteil der Befragten mit der Antwort „stimme teils zu, teils nicht zu“ nicht zum Lager mit einer antisemitischen Einstellung gezählt. Jedoch impliziert diese Antwort meines Erachtens, dass die betroffenen Befragten zumindest im Ansatz antisemitische Vorurteile vertreten. Rechnet man allerdings die „teils zu, teils nicht zu“ Antworten heraus, verringert sich der Anteil antisemitischer Antworten bei jeder Frage um etwa die Hälfte.

2 Der Begriff „Baltendeutsche“ wird direkt in der ersten Hörspielversion von 1952 unter der Regie von Walter Knaus verwendet. Dort heißt es gleich zu Anfang: „Baltendeutsche! Euere neue Heimat erwartet euch!“ (Hoerschelmann 1952, 128)

Ende der Leseprobe aus 47 Seiten

Details

Titel
Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Literatur anhand eines Vergleichs der beiden Hörspiele „Die verschlossene Tür“ und “Zwielicht“
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Institut für Germanistik, Medien-, Technik- und Interkulturelle Kommunikation)
Note
1,8
Autor
Jahr
2010
Seiten
47
Katalognummer
V168401
ISBN (eBook)
9783640854219
ISBN (Buch)
9783640854455
Dateigröße
676 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hörspiel, Nationalsozialismus, Antisemitismus, Juden, Holocaust, Fred von Hoerschelmann, Zwielicht, Die verschlossene Tür, Rolf Schneider
Arbeit zitieren
Robert Meyer (Autor), 2010, Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Literatur anhand eines Vergleichs der beiden Hörspiele „Die verschlossene Tür“ und “Zwielicht“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168401

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