Wettkampfangst und Angstbewältigung im Ju-Jutsu

Eine empirische Studie mit Ju-Jutsukas unterschiedlicher Leistungsklassen


Masterarbeit, 2011

120 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und Problemstellung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Ju-Jutsu
2.1.1 Die Selbstverteidigungssportart Ju-Jutsu
2.1.2 Leistungs- und Kampfstruktur im Ju-Jutsu
2.1.3 Psychische Anforderungen im Ju-Jutsu Wettkampfsport
2.2 Angst: Emotionaler Zustand und Persönlichkeitsmerkmal
2.2.1 Definitionen und Konzeptionen von Angst
2.2.2 Bereichsspezifische Angstneigungen
2.2.3 Leistungsangst und Wettkampfängstlichkeit
2.2.4 Komponenten und Dimensionen
2.3 Bewältigung von Angst
2.3.1 Klassifikation von Angstbewältigung
2.3.2 Aktuelle und dipositionelle Angstbewältigung im Vergleich
2.3.3 Aktuelle Angstbewältigung
2.3.3.1 Allgemeine Angstbewältigung
2.3.3.2 Bewältigung von Wettkampfangst
2.3.4 Dispositionelle Angstbewältigung: Modell der Bewältigungsmodi nach Krohne
2.3.4.1 Die Angstbewältigungsmodi
2.3.4.1.1 Sensitivierer
2.3.4.1.2 Represser
2.3.4.1.3 Nichtdefensive
2.3.4.1.4 Fluktuierer
2.3.4.2 Kritik am Modell
2.3.4.3 Zur Messung des Angstbewältigungsmodus
2.4 Diagnostische Erfassung von Angstreaktionen

3 Fragestellung und Hypothesen

4 Methode
4.1 Stichprobe
4.2 Operationalisierung
4.2.1 Unabhängige Variablen
4.2.2 Abhängige Variablen
4.3 Instrumente
4.3.1 Objektivität
4.3.2 Reliabilität
4.3.2.1 Interne Konsistenz
4.3.2.2 Retest-Reliabilität
4.3.3 Validität
4.3.4 Normierung des WAI-T
4.3.5 Referenzwerte des WAI-B
4.4 Randomisierung
4.5 Statistische Hypothesen
4.6 Versuchsablauf
4.7 Statistik
4.8 Methodenkritik

5 Ergebnisse
5.1 Deskriptive Datenanalyse
5.1.1 Ergebnisse des WAI-T Fragebogen
5.1.1.1 Somatische Wettkampfängstlichkeit
5.1.1.2 Besorgnis
5.1.1.3 Konzentrationsstörung
5.1.2 Ergebnisse des WAI-B Fragbogen
5.1.2.1 Vigilanz
5.1.2.2 Kognitive Vermeidung
5.1.2.3 Angstbewältigungsmodi
5.2 Inferenzstatistische Datenanalyse
5.2.1 Voraussetzungen
5.2.1.1 Prüfung auf Normalverteilung
5.2.1.2 Prüfung auf Homogenität der Varianzen
5.2.1.3 Unabhängigkeit der Beobachtungen
5.2.1.4 Intervallskalierung
5.2.2 Signifikanzprüfung der Hypothese 1
5.2.3 Signifikanzprüfung der Hypothese 2
5.2.4 Signifikanzprüfung der Hypothese 3
5.2.5 Signifikanzprüfung der Hypothese 4
5.2.6 Signifikanzprüfung der Hypothese 5
5.2.7 Signifikanzprüfung der Hypothese 6

6 Diskussion
6.1 Vergleich mit Normwerten
6.2 Diskussion und Interpretation der Ergebnisse
6.3 Ausblick

7 Literaturverzeichnis

8 Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Begriffliche Ebenen zur Beschreibung von Angstbewältigung

Abbildung 2: Hypothetische Beziehungen zwischen den Komponenten einer Gefahrensituation, unmittelbaren Gefühlszuständen, Angstreaktionen und Bewältigungsverhalten

Abbildung 3: Unabhängige und abhängige Variablen der Untersuchung

Abbildung 4: Boxplot der Komponente „somatische Ängstlichkeit“ des WAI-T differenziert nach Leistungsklassen

Abbildung 5: Boxplot der Komponente „Besorgnis“ des WAI-T differenziert nach Leistungsklassen

Abbildung 6: Boxplot der Komponente „Konzentrationsstörung“ des WAI-T differenziert nach Leistungsklassen

Abbildung 7: Boxplot der Komponente „Vigilanz“ des WAI-B differenziert nach Leistungsklassen

Abbildung 8: Boxplot der Komponente „kognitive Vermeidung“ des WAI-B differenziert nach Leistungsklassen

Abbildung 9: Prozentuale Aufteilung der Wettkampfangst-Bewältigungsmodi innerhalb der unterschiedlichen Leistungsklassen

Abbildung 11: Häufigkeitsverteilung der WAI-T Komponente „somatische Ängstlichkeit“ in der A-Kader Gruppe

Abbildung 12: Häufigkeitsverteilung der WAI-T Komponente „somatische Ängstlichkeit“ in der B-Kader Gruppe

Abbildung 13: Häufigkeitsverteilung der WAI-T Komponente „somatische Ängstlichkeit“ in der Breitensport-Gruppe

Abbildung 14: Häufigkeitsverteilung der WAI-T Komponente „Besorgnis“ in der A-Kader Gruppe

Abbildung 15: Häufigkeitsverteilung der WAI-T Komponente „Besorgnis“ in der B-Kader Gruppe

Abbildung 16: Häufigkeitsverteilung der WAI-T Komponente „Besorgnis“ in der Breitensport-Gruppe

Abbildung 17: Häufigkeitsverteilung der WAI-T Komponente „Konzentrationsstörung“ in der A-Kader Gruppe

Abbildung 18: Häufigkeitsverteilung der WAI-T Komponente „Konzentrationsstörung“ in der B-Kader Gruppe

Abbildung 19: Häufigkeitsverteilung der WAI-T Komponente „Konzentrationsstörung“ in der Breitensport-Gruppe

Abbildung 20: Häufigkeitsverteilung der WAI-B Komponente „Vigilanz“ in der A-Kader Gruppe

Abbildung 21: Häufigkeitsverteilung der WAI-B Komponente „Vigilanz“ in der B-Kader Gruppe

Abbildung 22: Häufigkeitsverteilung der WAI-B Komponente „Vigilanz“ in der Breitensport-Gruppe

Abbildung 23: Häufigkeitsverteilung der WAI-B Komponente „kognitive Vermeidung“ in der A-Kader Gruppe

Abbildung 24: Häufigkeitsverteilung der WAI-B Komponente „kognitive Vermeidung“ in der B-Kader Gruppe

Abbildung 25: Häufigkeitsverteilung der WAI-B Komponente „kognitive Vermeidung“ in der Breitensport-Gruppe

Abbildung 26: Prozentuale Aufteilung der Wettkampfangstbewältigungsmodi innerhalb des A-Kaders differenziert nach Geschlecht

Abbildung 27: Prozentuale Aufteilung der Wettkampfangstbewältigungsmodi innerhalb des B-Kaders differenziert nach Geschlecht

Abbildung 28: Prozentuale Aufteilung der Wettkampfangstbewältigungsmodi innerhalb der Gruppe der Breitensportler differenziert nach Geschlecht

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Skalen und Beispielitems des WOCQ

Tabelle 2: Angstbewältigungsmodi und entsprechende Konfiguration nach Krohne

Tabelle 3: Mittelwerte und Standardabweichungen des Alters der Untersuchungsteilnehmer differenziert nach dem Geschlecht

Tabelle 4: Mittelwerte und Standardabweichungen des Alters bezüglich der teilnehmenden Personen differenziert nach Geschlecht und Leistungsklasse

Tabelle 5: Interne Konsistenzen (Cronbach-a) der WAI-T-Skalen

Tabelle 6: Retest-Korrelation (Stabilität) der WAI-T Skalen

Tabelle 7: Orientierungswerte für Wettkampfangstbewältigungsstile zur Eingruppierung in Wettkampfangstbewältigungsmodi

Tabelle 8: Mittelwert und Standardabweichung der Komponente „somatische Ängstlichkeit“ des WAI-T differenziert nach Leistungsklassen und Geschlecht

Tabelle 9: Mittelwert und Standardabweichung der Komponente „Besorgnis“ des WAI-T differenziert nach Leistungsklassen und Geschlecht

Tabelle 10: Mittelwert und Standardabweichung der Komponente „Konzentrationsstörung“ des WAI-T differenziert nach Leistungsklassen und Geschlecht

Tabelle 11: Mittelwert und Standardabweichung der Komponente „Vigilanz“ des WAI-B differenziert nach Leistungsklassen und Geschlecht

Tabelle 12: Mittelwert und Standardabweichung der Komponente „kognitive Vermeidung“ des WAI-B differenziert nach Leistungsklassen und Geschlecht

Tabelle 13: Anzahl der Zuordnung zu den Angstbewältigungsmodi differenziert nach Leistungsklassen

Tabelle 14: Signifikanzprüfung der Komponente „somatische Ängstlichkeit“

Tabelle 15: Signifikanzprüfung der Komponente „Besorgnis“

Tabelle 16: Signifikanzprüfung der Komponente „Konzentrationsstörung“

Tabelle 17: Signifikanzprüfung der Komponente „Vigilanz“

Tabelle 18: Signifikanzprüfung der Komponente „kognitive Vermeidung“

Tabelle 19: Kreuztabelle der Komponente „Konzentrationsstörung“

Tabelle 20: Signifikanzprüfung (Chi-Quadrat-Tests) der Komponente „Konzentrationsstörung“

Tabelle 22: Signifikanzprüfung (Exakter Test nach Fisher) der Komponente „Konzentrationsstörung“

Tabelle 23: Mittelwerte und Standardabweichung der Komponenten des WAI-T innerhalb der Normstichprobe

Tabelle 24: Häufigkeitsverteilung der WAI-T Komponente „somatische Ängstlichkeit“ in der A-Kader Gruppe

Tabelle 25: Häufigkeitsverteilung der WAI-T Komponente „somatische Ängstlichkeit“ in der B-Kader Gruppe

Tabelle 26: Häufigkeitsverteilung der WAI-T Komponente „somatische Ängstlichkeit“ in der Breitensport- Gruppe

Tabelle 27: Häufigkeitsverteilung der WAI-T Komponente „Besorgnis“ in der A-Kader Gruppe

Tabelle 28: Häufigkeitsverteilung der WAI-T Komponente „Besorgnis“ in der B-Kader Gruppe

Tabelle 29: Häufigkeitsverteilung der WAI-T Komponente „Besorgnis“ in der Breitensport Gruppe

Tabelle 30: Häufigkeitsverteilung der WAI-T Komponente „Konzentrationsstörung“ in der A- Kader Gruppe

Tabelle 31: Häufigkeitsverteilung der WAI-T Komponente „Konzentrationsstörung“ in der B- Kader Gruppe

Tabelle 32: Häufigkeitsverteilung der WAI-T Komponente „Konzentrationsstörung“ in der Breitensport-Gruppe

Tabelle 33: Häufigkeitsverteilung der WAI-B Komponente „Vigilanz“ in der A- Kader Gruppe

Tabelle 34: Häufigkeitsverteilung der WAI-B Komponente „Vigilanz“ in der B- Kader Gruppe

Tabelle 35: Häufigkeitsverteilung der WAI-B Komponente „Vigilanz“ in der Breiten- Gruppe

Tabelle 36: Häufigkeitsverteilung der WAI-B Komponente „kognitive Vermeidung“ in der A- Kader Gruppe

Tabelle 37: Häufigkeitsverteilung der WAI-B Komponente „kognitive Vermeidung“ in der B- Kader Gruppe

Tabelle 38: Häufigkeitsverteilung der WAI-B Komponente „kognitive Vermeidung“ in der Breitensport-Gruppe

Tabelle 39: Kolmogorov-Smirnov-Anpassungstest A-Kader

Tabelle 40: Kolmogorov-Smirnov-Anpassungstest B-Kader

Tabelle 41: Kolmogorov-Smirnov-Anpassungstest Breitensportler

Tabelle 42: Levene-Test auf Gleichheit der Fehlervarianzen bezogen auf die abhängige Variable „somatische Ängstlichkeit“

Tabelle 43: Levene-Test auf Gleichheit der Fehlervarianzen bezogen auf die abhängige Variable „Besorgnis“

Tabelle 44: Levene-Test auf Gleichheit der Fehlervarianzen bezogen auf die abhängige Variable „Konzentrationsstörung“

Tabelle 45: Levene-Test auf Gleichheit der Fehlervarianzen bezogen auf die abhängige Variable „Vigilanz“

Tabelle 46: Levene-Test auf Gleichheit der Fehlervarianzen bezogen auf die abhängige Variable „kognitive Vermeidung“

Tabelle 47: Zuordnung des Verhältnisses von Vigilanz und kognitiver Vermeidung zu den Angstbewältigungsmodi

Anhangsverzeichnis

Anhang I: Häufigkeitsverteilungen der WAI-T Komponente „somatische Ängstlichkeit“

Anhang II: Häufigkeitsverteilungen der WAI-T Komponente „Besorgnis“

Anhang III: Häufigkeitsverteilungen der WAI-T Komponente „Konzentrationsstörung“

Anhang IV: Häufigkeitsverteilungen der WAI-B Komponente „Vigilanz“

Anhang V: Häufigkeitsverteilungen der WAI-B Komponente „kognitive Vermeidung“

Anhang VI: Häufigkeitsverteilung der Wettkampfangst-Bewältigungsmodi differenziert nach Geschlecht

Anhang VII: Test auf Normalverteilung

Anhang VIII: Levene-Tests auf Gleichheit der Fehlervarianzen

Anhang IX: Zuordnung der Angstbewältigungsmodi

Anhang X: Fragebogen WAI-T

Anhang XI: Fragebogen WAI-B

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung und Problemstellung

Nach offiziellen Angaben des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), waren im Jahr 2009 in der Bundesrepublik Deutschland 25.305.198 Sporttreibende in den Vereinen und damit auch in den entsprechenden nationalen Sportverbänden organisiert.1 Hiervon war ein sehr geringer Anteil dem Leistungs- und Hochleistungsbereich zuzuordnen. Nach Angaben des DOSB wurden im Jahr 2008 7920 Athletinnen und Athleten mit Kaderstatus geführt2. Der Deutsche Ju-Jutsu Verband e.V. (DJJV) zählte im Jahr 2009 54.594 Mitglieder3, darunter 67 Athletinnen und Athleten mit A-, B- oder C-Kaderstatus4. Nur zehn Sportlerinnen und Sportler waren dem A-Kader zugehörig, d.h. sie gehörten der internationalen Weltspitze in der entsprechenden Disziplin bzw. Gewichtsklasse an.

Die Laufbahn eines Spitzensportlers gestaltet sich sehr langwierig. Dauerhafter, meist jahre- oder gar jahrzehntelanger persönlicher Einsatz im Training und Wettkampf müssen erbracht werden. Hinzu kommen die Schwierigkeiten und Entbehrungen im Alltag, die dieser Weg zum sportlichen Erfolg, mit sich bringt. Vor diesem Hintergrund scheint es nicht verwunderlich, dass nur sehr wenige Athleten in ihrer Sportart den Weg an die internationale Spitze finden bzw. auch bereit sind ihn zu gehen.

Je nach Sportart sind neben den physischen auch hohe psychische Anforderungen erforderlich. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Kunath stellte bereits 1972 vor dem Hintergrund, dass die psychologische Analyse große Unterschiede im Anforderungsprofil diverser Sportartengruppen und spezieller Disziplinen erbringt, die Frage, ob sich sportartspezifische psychische Eigenschaftsprofile objektivieren und sportartbezogene Eigenschaftsstrukturen bei Sportlern mit hohem Leistungsniveau ermitteln lassen5.

Heckele konstatierte 2005 in Bezug auf das Training der mentalen Fähigkeiten im Ju- Jutsu, dass die „realistische Erwartungshaltung, der Wille und die Ängste des Athleten [...] eine wesentliche Rolle bei der Bewältigung sportlicher Aufgaben und der Erreichung von persönlichen Zielen“6 spielen. Die psychischen Leistungsvoraussetzungen des einzelnen Athleten können das Wettkampfergebnis empfindlich beeinflussen und über Sieg oder Niederlage entscheiden. Heckele nimmt eine Einteilung in zwei Bereiche, welche eng miteinander verknüpft sind und sich vielfach überschneiden, vor. Zum einen werden die psychischen Voraussetzungen der Ju-Jutsu Techniken im Training und Wettkampf der Disziplin Fighting und zum anderen die psychischen Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Bewältigung der Wettkampfbelastungen und –anforderungen, als leistungsrelevant angesehen7. Hier stellt sich die Frage, ob zwischen den Athleten dispositionale Unterschiede existieren. Das Wissen um die stabilen Persönlichkeitseigenschaften des Athleten kann als Grundvoraussetzungen angesehen werden:

„Eine sorgfältige und zutreffende Diagnostik der psychischen Leistungsvoraussetzungen stellt eine entscheidende Grundlage dafür dar, sportpsychologische Interventionen im Leistungssport professionell und effektiv zu gestalten.“8

Hierauf aufbauend ergeben sich für den Sportpsychologen und den psychologisch orientiert arbeitenden Trainer verschiedene Betreuungsansätze. Die sportpsychologische Betreuung hat die situationsgerechte- und anforderungsgerechte Entwicklung, Stabilisierung und Optimierung der sportlichen Spitzenleistung zum Ziel. Das Erbringen der optimalen Leistung zum definierten Zeitpunkt steht im Mittelpunkt der Arbeit mit dem Athleten9. Warum lässt sich die Topleistung nicht einfach zum Jahreshöhepunkt abrufen? Warum „versagen“ Sportler in Drucksituation auf großen Wettkämpfen?

Auch im Bundeskader des Deutschen Ju-Jutsu Verbandes e.V. sind Athleten nicht in der Lage ihre individuelle Höchstleistung zum Jahreshöhepunkt abzurufen; stellenweise blieben Athleten deutlich hinter ihren Möglichkeiten zurück. Auf Nachfrage ist hin und wieder von „Angst“ und von der „Tatsache“ die Rede, dass einige Sportler besser damit klarkommen, als andere. Nichtsdestotrotz werden Gespräche unter den Athleten über „Angst“ - besonders in der Disziplin Fighting - vermieden. Dies mag vor dem Hintergrund insoweit logisch erscheinen, dass es sich um eine Wettkampfsportart handelt, in der der „Kampf“, mit allen männlich-dominanten Merkmalen, im wörtlichen Sinne ausgetragen wird. Ein Eingestehen von Angst vor anderen Athleten kommt in der eigenen Wahrnehmung einem Verlust an Männlichkeit gleich.

Dies stellt den Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit dar. Gibt es Unterschiede in der Ausprägung der Wettkampfängstlichkeit zwischen unterschiedlichen Leistungsgruppen? Unterscheiden sich hier die international erfolgreichen Topathleten von den Übrigen? Werden diese Ängste von den Athleten unterschiedlich wahrgenommen und bewältigt?

Um sich diesen Fragestellungen zu nähern, werden in den nächsten Kapiteln Strukturen psychischer und physischer Natur beschrieben, mit denen sich ein Ju-Jutsuka10 konfrontiert sieht. Es soll deutlich gemacht werden, welche Anforderungen ein Ju-Jutsuka bewältigen und mit welchen objektiven Schwierigkeiten er sich auseinandersetzen muss.

Anschließend wird die Theorie der Wettkampfangst und der Wettkampfängstlichkeit beschrieben und auf Möglichkeiten der bereichsspezifischen Messung eingegangen. In einem nächsten Schritt rückt die Theorie der Angstbewältigungsmodi nach Krohne sowie und deren Messung im Wettkampfsport in den Fokus der Betrachtung.

Ausgehend von den oben genannten Zahlen und Fragestellungen, soll diese Arbeit die psychologischen Unterschiede in der Wahrnehmung der Wettkampfängstlichkeit und der Wettkampfangstbewältigung zwischen den Sportlergruppen verschiedener Leistungsstärken im Ju-Jutsu aufzeigen. Es wird herausgearbeitet, ob Unterschiede zwischen A- Kaderathleten, B-Kaderathleten und Breitensportlern bestehen.

Es werden Probandengruppen aus weiblichen und männlichen Ju-Jutsukas (Spitzensportler und Breitensportler) der Disziplin Fighting, welche 2010 den angegeben Kaderstatus innehaben und ihre Wettkampfkarrieren noch nicht beendet haben, untersucht. Dabei ist anzumerken, dass alle untersuchten Kadersportler über mehrjährige- bis hin zu jahrzentelanger Trainings- und Wettkampferfahrung verfügen. Wo eventuelle Ursachen für bestimmte Angstbewältigungsmodi zu suchen sind, lässt sich nur vermuten und kann im begrenzten Rahmen dieser Arbeit nicht geklärt werden.

Es ergeben sich aus dem bisher Gesagten für die vorliegende Arbeit folgende Fragestellungen:

Unterscheiden sich A-Kaderathleten, B-Kaderathleten und Breitensportler in Bezug auf die Wettkampfängstlichkeit? Wenn ja, wie?

Unterscheiden sich A-Kaderathleten, B-Kaderathleten und Breitensportler in Bezug auf den Modus der Wettkampfangstbewältigung? Wenn ja, wie?

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Ju-Jutsu

2.1.1 Die Selbstverteidigungssportart Ju-Jutsu

Ju-Jutsu ist eine moderne Art der Selbstverteidigung, die Elemente verschiedender Selbstverteidigungssysteme und Zweikampfsportarten kombiniert und weiterentwickelt hat. Im Mittelpunkt steht die Verteidigung im Sinne eines Selbstverteidigungssystems, wohingegen Ju-Jutsu als Sportart weitaus weniger verbreitet ist11. Diese Beschreibung wird der noch jungen Wettkampfsportart Ju-Jutsu allerdings nicht gerecht.

Heckele12 beschreibt Ju-Jutsu als eine moderne Selbstverteidigung und Zweikampfsportart, in der Elemente unterschiedlicher Zweikampfsport- und Selbstverteidigungssysteme vereint bzw. weiterentwickelt wurden. Ju-Jutsu ist ein sich ständig anpassendes System, das sich den aktuellen Gegebenheiten der Selbstverteidigung und des Zweikampfes öffnet und diese annimmt.

Der sportliche Zweikampf des Ju-Jutsu ist die Disziplin Fighting. Die Auseinandersetzung erfolgt im Leichtkontakt und gliedert sich in drei Teilbereiche. Im ersten Teilbereich (Part eins) sind Stoß-, Schlag- und Tritttechniken im Leichtkontakt erlaubt. Der zweite Teilbereich (Part zwei) besteht aus Würfen und Übergängen in die Bodenlage. Hier schließt sich unmittelbar der dritte Teilbereich (Part drei) an. Die Inhalte dieses Teilbereiches sind Festlege- und Würgetechniken, sowie Beuge- und Streckhebel. Im zweiten und dritten Teilbereich sind Schlag-, Stoß- und Tritttechniken ausnahmslos verboten und führen zu sofortiger Bestrafung. In der Disziplin Fighting existieren nur zwei Wertungen: Die Wertung „Ippon“ entspricht zwei Punkten und die Wertung „Waza-Ari“ hat die Wertigkeit von einem Punkt.

Die Kampfzeit beträgt eine Runde über drei Minuten. Der Kampf wird von einem Hauptkampfrichter und zwei Nebenkampfrichtern, welche sich alle auf der Matte befinden, geleitet. Die Punkte werden vom Tischkampfrichter auf die Anzeigetafel übertragen. Ein vorzeitiger Kampfgewinn ist nur über „full ippon“ („Ippon“ in allen Teilbereichen) möglich.13

Das „Duo-System“ ist eine weitere Form des sportlichen Wettkampfes, bei welcher paarweise gegeneinander gekämpft wird. Beide Paare demonstrieren pro Kampf hochwertige Abwehrkombinationen gegen vorgegeben Angriffe, welche aus einem Pool von 20 Angriffen ausgewählt werden. Die 20 Angriffe unterteilen sich in 4 Serien zu je 5 Angriffen. Pro Serie demonstriert das Duo-Paar 3 zufällig ausgewählte Angriffe, welche von den Punkterichtern von 0 bis 10 bewertet werden. Die Punkte aus jeder Serie werden zur Gesamtpunktzahl hinzuaddiert. Nach vier Serien gewinnt das Paar mit der höheren Gesamtpunktzahl14.

2.1.2 Leistungs- und Kampfstruktur im Ju-Jutsu

Generell gilt, dass sich die Leistungsentwicklung eines Athleten in enger Abhängigkeit vom Maß und der Steigerung, sowie der qualitativen methodischen Ausgestaltung der Belastungsanforderungen vollzieht. Für das Erreichen der optimalen sportlichen Leistung ist die richtige Ziel- und Aufgabenstellung unabdingbar. Diese steht in direkter Abhängigkeit von den konkreten Anforderungen der Wettkampfdisziplin, dem individuellen Ausbildungsstand, der Wahl der Trainingsübungen und – methoden, sowie dem richtigen Verhältnis von Belastungsintensität und –umfang.15 Als Voraussetzung für eine hohe Trainings- und Wettkampfbelastung sieht Harre eine hohe Leistungsbereitschaft und „das Interesse und die Begeisterung für die leistungssportliche Tätigkeit und insbesondere für die ausgewählte Disziplin“16. Speziell für das Ju-Jutsu beschreibt Heckele die Leistungsanforderungen der Disziplin Fighting, in welche das hypothetische Anforderungsprofil von Heckele17 eingebaut wurde. Die Leistungsanforderungen unterteilt Heckele18 wie folgt:

1. Konstitutionelle, anthropometrische Merkmale,
2. Technik,
3. Kondition mit den sportmotorischen Fähigkeiten Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit,
4. Beweglichkeit,
5. Taktik und
6. Psyche.

Zur Lösung der im Kampf gestellten Aufgabe, die sich in der Auseinandersetzung mit einem sportlichen Gegner äußert, bedient sich der Ju-Jutsuka verschiedener technischer und taktischer Handlungen, welche sich gegenseitig bedingen19. Durch diese bestehende Wechselwirkung ergibt sich die Konsequenz, das von Beginn an im Rahmen des Trainingsprozesses auf die Einheit von technischem und taktischem Fortschritt zu achten ist. Handlungsketten und Handlungskomplexe bilden hier den zentralen Baustein. Reaktions- und Handlungsmuster des Gegners müssen berücksichtigt und vorausgesagt werden können. Der Gegner kann zu Handlungen veranlasst werden, die selbst zum Vorteil genutzt werden können. Mit Hilfe differenzierter Taktiken kann ein vermeintlich stärkerer Kontrahent unter Druck gesetzt und zu Fehlern verleitet werden, so dass ein Sieg errungen werden kann20.

Auf höchstem Niveau ist davon auszugehen, dass alle Athleten körperlich und technisch ähnlich stark ausgebildet sind, so dass die „die Psyche […] gemeinsam mit der Taktik das entscheidende Leistungsmerkmal, das über Sieg und Niederlage entscheidet“21, ist.

2.1.3 Psychische Anforderungen im Ju-Jutsu Wettkampfsport

Grundsätzlich gilt, dass „jede Sportart […] nicht nur Anforderungen an körperliche, sondern auch an psychische Leistungsvoraussetzungen“22 stellt. Das erfolgreiche Bewältigen von Trainings- und Wettkampfaufgaben setzt bestimmte psychische Eigenschaften der Persönlichkeit voraus:

„Als personale Voraussetzungen für sportliches Tun und Leisten erweisen sich somit allgemeine und spezielle psychische Eigenschaften, die in vielfältigen strukturellen Verknüpfungen als individuelle Persönlichkeitsstruktur zu erfassen sind, sich entsprechend der Spezifik der Anforderungen und vor allem mit steigendem Leistungsniveau ausdifferenzieren und entwickeln und somit gleichzeitig in diesem dialektischen Prozess objektives Ergebnis der sportlichen Tätigkeit sind. “23

Für die artverwandte Kampfsportart Judo werden von Lehmann und Müller-Deck24 die Leistungsvoraussetzungen in vier Bereiche von psychischen Wettkampfeigenschaften zusammengefasst:

1. Wettkampfhärte und Mut, wozu das Überwinden von Schmerzen, das konsequente Auseinandersetzen mit gleichstarken und stärkeren Gegnern und das Training oftmals in der Nähe der persönlichen Leistungsgrenze gehören.
2. Selbstvertrauen, was beharrlichen Üben, das realistische Einschätzen der eigenen Leistung und das Übernehmen von Teilaufgaben im Training (z.B. Leiten des Aufwärmens oder die Tätigkeit als Kampfrichter) beinhaltet.
3. Risikobereitschaft, charakterisiert als konsequente Erfüllung von Trainingsaufgaben und das Anwenden von Judotechniken bei gleichstarken oder stärkeren Gegnern.
4. Beobachtungsfähigkeit zum Einschätzen von Kampfsituationen.

Eberspächer, Clemens, Birod und Bischof25 führen für die artverwandte Kampfsportart Judo aus, dass die im Wettkampf auftretenden Stresssymptomatiken auf hohe psychologische Beanspruchungs- und Belastungsintensitäten hinweisen. Eine ständig situationsadäquate Regulation der Wechselbeziehungen zwischen Person und Umwelt sowohl zwischen als auch innerhalb der beteiligten Personen ist zur Verwirklichung des optimalen Kämpfens nötig. Bei Nichtgelingen dieser Regulation empfindet der Judoka den Kampf im Extremfall als „unrund“. Unter Regulation wird in diesem Zusammenhang die rückgekoppelte Veränderung von Person-Umwelt-Wechselbeziehung verstanden, die je nach Instanz der Rückkopplung als Selbst- oder Fremdregulation bezeichnet wird.

Werden auftretende Anforderungen als belastend erlebt und gerät die Auseinandersetzung des Sportlers mit sich selbst oder den Anforderungen der Person- Umwelt-Wechselbeziehungen aus dem Gleichgewicht und kann nicht wieder hergestellt werden, wird die Regulation problematisch. Das Erleben ungewisser Handlungsausgänge bei hohen Erwartungen ist eine im Judo typische, als belastend empfundene Situation. Der Judoka empfindet Hilflosigkeit, wenn unerwartete Ereignisse bei schwach ausgeprägten Bewältigungsstrategien und geringer Überzeugung in die eigenen Handlungsmöglichkeiten, auftreten.26

Im Judowettkampf sehen Eberspächer et al.27 drei Stadien, in welchen entschieden wird, ob das subjektive Verhalten eher als Überlegenheit oder als Hilflosigkeit empfunden wird: das Verhalten vor dem Kampf, bei Kampfbeginn und während des Kampfes. So ist z.B. Ein Kräftemessen beim ersten Abtasten entscheidend, wenn sich zeigt, wie der Gegner auf die Fassart, auf Zug und Druck reagiert und eigene Aktionen einleitet. Das Gefühl der Hilflosigkeit kann auch eintreten, wenn die eigene Spezialtechnik mehrmals ohne Wirkung eingesetzt wird, der Gegner immer besser verteidigt und so die Gefahr eines Gegenangriffes wächst. Als Folge hiervon kann die ungünstige Entwicklung des Wurfansatzes und das Aufkeimen der Angst vor einer Kontertechnik gesehen werden. Panik, Hilflosigkeit, kopfloses und halbherziges Handeln, mangelndes Selbstvertrauen und Resignation können das Ergebnis sein.

In Anlehnung an Lazarus28 werden die Weisen, wie ein Judoka eine gegebene Situation wahrnimmt und bewertet, von Eberspächer et al.29 formal in drei Klassen von Bewertungsprozessen unterteilt: die erste und zweite Abschätzung und die Neuabschätzung. Personen bewerten, in der Wechselbeziehung mit ihrer Umwelt, Wahrnehmungen immer hinsichtlich ihrer Wichtigkeit für die gegenwärtigen Bedürfnisse, Erwartungen und Ziele, um situationsangemessen reagieren zu können. In der ersten Abschätzung prüft der Judoka, ob die Situation, die auf den Sportler zukommt, wichtig oder unwichtig ist. Innerlich überprüft er, ob die Konsequenzen vorteilhaft oder unvorteilhaft, leicht oder schwer zu bewältigen sind. Die Folge hiervon ist ein mehr oder weniger intensiv erlebter Gefühlszustand, der mit einem oft stark gesteigerten psychologischen Aktivationsniveau einhergehen kann. Dies wird auch als Vorstartzustand bezeichnet30. Im weiteren Kampfverlauf ist nun nicht entscheidend dass „eine psychische Belastung (Streß und Angst etc.) erlebt wird, sondern wie sich der Betroffene damit auseinandersetzt, d.h. wie er sein Wahrnehmen, Verhalten, Handeln und Erleben reguliert“31. Besonders negative Auswirkungen für Kampfsportarten sieht Loosch32 im Faktor Angst: „Angst wirkt sich in jedem Falle auf die koordinativen Leistungen, z.B. in der Technikdurchführung aus.“ Ein wichtiger Aspekt einer entspannten und lockeren Kampfesführung ist demnach das „Geschehenlassen“. Hier ist die Konzentration nicht auf den Sieg sondern auf die technische Beherrschung der Situation und des Gegners gerichtet.33

In einem zweiten Abschätzungsprozess prüft der Athlet, welche Handlungsmöglichkeiten zur Bewältigung der antizipierten Bedrohung zur Verfügung stehen. Dies ist nach Eberspächer et al.34 direktes, instrumentelles Handeln und / oder Probehandeln. Im Rahmen der direkten Handlungsmöglichkeiten hat der Kämpfer drei Möglichkeiten. Er kann

1. die Initiative ergreifen, sich vornehmen, engagiert und kompromisslos zu kämpfen, anzugreifen und seinem Gegner den eigenen Kampfstil aufzuzwingen, um so den Kampf zu gewinnen,
2. z.B. durch Vortäuschen einer Verletzung, die Flucht ergreifen oder
3. sich nicht zwischen Angriffsverhalten und Fluchtreaktion entscheiden und passiv bleiben.

Oftmals ist es aus situativen Gründen nicht möglich, instrumentell zu handeln. Der Sportler ist dann auf kognitive Prozesse, auf Probehandeln angewiesen. Er versucht so den erlebten Konflikt zwischen Angriff und Flucht in Gedanken auszutragen, so dass er wieder ins Gleichgewicht kommt. Für den Kämpfer bestehen hierzu Möglichkeiten in der Aufmerksamkeitsveränderung (Verschieben und / oder Fokussieren der Aufmerksamkeit, Relativieren des Wahrgenommen Ereignisses) und in Suchstrategien, um mögliche Lösungen der Situation zu finden. Schließlich wird unter dem Punkt Neuabschätzung entschieden, ob die Belastungssituation bewältigt werden konnte.35

Heckele36 verweist im Rahmen des psychologisch orientierten Trainings im Ju-Jutsu auf kognitive Fähigkeiten und Fertigkeiten wie Wahrnehmungen, Aufmerksamkeit und Konzentration, Gedächtnis, Vorstellungen und Denkprozesse, sowie die Intelligenz. Darüber hinaus werden die Motivation, die Motive, die realistische Erwartungshaltung, der Wille und nicht zuletzt die Ängste des Athleten als leistungsrelevant für das Bewältigen sportlicher Aufgaben angesehen37.

In Bezug auf die psychischen Leistungsvoraussetzungen im Ju-Jutsu Fighting nimmt Heckele38 wie Eingangs erwähnt eine Einteilung in zwei Teilbereich vor, welche nicht streng voneinander zu trennen sind:

1. Die psychischen Voraussetzungen in Training und Wettkampf und
2. die psychischen Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Bewältigung von Wettkampfbelastungen und – anforderungen.

Bezogen auf das Thema dieser Arbeit kann die Wettkampfängstlichkeit als dispositionale Persönlichkeitseigenschaften dem ersten Teilbereich, den psychischen Voraussetzungen zugeordnet werden. Dagegen findet die Art und Weise der Angstbewältigung, Krohne39 spricht hier von dem Angstbewältigungsmodus, sich als psychische Fähigkeit tendenziell im zweiten Bereich wieder.

2.2 Angst: Emotionaler Zustand und Persönlichkeitsmerkmal

Die Beschäftigung mit der Angst hat in der Wissenschaftsdisziplin der Sportpsychologie eine lange Tradition und ist vermutlich in diesem Rahmen eine der meist untersuchten Emotionen40.

Im Folgenden werden nach einigen grundlegenden Klärungen zum Konstrukt Angst, besondere Aspekte und Zusammenhänge diese Basisemotion mit sportlicher Aktivität näher betrachtet.

2.2.1 Definitionen und Konzeptionen von Angst

Der Terminus „Angst“ wird im täglichen Sprachgebrauch für unterschiedliche Situationen und Aspekte der Gefühlregungen gebraucht.

Krohne41 unterscheidet zwei Komponenten: Angst, als ein aktuell empfundener Zustand einer Person (State-Angst) und Angst als Persönlichkeitsmerkmal (Trait-Angst), welches auch als Ängstlichkeit oder Eigenschaftsangst bezeichnet wird.

Die State- oder Zustandsangst ist „ein mit bestimmten Situationsveränderungen intraindividuell variierender affektiver Zustand des Organismus, der durch erhöhte Aktivität des autonomen Nervensystems sowie durch die Selbstwahrnehmung von Erregung, das Gefühl des Angespanntseins, ein Erlebnis des Bedrohtwerdens und verstärkte Besorgnis gekennzeichnet ist“42. Diese Bedrohung kann von Konkretem wie auch Vorgestelltem ausgehen und sich auf Objekte, Werte und Ideen beziehen43. So kann ein Sportler Angst vor Würfen auf einem härteren Untergrund oder vor dem Versagen in einem entscheidenden Kampf haben, wobei es unerheblich ist, ob der Misserfolg auch wirklich eintritt.

Der Angstzustand ist, wie jeder emotionale Zustand, durch spezifische Ausprägungen auf physiologischen, verhaltensmäßig-expressiven und subjektiven Parametern gekennzeichnet44. Nach der Beschreibung von Spielberger45 ist Angst durch einen Zustand der „durch erhöhte Aktivität des autonomen Nervensystems sowie durch die Selbstwahrnehmung von Erregung, das Gefühl des Angespanntseins, ein Erlebnis des Bedrohtwerdens und verstärkte Besorgnis gekennzeichnet“46. Eine Person, die Angst hat, erlebt eine meist als unangenehme empfundene Erregung, die mit Bewertungen und auf die eigene Person bezogene Gedanken einhergeht. Auf der physiologischen Ebene zeigen sich Veränderungen wie Erblassen, kalte Hände, Harndrang, Schwitzen, erhöhte Muskelspannung, erhöhte Atemfrequenz und / oder verstärkte Ausschüttung von Adrenalin und Noradrenalin. Verhaltenstechnisch können Neigungen zu Flucht- oder Vermeidungsverhalten auftreten. Im Sport können auf dieser Ebene die charakteristische Mimik von Athleten, Verkrampfungen, gestörte Koordination aber auch gesteigerte Reflexe beobachtet werden47.

Die Emotion Angst wird im Allgemeinen in einem negativen Bilde gesehen, was angesichts der Tatsache, dass Angst in einem gewissen Maße als angenehm empfunden wird, nur bedingt richtig erscheint. Darüber hinaus hat Angst auch eine positive Aktivierungs- und Sicherungsfunktion. Sie befähigt das Individuum in gefährlichen Situationen zu schnellen Reaktionen und verhindert, dass sich die Person Situationen aussetzt, die den aktuellen Könnens- bzw. Leistungsstand übersteigen48.

Für die Mehrzahl der Forscher wird Angst durch spezifische Hinweisreize bzw. durch die Interpretation der vorliegenden situativen Bedingungen durch die Person ausgelöst49. Demnach entsteht Angst, wenn eine Situation als bedrohlich erlebt wird, aber nicht gleichzeitig angemessen darauf, z.B. durch Flucht, reagiert werden kann. Diese Hemmung einer adäquaten Reaktion auf den Angstauslösenden Reiz kann mehrere Ursachen haben. Nach Epstein50 kann eine Stimulusunsicherheit oder eine Reaktionsblockierung vorliegen. Eine Stimulusunsicherheit ist gegeben, wenn für eine Gefahr keine eindeutige Zuordnung in Bezug auf Art, Intensität, Auftretenszeitpunkt oder Ähnliches getroffen werden kann. Dagegen besteht eine Reaktionsblockierung, wenn trotz eindeutiger Information über die Gefahr eine angemessene Reaktion aktuell nicht möglich ist. An dieser Stelle wird der Unterschied zum Terminus der „Furcht“ deutlich. Furcht liegt vor, wenn in einer derartig beschriebenen Situation reagiert werden kann51.

Neben den situativen Faktoren, die zum Entstehen von Angst in bestimmten Situationen beitragen, sind auch die Eigenschaften einer Person, in diesem Fall die Trait-Angst, von Bedeutung. Die Ängstlichkeit definiert Krohne als „die intraindividuell relativ stabile, aber interindividuell variierende Tendenz, Situationen als bedrohlich wahrzunehmen und hierauf mit einem erhöhten Angstzustand zu reagieren“52.

Diese Differenzierung des Angst-Begriffes in State- und Trait-Angst geht auf das Angst- Modell (State-Trait-Anxiety-Theorie) von Spielberger53 zurück, in welchem dieser einen Zusammenhang zwischen der personenvariablen Ängstlichkeit und der stressreichen Situation postuliert. Demnach reagieren höchstängstliche Personen im Vergleich zu niedrigängstlichen Personen in stressreichen Situationen mit erhöhter Zustandsangst, wohingegen in stressfreien Situationen kein Unterschied feststellbar ist.

Danach sind folgende Aussagen maßgeblich:

1. Ein Angstzustand wird ausgelöst, wenn das Individuum eine Situation als bedrohlich einschätzt. Aufgrund sensorischer und kognitiver Rückmeldungen wird dieser Zustand als bedrohlich erlebt.
2. Je bedrohlicher die Situation eingeschätzt wird, desto stärker fallen die Angstreaktionen aus.
3. Je länger diese Situationseinschätzung unverändert anhält, desto länger wird die Angstreaktion dauern.
4. Personen mit hoher Ängstlichkeit nehmen selbstwertrelevante Situationen als bedrohlicher wahr als Personen mit niedriger Ängstlichkeit.
5. Die Auslösung der Angstreaktion kann sich direkt im offenen Verhalten ausdrücken oder zu innerpsychischen Abwehrvorgängen führen.
6. Häufig auftretende Stresssituationen können ein Individuum dazu veranlassen, spezielle Bewältigungshandlungen oder Abwehrmechanismen zu entwickeln, mit denen sich der Angstzustand reduzieren lässt54.

Andere Autoren treffen in Bezug auf den Angst-Begriff noch weitere Unterscheidungen. Reicherts und Horn55 differenzieren vier grundsätzliche Konstruktvarianten von „Angst“:

1. Angst als Emotion, und somit als ein akuter, situativ eingebeteter negativer emotionaler Zustand von kurzer Dauer.
2. Angst im Sinne ängstlich oder furchtsam gefärbter Stimmung (mood), welche über einen längern Zeitraum andauern kann und Fluktuationen unterworfen ist.
3. Ängstlichkeit als Persönlichkeitsmerkmal, welches eine habituelle Tendenz auf bestimmte Stimuli mit Angst oder ängstlich zu reagieren, beschreibt.
4. Angst als klinischer Affektzustand, welcher bis zum Angstanfall oder zur Panikattacke reichen kann.

Unabhängig vom konkreten Konstruktmodel besteht Konsens, dass eine zentrale Unterscheidung zwischen der Ängstlichkeit und der aktuellen Zustandsangst zu treffen ist56.

2.2.2 Bereichsspezifische Angstneigungen

Während sich die Begriffe Furcht und Angst im Kern auf emotionale Zustände beziehen, fokussiert heutzutage die Unterscheidung von Ängsten nach den jeweils auslösenden Umweltgegebenheiten auf das Persönlichkeitsmerkmal Ängstlichkeit. Personen sollen sich danach unterscheiden lassen, welche konkreten Situationen und Umweltbereiche sie als stärker bedrohlich erleben und entsprechend mit einer Angstreaktion beantworten. Dies können Prüfungssituation oder Zahnarztbesuche, aber auch Sportwettkämpfe und soziale Konflikte sein57.

Eine Differenzierung kann nach

1. selbstwert- bzw. ichbedrohenden (z.B. Wettkampfsituationen),
2. physisch bedrohlichen Situationen (z.B. Selbstverteidigungssituationen) und
3. Situationen sozialer Interaktion (z.B. Vorträge) und deren daraus resultierenden Angstneigungen vorgenommen werden58.

Bedrohliche Situationen wie Prüfungen, Wettkampf- oder Leistungssituationen, auf welche das Individuum mit Angst reagiert, stehen im Mittelpunkt der Betrachtung des speziellen Aspektes der Prüfungs- oder Leistungsangst. Ausschlaggebend ist hier die unter Punkt 1 erwähnte „Tendenz, in Situationen, in denen die Möglichkeit des Versagens und des Selbstwertverlustes besteht, mit Angst zu reagieren“59, welche als Bewertungsängstlichkeit bezeichnet wird.

Neben der Angst vor physischer Verletzung (Punkt 2) und der sozialen Ängstlichkeit (Punkt 3), gibt es Ansätze, die über die dargestellte Einteilung des Bereichs der angstauslösenden Situationen hinausgehen, worunter auch der Aspekt der Wettkampfängstlichkeit zu fassen ist60.

Allerdings kritisiert Krohne61 die Identifizierung relativ eng umschriebener Bereiche angstauslösender Situationen. Er führt aus, dass dabei häufig weniger ein theoretisches Interesse an der Präzisierung grundlegender Konstruktannahmen existiert als vielmehr der nicht immer erfüllte Wunsch, dispositionsorientierte Tests mit immer besserer Vorhersageleistung für emotionale Reaktionen und darauf bezogenes Verhalten in sehr spezifischen Situationen zu konstruieren.

Im Leistungssport scheint dennoch eine problemzentrierte Diagnostik angebracht, um im Rahmen einer sportpsychologischen Intervention geeignete Lösungen anhand vor Ort gewonnener Informationen zu finden.62 Interventionen, welche auf der stillschweigenden Annahme basieren, dass alle Sportler dieselben psychologischen Voraussetzungen aufweisen, sind nicht akzeptabel. Beckmann und Kellmann63 bezeichnen das genannte Verfahren als „Ad-hoc-Interventionsansatz“ und messen ihm allenfalls provisorischen Charakter in einer seriösen sportpsychologischen Betreuung bei. Als mögliche Form der diagnostischen Intervention wird der „Action-Research“-Ansatz vorgeschlagen, welcher ausdrücklich im Rahmen eines transparenten Vorgehens die Bildung von diagnostischen Hypothesen mittels wissenschaftlich fundierter Verfahren favorisiert. „Sportpsychologische Intervention muss für jeden Athleten maßgeschneidert sein, um eine optimale Effektivität zu gewährleisten“64. Entsprechend kann eine Identifizierung eng umschriebener angstauslösender Bereiche für den Bereich der Wettkampfängstlichkeit durchaus als sinnvoll angesehen werden.

2.2.3 Leistungsangst und Wettkampfängstlichkeit

Das Erforschen der habituellen Leistungsängstlichkeit hat in der Geschichte der Psychologie eine lange Tradition. Entsprechend gehört es „zu den am längsten und am besten erforschten psychologischen Konstrukten“65. Hierbei interessiert vor Allem die Fragenstellung, inwieweit sich Minderleistungen auf ängstliche Erregung zurückführen lassen. Seit Beginn dieser Forschungsfragen wurden immer wieder Überlegungen dazu angestellt, inwieweit störende Gedanken Einfluss auf die Leistungsminderung nehmen66. Eine Vielzahl von empirischen Studien hat sich dieser Fragestellung angenommen, insbesondere seit sich die Unterscheidung der Angstdimensionen Besorgnis und Aufgeregtheit auch in den Messinstrumenten niedergeschlagen hat67. Dem interessierten Leser sei an dieser Stelle die siebenbändige Buchreihe „Advances in Test Anxiety Research“68 nahegelegt, welche die neuer Entwicklung in dieser Fragestellung sehr gut dokumentiert.

Als weitestgehend akzeptierte Definition mit den Merkmalen Auslösesituation (Leistungsanforderungen), subjektive Einschätzungsprozesse (Selbstwertbedrohung) und den sich daran anschließenden Kognitionsinhalten (Besorgtheit und Aufgeregtheit) kann die Folgende gelten:

„Leistungsangst ist die Besorgtheit und Aufgeregtheit angesichts von Leistungsanforderungen, die als selbstwertbedrohlich eingeschätzt werden“69.

Eine dispositionelle Neigung zur Selbstaufmerksamkeit und Trait-Angst scheint eine Leistungsminderung bis hin zum Versagen in Drucksituationen („choking under pressure“) zu unterstützen70. Hanin71 stellte fest, dass die Ängstlichkeit als Persönlichkeitsmerkmal die Veränderung der Zustandsangst in Stresssituationen beeinflusst. So zeigen Athleten mit höherer Trait-Angst einen stärkeren Anstieg ihrer State-Angst vor dem Wettkampf als mit Sportler mit niedriger Trait-Angst72. Dies wurde bereits 1972 von Spielberger73 derart postuliert, „dass höchstängstliche Personen in stressreichen Situation mit höherer Zustandsangst reagieren als niedrig ängstliche Personen, während in stressfreien Situationen keine Unterschiede zu beobachten sind“74.

Erklärungsansätze in Bezug auf die Leistungs-Angst im Sport liefern Smith, Smoll und Schutz75, indem sie sich auf die Appraisal-Theorie von Lazarus76 und die Angsttheorie von Spielberger77 (siehe 2.2.1) stützen. Demnach ist die Intensität und Dauer des Angsterlebens in Leistungssituationen abhängig von

1. den objektiven Situationsbedingungen (z.B. der Bedeutung des Wettkampfes oder der objektiven Stärke der Gegner),
2. der sportartspezifischen Trait-Angst einer Person und
3. den Abwehr- und Copingmechanismen angsichts von angstauslösenden Wettkampfsituationen.

Die kognitive Bewertung der Person bezieht sich hierbei auf vier Komponenten:

- Die Situationsanforderungen,
- die Bewältigungsressourcen angesichts der Situation,
- die Art und Wahrscheinlichkeit möglicher Folgen und
- die subjektive Bedeutung dieser Folgen78.

Ein entsprechendes Bewertungsprofil wird zu einer Bedrohungseinschätzung und kognitiven Befürchtungen führen, welche das ängstliche Erregungsniveau erhöhen. Die steigert wiederum das Erleben der Zustandsangst. Es muss jedoch erwähnt werden, dass ein empirischer Nachweis des Modells noch nicht überzeugend ist79.

In einer Meta-Analyse von Kleine80 wurden 50 Studien im Zeitraum von 1970 bis 1980 mit insgesamt 77 unabhängigen Effektgrößen und 3589 Personen aus einer Vielzahl von Sportarten miteinbezogen. Die mittlere Effektstärke von 0.19 belegt einen einsgesamt eher schwachen, aber signifikanten negativen Zusammenhang von Angst und Leistung. Bei einer differenzierteren Betrachtung ergab sich, dass der negative Zusammenhang bei niedrigem Leistungsniveau der Person stärker als bei Personen mit höherem Leistungsniveau war. Gleiches gilt für einen stärkeren Zusammenhang im Bereich des Mannschaftssports im Vergleich zum Individualsport. In Bezug auf eine Unterscheidung der Angst in einen somatischen und einen kognitiven Anteil zeigte sich, dass die Leistung erheblich stärker mit der kognitiven Komponente (Besorgnis) von Angst verbunden ist als mit der Erregungskomponente (Emotionalität). Entsprechend diesen Befunden wirkt sich Angst besonders im unteren und mittleren Leistungsbereich mindernd auf die motorische Leistung aus81. Eine gewisse Einschränkung dieser metaanalytischen Ergebnisse ist allerdings dadurch gegeben, dass nur lineare Beziehungen erfasst werden können. Sportartspezifische Befunde zur umgekehrten U-Hypothese entziehen sich dieser Zusammenfassung.

Die umgekehrte U-Hypothese beschreibt den Zusammenhang zwischen Angst und Leistung und ist auch bekannt als „Yerkes-Dodson-Gesetz“82. Ursprünglich wurde das Gesetz im Zusammenhang von aversiver Stimulation und Lernerfolg bei Tierversuchen mit Ratten formuliert. Später wurde es auch auf andere Konstrukte, wie den Zusammenhang zwischen Erregung und Leistung83, angewendet. Eine Differenzierung der umgekehrten U-Hypothese fand auch im Bereich des Sports statt. In diesem Zusammenhang zeigten sich ebenfalls Unterschiede in Bezug auf die Sportart und das Fertigkeitsniveau der Person:

Feinmotorische Fertigkeiten, die wenig Krafteinsatz erfordern, werden besser bei geringer Aktivierung ausgeführt, da sie durch hohe Erregung empfindlich gestört werden können. Grobmotorische Fertigkeiten, die zudem große Anstrengungen erfordern, bedürfen eines höheren optimalen Angst- bzw. Erregungsniveaus84. Des Weiteren können Athleten mit mehr Erfahrung ein höheres Aktivierungsniveau verkraften als Novizen85.

Reicherts und Horn resümieren in Bezug auf die umgekehrte U-Hypothese wie folgt: „Der Erregungs-Leistungs-Zusammenhang scheint im Bereich kognitiver Leistungen empirisch besser gestützt als im motorischen Bereich, was auf unterschiedliche Funktionszusammenhänge in beiden Bereichen hinweist“86.

Mehrdimensionale Varianten der U-Hypothese, welche die Untereilung der Angst in verschiedene Komponenten berücksichtigen, werden von diversen Autoren vorgeschlagen87. Bereits Martens, Vealey und Burton88 stellten die unterschiedliche Beteiligung der drei Angstdimensionen (somatische Angst, kognitive Angst, Selbstvertrauen) an der Leistung dar:

„An inverted-U relationship was found between somatic A-state and performance, a negative linear relationship between cognitive A-state and performance, and a positive linear relationship between state self-confidence and performance“.

Es ist jedoch auch Kritik in konzeptioneller Weise an der umgekehrten U-Hypothese im Sport geübt worden. Die Annahme, dass es nur einen optimalen Punkt in der Aktivierung geben sollte, welcher zudem zentral in der Mitte liegt, scheint nicht plausibel. Weiterhin gibt es deutliche interindividuelle Unterschiede im Aktivierungs-Leistungs- Zusammenhang, welche zudem auch nicht zwangsläufig mit Angst verknüpft sind89. Allerdings ist zu beachten, dass im Sportbereich die zu beobachtenden Ängste je nach Sportart bzw. Disziplin sehr unterschiedlich sein können.

Angstaspekte, welche sich auf Situationen der Leistungsbewertung beziehen, sind vor Allem in Sportarten vorrangig, in denen ein geringes Verletzungsrisiko besteht, wie dies z.B. im Tischtennis der Fall ist. Bei Kampfsport-, Kontakt – oder Risikosportarten ist die Angst vor Verletzungen eine weitere Komponente, welche im Rahmen des bereichsspezifischen Einsatzes in einer Sportart Berücksichtigung finden sollte90.

Der Einfluss der habituellen Wettkampfängstlichkeit auf die aktuelle Wettkampfangst wird von Martens, Vealey und Burton91 bereits in die Definition übernommen:

„Competitive A-trait is defined as a tendency to perceive competetive situations as threatening and to respond to these situations with A-state“.

2.2.4 Komponenten und Dimensionen

Angstkomponenten differenzieren die Angstemotion nach verschiedenen Äußerungsformen. Angst ist nicht nur ein körperliches Gefühl, sondern hat auch mit Wahrnehmung und Denken zu tun. Im Zusammenhang mit der Leistungsangstforschung wurde von Liebert und Morris92, zwei Schülern von Spielberger, eine systematische Unterscheidung vorgenommen, welche auch in der Diagnostik Berücksichtigung fand. Faktorenanalytisch wurden

1. Emotionalität (emotionality) im Sinne von Selbstzweifeln, Sorgen und negativen Erwartungen und
2. Besorgnis (worry), bezogen auf die Wahrnehmung von Aufgeregtheit und körperlichen Symptomen, als wichtige Komponenten des Angstzustandes identifiziert.

Eine Übertragung dieser Einteilung auf die Ängstlichkeit als Persönlichkeitseigenschaft wurde von Morris, Davis und Hutchings93 sowie von Spielberger94 vorgeschlagen. Hierbei wurde deutlich, dass die sowohl die habituellen Komponenten, als auch die Dimensionen der aktuellen Angst, nicht unabhängig voneinander variieren.

Das in der Sportpsychologie verbreitete State-Trait-Angst-Inventar (STAI) von Spielberger, Gorsuch und Lushene95 ist ebenfalls nicht eindimensional, obwohl es einen Gesamtscore liefert. Das Inventar umfasst Items, die sich auf die Besorgnis-Komponente, und Items, die sich auf die körperliche Komponente, beziehen.

Von anderen Autoren werden wiederum andere Kategorisierungsvorschläge unterbreitet. So schlagen Gould und Krane96 zur Ordnung eines Angst-Leistungs-Zusammenhangs im Sport drei Ebenen vor:

1. Eine physiologische,
2. eine kognitive und
3. eine emotional-erlebnismäßige Ebene97.

Dagegen unterscheiden Krohne und Hindel98 für sportliche Wettkampfsituationen nach empirischen Analysen im Bereich des Tischtennis die Tendenzen zu Selbstzweifel, emotionaler Anspannung und Hilflosigkeit.

Generell betrachtet hat sich die Unterscheidung der zwei Erlebenskomponenten, Besorgnis und Emotionalität, in der Angstforschung und –diagnostik durchgesetzt99. In Leistungssituationen hat besonders die Besorgniskomponente, als wichtiger, weil leistungslimitierender Faktor, Einfluss auf das Individuum100.

[...]


1 Vgl. Deutscher Olympischer Sportbund (Hrsg.) (2010), S. 11.

2 Vgl. Breuer/Wicker (2008), S. 4.

3 Vgl. Deutscher Olympischer Sportbund (Hrsg.) (2010), S. 11.

4 Die Anzahl der Kaderathleten wurde beim Teamchef der Nationalmannschaft des DJJV, Roland Köhler, am 26.9.10 erfragt.

5 Vgl. Kunath (1972), S. 36.

6 Heckele (2005b), S. 20.

7 Vgl. Heckele (2005b), S.30.

8 Brand/Ehrlenspiel/Graf (2008), S. 223.

9 Vgl. Eberspächer/Mayer/Hermann/Kuhn (2005), S. 38.

10 Im Ju-Jutsu werden sowohl weibliche als auch männliche Sportler als „Ju-Jutsuka“ bezeichnet. Nachfolgend werden mit der Bezeichnung „der Ju-Jutsuka“, „der Sportler“, „der Athlet“ als auch „der Kämpfer“ sowohl männliche als auch weibliche Personen gemeint sein.

11 Vgl. Kirchgässner (1993), S. 430.

12 Vgl. Heckele (2005a), S. 271.

13 Vgl. International Jiu-Jitsu Federation (Hrsg.) (2010).

14 Vgl. International Jiu-Jitsu Federation (Hrsg.) (2010).

15 Vgl. Harre (1986), S. 29.

16 Vgl. Harre (1986), S. 30.

17 Vgl. Heckele (2002).

18 Vgl. Heckele (2005), S. 10ff.

19 Vgl. Heckele (2005), S. 13.

20 Vgl. Heckele (2005), S. 19.

21 Heckele (2005), S. 19.

22 Gabler (2001), S. 154.

23 Kunath (1973), S. 38.

24 Vgl. Lehmann/Müller-Deck (1983); S. 21.

25 Vgl. Eberspächer/Clemens/Birod/Bischof (1986a), S. 42.

26 Vgl. Eberspächer/Clemens/Birod/Bischof (1986a), S. 42.

27 Vgl. Eberspächer/Clemens/Birod/Bischof (1986a). S. 42.

28 Lazarus (1966).

29 Eberspächer (1986).

30 Vgl. u.a. Rötig/Prohl/Carl/Kayser/Krüger/Scheid (2003), S. 643; siehe auch Weineck (2007), S. 112.

31 Eberspächer/Clemens/Birod/Bischof (1986b), S. 33.

32 Loosch (1997), S. 80.

33 Vgl. Loosch (1997), S. 80.

34 Vgl. Eberspächer/Clemens/Birod/Bischof (1986b), S. 33.

35 Vgl. Eberspächer/Clemens/Birod/Bischof (1986b), S. 33.

36 Vgl. Heckele (2005), S. 20.

37 Vgl. Heckele (2005), S. 20.

38 Vgl. Heckele (2005), S. 30.

39 Vgl. Krohne (2010).

40 Vgl. Reicherts/Horn (2009), S. 593; Rethorst (2006), S.146.

41 Vgl. Krohne (1996).

42 Krohne (1996), S. 8.

43 Vgl. Rethorst (2006), S. 147.

44 Vgl. Krohne (2010), S.15.

45 Vgl. Spielberger (1972).

46 Krohne (2010), S. 15.

47 Vgl. Rethorst (2006), S. 148.

48 Vgl. Rethorst (2006), S. 148.

49 Vgl. Krohne (2010), S. 18.

50 Vgl. Epstein (1972).

51 Vgl. Krohne (2010), S.27.

52 Krohne (1996), S. 8.

53 Vgl. Spielberger (1972).

54 Vgl. auch Martens/Vealey/Burton (1990), S.14.

55 Vgl. Reicherts/Horn (2009), S. 593.

56 Vgl. Schwarzer (2000), S. 88; vgl. Krohne (2010), S. 17.

57 Vgl. Krohne (2010), S. 21.

58 Vgl. Krohne (2010), S. 21; Vgl. auch Schwarzer (2000) für eine Übersicht.

59 Krohne (2010), S. 21.

60 Vgl. u.a. Hackfort (1986); Hackfort/Schwenkmezger (1980); Smith/Smoll/Schutz (1990); Vealy (1990).

61 Vgl. Krohne (2010), S. 24.

62 Vgl. Beckmann (2008), S. 30.

63 Vgl. Beckmann/Kellmann (2009), S. 3.

64 Beckmann/Kellmann (2009), S. 3f.

65 Schwarzer (2000), S. 105.

66 Vgl. Mandler/Sarason (1952); Sarason (1960); Spielberger (1972).

67 Vgl. Liebert/Morris (1967); Spielberger (1972).

68 Hagtvet/Backer Johnson (1992); Schwarzer/Ploeg/Spielberger (1982, 1987, 1989); Ploeg/Schwarzer/Spielberger (1983, 1984, 1984).

69 Schwarzer (2000), S. 105.

70 Vgl. Wang/Marchant/Morris/Gibbs (2004).

71 Vgl. Hanin (1989).

72 Vgl. Reicherts/Horn (2009), S. 594.

73 Vgl. Spielberger (1972).

74 Rethorst (2006), S. 147.

75 Smith/Smoll/Schutz (1990).

76 Lazarus stellt im Rahmen einer kognitiv-transkationalen Stresstheorie die kognitive Einschätzung oder Bewertung (appraisal) einer betroffenen Person in den Mittelpunkt. Die Person-Umwelt-Beziehung wird entweder herausfordernd, bedrohlich oder schädigend eingeschätzt. Dieser kognitive Prozess hat zwei nahezu gleichzeitig auftretende Facetten: die primäre Einschätzung (primary appraisal) überprüft, was auf dem Spiel steht, wohingegen die sekundäre Einschätzung (secondary appraisal) die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten überprüft (Vgl. Lazarus, 1991).

77 Vgl. Spielberger (1972, 1989).

78 Vgl. hierzu auch das Leistungsmotivationsmodell von Heckhausen (1989); Heckhausen/Heckhausen (2006).

79 Vgl. Reicherts/Horn (2009), S. 594.

80 Kleine (1990); vgl. auch Kleine/Schwarzer (1991).

81 Vgl. Reicherts/Horn (2009), S. 595.

82 Yerkes/Dodson (1908).

83 Vgl. Teigen (1994).

84 Vgl. Raglin/Hanin (2000).

85 Vgl. Rethorst (2006), S. 152.

86 Reicherts/Horn (2009), S. 595.

87 Vgl. u.a. Krohne/Hindel (2000); Smith/Smoll/Schutz (1990).

88 Martens/Vealey/Burton (1990), S. 205.

89 Vgl. Rethorst (2006), S. 152; Reicherts/Horn (2009), S. 596.

90 Vgl. Krohne (2010), S. 82.

91 Martens/Vealy/Burton (1990), S.11.

92 Liebert/Morris (1967).

93 Morris/Davis/Hutchings (1981).

94 Spielberger (1980).

95 Spielberger/Gorsuch/Lushene (1970).

96 Gould/Krane (1992).

97 siehe auch Hackfort/Schwenkmezger (1989).

98 Vgl. Krohne/Hindel (2000).

99 Vgl. Schwarzer (2000), S. 96.

100 siehe auch Laux/Glanzmann/Schaffer/Spielberger (1981).

Ende der Leseprobe aus 120 Seiten

Details

Titel
Wettkampfangst und Angstbewältigung im Ju-Jutsu
Untertitel
Eine empirische Studie mit Ju-Jutsukas unterschiedlicher Leistungsklassen
Hochschule
Deutsche Hochschule für Gesundheit und Sport (vormals H:G Hochschule für Gesundheit & Sport, Technik & Kunst)
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
120
Katalognummer
V168532
ISBN (eBook)
9783640861255
ISBN (Buch)
9783640861392
Dateigröße
2995 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ju-Jutsu, Wettkampfangst, Kampfsport
Arbeit zitieren
Mario Staller (Autor:in), 2011, Wettkampfangst und Angstbewältigung im Ju-Jutsu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168532

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