Goethe: Autobiographische Schriften


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999

17 Seiten, Note: befried.


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Herder und Goethe - die Neukonzeption der „Autobiographie“

3. Genese des 5. Buches von „Dichtung und Wahrheit“

4. Aufbau des 5. Buches

5. Das Gretchen - Eine intime Schilderung?

6. Exkurs: Manon Lescault- Ein literarisches Vorbild des „Grundwahren“

7. Die Kaiserkrönung - Ein historischer Bericht?

8. Zusammenfassung

9. Benutzte Literatur

1. Einleitung

Das 5. Buch von DuW entstand zwischen dem 16. IV. und dem 7. VII. 1811, wie wir dem Tagebuch Goethes[1] entnehmen können. Über Goethes historische Quellen für die Beschreibung der Kaiserkrönung Joseph II. sind wir durch die Ausleiverzeichnisse der Weimarer Hofbibliothek[2] unterrichtet.

E. Beutler[3] hat das Buch prägnant charakterisiert: „Dieses 5. Buch ist ... eine Meisterleistung Goethes, ja es ist nicht nur eine der vollendetsten Partien in DuW, sondern ein Kronjuwel der Goethschen Altersprosa schlechthin, nicht an Gehalt, aber in der Kunst des Erzählens, in der Mischung von Intimität und Glanz.“

Das 5. Buch kann als ein Musterbeispiel für jene Anforderungen gelten, die Herder, und darauf fußend Goethe, an Inhalt und Stil einer gelungenen Autobiographie stellten.

Inhaltlich zerfällt das Buch in zwei Geschichten: Die Kaiserkrönung Joseph II. am 27. März 1763, mit den Tagen davor und danach sowie die Gretchen-Novelle.

Die erste interessant, als ein kulturhistorisches Dokument - jedoch nicht historischer Bericht-, da diese Kaiserkrönung die letzte, in Frankfurt stattfindende Krönung des Alten Reichs war, die zweite eine ganz intime Schilderung der ersten Liebe Goethes, zu einem Mädchen namens Gretchen, von der weiter nichts bekannt ist, als was Goethe uns in DuW über sie berichtet.

Das Meisterliche des 5. Buches besteht in der komplexen Verschränkung beider Erzählstränge miteinander und den vielfältigen Beziehungen, in die das erzählendes Subjekt (Goethe als junger & alter) dazu gesetzt wird. Damit verwirklicht er seine, in der Kritik an von Müllers Autobiographie geäußerten,Anforderungen (große & kleine Welt, Wechselwirkung derselben aufeinander, Ich und die anderen, Wechselwirkungen; Liebe als Gegenseitige Erziehung Þ Metamorphosegedanken).

Die nachfolgende Arbeit wird versuchen, die kunstvollen Inszenierungen dieses Abschnitts von Dichtung und Wahrheit auf dem Hintergrund des neuen, von Herder und Goethe erarbeiteten Konzepts der Autobiographie im Zeitalter der Aufklärung darzustellen.

2. Herder und Goethe - Die Neukonzeption des Topos „Autobiographie“

Die Autobiographie hatte als literarischer Topos bereits mehrere Jahrhunderte Geschichte, als Goethe mit der Abfassung von DuW sich ihr zuwandte.

Die Grundsätze, denen er hierbei folgte, hatte er selbst in seiner Kritik an der Autobiographie des Historikers Johannes Müller indirekt dargelegt[4]. Diese Grundsätze haben ihren Ursprung in Überlegungen Herders[5].

Dieser hatte einleitende Briefe zu einer von Johann Georg Müller herausgegebenen Sammlung mit dem Titel „Bekenntnisse merkwürdiger Männer von sich selbst“ benutzt, um eigene Überlegungen zum literarischen Gegenstand der Autobiographie zu veröffentlichen, die einer Neukonzeption dieses Genres entsprechen.

Herder stellte zunächst zwei ganz einfache Fragen:

- Wie fern kann und darf und soll ein Mensch Geständnisse von sich dem Publikum machen?
- Welche Hauptidee, welch ein Compaß muß ihn bei dieser gefährlichen Schiffahrt leiten?

Herder kehrt zur Beantwortung dieser Fragen an den Ursprung der Gattung Autobiographie zurück; er verweist auf das große Vorbild der Confessiones des Augustinus.

In diesem „Urbild“ einer Autobiographie ist deren, für die folgenden Jahrhunderte gültig bleibender Sinn und Zweck festgelegt: Es ist das innere Zwiegespräch mit Gott. Eine Form der Buße, die die Fehler und Irrtümer einer Person in der Chronologie eines Lebens zeigt[6].

Diese schriftliche Beichte fasst Herder unter der Bezeichnung „Confessiones“.

Dem stellt er im dritten Brief die „Lebensbeschreibungen“ gegenüber, unter denen er jen Form der Autobiographie zusammenfasst, die ein Mensch von sich als „Erbtheil an seinem Leben“(ebenda) zum Nutzen der Nachwelt niederlegt. Den Inhalt solcher Lebensberichte fasst Herder wie folgt zusammen: „Vermächtnisse der Sinnesart“, „Spiegel der Zeitumstände“, „practische Rechenschaft“.

Herders Konzeption läßt sich also folgendermaßen umreissen:

Confessiones

- Schriftliches Zwiegespräch mit Gott bzw. mit der Ewigkeit.
- Lebensbeichte auf der Grundlage von Reue und Zerknirschung
- Größter Feind: Eitelkeit
- Beispiele: Augustinus, Petrarca und Rousseau

Lebensbeschreibung

- Hinterlassenschaft für die Nachwelt; Nützlichkeitsaspekt
- Schilderung der Zeitumstände, praktische Rechenschaft
- Herder: „Mit je froherem Herzen sie aufgezeichnet wurden, desto besser.“
- Viele Bsp. aus allen Völkern und Zeiten

Herders Betrachtungen kreisen in den ersten zwei der einleitenden Briefe fast ausschließlich um das Problem der Confessiones.

Die Beantwortung der von ihm eingangs gestellten Frage nach dem wann, wie und warum läuft für Herder zwingend auf einen ethisch-moralischen Grund hinaus, wobei er diese Annahme auch sogleich wieder relativiert, indem er dem Aspekt der menschlichen Eitelkeit durchaus wahrnimmt und diesem einen niemals ganz zu leugnenden Einfluss auf die von ihm vorgestellten Texte zugesteht.

Er unterscheidet jedoch sehr wohl zwischen wirklichen Meistern dieser Gattung, deren Werke sozusagen mit „einfältigem“ Herzen zustande kamen und weniger begnadeten Nachfolgern, die nur schwer in der Lage waren, sich von dieser menschlichen Schwäche zu befreien. Als negative Beispiele führt er hier die seit der frühen Neuzeit entstandenen geistlichen Stunden- und Tagebücher an, die sich oft im allzumenschlichen verlieren und dem geneigten Leser daher keine moralische Stärkung sein können, weil sie mehr oder minder unbemerkt der Eitelkeit anheimfallen (Herder: „...so kann er uns über sich selbst wenig lehren.“ ebenda).

Eine andere, weniger edle Form der Autobiographie sieht Herder in den Lebensbeschreibungen. Diese sind nach seiner Ansicht mit Blick auf die Nützlichkeit für die Nachwelt abgefasst. Sie erfüllen daher ebenfalls einen moralischen Zweck, indem sie den Nachkommen oder den Mitbürgern dienlich sind. Der Aspekt der Nützlichkeit ist hier jedoch ganz auf das praktische Leben gerichtet.

In diesem Konzept wird eine protestantische Didalektik sichtbar, die Alles auf seinen Nützlichkeitsaspekt hin betrachtet und bewertet; eine zweckfreie Autobiographie, die das Leben eines Menschen darstellt, ohne belehrend oder im metaphysischen Sinne „heilsam“ zu wirken, kommt in diese Konzept nicht vor. Es läßt sich kaum leugnen, daß hinter diesem Konzept, wenn auch nicht direkt ausgesprochen, die Idee steht, daß das Leben eines jeden Menschen ein Telos habe und ein Leben umso erfolgreicher anzusehen sei, je näher einer diesem Ziel komme; wenn er es schon nicht erreicht.

Dieses Konzept ist im späten 20. Jh., auf der Basis von Konstruktivismus und Dekonstruktivismus, kaum noch nachvollziehbar; interessant ist jedoch, daß Herder auf Seite 368 einen Ansatz liefert, der auf die detailierten Biographien des 19. und 20. Jh. vorauszudeuten scheint und in unseren Tagen in verschiedene Ansätze der modernen Psychotherapie mündete, die die Biographie bzw. Autobiographie[7] als Werkzeug therapeutischer Arbeit nutzen, wie z.B. die systemische Familientherapie.

[...]


[1] Goethes Tagebücher. 13 Bde. Und 3 Register-Bde. Weimar 1887 bis 1919. = Goethes Werke, Sophien-Ausgabe (Weimarer Ausgabe), 3. Abteilung.

[2] Sieber, Siegfried: Goethes Quellen und seine Darstellung der Krönung Joseph II. Chronik des Wienier Goethe-Vereins 28, 1914, S. 11-14.

[3] Beutler, Ernst (Hrsg.): Artemis-Gedenk-Ausgabe, Artemis-Verlag, Zürich 1948. Bd. 10, S. 919f.

[4] von Goethe, Johann Wolfgang: Rezension „Bildnisse jetzt lebender Berliner Gelehrten, mit ihren Selbstbiographien“. In: jenaische Allgemeine Literaturzeitung, Winter 1805/06.

[5] Herder, G.: Kleine Schriften 1791-96. Beiträge zur Neuen Deutschen Monatschrift und zu den Horen. 1795/96. In: HERDER SVV, Bd. 18.

[6] Damit steht die Autobiographie in der Tradition der ältesten Beichtform, dem öffentlichen Sündenbekenntnis, das von der Idee her nur einmal im Leben, verbunden mit der einmalig erteilten Absolution vollzogen wird. Vgl.: Ariès, P./Duby, G. (Hg.): Geschichte des privaten Lebens, S. Fischer Verlag, FaM 1989. Bd. 1, S. 495

[7] Da uns die Postmoderne das Ende der Eindeutigkeit gebracht hat, könnten wir heute gar nicht mehr so eindeutig wie Herder zwischen Biographie und Auotbiographie unterscheiden, da jeder von uns seine Wirklichkeit selbst erschafft.

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Details

Titel
Goethe: Autobiographische Schriften
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
befried.
Autor
Jahr
1999
Seiten
17
Katalognummer
V1685
ISBN (eBook)
9783638110440
Dateigröße
575 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Hauptseminararbeit zu Goethes Dichtung und Wahrheit, 5. Buch, Gretchen und die Kaiserkrönung.
Schlagworte
Goethe, Dichtung und Wahrheit, Biographie
Arbeit zitieren
Detlev Freigang (Autor), 1999, Goethe: Autobiographische Schriften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1685

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