Diese Arbeit untersucht mit Hilfe einer linguistischen Korpusanalyse die sprachliche Konstruktion von Ausgrenzung im deutschen Diskurs anhand des pejorativen Bedeutungswandels des Begriffs "Flüchtling" sowie des Einflusses des Kompositums "Flüchtlingskrise" im Zeitraum von 1950 bis 2025. Im Zentrum steht die Analyse der Frage, inwiefern sprachliche Mittel zur Diskriminierung beitragen, insbesondere durch Mechanismen des Othering und der Pejoration.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Theoretische Grundlagen
- 2.1 Semantischer Sprachwandel – Definition, Prozesse und Akteure
- 2.2 Frame-Semantische Grundlagen
- 2.3 Pejoration
- 2.3.1 Pejoration von Personenbezeichnungen
- 2.3.2 Pejoration als Diskriminierungsstrategie
- 3. Methodik: Korpusanalyse – Pejoration des Begriffs Flüchtling
- 3.1 Vorgehensweise und Suchanfrage
- 3.2 Bedeutung von Determinativkomposita für die Pejoration – Die Flüchtlingskrise
- 3.3 Vergleich mit alternativen Bezeichnungen – Geflüchtete
- 4. Fazit - Bedeutung von sprachlicher Sensibilität für eine diskriminierungsärmere Gesellschaft
- Literaturverzeichnis
- Anhang
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die sprachliche Konstruktion von Ausgrenzung im deutschen Diskurs, insbesondere anhand des pejorativen Bedeutungswandels des Begriffs „Flüchtling“ und des Einflusses des Kompositums „Flüchtlingskrise“ im Zeitraum von 1950 bis 2025. Die zentrale Forschungsfrage lautet, inwiefern sprachliche Mittel zur Diskriminierung beitragen und welchen Einfluss „Flüchtlingskrise“ auf die Pejoration von „Flüchtling“ hat, sowie wie sich dieser Begriff von „Geflüchtete“ unterscheidet.
- Analyse des pejorativen Sprachwandels von „Flüchtling“.
- Untersuchung des Einflusses des Determinativkompositums „Flüchtlingskrise“.
- Vergleichende Analyse von „Flüchtling“ und alternativen Bezeichnungen wie „Geflüchtete“.
- Anwendung frame-semantischer und diskursanalytischer Theorien.
- Empirische Korpusanalyse anhand von DWDS-Daten.
- Betrachtung von „Othering“ als Diskriminierungsstrategie.
Auszug aus dem Buch
2.3 Pejoration
Die Pejoration stellt einen Teil des semantischen Sprachwandels, beziehungsweise des Bedeutungswandels auf Wortebene dar, und bezeichnet die Bedeutungsverschlechterung von Wörtern (vgl. Bechmann 2016: 235ff.). „Pejoration ist häufig der nicht intendierte Effekt assoziativer Verfahren des Bedeutungswandels" (ebd.: 237). Anhand dieses linguistischen Phänomens zeigt sich besonders eindrücklich, dass Sprache kein neutrales Werkzeug darstellt, sondern durchaus gesellschaftliche Wirklichkeit mitgestaltet. Die Herabsetzung ursprünglich neutraler oder sogar positiv konnotierter Worte ist laut Scharloth keine Ausnahme, sondern eher Regel – Sprache habe laut ihm einen permanenten Hang zur Wertung und Beschreibung, wodurch soziale Zugehörigkeiten konstruiert, aber zeitgleich auch Diskriminierung und Ausgrenzung begünstigt werden (vgl. Scharloth 2018: 7f.). Bechmann konstatiert, dass Pejoration sich zumeist nicht beabsichtigt ereigne, sondern dass diese vielmehr die Folge von expressiv-evaluativen Ausdrücken sei (vgl. Bechmann 2016: 239).
Da die grundlegenden Prozesse der Pejoration im Rahmen des semantischen Sprachwandels vorgestellt worden sind, erfolgt nun die Analyse der spezifischen Ausprägung dieser Bedeutungsverschlechterung im Kontext der Personenbezeichnungen. Speziell auf diesem sprachlichen Feld werden Mechanismen der sozialen Differenzierung und Bewertung besonders deutlich sichtbar. Daher bietet sich hier eine vertiefte Analyse der morphologischen und diskursiven Bedingungen pejorativer Personenbezeichnungen – wie im Folgenden ausgeführt – ausdrücklich an. Die Wortbildung von Personenbezeichnungen stellt ein besonders interessantes Forschungsfeld in Hinblick auf die Pejoration dar, da sie nicht nur linguistisch interessant ist, sondern zeitgleich auch von großer gesellschaftlicher Relevanz: durch sprachliche Mittel der Pejoration von Personenbezeichnungen können soziale Differenzierungen, Wertungen und Diskriminierungen zum Ausdruck gebracht werden. Die pejorativen Bedeutungskomponenten manifestieren sich auf sämtlichen Sprachebenen, besonders relevant für die Konstruktion abwertender Personenbezeichnungen sind jedoch morphologische Prozesse, insbesondere die Derivation mittels spezifischer Affixe. So entwickelte sich das Suffix -ler aus einer Suffix-Verstärkung von Nomina agentis auf das Suffix -er, was anhand des Beispiels Bettler von betteln zu veranschaulichen ist (vgl. Dammel 2011: 329). Während -er Bildungen typischerweise neutral sind, birgt die Kombination mit dem diminutiven Element -l- eine pejorative Bedeutungskomponente, da die bezeichnete Person auf ein als übertrieben, lästig oder normabweichend empfundenes Verhalten reduziert wird. Typischerweise erfolgt eine Festschreibung gewisser Gruppenzugehörigkeiten oder Eigenschaften, wodurch Stereotype sowie abwertende Haltungen sprachlich verfestigt werden (vgl. ebd.: 330).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik des pejorativen Sprachwandels des Begriffs „Flüchtling“ und den Einfluss von „Flüchtlingskrise“ im deutschen Diskurs ein, wobei die Forschungsfragen und die Relevanz der Untersuchung dargelegt werden.
2. Theoretische Grundlagen: Hier werden die wissenschaftlichen Fundamente der Arbeit gelegt, indem Konzepte wie semantischer Sprachwandel, Frame-Semantik und Pejoration detailliert definiert und deren Bedeutung für die Analyse sprachlicher Ausgrenzungsprozesse erläutert wird.
3. Methodik: Korpusanalyse – Pejoration des Begriffs Flüchtling: Dieses Kapitel beschreibt die quantitative und qualitative Korpusanalyse mithilfe des DWDS, um den Bedeutungswandel von „Flüchtling“, den Einfluss von „Flüchtlingskrise“ und den Vergleich mit „Geflüchtete“ empirisch zu untersuchen.
4. Fazit - Bedeutung von sprachlicher Sensibilität für eine diskriminierungsärmere Gesellschaft: Die Schlussfolgerung fasst die Ergebnisse zusammen, betont die Rolle diskursiver Kontexte gegenüber morphologischen Strukturen bei der Pejoration und leitet daraus die Bedeutung sprachlicher Sensibilität für eine inklusive Gesellschaft ab.
Schlüsselwörter
Flüchtling, Sprachwandel, Pejoration, Diskriminierung, Flüchtlingskrise, Frame-Semantik, Korpusanalyse, Othering, Personenbezeichnungen, Geflüchtete, öffentlicher Diskurs, Bedeutungsverschlechterung, Sprachliche Sensibilität, Soziale Ausgrenzung, Krisenframe.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die sprachliche Konstruktion von Ausgrenzung im deutschen Diskurs, indem sie den pejorativen Bedeutungswandel des Begriffs „Flüchtling“ sowie den Einfluss des Kompositums „Flüchtlingskrise“ im Zeitraum von 1950 bis 2025 analysiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind der semantische Sprachwandel, die Frame-Semantik, die Diskursanalyse, die Pejoration von Personenbezeichnungen, der Mechanismus des „Othering“ sowie die spezifischen Begriffe „Flüchtling“, „Flüchtlingskrise“ und „Geflüchtete“.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen sprachlicher Konstruktion und gesellschaftlicher Ausgrenzung herauszuarbeiten. Die Forschungsfragen lauten: „Inwiefern verändert sich der Verwendungskontext von Flüchtling im öffentlichen Diskurs im Zeitraum von 1950 bis 2025...? Welchen Einfluss hat das Determinativkompositum Flüchtlingskrise auf die Pejoration von Flüchtling? Und wie unterscheidet Flüchtling sich im Gebrauch und Kontext von Alternativbezeichnungen wie Geflüchtete?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine korpusbasierte qualitative und quantitative Untersuchung relevanter Medienbeiträge mittels Auswertung der DWDS-Korpora, ergänzt durch eine frame-semantische und diskursanalytische Ausarbeitung der Begriffsdefinitionen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt zunächst die theoretischen Grundlagen des semantischen Sprachwandels, der Frame-Semantik und der Pejoration. Darauf folgt eine Korpusanalyse zur Pejoration des Begriffs „Flüchtling“, der Einfluss des Kompositums „Flüchtlingskrise“ und ein Vergleich mit alternativen Bezeichnungen wie „Geflüchtete“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Flüchtling, Sprachwandel, Pejoration, Diskriminierung, Flüchtlingskrise, Frame-Semantik, Korpusanalyse, Othering, Personenbezeichnungen, Geflüchtete, öffentlicher Diskurs, Bedeutungsverschlechterung, Sprachliche Sensibilität, Soziale Ausgrenzung und Krisenframe.
Warum wurde der Zeitraum 1950-2025 für die Analyse gewählt?
Der gewählte Zeitraum von 1950 bis 2025 umfasst migrationshistorisch relevante Zäsuren wie die Nachkriegsfluchtbewegungen (1950), den Asylkompromiss (1992) und die sogenannte „Flüchtlingskrise“ ab 2015, wodurch eine umfassende diachrone Analyse möglich wird.
Wie unterscheidet sich die Verwendung von „Flüchtling“ und „Geflüchtete“ im Krisendiskurs?
Die Untersuchung zeigt, dass der Begriff „Flüchtling“ im Kontext des Kompositums „Flüchtlingskrise“ signifikant pejorativ gerahmt wird, während „Geflüchtete“ im Krisendiskurs der Jahre 2015-2016 tendenziell neutral oder sogar positiv bleibt und somit als weniger stigmatisierende Alternative fungiert.
- Arbeit zitieren
- Lale Fröhlich (Autor:in), 2025, "Flüchtling" im Wandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1684032