Der Umgang mit Seuchen im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit am Beispiel der Pest


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

26 Seiten, Note: 2,00


Leseprobe

Inhalt:

1 Einleitung

2 Geschichtlicher Abriss über die Pest und ihre Folgen

3 Medizinische Fakten aus heutiger Sicht
3.1 Entstehung und Verbreitung
3.2 Arten der Pest
3.2.2 Beulen- / Bubonenpest
3.2.3 Lungenpest
3.2.4 Pestsepsis / Pestseptikämie
3.3 Das Problem einer Retrodiagnose

4 Historische Erklärungsmodelle und tatsächliche Ursachen
4.1 Wissenschaftliche und weltliche Ansätze
4.2 Die Seuche als Gottes Strafe
4.3 Tatsächliche Ursachen

5 Maßnahmen und Umgang mit der Seuche
5.1 Allgemeine Maßnahmen
5.2 Pestordnungen
5.3 Tatsächliche Gründe für das Verschwinden der Pest
5.4 Fliehen vor der Pest

6 Resümee

7 Literatur

1 Einleitung

Seit der Antike hat die Pest (lat.: pestis = Seuche) wie keine andere Krankheit die Menschen beeindruckt und die kollektive Vorstellung von Machtlosigkeit und Untergang geprägt. Allein das Wort symbolisiert Verderben und Tod. Noch im heutigen Sprachgebrauch, auch wenn die Krankheit in Europa praktisch ausgerottet ist, verheißt „die Pest“ nichts Gutes: „Die Luft ist verpestet“ oder „es stinkt wie die Pest“. Solche Sprachwendungen haben ihren Ursprung in den frühen Erklärungsmodellen der Krankheitsübertragung.

In zahlreichen Epidemien (=regional begrenzt auftretende Seuchen) und drei Pandemien (=länderübergreifende Seuchen) fiel die Pest über die Menschheit her. Die letzte, ausgehend von Asien Ende des 19. Jahrhunderts , forderte laut dem Medizinhistoriker Manfred Vasold bis Mitte des 20. Jahrhunderts an die 15 Millionen Todesopfer weltweit.1 Doch spätestens seit in den Jahren 1347/48 der „Schwarze Tod“ über Europa hereinbrach, weckte die Pest immer wieder von neuem Urängste.

Man unterscheidet verschiedene Arten der Pest, ausgehend von Übertragungsweg und Symptomen, doch kann man, unter Berücksichtigung des damaligen medizinischen Wissenstandes, tatsächlich immer von dem reden, was wir heute unter der Pest verstehen? Diese Frage stellt ein großes Problem für die Retrodiagnose dar, obwohl seit dem 16.

Jahrhundert eine recht hohe Quellendichte zu diesem Thema vorliegt. Bakteriologische Erkenntnisse hierüber entwickelten sich erst im späten 19. Jahrhundert.

Behandelt werden soll hier die Gesamtheit der Pestepidemien im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit, da gerade hier, noch geprägt von der zweiten großen Pestpandemie (1347/48), erstmals auf allen gesellschaftlichen Ebenen systematisch gegen die Seuche vorgegangen wurde.

Die ständige Präsenz einer schier unbezwingbaren Krankheit ließ die Menschen beinahe verzweifelt nach Erklärungen suchen und gebar, parallel mit einer generell vorhandenen tiefen Frömmigkeit, zuweilen auch abenteuerliche Überzeugungen. Einigkeit herrschte im Verständnis, dass derartig verheerende Seuchen eine Strafe Gottes sein müssen, doch wie könnte und dürfte man sich ihr entziehen, falls Frömmigkeit alleine nicht mehr ausreichen sollte?

Vorkehrungen und Handlungsweisen mussten ersonnen werden, die in Einklang mit Kirche und Wissenschaft standen. Doch wer sollte sich bemüßigt fühlen, diese auch durchzusetzen, in einem Land, dessen politische Stabilität ständig und nicht zuletzt vom „Dreißigjährigen Krieg“ auf die Probe gestellt wurde?

In sogenannten Pestordnungen waren präventive und unmittelbare Maßnahmen zusammengefasst, wobei sie durchaus das Potential hatten, zum Politikum zu werden. Wie gelang es nun letztendlich , die Pest aus Mittel- und Westeuropa zu verdrängen und welche Faktoren außer Kirche, Staat und Medizin haben hierbei eine Rolle gespielt?

Aufgrund der besseren Quellenlage erscheint es praktikabler, zunächst die städtischen Gebiete in den Mittelpunkt zu stellen.

2 Geschichtlicher Abriss über die Pest und ihre Folgen

Die Pest überzog Europa und die Welt seit der Antike in mehreren Wellen. In den Jahren 430 bis 426 v. Chr. wütete in Athen eine Epidemie, welche aufgrund ihres Seuchen- charakters als „Pest des Thukydides“ bezeichnet wird, aber auch als „Attische Seuche“. In seinem Werk über „die Geschichte des Peleponnesischen Krieges“ beschrieb der antike Historiker Thukydides die Seuche, der damals etwa ein Viertel der Athener Bevölkerung zum Opfer fiel. Trotz der lateinischen Übersetzung (Seuche = pestis) kann man hier allerdings noch nicht von der Pest im heutigen Sinne sprechen, da typische Anzeichen wie Pestbeulen und schwarze Flecken nicht erwähnt wurden; es fehlten damals auch entsprechende medizinische Kenntnisse. Besonders bemerkenswert waren hier, wie bei den Seuchen- bzw. Pestzügen folgender Jahrhunderte, die schwerwiegenden gesellschaftlichen Folgen wie die Niederlage Athens sowie der Niedergang der klassischen Kultur Griechenlands, welcher ebenfalls den Auswirkungen der Attischen Seuche zugeschrieben wird.1

Später, im Römischen Reich , traten mehrere Pestwellen auf, zunächst die sogenannte „Antoninische Pest“ (161-180) , wobei es sich hierbei höchstwahrscheinlich ebensowenig um die heute bekannte Pest handelte wie im antiken Griechenland.

Als erste große Pestepidemie Europas gilt die „Justinianische Pest“, die sich im Jahr 542 von Konstantinopel aus über den gesamten Mittelmeerraum verbreitete, weshalb man hier sogar von einer Pandemie sprechen kann. Berichte des spätantiken Historikers Prokopios untermauern die Theorie, dass es sich hierbei tatsächlich um die (Beulen-)Pest gehandelt haben könnte.2

Geschichtlich fällt dies mit Ende der römischen Kaiserzeit und somit dem Ende des spätantiken weströmischen Reiches zusammen, welchem in der Geschichtsforschung jedoch andere Gründe wie beispielsweise innere Zerrissenheit zugrunde gelegt werden. Bis Ende des 8. Jahrhunderts trat sie in regelmäßigen Abständen immer wieder in Erscheinung, verschwand dann aber schließlich für über 500 Jahre.

Die Ruhe währte bis zu den Jahren 1347/48, als in Europa der sogenannte „Schwarze Tod“ ausbrach. Bis heute gilt dieser Schwarze Tod als prägende r Inbegriff einer Pestpandemie, der alleine in Europa 20 bis 25 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sein sollen, was etwa einem Drittel der Gesamtbevölkerung entsprach. Allerdings handelt es sich hierbei lediglich um Hochrechnungen aufgrund von Taufregistern, Steuerlisten, Pfarrbüchern und Zunftverzeichnissen etc..1 Ausgebrochen in Zentralasien bahnte sie sich den Weg über Handelsrouten nach Europa, wo sie schließlich 1347 Marseilles erreichte. Ab 1349 waren auch England, Deutschland und Skandinavien betroffen. Zwar gilt der „Schwarze Tod“ als klassische Form einer Pandemie, doch war Europa nicht flächendeckend betroffen: Teile Belgiens, Polens, Süddeutschlands sowie Mailand blieben verschont. Ebenso muss man bei den Opferzahlen bedenken, dass diese möglicherweise nach oben korrigiert wurden, um den Schrecken und das Leid der Menschen zu unterstreichen.

Danach endemisierte die Seuche und trat erst im 16. Jahrhundert wieder vermehrt und regelmäßig auf. Weitere größere Epidemien trafen das Europa der Neuzeit 1665/66 in England und 1678/79 in Wien. 1709 bis 1711 wütete die Pest noch einmal in Ostpreußen, wo insgesamt 230000 Menschen starben, (von 600000 Gesamtbevölkerung).2

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts jedoch war die Pest schließlich aus Europa verbannt. Gründe und Maßnahmen, die hierzu geführt bzw. beigetragen haben, gilt es zu erörtern.

3 Medizinische Fakten aus heutiger Sicht

3.1 Entstehung und Verbreitung

Bei der Pest handelt es sich mikrobiologisch betrachtet um eine, gegenwärtig in Europa nicht vorkommende , Infektionskrankheit, hervorgerufen durch den Erreger „Yersinia Pestis“, benannt nach seinem Entdecker Dr. Alexandre Yersin im Jahre 1894 in Hong-Kong. 1898 gelangte die Seuche nach Bombay, wobei zu diesem Zeitpunkt immer noch untersucht wurde, wie sich der Erreger unter Menschen verbreitete. Ob durch infizierte Nahrungsmittel, Trinkwasser, Hautverletzungen oder Insektenstiche. Paul Louis Simond erkannte schließlich im selben Jahr, dass der Seuche beim Menschen stets eine Rattenpest , einhergehend mit massenhaftem Rattensterben , vorausging und dass die Übertragung durch Rattenflöhe „Xenopsylla cheopsis“ erfolgen müsse. Unklar blieb hingegen bis ins Jahr 1914, wie speziell die Infektion erfolgte, nämlich durch den Stechrüssel des Flohs in die menschliche Blutbahn.1

Wichtig ist hierbei, dass das Pestbakterium nicht automatisch weitergegeben wird, sondern dass es selbst durch Vermehrung und somit Blockierung bzw. Verstopfung von Magen und Vormagen des Flohs diesen zur Abstoßung des Bakteriums zwingt.

Nur durch Abfluss durch den Rüssel können betroffene Flöhe diesen Pfropf loswerden und da sie aufgrund der Blockade ihres Saugrüssels besonders hungrig sind, stechen sie häufiger zu und erhöhen somit die Übertragungswahrscheinlichkeit.

Auch der Menschenfloh „Pulex irritans“ gilt neben dem Rattenfloh als einer der häufigsten Überträger.

Die relativ späte Entdeckung gestaltet eine retrospektive Diagnose äußerst schwierig, muss man sich doch häufig auf Laiendiagnosen und – berichte stützen oder günstigstenfalls auf medizinische Quellen, welche allerdings aufgrund des Wissenstandes auch nur lückenhaft sein können.

Aus heutiger Sicht lässt sich allerdings ein recht eindeutiger Infektions-, Übertragungs- und Krankheitsverlauf der Pest (re)konstruieren.

Faktoren für die Ausbreitung der Pest beim Menschen, insbesondere den epidemischen Ausmaßen im Mittelalter und der frühen Neuzeit gibt es zahlreiche, die Ursache hingegen kann klar benannt werden. Als hochgradig ansteckende Krankheit ist sie ursprünglich eine Zoonose von Nagetieren, also eine Infektionskrankheit , welche von Tier zu Mensch übertragen wird; eine Übertragung von Mensch zu Tier ist grundsätzlich allerdings auch möglich.

Verfolgt man den Übertragungsweg ausgehend vom Menschen zurück, so stößt man zunächst auf den Rattenfloh , welcher als stationärer Parasit bei seinem eigentlichen Wirt, der Ratte, schmarotzt und seinerseits wiederum Parasiten in sich trägt, wie beispielsweise das Pestbakterium. Somit stehen Ratten bzw. Nagetiere am Anfang jeder Pestepidemie. Grundsätzlich wechselt der Rattenfloh seinen Wirt nicht, stirbt dieser allerdings, weil er möglicherweise von seinem Parasit infiziert wurde, muss sich der Floh einen neuen Wirt suchen.

Seit 1894 benötigte die Bakteriologie fast 50 Jahre, um den Übertragungsweg der Pest vollständig aufzuklären. Diese späten Erkenntnisse über die Pest sollen verdeutlichen, vor welcher Herausforderung die Menschen des Mittelalters und der frühen Neuzeit standen und in welcher Relation zur Wirklichkeit die damaligen Erklärungsversuche und Gegenmaßnahmen standen bzw. stehen.

3.2 Arten der Pest

3.2.1 Beulen- / Bubonenpest

Bei dieser häufigsten Form der Pest spielen Ratten- und Menschenflöhe eine entscheidende Rolle bei der Übertragung. Durch Blutsaugen bei Ratte bzw. Mensch nehmen sie den Erreger auf und geben ihn im Fall eines Wirtswechsels ebenso weiter. Dass diese Form der Pest speziell von Flöhen übertragen wird , erkannte man, als sich der Umgang mit Kranken bei Abwesenheit des Insektes als relativ gefahrlos erwies.

Relativ gefahrlos, weil das Eindringen von Krankheitskeimen in offene Wunden ebenfalls zur Beulenpest führen kann. Durch die Flöhe als Zwischenwirte verbreitet sich die Beulenpest nur sehr langsam.

Ihren Namen erhielt die Krankheit aufgrund der charakteristischen Lymphknoten- affektionen und den daraus resultierenden Beulen (auch Bubonen genannt) in unmittelbarer Nähe zur Stelle , an welcher der Erreger in den Körper gelangt ist. Aufgrund innerer Blutungen in den Lymphknoten sind diese blau-schwarz gefärbt. Sie identifizieren nicht nur den Pestheiligen Rochus, sie sind auch das klassische Merkmal der Seuche, wie in einem walisischen Klagelied veranschaulicht wird:

„Wehe mir! Eine Beule wächst unter meinem Arm, sie schwärt, ist schrecklich, ein schmerzender böser Knopf, der brennt wie glühende Kohle.. ein kummervolles Ding, aschgrau.“1

Selbst heute noch ist es schwierig , die Krankheit im Anfangsstadium zu diagnostizieren, da sie hier noch ähnliche Symptome wie etwa die Grippe aufweist (hohes Fieber, Schwellung der Lymphknoten). Auch bei der Syphilis kommt es zu einer Schwellung der Lymphknoten.

[...]


1 Vasold, Manfred: Die Pest. Ende eines Mythos; S.80

1 http://de.wikipedia.org/wiki/Attische_Seuche - 15.12.2008

2 Bergdolt, Klaus: Die Pest. Geschichte des Schwarzen Todes; S.37

1 Bergdolt, Klaus: Die Pest. Geschichte des Schwarzen Todes; S.46

2 Vasold, Manfred: Die Pest. Ende eine s Mythos. S.144

1 Meier, Mischa (Hrsg.): Pest. Die Geschichte eines Menschheitstraumas; S.14

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Der Umgang mit Seuchen im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit am Beispiel der Pest
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Geschichte am Rand. Alte, Kranke und Arme im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit
Note
2,00
Autor
Jahr
2009
Seiten
26
Katalognummer
V168540
ISBN (eBook)
9783640857449
ISBN (Buch)
9783640859238
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eigentlich im 1-er Bereich. Mängel waren z.T. Wiederholungen und zu starkes Einbinden der Sekundärliteratur (Zitate)
Schlagworte
umgang, seuchen, mittelalter, neuzeit, beispiel, pest
Arbeit zitieren
Steffen Armbrust (Autor), 2009, Der Umgang mit Seuchen im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit am Beispiel der Pest, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168540

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