Über die Soziologie des wissenschaftlichen Nichtwissens

Eine Gegenüberstellung zweier Fallstudien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

29 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Wissenschaftliches Nichtwissen als Schattenseite reflexiv-moderner Gesellschaften

2. Zur Soziologie des wissenschaftlichen Nichtwissens
2.1. Einführende Vorbemerkungen, Abgrenzungen und Differenzierungen
2.2. Grundlagen und Themenfelder der Soziologie wissenschaftlichen Nichtwissens
2.2.1. Die soziale Konstruktion von wissenschaftlichem Nichtwissen
2.2.1.1.„Ignorance claims“ in Wissenschaft, Medien und Öffentlichkeit
2.2.1.2.Öffentliche Unkenntnis von Wissenschaft
2.2.1.3.Die politische Erzeugung von Wissenslücken
2.2.2. Die kognitive Konstruktion von Nichtwissen in der Forschungspraxis
2.2.2.1.Die Selektivität wissenschaftlicher Theorie
2.2.2.2.Die Dekontexutalisierung experimentell erzeugten Wissen
2.2.2.3.Die Konstruktion neuer, unbekannter Wissenshorizonte

3. Fallbeispiele wissenschaftlichen Nichtwissens - Ein Vergleich
3.1. Allgemeines zum Vorsorgeprinzip
3.2. Vorbemerkungen zur Chemiepolitik
3.3. MTBE als Bleiersatz in Ottokraftstoffen
3.4. Tributylzinn- (TBT)-haltige Antifoulingfarben
3.5. Resumée der beiden Fallbeispiele

4. Umgang mit der Problematik und Perspektiven
4.1. Technikfolgenabschätzung
4.2. Paradigmenwechsel

5. Schlussfolgerungen

1. Wissenschaftliches Nichtwissen als Schattenseite reflexiv-moderner Gesellschaften

Im Zuge der reflexiven Modernisierung werden klassische Institutionen und grundlegende Unterscheidungen zunehmend begründungsbedürftig und verlangen nach Neuformierungen. Die durch technische Innovationen einhergegangenen ungeahnten Risiken und möglichen Folgen lassen Fragen und Zweifel an der Exklusivität der Wissenschaft aufkommen, da diese doch eigentlich Vertrauenserwartungen der Gesellschaft reguliert hatte und nicht „(...) als Produzentin von Risiken, Ungewißheit und sogar von Nichtwissen (...)“1 aufgetreten war. Gerade Konflikte im Umwelt- und Gesundheitswesen haben hier ihre Wirkung entfaltet und führen die wachsende Bedeutung von Nichtwissen für die Gesellschaft vor Augen. Risiken und Unsicherheiten werden mehr und mehr zum Thema des öffentlichen Diskurses und von gesellschaftlichen Akteuren in Frage gestellt. Dies ereignet sich „(...) offenbar nicht mehr nur in ökologischer, gesundheitlicher oder wirtschaftlicher Hinsicht, sondern zunehmend auch unter ethischen und sozialen Aspekten (...)“2. Der Fortschritt der Wissenschaft trägt also nicht zwingend zu einer Abnahme von Unsicherheiten bei, sondern kann Nichtwissen eher noch begünstigen. Risikobeobachtung kann allerdings nicht weiterhin allein unter Betrachtung eines explizit wissenschaftlich begründeten Ordnungssystems erfolgen, sondern bedarf ganz wesentlich auch gesellschaftlich etablierter Erwartungshorizonte, bedarf der Öffentlichkeit, Politik und Ökonomie. Wissen wird vermehrt an unterschiedlichen Orten produziert, womit auch unterschiedliche Wissensformen in die Wissenschaft selbst eingehen und sich zunehmend Abgrenzungsprobleme zwischen Wissen und Nichtwissen, Experten und Laien, Fakten und Werten auftun. Bei zahlreichen Einsätzen von neuen Techniken oder Stoffen, wie z.B. beim Einsatz von Umweltchemikalien, können Folgen nicht mehr vorhergesagt werden. Die Dichotomie von Wissen und Nichtwissen kann deshalb nicht weiterbestehen, Nichtwissen ist in sich selbst nicht einheitlich und weist weitere Dimensionen auf. Die unterschiedliche Beurteilung und Einschätzung der durch Innovationen hervorgebrachten Unsicherheiten und der Umgang mit der Problematik im Allgemeinen verdeutlichen die Vielschichtigkeit von Nichtwissen.

Vor diesem Hintergrund soll das wissenschaftliche Nichtwissen, das in Gesellschaften reflexiver Modernisierung immer bedeutsamer wird, anhand ausgewählter Fallbeispiele exemplifiziert werden. Es gilt hierbei, die unterschiedlichen Entstehungsumstände der Fälle, das Erkennen und Reagieren auf jeweilige Unsicherheiten und die Auswirkungen der Nichtwissensbeispiele auf die Öffentlichkeit herauszuarbeiten. Um die Analyse der Fallbeispiele wissenschaftlichen Nichtwissens zu erleichtern, sollen zu Beginn der vorliegenden Arbeit zunächst jedoch einführende Vorbemerkungen zum Phänomen des Nichtwissens und Grundlagen, Abgrenzungen und zentrale Fragestellungen einer Soziologie des wissenschaftlichen Nichtwissens vorangestellt werden. Auf die analysierten Beispielsfälle aus der Umwelt - oder Chemiepolitik folgen Gedanken über den angemessenen Umgang mit der Problematik. An dieser Stelle werden einzelne Vergleichspunkte aus den Fallbeispielen erneut aufgegriffen, wobei auch allgemeine Reflexionen zum Umgang mit der Nichtwissensproblematik angeführt werden.

In einem abschließenden Fazit wird versucht, wesentliche Auswirkungen einer Soziologie des wissenschaftlichen Nichtwissens sowohl auf die Wissenschaft als auch auf unser gesellschaftliches Zusammenleben zu verdeutlichen.

2. Zur Soziologie des wissenschaftlichen Nichtwissens

2.1. Einführende Vorbemerkungen, Abgrenzungen und Differenzierungen

Generell ist vorweg anzumerken, „(...) dass Nichtwissen ein breites Spektrum von Formen und Nuancierungen umfasst, das von punktuellen und exakt beschreibbaren ‚Wissenslücken’ bis hin zu (...) Phänomenen der Grenzen etablierter Wahrnehmungs- und Erwartungshorizonte (...) reicht.“3 Ganz entscheidend ist es weiter, den Begriff des Nichtwissens, nicht mit scheinbar ähnlichen Phänomenen wie Irrtum, Ungewissheit oder Risiko gleichzusetzen. Aus soziologischer Sichtweise bedeuten auch Irrtümer Wissen, da hier von einer falschen oder richtigen Annahme ausgegangen wird, wohingegen Nichtwissen auch durch das Fehlen jeglicher Wissensformen markiert sein kann. Das bedeutet, in diesem Falle liegen nicht einmal potentielle Irrtümer vor. Der Irrtum verweist also auf gewisse Berührpunkte, die dem Wahrnehmungshorizont im Fall des Nichtwissens fern sind. Das Nichtwissen darüber hinaus von Risiko und Unsicherheit abzugrenzen, ist außerdem noch bedeutend.

„Der sozialwissenschaftliche Diskurs zur Umweltproblematik war zunächst zwar stark von der Semantik des Risikos geprägt. Doch schon bald wurde der Begriff ,Risiko’, vor allem wegen der implizit unterstellten Kalkulierbarkeit und Beherrschbarkeit der Gefährdungen, von verschiedener Seite als unzureichend empfunden und vor diesem Hintergrund fand der Begriff ,Nichtwissen’ ( ignorance ) wachsende Aufmerksamkeit. (...) Nach dieser Unterscheidung können in Fällen von Risiko und Ungewissheit objektive bzw. subjektive Entscheidungswahrheiten für die (grundsätzlich unbekannten) Handlungs- und Entscheidungsfolgen angegeben werden, während in Situationen des Nichtwissens die Konsequenzen des Handelns nicht oder wenigstens nicht vollständig bekannt seien (...)“4

Weiter kann differenziert werden, dass Nichtwissen nicht nur auf vereinzelte, genau bestimmbare Wissensdefizite verweist, sondern auch eine generelle Beschränktheit unserer Wahrnehmung meint. In vielen Fällen ist hier dem Betrachter nicht einmal bewusst, in welcher Form und in welchem Ausmaß sich Konsequenzen zeigen werden oder ob sie überhaupt auftreten. Nichtwissen kann Risiken also auch völlig ausblenden. Risiko aber weist auf mögliche Folgen hin und kann Unwissenheit außerdem noch durch Panikmache steigern. Nichtwissen reflektiert vergangene Folgen von technischer Nutzung und mögliche Konsequenzen in der Zukunft, wohingegen sich Risiko überwiegend auf zukünftige Effekte konzentriert.

[...]


1 Wehling, Peter (2006): Im Schatten des Wissens? Perspektiven der Soziologie des Nichtwissens, Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft mbH, S. 250.

2 Böschen, Stefan und Wehling, Peter (2004): Wissenschaft zwischen Folgenverantwortung und Nichtwissen. Aktuelle Perspektiven der Wissenschaftsforschung, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften/GWV Fachverlage GmbH, S. 9.

3 Wehling, Peter (2004): Weshalb weiß die Wissenschaft nicht, was sie nicht weiß?, in: Böschen, Stefan und Wehling, Peter (2004): Wissenschaft zwischen Folgenverantwortung und Nichtwissen. Aktuelle Perspektiven der Wissenschaftsforschung, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften/ GWV Fachverlage GmbH, S. 69 f.

4 Wehling, Peter: Die Schattenseite der Verwissenschaftlichung, in: Böschen, Stefan und Schulz-Schaeffer, Ingo (Hrsg.) (2003): Wissenschaft in der Wissensgesellschaft, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag/GWV Fachverlage GmbH, S. 122 f.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Über die Soziologie des wissenschaftlichen Nichtwissens
Untertitel
Eine Gegenüberstellung zweier Fallstudien
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
29
Katalognummer
V168439
ISBN (eBook)
9783640867257
ISBN (Buch)
9783640867769
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nichtwissen, Wissenssoziologie, Umwelt, Risiko
Arbeit zitieren
Martina Tauscher (Autor), 2009, Über die Soziologie des wissenschaftlichen Nichtwissens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168439

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