Interpretation des Epithalamium „Mein Freund ich wünsch ihm Glück“ von Christian Weise


Hausarbeit, 2006
16 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsangabe

I. Einleitung

II. Analyse und Interpretation des Gedichtes

III. Bezug zur Kausallyrikverständnis auf der Grundlage von Drux

V. Darlegung des Frauenbildes im Gedicht

VI. Schlussbemerkung

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Opitz, Gryphius, Hallmann und Grimmelshausen sind die uns heute bekanntesten Schriftsteller des 17. Jahrhunderts. Doch waren sie auch die bekanntesten Schriftsteller in ihrer Zeit? Lange hat die heutige Literaturforschung Christian Weise unbeachtet gelassen, obwohl er bei weitem „größeren Erfolg bei seiner Leserschaft gehabt“[1] hatte, als die oben genannten Herren.

Geboren 1642 als Sohn eines Lehrers am Zittauer Gymnasium, wurde er von seinem Vater früh an die deutsche Sprache und Literatur herangeführt. Sein Weg führte über ein Studium der Theologie, der Poetik, Rhetorik und Moralphilosophie zurück an das Zittauer Gymnasium, wo er Rektor wurde. Sein Bestreben war es, die Jugend an literarisches Schaffen heranzuführen, welches er besonders durch Schuldramen zu erreichten suchte. Heute ist er, wenn überhaupt wegen seiner Dramen bekannt, und kaum einer wird wie er kritisiert und hoch gelobt.[2] Vor allem scheint sich keiner sicher zu sein, ob man ihn partiell in die Frühaufklärung oder in die Tradition des Barock einordnen soll.

Warum wurde er so begeisternd gelesen? Traf er vielleicht den Geist seiner Zeit? Was unterschied ihn von den anderen Dichtern? Warum streiten sich die Gelehrten über seine Einordnung?

Da sich die Gelegenheitslyrik hervorragend eignet um einen historischen Einblick in eine Epoche zu erhalten, habe ich Christians Weises Gedicht „Mein Freund ich wünsch ihm Glück“ ausgewählt.

Seine Biographie dürfte ein besseres Verständnis seines Gedichtes ermöglichen, weshalb ich sie teilweise in meine Interpretation einfließen lassen werde.

Anlass der Entstehung war die Hochzeit am 18. Februar 1698 von M. Gottfried Hoffmanns mit der Tochter des Zittauer Predigers, Christine Schönfeld. Es handelt sich dabei um die zweite Ehe des Rektors, welcher der Nachfolger von Christian Weise war. Weise war sowohl mit Hoffmann als auch mit dem Vater seiner Braut befreundet. Bei der Braut handelt es sich zudem um die älteste jungfräuliche Tochter des Predigers. Hinzuzufügen wäre, dass Hoffmann aus der ersten Ehe zwei Söhne mitbrachte.

Im 17. Jahrhundert herrschte eine bestimmte Vorstellung von Kausallyrik. Da die Leserschaft von Christian Weise besonders groß war, müsste sein Werk dieser Vorstellung entsprechen. Wenn nicht, wäre die Frage warum das so wäre und welche Bedeutung dies für die historische Entwicklung bzw. Sicht wäre. Als Grundlage dieses Vergleiches dient der Text von Rudolf Drux.

Nach einer kurzen Beschäftigung mit diesem Gedicht finde ich es passend, genauer auf das Frauenbild von Christian Weise einzugehen, da anzunehmen ist, dass seine Auffassung die gängige Sicht seiner Zeit widerspiegelt[3]. Sollte das Gegenteil der Fall sein, könnte diese Betrachtung helfen, die Frage, ob er eher der Frühaufklärung zugeschrieben werden sollte, zu beantworten.

II. Analyse und Interpretation des Gedichtes

Das Epithalamium „Mein Freund ich wünsch ihm Glück“ wird zur Kausallyrik gezählt und handelt von den Glückwünschen Weises an das Ehepaar sowie von der möglichen Zukunft des Ehelebens.

Der Titel des Gedichtes bzw. die Einleitung, ist das Verkünden des Anlasses, der Betroffenen mit ihrer Herkunft sowie die Nennung des Dichters.

Das Gedicht besteht aus einer Strophe mit 121 Versen. Diese äußere Form deutet auf eine Rede hin.[4] Ein sechshebige Jambus, der typische Versmaß des 17. Jahrhunderts, zieht sich durch das gesamte Werk. In einigen Versen ist eine Zäsur nach der dritten Hebung gesetzt.[5] Der Jambus verleiht dem Gedicht einen erzählenden Unterton sowie eine gewisse Leichtigkeit. Obwohl das Gedicht als Fließtext geschrieben ist, wird es durch die Zeichensetzung oft unterbrochen und zwingt den Leser sich zu konzentrieren. Ein Ausgleich findet durch die Verwendung kurzer Sätze statt, die dem Leser bzw. Zuhörer das Verstehen erleichtert. Die Zäsur unterbricht diesen Ausgleich wieder. Dieses Spiel der Gegensätze erweckt das Gedicht zum Leben. Das Auftauchen von Bildern in den Versen sowie die Verwendung von überwiegend dynamischeren Verben, verstärken diesen Eindruck.

Der durchgängige Paarreim[6] wirkt schlicht und zeugt dennoch von Kunstfertigkeit. Die überwiegend festlichen und schweren Vokale versetzen das Gedicht in eine feierliche Stimmung, die durch die dominierenden weiblichen Kadenzen unterstützt. Die durch den fast regelmäßigen Wechsel der Silbenanzahl der aufeinander folgenden Paarverse vorkommenden fließenden und männlichen Kadenzen sorgen für Abwechslung, wodurch die Lebhaftigkeit des Gedichtes zusätzlich hervorgehoben wird. Die überwiegend harten Konsonanten unterstützen die festlich klingenden Vokale. Bemerkenswert ist der Zusammenhang zwischen dem Klang und der Wortbedeutung, da die Wörter, welche im negativen Sinn verwendet werden, dunkel klingen wie z.B. „Sorgen“ (Z.5) „Last“ (Z.4/8) „Noth“ (Z.9) während die positiv gemeinten Wörter hell und schlicht sind wie „liebes Kind (Z. 7). Es ist ein lebhaftes Zusammenspiel von Form, Klang und Inhalt, bei dem jeweils die größtmöglich gewollte Wirkung erzielt wird.

Der Autor verwendete viele Wortpaarungen bzw. die Aufzählung von jeweils zwei Substantiven wie z.B. „Lust und Last“ (Z.4), „Zucht und Weißheit“ (Z. 17), „Schimpff und Schaden“ (Z.41), „Zanck und Streit“ (Z.70), „Spiel und Freude“ (Z.75). Dabei handelt es sich um zusammengehörige Substative bzw. um ein Hendiadyoin. Hier wird sinnbildlich das Brautpaar verkörpert bzw. die allgemeine Zusammengehörigkeit, die dem Brautpaar vom Dichter zugeschrieben wird.

Bemerkenswert sind die sieben fett gedruckten Verse, die sich von den anderen abheben. Sie wirken jeweils wie eine Abgrenzung zu den vorangegangenen Versen und scheinen die inhaltlichen Themen aufs Wichtigste zusammen zu fassen. Einzeln betrachtet erscheinen sie als eine grobe Zusammenfassung der wichtigsten Personen bzw. der Verlauf der erwartenden Zukunft.

Zuerst wird die Ehe angesprochen, dass sie nötig sei (vgl. Z. 9). Dann wird über die Frau gesagt, dass sie ihre Freiheit aufgeben muss (vgl. Z 26). Der Mann wird aufgefordert sein Amt mit Ehre zu tragen (vgl. Z.60) und die Frau soll eine gute Mutter sein (vgl. Z. 72), da dies ihr höchstes Glück sei (vgl. Z. 78). Gott hält zudem die Schule bzw. die Bildung für wichtig (Z.82) und der Entschluss des Autors ist, sein Leben so zu Leben wie es ist (vgl. Z. 110). Es ist eine lineare Abfolge, die von Gott vorgegeben und vom Menschen gewollt ist.

Die Zahlensymbolik spielte eine bedeutende Rolle im 17. Jahrhundert. Demnach hat der Autor die Zahl „Sieben“ nicht ohne Grund gewählt. Sieben ist die „heilige Zahl“, welche aus den Grundzahlen des Männlichen (Drei) und des Weiblichen (Vier) durch Addition gewonnen wird.[7] Die Sieben steht für Totalität, im Negativen wie im positiven Sinne (bedenke man die Sieben Todsünden, die Sieben Tage). Sie steht auch für das Universum und Wachstum.[8] Die Sieben Sätze verkörpern somit den Mann und die Frau und das heilige Sein. Zusammen sollen sie „wachsen“, ihre Aufgaben erfüllen und somit ein „heiliges“ Leben führen.

Das Gedicht lässt sich inhaltlich in sieben Abschnitt teilen. Der erste Abschnitt erstreckt sich von Vers 1 bis Vers 4. Der Dichter spricht freundlich den Adressaten, seinen Freund, an und beglückwünscht ihm zur neuen Rektorin, seiner Frau. (vgl. Z.1). Er führt an, dass normalerweise nun Glückwünsche folgen müssten, doch sieht er sich aufgrund ihres „Stand“ (Z.3) verpflichtet, die negativen wie positiven Seiten eine Ehe aufzuzeigen. Mit dem „Stand“ könnte er sowohl die Standeszugehörigkeit in der Hierarchie meinen als auch den jetzigen Standpunkt im Leben, in dem sie sich befinden. Da der Autor sowie der Bräutigam schon mal verheiratet gewesen waren, liegt es nahe, dass der Autor an das Eheleben mit all seinen Vor- und Nachteilen im gleichen Verhältnis erinnern will.

Nun bricht ein neuer Abschnitt bis Vers 14 an, indem der Autor auf die Kausalität von Positiven und Negativen hinweist.

Mit der Nennung der zweier negativen Aussichten „Viel Sorgen, wenig Ruh“ (Z.5) verstärkt er das daraus folgende Lob an die Braut, dass sie sich trotz dieser „Last“ für ein Eheleben entschieden hat. (vgl. Z. 6-8). Doch wirft er ein, dass jeder sich trauen „muss“[9] und dass es nirgends ein Paar gibt, das „nicht sein Creutze trägt“ (Z.10). Hier verwendet der Autor eine doppelte Verneinung und vergleicht das Leiden der Paare mit dem Leiden von Christus. Ein jeder hat seine eigene Last zu tragen bzw. seine eigenen Sorgen. Das Leiden und Freude zusammen gehören betont er durch den Vergleich der „süßen Früchte“ mit den „Myrrhen“. Die Myrrhe wird wegen ihres bitteren Geschmacks symbolisch mit dem Leiden und Tod Christus sowie der Buße in Verbindung gebracht.[10]

Da jeder Mensch seine eigene Last trägt und Freude wie Leid erlebt, erfährt ein Paar doppelt soviel Leid, da jeder Partner am Leid des anderen „mitleidet“. So wünscht sich ein jeder doppelt soviel Kraft von Gott um das „doppelte“ Leiden auszuhalten (vgl. Z. 13-14).

[...]


[1] S. , aus: Irmscher, Johannes: Christian Weise als Wegbegleiter der Zeitgeschichte

[2] Besonders Gottsched hat ihn später „verächtlich“ kritisiert

[3] Da er Rektor gewesen ist, lehrte er seine Auffassungen, welche auf eine Resonanz stoßen mussten, da er sonst

nicht lange in diesem Amt geblieben wäre

[4] Angesichts der Tatsache, dass dieses Gedicht aller Wahrscheinlichkeit den Hochzeitsgästen vorgetragen

wurde, ist die Bezeichnung einer Rede treffend bzw. es klingt wie in Verse gesetzte Prosa

[5] Der sechshebige Jambus wird zu einem Alexandriner umgewandelt, u.a. Z. 5, 10, 19, 20, 21, 23

[6] Mit Ausnahme der Z.9 und 10, wo nur eine Assonanz stattfindet.

[7] Vgl. S. 272/273, Becker, Udo: Lexikon der Symbole.

[8] Vgl. S. 340, Becker, Udo: Lexikon der Symbole.

[9] Nach der christlichen Lehre gelten unverheiratete Menschen als „Wert gemindert“. Zudem ist eine Heirat bei finanzieller Not oft die letzte Rettung.

[10] Vgl. S.201, Becker, Udo: Lexikon der Symbole.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Interpretation des Epithalamium „Mein Freund ich wünsch ihm Glück“ von Christian Weise
Hochschule
Universität Potsdam
Note
2,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V168414
ISBN (eBook)
9783640854547
ISBN (Buch)
9783640854790
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
interpretation, epithalamium, freund, glück“, christian, weise
Arbeit zitieren
Nicole Lenz (Autor), 2006, Interpretation des Epithalamium „Mein Freund ich wünsch ihm Glück“ von Christian Weise , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168414

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