Die vorliegende Arbeit macht sich auf die Suche nach der im neutestamentlichen Zeugnis exklusiv in Röm 16,1f. bezeugten Phöbe als einer Frau mit Leitungsfunktionen. Dabei orientiert sie sich an einer dreigliedrigen leitenden Fragestellung: Wer war Phöbe und was kann zu ihrer Herkunft plausibel gemacht werden? Inwiefern kann die in Röm 16,1f empfohlene Phöbe als eine Frau mit Leitungsfunktionen im Rahmen der frühen Versammlung von Kenchreä identifiziert werden? Was bedeutet es für die Zusammensetzung und das Selbstverständnis der frühen Versammlungen, dass Paulus so von Phöbe spricht? Diese Fragestellungen werden anhand exegetischer Methoden verfolgt und die vorliegende Arbeit mit einem Fazit inklusive eines aktualisierenden Ausblicks abgeschlossen.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Übersetzung von Röm 16,1-2.
- 3. Name und Herkunft der Phöbe.
- 3.1 Was sagt der Name Φοίβη über ihre Herkunft aus?.
- 3.2 Was ergibt sich aus dem textkritischen Problem ἡμῶν gegen ὑμῶν zur Herkunft der Phöbe?.
- 3.3 Was macht das Attribut τὴν ἀδελφὴν ἡμῶν zur Herkunft der Phöbe plausibel?.
- 4. Phöbe als Frau mit Leitungsfunktionen anhand zentraler Begriffe von Röm 16,1-2.
- 4.1 Inwiefern markiert der Terminus ἀδελφὴν ἡμῶν Leitungsfunktionen?.
- 4.2 Inwiefern markiert διάκονος Leitungsfunktionen?.
- 4.2.1 Inwiefern markiert διάκονος eine Amtsbezeichnung der Phöbe?.
- 4.2.2 Welche Arten von Leitungsfunktionen markiert διάκονος?.
- 4.2.3 Ist Phöbe eine Diakonisse?.
- 4.3 Inwiefern markiert προστάτις Leitungsfunktionen?.
- 4.3.1 Inwiefern markiert προστάτις Phöbe als Vorsteherin der Versammlung und juristische Leitungsfunktionen?.
- 4.3.2 Gehörte es zu den Leitungsfunktionen der Phöbe, als vermögende Frau ihr Haus zur Verfügung zu stellen?.
- 4.3.3 Syntaktische Argumente für die Leitungsfunktion gastlicher Aufnahme.
- 4.3.4 War Phöbe die patrona des Paulus und der Versammlung?.
- 5. Was bedeutet es für Zusammensetzung und Selbstverständnis der frühen Versammlungen, dass Paulus so von Phöbe spricht?..
- 5.1 Die Heiligkeit der Phöbe und der Versammlungen.
- 5.2 Ein geschwisterliches Selbstverständnis.
- 5.3 Ein geschlechts- und herkunftsunabhängiges Selbstverständnis von Leitung...
- 5.4 Συνίστημι als beispielhafter Begriff für das Selbstverständnis der frühen Versammlungen.....
- 5.5 Die Bedeutung von Frauen mit Leitungsfunktionen in Synagogen für das Selbstverständnis von Frauen mit Leitungsfunktionen in den frühen Versammlungen.
- 6. Fazit, Ausblick und Aktualisierung.
- 6.1 Phöbe als Frau mit Leitungsfunktionen..
- 6.2 Die Umwertung von Hierarchien mit geschwisterlichem Ethos..
- 6.3 Ein Selbstverständnis der Geschwisterlichkeit erfordert inklusive Übersetzungen.
- 7. Abkürzungsverzeichnis.
- 8. Literaturverzeichnis.
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Phöbe aus Röm 16,1f. als eine Frau mit Leitungsfunktionen in den frühen christlichen Versammlungen. Sie befasst sich mit ihrer Herkunft, ihrer Identifikation als Frau mit Leitungsfunktionen in der Versammlung von Kenchreä durch die Analyse der Termini ἀδελφή ἡμῶν, διάκονος und προστάτις, und der Bedeutung dieser Beschreibung für das Selbstverständnis der frühen Versammlungen.
- Die historische Person Phöbe und ihre Herkunft.
- Analyse biblischer Termini (ἀδελφή ἡμῶν, διάκονος, προστάτις) zur Bestimmung von Phöbes Leitungsfunktionen.
- Die Rolle von Frauen mit Leitungsfunktionen in den frühen christlichen Versammlungen.
- Das Selbstverständnis der frühen Versammlungen im Kontext von Geschwisterlichkeit und Hierarchien.
- Die Auswirkungen von Pauls Darstellung Phöbes auf die neutestamentliche Exegese.
- Textkritische und sozialgeschichtliche Methoden in der Analyse frühchristlicher Texte.
Auszug aus dem Buch
Inwiefern markiert διάκονος Leitungsfunktionen?
Das Substantiv διάκονος ist aus syntk. Perspektive in Röm 16,1 Teil des partizipialen Ausdrucks „[...] οὖσαν [καὶ] διάκονον τῆς ἐκκλησίας τῆς ἐν Κεγχρεαῖς, [...]“, der zur Näherbestimmung des Akkusativobjektes „[...] Φοίβην [...]“ dient. Der partizipiale Ausdruck wurde in der BIBEL NACH MARTIN LUTHER IN DER REVIDIERTEN FASSUNG VON 1984 übersetzt als „[...] die im Dienst der Gemeinde von Kenchreä ist [...].“ In LUTHERS BIBLIA VON 1545 übersetzt der Reformator: „[...] welche ist am Dienste der Gemeinde zu Kenchrea [...].“ Hier wird PHÖBE also als eine Frau skizziert, die einen nicht näher bestimmten Dienst bzw. Dienste im Sinne der Gemeinde von Kenchreä leistet. Auffällig ist, dass in DER REVIDIERTEN FASSUNG VON 1984 z.B. in Gal 2,17 διάκονος als Diener, aber in Phil 1,1 der Plural διάκονοι mit Diakone übersetzt wird. Die LUTHERBIBEL VON 1912 übersetzt hingegen in Phil 1,1 διάκονοι mit Dienern, was LUTHERS Übersetzung in der BIBLIA VON 1545 entspricht, die in Phil 1,1 ebenfalls διάκονοι mit Dienern und nicht mit Diakonen übersetzt. Es ist daher nicht auszuschließen, dass bei der Übersetzung von Phil 1,1 in der LUTHERBIBEL DER REVIDIERTEN FASSUNG VON 1984 bereits an zeitgenössische Amtsträger, wie Diakone in Abgrenzung zur Bischöfen in Phil 1,1 gedacht wurde. Auffällig ist dabei, dass die Bezeichnung Diakon nicht auf PHÖBE in Röm 16,1 übertragen wurde, obwohl in beiden Fällen der griech. Begriff διάκονος die Grundlage bildet. Der Übersetzungsvergleich verweist auf mehrere Fragen, z.B. inwiefern der Terminus διάκονος einen Dienst bzw. eine Amtsbezeichnung der PHÖBE bezeichnet.
So übersetzt z.B. KÄSEMANN διάκονος in Röm 16,1 als „[...] Diakonisse [...]“ und will anhand der Verbindung von Partizip und Ortsangabe erkennen, dass es um einen „[...] ständigen und anerkannten Dienst geht [...].“ Vergleichsweise neutraler erkennt RIENECKER im Partizip „[...] οὖσαν [...]“ den Verweis darauf, dass PHÖBE zu dem Zeitpunkt, zu dem PAULUS schreibt, als διάκονος tätig ist. Zu dieser Argumentation sei bemerkt, dass οὖσαν als Partizip Präsens tatsächlich einen durativen Aspekt trägt und somit auf eine zum Zeitpunkt des Schreibens bestehende eigenständige Aktivität der PHÖBE hinweisen kann. Somit lässt sich ein grammatischer Verweis auf eine bei LF nicht untypische Dauer der damit verbundenen Tätigkeiten, deren Inhalt nach DUNN in jedem Falle stark vom Bedarf der Versammlung abhängen würde, plausibilisieren. NICKLAS resümiert, unter Bezug auf ZELLER, dass οὖσαν anzeigt, dass PHÖBE eine besondere Tätigkeit zukommt, „[...] die so klar umrissen ist, dass auch die Adressaten des Römerbriefes verstehen, was damit gemeint sein mag.“ Ob diese besondere und andauernde Tätigkeit jedoch unter dem Amtsbegriff passend subsumiert ist, gilt es kritisch zu prüfen.
Angesichts der Gefahr der anachronistischen Re-Projektion von Amtsverständnissen und Geschlechterrollen gilt es, den Gebrauch von διάκονος im NT und in der paul. Briefliteratur zu vertiefen. Bezüglich der leitenden Fragestellung dieser Arbeit ist aufschlussreich, dass nach WEISER διακονέω-Formen im NT allgemein zur Bezeichnung „[...] innergemeindlicher Funktionen, nämlich des karitativen Einsatzes, der Wortverkündigung und der Führungsaufgaben [...]“ dienen können. Somit ergibt sich – orientiert an WEISER – eine Trias von potenziellen LF der PHÖBE.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die Forschungsfrage nach Phöbe als Frau mit Leitungsfunktionen in den frühen Versammlungen von Kenchreä vor und skizziert die methodische Vorgehensweise.
2. Übersetzung von Röm 16,1-2: Dieses Kapitel liefert eine eigenständige Übersetzung von Römer 16,1-2, die als Grundlage für die folgende exegetische Analyse dient.
3. Name und Herkunft der Phöbe: Untersucht den Namen Phöbe und die textkritischen Probleme im Römerbrief, um plausible Rückschlüsse auf ihre Herkunft und ihren sozialen Status zu ziehen.
4. Phöbe als Frau mit Leitungsfunktionen anhand zentraler Begriffe von Röm 16,1-2: Analysiert die Termini „ἀδελφὴν ἡμῶν“, „διάκονος“ und „προστάτις“ semantisch und sozialgeschichtlich, um Phöbes Leitungsfunktionen zu beleuchten.
5. Was bedeutet es für Zusammensetzung und Selbstverständnis der frühen Versammlungen, dass Paulus so von Phöbe spricht?: Erörtert, wie Pauls Beschreibung von Phöbe Rückschlüsse auf die Heiligkeit, das geschwisterliche Selbstverständnis und die geschlechts- und herkunftsunabhängige Leitungsrolle in den frühen Versammlungen zulässt.
6. Fazit, Ausblick und Aktualisierung: Fasst die Ergebnisse zu Phöbes Leitungsfunktionen zusammen, diskutiert die Umwertung von Hierarchien mit einem geschwisterlichen Ethos und plädiert für inklusive Übersetzungen.
Schlüsselwörter
Phöbe, Römer 16,1-2, Leitungsfunktionen, frühe Christenheit, Kenchreä, Paulus, Diakonin, προστάτις, διάκονος, ἀδελφή, Sozialgeschichte, Textkritik, Geschwisterlichkeit, Frauen in der Kirche, Hausgemeinden
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Rolle der Phöbe aus Römer 16,1f. als eine Frau mit Leitungsfunktionen in den frühen christlichen Versammlungen, insbesondere in Kenchreä, und welche Bedeutung dies für das Selbstverständnis der Gemeinden hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die Analyse der biblischen Termini ἀδελφή, διάκονος und προστάτις im Kontext von Phöbes Wirken, ihre Herkunft sowie das geschlechts- und herkunftsunabhängige Selbstverständnis von Leitung in den frühen Gemeinden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, Phöbe als Frau mit Leitungsfunktionen zu identifizieren und zu verstehen, welche Implikationen Pauls Beschreibung ihrer Rolle für die Zusammensetzung und das Selbstverständnis der frühen Versammlungen hatte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verfolgt die Forschungsfragen mittels exegetischer Methoden, ergänzt durch sozialgeschichtliche und semantische Analysen biblischer Termini und ihrer Kontexte.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit Phöbes Namen und Herkunft, der Übersetzung und Auslegung von Römer 16,1-2 sowie der tiefgehenden Analyse der Begriffe ἀδελφή, διάκονος und προστάτις als Indikatoren für ihre Leitungsfunktionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Phöbe, Römer 16,1-2, Leitungsfunktionen, frühe Christenheit, Kenchreä, Paulus, Diakonin, προστάτις, διάκονος, ἀδελφή, Sozialgeschichte, Textkritik, Geschwisterlichkeit, Frauen in der Kirche, Hausgemeinden.
Inwiefern unterscheidet sich die Übersetzung von „διάκονος“ in der Lutherbibel von der in Röm 16,1?
Es wird diskutiert, dass spätere Lutherbibel-Übersetzungen den Plural „διάκονοι“ an manchen Stellen als „Diakone“ übersetzen, während in Röm 16,1 für Phöbe weiterhin eine neutrale Umschreibung wie „im Dienst der Gemeinde“ gewählt wird, was auf eine Tendenz zur Vermeidung des Amtsbegriffs bei Frauen hindeutet.
Welche Rolle spielt die textkritische Debatte um ἡμῶν gegen ὑμῶν in Röm 16,1 für die Herkunft Phöbes?
Die Debatte um die Lesarten „ἡμῶν“ (unsere) und „ὑμῶν“ (eure) in Röm 16,1 ist relevant für die Herkunft Phöbes, da „ὑμῶν“ eine römische Herkunft implizieren könnte. Die Arbeit argumentiert jedoch, dass textkritische Gründe und sprachliche Gesichtspunkte gegen „ὑμῶν“ als ursprüngliche Lesart sprechen und somit eine römische Herkunft Phöbes nicht zwingend ist.
Wie wird das Verhältnis zwischen Paulus und Phöbe im Kontext des Patronatssystems beleuchtet?
Die Arbeit diskutiert, ob Phöbe als „patrona“ von Paulus und der Versammlung betrachtet werden kann. Sie kommt zu dem Schluss, dass trotz Hinweisen auf eine Schutz- und Wohltäterrolle, die Bezeichnung „patrona“ im römischen Sinne nicht die asymmetrische Autorität widerspiegelt, da Paulus Phöbe auch als „ἀδελφή“ (Schwester) tituliert, was auf geschwisterliche Solidarität hindeutet.
Welche Bedeutung hat der Begriff „Συνίστημι“ für das Selbstverständnis der frühen Versammlungen?
Der Begriff „Συνίστημι“ (empfehlen/vorstellen) in Röm 16,1 weist auf ein Selbstverständnis der frühen Versammlungen hin, das von Gleichrangigkeit geprägt ist. Pauls Art, Phöbe vorzustellen, deutet auf eine Gemeinschaft hin, in der Menschen mit gutem Ruf eingeführt und nicht als dominante Autoritäten installiert werden.
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- Anonym (Autor:in), 2025, Biblische Theologie. Phöbe als Frau mit Leitungsfunktionen in der Versammlung von Kenchreä, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1684731