Wohl kein anderer Text des Neuen Testaments erfuhr nach Wilckens so eine „zentrale Bedeutung nicht nur für das Verständnis des Staates, sondern überhaupt für das politische Verhalten.“ Röm. 13,1-7 wurde im Laufe der Kirchengeschichte unterschiedlich ausgelegt und interpretiert. In Anbetracht der oft leidvollen Auslegungsgeschichte soll es Ziel dieser Seminararbeit sein, mit Hilfe der wissenschaftlich-methodischen Exegese die ursprüngliche Intention des Paulus und die Bedeutung der Textstelle Röm. 13,1-7 für den heutigen Leser (an dieser Stelle soll außerdem zwischen der Auslegung des Textes in einem demokratischen Umfeld und einer Diktatur differenziert werden) zu ermitteln. Für eine möglichst sorgfältige Annäherung an den Text müssen verschiedene Textübersetzungen herangezogen werden. Ich verwendete die Bibelübersetzung der Zürcher Bibel von 2007, die Lutherübersetzung von 1987 und die Einheitsübersetzung von 1985. Im Anschluss an den Übersetzungsvergleich folgt die Literarkritik, in der ich die Textstelle Röm. 13,1-7 zu den umliegenden Textstellen in Beziehung brachte und ihre innere Struktur untersuchte. Nach diesem Schritt folgt die Gattungskritik, die die ursprüngliche Form und den Verwendungszweck der Textstelle behandelt. Parallelüberlieferungen aus dem religiös-kulturellen und sozialen Umfeld sind Teil der Religionsgeschichtlichen Fragestellung. Einzelne Motive sollen jedoch in der Einzelversexegese näher betrachtet werden. Eine Behandlung der gesamten Wirkungsgeschichte von der Antike bis hin ins 21. Jahrhundert würde den Rahmen dieser Seminararbeit sprengen. Ich beschränke mich deswegen auf die Skizzierung der Interpretation des Textes zur Zeit der ersten Christenverfolgungen, der Auslegung Luthers und der Interpretation dieser Textstelle zur Zeit des Nationalsozialismus. In der darauf folgenden sozial- und zeitgeschichtlichen Analyse sollen die Lebensumstände zur Zeit der Abfassung näher betrachtet werden. Ausgehend von den Sach- und Begriffserklärungen sowie der versweisen Auslegung des Textes in der Einzelexegese und den vorangehenden Überlegungen, soll die theologische Gesamtdeutung gewonnen werden. Anschließend wird die Frage nach der ursprünglichen Intention und der Hermeneutik/Vergegenwärtigung beantwortet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Persönliche Annäherung
3. Wissenschaftlich-methodische Exegese
3.1 Textkritik
3.2 Literarkritik
3.2.1 Äußere Abgrenzung
3.2.2 Innerer Aufbau
3.3 Form-und Gattungskritik
3.3.1 Form-und Gattungsbestimmung
3.3.2 Frage nach dem „Sitz im Leben“
3.4 Religionsgeschichtliche Fragestellung
3.5 Wirkungsgeschichte /Rezeptionsgeschichte
3.6 Sozial-und zeitgeschichtliche Analyse
3.7 Einzelexegese
3.8 Theologische Gesamtdeutung
3.8.1 Intention des Paulus
3.8.2 Hermeneutik/ Vergegenwärtigung
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Diese Seminararbeit untersucht mittels wissenschaftlich-methodischer Exegese die Textstelle Röm. 13,1-7, um die ursprüngliche Intention des Apostels Paulus sowie die Bedeutung des Textes für den heutigen Leser – insbesondere unter Differenzierung zwischen demokratischen und diktatorischen Kontexten – zu ergründen.
- Untersuchung der historischen und soziologischen Entstehungsumstände (Sitz im Leben)
- Vergleichende Analyse verschiedener Bibelübersetzungen
- Literarkritische Erschließung der Textstruktur und Einbettung in den Briefkontext
- Wirkungsgeschichtliche Reflexion, unter anderem am Beispiel der Zeit des Nationalsozialismus
- Theologische Gesamtdeutung in Bezug auf das Liebesgebot und das zorngericht Gottes
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Äußere Abgrenzung
Der Römerbrief ist der umfangreichste (etwa 7.100 Wörter) und nach Balz „theologisch gewichtigste und zugleich letzte Brief des Apostels Paulus“. Auf Grund seiner Bedeutung und seines Umfangs steht der Römerbrief am Anfang des Corpus Paulinum. Der Römerbrief lässt sich in den Briefanfang, den Briefkorpus und den Briefschluss einteilen. Nach Haacker wird innerhalb des Briefkorpus „einhellig zwischen einem lehrhaften und eine ermahnenden Teil unterschieden“.
Nun soll der Anfang und das Ende der Textstelle Röm. 13,1-7 festgestellt werden, da die traditionelle Kapitel- und Verseinteilung heutigen Kenntnissen teilweise nicht mehr entsprechen. Traditionell ist die Textstelle über das Verhalten dem Staat gegenüber in die Verse 1 bis 7 eingeteilt. Doch weshalb zählt der Vers 21 des 12. Kapitels nicht mehr zu dieser Texteinheit? Thematisch betrachtet handeln die Verse 17-21 des 12. Kapitels von dem Verhalten gegenüber anderen Menschen, insbesondere gegenüber den Feinden (vgl. V. 18 „Wenn möglich, soweit es in eurer Macht steht: Haltet Frieden mit allen Menschen!“). Die Verse 1-7 des 13. Kapitel bilden dagegen eine „in sich geschlossene Einheit“ laut Stuhlmacher. Die Verse 1-7 handeln vom Verhalten gegenüber dem Staat. Dieser inhaltliche Neuanfang zeigt sich deutlich an Vers 1a. Mit „jedermann ordne sich den staatlichen Behörden unter, die Macht über ihn haben“ wird das Tor zu einer neuen Situation aufgemacht. Es geht nun nicht mehr um das Verhalten der Menschen untereinander, sondern um die Legitimation der Autorität des Staates. Damit wird der Anfang der Textstelle Röm. 13,1-7 inhaltlich klar vom 12. Kapitel abgegrenzt. Betrachtet man die Syntax, wird diese Abtrennung noch einmal deutlich: Die Verse 17-21 des 12. Kapitels sind größtenteils Aufforderungs- bzw. Befehlssätze. So beginnen die Verse 17 („vergeltet“), 18 b („haltet“), 19 („übt“) und 21 („Lass“) mit einem Imperativ. Auch im Hauptsatz des Verses 20 ist ein Imperativ („gib“) enthalten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der Auslegungsgeschichte von Röm. 13,1-7 ein und definiert das Ziel, die ursprüngliche Intention des Paulus durch Exegese zu klären.
2. Persönliche Annäherung: Der Autor reflektiert sein anfängliches Unverständnis gegenüber der Gehorsamsaufforderung und die spätere Erkenntnis der Ambivalenz des Textes durch intensivere Lektüre.
3. Wissenschaftlich-methodische Exegese: Dies ist der Hauptteil, der den Text durch methodische Einzelschritte – von der Textkritik bis zur theologischen Gesamtdeutung – historisch und inhaltlich erschließt.
3.1 Textkritik: Es werden markante inhaltliche Divergenzen in den Bibelübersetzungen (Zürcher, Luther, Einheitsübersetzung) hinsichtlich Begriffen wie „Obrigkeit“ und „Unterordnung“ aufgezeigt.
3.2 Literarkritik: Dieser Abschnitt untersucht die literarische Struktur, die Abgrenzung zum 12. Kapitel und den inneren Aufbau der Textstelle.
3.3 Form-und Gattungskritik: Der Römerbrief wird als Paränese und in rhetorischen Kontexten verortet, wobei der spezifische „Sitz im Leben“ für die Gemeinde in Rom bestimmt wird.
3.4 Religionsgeschichtliche Fragestellung: Es wird die Verankerung des Textes in der hellenistischen Umwelt und der jüdischen Überlieferung der Diaspora analysiert.
3.5 Wirkungsgeschichte /Rezeptionsgeschichte: Dieser Teil beleuchtet, wie der Text über Jahrhunderte hinweg instrumentalisiert wurde, mit einem Schwerpunkt auf Luthers Zwei-Reiche-Lehre und der Zeit des Nationalsozialismus.
3.6 Sozial-und zeitgeschichtliche Analyse: Die historischen Rahmenbedingungen der Abfassung um das Jahr 56 n. Chr. in Korinth werden betrachtet, um die Situation der christlichen Gemeinde in Rom zu verstehen.
3.7 Einzelexegese: Hier erfolgt eine detaillierte, versweise Auslegung der Verse 1 bis 7, die unter anderem Themen wie Steuerzahlung, göttliche Legitimation und christliches Gewissen behandelt.
3.8 Theologische Gesamtdeutung: Die Einzelergebnisse werden zusammengeführt, wobei die Bestimmung durch das Liebesgebot und die Einordnung in den eschatologischen Horizont betont werden.
4. Schluss: Zusammenfassend wird festgehalten, dass Paulus keinen schrankenlosen Gehorsam fordert, sondern das Handeln der Christen stets an Gottes Wesen – der Liebe – auszurichten ist.
Schlüsselwörter
Röm. 13,1-7, Apostel Paulus, wissenschaftlich-methodische Exegese, Gehorsamsforderung, staatliche Gewalt, Wirkungsgeschichte, Nationalsozialismus, Nächstenliebe, Zorngericht Gottes, Paränese, Römerbrief, christliches Gewissen, Zwei-Reiche-Lehre, politische Autorität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die paulinische Textstelle Röm. 13,1-7, die sich mit dem Verhalten von Christen gegenüber der staatlichen Obrigkeit befasst, und untersucht deren Bedeutung im historischen sowie heutigen Kontext.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die literarische Struktur des Textes, die Bedeutung der staatlichen Autorität aus biblischer Sicht, das Verhältnis von Gehorsam und Widerstand sowie die Auswirkungen der Auslegungsgeschichte.
Welches ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die ursprüngliche Intention des Paulus bei der Verfassung dieses Textes freizulegen und eine korrekte Hermeneutik für den heutigen Leser zu entwickeln, um einen Missbrauch des Textes zu verhindern.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es wird eine wissenschaftlich-methodische Exegese angewandt, die klassische exegetische Schritte wie Textkritik, Literarkritik, Form- und Gattungskritik sowie eine sozial- und zeitgeschichtliche Analyse umfasst.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodische Exegese der Verse 1 bis 7, eine religionsgeschichtliche Einordnung, die Wirkungsgeschichte des Textes und eine theologische Gesamtdeutung, die den Text im Rahmen der christlichen Nächstenliebe verortet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Röm. 13,1-7, Paulus, Exegese, Gehorsam gegenüber dem Staat, Nächstenliebe, Wirkungsgeschichte und das christliche Gewissen.
Warum ist die Unterscheidung zwischen verschiedenen Bibelübersetzungen so wichtig?
Die Arbeit zeigt auf, dass verschiedene Übersetzungen wie die von Luther (begriffliche Prägung durch "Obrigkeit") oder die Zürcher Bibel unterschiedliche Sprach- und Denkzusammenhänge transportieren, die das Verständnis des Urtextes maßgeblich beeinflussen.
Welche besondere Schlussfolgerung zieht die Arbeit hinsichtlich der nationalsozialistischen Auslegung?
Die Arbeit folgert, dass eine missverstandene, rein traditionell-lutherische Auslegung von Röm. 13 während der NS-Zeit dazu führte, dass Christen in den Widerstand gegen Gräueltaten nicht oder nur passiv eingriffen, was die Notwendigkeit einer differenzierten Bibelauslegung unterstreicht.
- Arbeit zitieren
- Dorothee Schaible (Autor:in), 2010, Wissenschaftlich-methodische Exegese: Römer 13,1-7, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168516