Herzeloyde als Medium der Zeitenwende in Wolframs von Eschenbach "Parzival"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
23 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Das Rätsel Herzeloyde

2 Perceval und Parzival – die Weiterentwicklung der Mutterfigur

3 Herzeloyde als Medium der Zeitenwende
3.1 Das Bindeglied Herzeloyde
3.2 Das mütterliche Erbe
3.2.1 Parzivals Genealogie
3.2.2 Die triuwe und das Leid der Mutter
3.2.2.1 Der Drachentraum
3.2.2.2 Herzeloyde als Mater dolorosa
3.3 Leid als Kritik am Gesellschaftsmodell
3.4 Der heilsgeschichtliche Aspekt
3.4.1 Marianische Topik
3.4.1.1 Marien-Attribute
3.4.1.2 Herzeloydes Apokalypse
3.4.1.3 Herzeloyde lactans
3.4.2 Herzeloyde als Vorbotin der Gralsherrschaft
3.5 Der Rückzug nach Soltane
3.5.1 Parzivals art
3.5.2 Herzeloydes triuwe
3.6 Präfiguration und Parzivals Happy End

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Das Rätsel Herzeloyde

Versucht man, sich der Figur Herzeloyde in Wolframs von Eschenbach Parzival mittels verschiedener Forschungsliteratur anzunähern, so sieht man sich schnell vor das Problem gestellt, dass diese Gestalt ungewöhnlich kontrovers diskutiert wird. Ist sie nun das „menschliche Abbild der schmerzensreichen Mutter“, wie Gustav Ehrismann bereits 1927 behauptet[1] oder ist doch eher Gertrude Lewis zuzustimmen, die zu folgender Erkenntnis kommt: „Wolfram stellt tatsächlich eine königliche Frau dar mit all ihren Intrigen, ihren um Mitleid heischenden Schwächen, ihrem Stolz, ihren selbstischen Plänen und ihrer letzten Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit“[2] ? Viel ist da im Hinblick auf Herzeloydes mehr und mehr unhöfisches Verhalten die Rede von „Auseinandertreten von Erzählerkommentar und dargestellter Handlung“[3], von einem Bruch in der Charakterisierung gemäß den „Bedürfnissen“ des Plots[4] - wie sonst sollte das überschwängliche Lob Wolframs für diese Frauengestalt zu erklären sein, das so gar nicht zu ihren ‚Verfehlungen’ passen will? Betrachtet man die Figur Herzeloyde isoliert vom Geschehen des Parzival , mag es durchaus nachvollziehbar sein, in ihrer Gestalt einen „conflict between essentially virtuous and flawed aspects of her major attribute[5] zu sehen. Jedoch erscheint mir eine derart isolierte Sicht nicht sinnvoll, vielmehr wird eine Diskussion der Herzeloyde nur vor dem Hintergrund ihrer Funktion für das Gesamtwerk schlüssig.

Diese Arbeit soll zeigen, dass die Mutter Parzivals von entscheidender Bedeutung für dessen Entwicklung ist. Sie ist als Bindeglied zwischen der von seinem Vater repräsentierten Ritterschaft von art[6] und dem Gralsrittertum, das der Protagonist zu erlangen sucht, unverzichtbare Voraussetzung für die Weiterentwicklung des Letzteren aus Ersterem. Herzeloyde fungiert als Medium der Zeitwende – in ihr und durch sie erscheint erstmals eine dem Gahmuret-Rittertum überlegene Lebensform als Perspektive.

Zunächst soll eine kurze Auflistung der gegenüber der Vorlage Chrétiens de Troyes vorgenommenen Veränderungen deutlich machen, dass Wolfram die Figur der Herzeloyde entscheidend um- und aufwertet und ihr somit offenbar eine neue Bedeutung zumisst. Im Anschluss daran wird anhand des Textes Wolframs der Versuch unternommen, die richtungsweisende Funktion dieser Frauengestalt aufzuzeigen.

2 Perceval und Parzival – die Weiterentwicklung der Mutterfigur

Ein kurzer Vergleich zwischen der Mutter des Helden bei Chrétien einerseits und Herzeloyde andererseits macht bereits deutlich, dass im Werk Wolframs völlig neue Schwerpunkte gesetzt werden. Im altfranzösischen Perceval setzt die Handlung im „öden, einsamen Walde“[7] ein, in den sich die Familie Percevals nach der Verwundung des Vaters und dem Verlust seiner Ländereien zurückgezogen hat[8]. Nachdem der Vater aus Gram über den Tod der beiden Brüder Percevals ebenfalls verstorben ist, lebt nun die namenlose Witwe mit ihrem Sohn allein inmitten ihres bescheidenen Hofstaats. Wie sehr Wolfram diese Vorgaben verändert, ist überdeutlich. In seinem Parzival beginnt der Gang der Handlung weit vor dieser Episode, setzt detailliert die Vorgeschichte des Vaters und die Ehe der Eltern voraus. Nachdem der Leser Herzeloyde und Gahmuret bereits eine Weile begleitet hat, wird nach dem Tod des Mannes deutlich, dass der Rückzug nach Soltane eine freie Entscheidung Herzeloydes – die hier auch mit einem Namen bedacht wird – ist, um des werden Gahmuretes kint (117, 15)[9] vor den Gefahren der (ritterlichen) Welt in Sicherheit zu bringen (vgl. 117, 14). Anders als die Mutter Percevals ist sie zu diesem Schritt nicht durch Armut gezwungen, denn auch nach dem Tod Gahmurets ist vrou Herzeloyd diu rîche (116, 28) immer noch Herrscherin über drei Länder (vgl. 116, 29), die sie aber durch triuwe (116, 19) fahren lässt. Auch Percevals Mutter versucht, ihr Kind von Ritterschaft fern zu halten[10], jedoch scheinen diese Versuche harmlos, verglichen mit den Anstrengungen, die Herzeloyde unternimmt, um eben dieses Ziel zu erreichen[11]. So ist es auch zu verstehen, dass Herzeloyde, anders als die Witwe Chrétiens, an dem Abschied ihres Sohnes zugrunde geht.

Diese kurze Auflistung der von Wolfram vorgenommenen Veränderungen soll genügen, um die Umwertung der Figur zu illustrieren. Im Parzival ist Herzeloyde kein Randcharakter mehr, sondern eine Gestalt, die das Geschehen über mehrere Episoden hinweg begleitet und teils maßgeblich bestimmt. Ist in der Sequenz des Turniers vor Kanvoleis noch Gahmuret die zentrale Figur, so wie in Soltane Parzival in den Mittelpunkt rückt, wird Herzeloyde im Zeitraum zwischen dem Tod ihres Mannes und ihrem Rückzug in die Einöde sogar zum Mittelpunkt des Geschehens. Sie handelt selbstständig und für eine Frau der Zeit sogar ungebührlich eigensinnig und wird so zu der Bezugsperson, die Parzivals frühe Jugend auf recht ungewöhnliche Weise prägt. Es bleibt also zu fragen, was der Dichter Wolfram mit diesen gewiss nicht beliebigen Veränderungen zu bezwecken sucht.

Um diese Frage zu beantworten, ist es hilfreich, die Funktion der Figur Herzeloyde für das Gesamtwerk zu beleuchten. Betrachtet man Parzivals Weg von der durch seinen Vater vorgeformten vorarturischen Ritterschaft von art hin zum höheren Ideal der Gralsritterschaft, so überzeugt schnell Christa Ortmanns Argumentation, die Herzeloyde als das Bindeglied zwischen diesen verschiedenen Modellen der Ritterschaft sieht. So schreibt sie zu Gahmurets Tod:

Es ist nicht nur persönliches Glück, das da vernichtet wird; es ist die glückhafte Verfassung der gesamten Wertwelt der Gahmuret-Ritterschaft überhaupt, die durch den Tod ihres Exponenten zu Ende ist, und insofern Herzeloide die Realität dieser Wertwelt repräsentiert, sie buchstäblich verkörpert, wird sie von diesem Tod nicht nur persönlich betroffen, sondern sie wird zum personalen Medium, in dem sich das Ende dieser Gahmuret-Welt, die Zeitenwende ritterlicher Heilsgeschichte also, (...) tödlich auswirken kann.[12]

Auf welchen Ebenen aber Herzeloyde diese Funktion eines Mediums innehat, soll nun im Folgenden genauer betrachtet werden.

3 Herzeloyde als Medium der Zeitenwende

3.1 Das Bindeglied Herzeloyde

Zunächst soll nun die Rolle Herzeloydes als Bindeglied zwischen Vater und Sohn genauer beleuchtet werden. Dass hier eine entscheidende und das Fortgehen maßgeblich beeinflussende Verbindung besteht, macht der Erzähler selbst deutlich, indem er die Geburt Parzivals mit den Worten kommentiert:

hie ist der âventiure wurf gespilt,
und ir begin ist gezilt:
wand er ist alrêrst geborn,
dem diz maere wart erkorn.
sîns vater vröude und des nôt,
beidiu sîn leben und sîn tot,
des habt ir wol ein teil vernomen.
nu wizzet wâ von iu sî komen
dises maeres sachewalte (112, 9-17)

Hier wird also eigens betont, „daß diese Parzival-Geschichte (...) auf dem Boden der Gahmuret-Geschichte steht. (...)[Sie ist] die Fortsetzung dieser Geschichte, die genealogische Verbindung ist Träger einer thematischen Kontinuität (Parzival wird Ritter sein, wie sein Vater Gahmuret Ritter war), aber (...) [das maere ] ist dieser Geschichte exegetisch nach- und übergeordnet (Parzival wird aller ritter bluome [109, 11])“[13].

Folgt man nun der Argumentation Christa Ortmanns, so ist das entscheidende Bindeglied, das zur Fortsetzung der Gahmuret-Geschichte in Parzival nötig ist, in dessen Mutter Herzeloyde zu sehen. Ihre Figur stellt die Verbindung her zwischen den beiden Modellen der Ritterschaft von art einerseits und der Gralsritterschaft andererseits. Dieser Brückenschlag zwischen den beiden Ideologien erfolgt vor allem durch eine Zusammenführung der jeweiligen Exponenten durch und in Herzeloyde. Vater und Sohn werden in ihr aneinandergerückt und so direkt nebeneinander gestellt, dass der enge Zusammenhang zwischen beiden unübersehbar wird.

So kommentiert sie ihre Leibesfrucht im Hinblick auf Gahmuret mit den Worten ich was vil junger danne er / und bin sîn muoter und sîn wîp / ich trage alhie doch sînen lîp / und sînes verhes sâmen (109,24-27). „Sîn muoter und sîn wîp – mit dieser Doppelformel thematisiert Herzeloyde die Fortsetzung der Frauenrolle in der Mutterrolle, denn das Leben des Kindes ermöglicht auch ein Fortleben des Vaters über seinen Tod hinaus“[14].

Nach der Geburt erscheint es ihr gar, als hielte sie Gahmuret wieder in den Armen[15]. Der Tod des Vaters ist nicht endgültig, er lebt in seinem Sohn weiter – Herzeloyde hat somit gewissermaßen einen ‚kleinen Gahmuret’ geboren.

Daraus folgt natürlich, dass zwischen Parzival und seinem Vater eine große Wesensähnlichkeit bestehen muss. Darüber hinaus vererbt aber auch Herzeloyde ihrem Sohn gewisse Charakteristika, weshalb Bumke zu dem Schluss kommt, Parzivals Wesen sei „zwiespältig und widersprüchlich. (...) Dieser art ist ihm als sein Vater- und Muttererbe von Geburt an mitgegeben“[16]. Das väterliche Erbe, nämlich die an geborniu manheit (174, 25), das Streben nach Höherem, Preis und Ehre (vgl. 9, 23 ff.), soll in diesem Zusammenhang nicht genauer betrachtet werden. Vielmehr interessiert hier das mütterliche Erbe, das dem Sohn die Gralsbestimmung ‚einimpft’.

3.2 Das mütterliche Erbe

3.2.1 Parzivals Genealogie

Dieses mütterliche Erbe, das Parzival von Anfang an zu besonderen Taten prädestiniert, wird im Text auf verschiedenste Weise immer wieder in den Vordergrund gestellt. Schließlich ist Herzeloyde ja ein Mitglied des engsten Kreises der Gralsgemeinschaft, was freilich erst im neunten Buch durch Trevrizent ans Licht gebracht wird (vgl. 476, 12 ff.). Es erscheint einleuchtend, dass Parzivals Mutter als Schwester des Gralskönigs die ihr angeborenen Privilegien an ihren Sohn weitergibt. Die Beschreibung der Reproduktionsmechanismen der Gralsgesellschaft macht Parzivals Auserwähltheit deutlich: Sus gît man vome grâle dan / offenlîch meide, verholn die man, / durch vruht ze dienste wider dar, / ob ir kint des grâles schar / mit dienste suln mêren: / daz kann si got wol lêren (495,1-6). Diese Bestimmung für den Gralsdienst wird bereits früher angesprochen ( schildes ambet umbe den grâl / wirt nu vil güebet sunder twâl / von im den Herzeloyde bar. / er was ouch ganerbe dar . (333,27-30)) – somit erscheint der Weg des Protagonisten retrospektiv von Anfang an durch Herzeloydes Abstammung festgeschrieben.

[...]


[1] Zitiert nach: Duckworth, David. “Herzeloyde and Antikonie. Some Aspects Compared”. In: German Life and Letters 41 (4), 1988, S. 333.

[2] Lewis, Gertrude Jaron. „Die unheilige Herzeloyde. Ein ikonoklastischer Versuch“. In: Journal of English and German Philology 1975 (74), S. 485.

[3] Bumke, Joachim. Wolfram von Eschenbach. Stuttgart / Weimar 19977, S. 41.

[4] Vgl. Blamires, David. Zitiert nach Duckworth, S. 335.

[5] Christoph, Siegfried. Zitiert nach Duckworth, S. 337.

[6] Zur Ritterschaft von art vgl. Ortmann, Christa. “Ritterschaft. Zur Frage und Bedeutung der Gahmuret-Geschichte im ‚Parzival’ Wolframs von Eschenbach’“. In: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte. 1973 (47:2), S. 669 ff.; „Ritterschaft – und ihre beiden inhaltlichen Ziele [ pris -Erwerb in Kampf und Minne] – ist damit als naturhafte Anlage aufgewiesen“.

[7] Chrestien de Troyes. Perceval oder die Geschichte vom Gral. Aus dem Altfranzösischen übersetzt von Konrad Sandkühler. Stuttgart 1963, S. 9.

[8] „Dein Vater, sollst du wissen, wurde zwischen den Beinen verwundet, so daß er an seinem Körper Schaden litt; seiner weiten Länder, seiner großen Schätze, die er als Edler besaß, ging er ganz verlustig, und er fiel in große Armut. Verarmt und verlassen und verbannt waren zu Unrecht die Edlen nach dem Tode von Uter Pendragon (...). Dein Vater besaß dieses Waldschloß hier in diesem Öden Walde. Er konnte nicht fliehen, aber in großer Eile ließ er sich in der Sänfte hierher tragen“. Chrestien de Troyes. Perceval, S. 15.

[9] Versangaben in Klammern beziehen sich auf: Wolfram von Eschenbach. Parzival. Mittelhochdeutscher Text nach der Ausgabe von Karl Lachmann. Übersetzung und Nachwort von Wolfgang Spiewok. Stuttgart 1981.

[10] „Denn sie wollte ihn davor bewahren, daß er je einen Ritter sähe und sein Handwerk lernte“. Chrestien de Troyes. Perceval, S. 13.

[11] Vgl. die Vogelepisode oder der absichtsvolle Versuch, Parzival durch Narrengewänder der Lächerlichkeit preiszugeben (118,23 ff. und 126,25 ff.). Zwar wird auch Perceval in „ein derbes Hemd aus Hanf“ und weitere wenig höfische Kleidungsstücke gehüllt (vgl. Chrestien de Troyes. Perceval, S. 16), diese Tatsache ist aber wohl durch die Armut der Mutter zu begründen.

[12] Ortmann, S. 700.

[13] Ortmann, S. 698.

[14] Wenzel, S. 217.

[15] si dûht, si hete Gahmureten / wider an ir arm erbeten (113,13/14).

[16] Bumke, Joachim. Die Blutstropfen im Schnee. Über Wahrnehmung und Erkenntnis im Parzival Wolframs von Eschenbach. Tübingen 2001, S. 82.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Herzeloyde als Medium der Zeitenwende in Wolframs von Eschenbach "Parzival"
Hochschule
Universität Regensburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
23
Katalognummer
V168558
ISBN (eBook)
9783640857494
ISBN (Buch)
9783640858682
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ÄDL, Wolfram von Eschenbach, Eschenbach, Parzival, Herzeloyde, Rittertum
Arbeit zitieren
Agathe Schreieder (Autor), 2004, Herzeloyde als Medium der Zeitenwende in Wolframs von Eschenbach "Parzival", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168558

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