[...] Angesichts dieser Brennpunkte befinden sich an der Gesellschaft partizipierende
Menschen in einem Spannungsverhältnis von Positionalität und Vielfalt, in der sie
ihre Identität entfalten. Der Religionsunterricht steht als Teil der
Bildungsinstitution in der Pflicht, sie dabei auf möglichst effektive Weise zu
begleiten, doch er findet sich zwischen den selben Polen wieder und muss eine
Bildung herbeiführen, die beide Momente im Sinne einer pluralitätsfähigen
Ausbildung miteinander vereint. Die Kardinalsfrage lautet, wie beide zueinander
gewichtet werden müssen. Dabei spielen sowohl die Kirchen als auch der Staat
mit seinen Ansprüchen eine tragende Rolle.
Im „Braunschweiger Ratschlag“1, einem der frühesten und damit grundlegendsten
Dokumente im Hinblick auf die aktuelle Diskussion, wird eine
verfassungsrechtliche Anpassung des Religionsunterrichts an die gesellschaftliche
Situation gefordert. Demnach sollte den Autoren zufolge der Religionsunterricht
entweder durch eine Veränderung des Art. 7,3GG ein „Allgemeiner
Religionsunterricht“, durch eine Neuinterpretation in einen Lernbereich
„Religion, Ethik, Philosophie“ integriert, zumindest aber interkonfessionell,
interreligiös und damit auch lebensweltlich geöffnet werden. Stellvertretend für alle in der Arbeit dargestellten Positionen verdeutlicht dieser Beitrag, dass
Religionsunterricht in der Bringschuld steht, sich der Aufgabe interreligiösen
Lernens zu stellen.
Auf dieser Problematik und Herauforderung basierend, verfolgt die vorliegende
Arbeit den Anspruch, die Anlässe für die Diskussion um ein interreligiöses
Lernen im Unterricht detailliert darzustellen. Aus ihnen resultierend, soll
anschließend untersucht werden, welche markanten Positionen der Diskussion
ihre offensichtliche Schärfe verleihen. Dies beinhaltet die Untersuchung der
Argumentationen und die daraus resultierenden Vorstellungen von einem
Religionsunterricht, der interreligiöses Lernen konzeptionell einschließt. Aus den
Ergebnissen soll gefolgert werden, ob und inwiefern sich den vorgebrachten
Argumentationslinien und Positionen eine Perspektive zuordnen lässt. Aus dieser
Wertung soll abschließend ein Fazit hinsichtlich der Thematik im
Religionsunterricht der Zukunft gezogen werden.
1 Hahn/Linke/Noormann: Welchen Religionsunterricht braucht die öffentliche Schule? In: Ru
3/1991, S. 114ff.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
1. ANLÄSSE DER DISKUSSION
1.1 Der multikulturelle Anlass
1.1.1 Die religiöse Vielfalt der BRD
1.1.2 Interreligiöses Lernen als Teil interkultureller Bildung?
1.1.2.1 Zur Entwicklung der Interkulturellen Pädagogik
1.1.2.2 Konzepte und Positionen Interkultureller Pädagogik
1.1.2.3 Interkulturelle Pädagogik und interreligiöses Lernen
1.1.3 Multikulturelle Bildungspolitik?
1.1.3.1 Zur Situationsgebundenheit
1.1.3.2 Interreligiöses Lernen und Bildungspolitik
1.1.4 Interreligiöses Lernen im Kontext schulischer Fremdheit
1.1.4.1 Fremdheit im schulisch – religionspädagogischen Kontext
1.1.4.2 Interreligiöses Lernen als Element schulischer Gemeinschaftsbildung
1.2 Religionsunterricht im Umbruch gesellschaftlicher Relevanz
1.2.1 Säkularität und Pluralität
1.2.2 Religion als ambivalentes Element der Gesellschaft
1.2.3 Die Religiosität von Heranwachsenden
1.2.4 Zur gesellschaftlichen Funktion
1.2.5 Die Diskussion um den konfessionellen Religionsunterricht
1.2.6 Interreligiöses Lernen im Kontext religiöser Bildung
2. POSITIONEN IN DER DISKUSSION
2.1 Das Spannungsfeld interreligiösen Lernens
2.2 Die Hamburger Perspektive
2.2.1 Religionsunterricht in Hamburg
2.2.2 Die Aufgabenbestimmung eines „Religionsunterrichts für alle“
2.2.3 Dialog als Strukturprinzip des interreligiösen Unterrichts
2.2.4 Interreligiöser Religionsunterricht an Grundschulen
2.2.5 Positionalität und Pluralität im Hamburger Konzept
2.3 Zu Gast sein - Interreligiöses Lernen bei Johannes Lähnemann
2.3.1 Das Projekt Weltethos – Kein Weltfriede ohne Religionsfriede
2.3.2 Das Projekt als ein Anstoß in der Debatte
2.3.3 Weltethos und Religionspädagogik – Die Arbeit des Nürnberger Forums
2.3.4 Religionspädagogische Anknüpfungspunkte an das Projekt Weltethos
2.3.5 Johannes Lähnemanns „Religionspädagogik in interreligiöser Perspektive“
2.4 Römisch-Katholische Konkretionen
2.4.1 Katholischer Religionsunterricht in heutiger Gesellschaft
2.4.2 Katholische Religionspädagogik im Aufbruch?
2.4.3 Von ANDERS-Gläubigen zu Anders-GLÄUBIGEN
2.5 Die Arbeitstelle für interreligiöses Lernen (AiL)
2.5.1 Didaktik der Vielfalt statt konfessioneller Theorie
2.5.2 Interreligiöses Lernen in der Schule
3. PERSPEKTIVEN
3.1 Zur Identitäts(B)ildung im Religionsunterricht – Zum Verständnis von Identität, religiöser Bildung und Religion als Grundlage und Gegenstand des Religionsunterrichts
3.2 Kirchliche Positionen zur interreligiösen Bildung
3.2.1 Die evangelische Reaktion auf gesellschaftliche Umbrüche
3.2.2 Perspektiven katholischer Konzeptionen
3.3 Welche Bildung für welche Gesellschaft?
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern der Religionsunterricht in der öffentlichen Schule auf die gesellschaftlichen Veränderungen durch religiöse Vielfalt und Säkularisierung reagieren muss. Das Ziel ist es, Argumentationslinien für ein interreligiöses Lernen im Unterricht herauszuarbeiten und zu prüfen, welche konzeptionellen Perspektiven sich für einen zukunftsfähigen Religionsunterricht ergeben.
- Multikulturalität und religiöse Vielfalt als schulische Realität
- Entwicklung und Grenzen der interkulturellen Pädagogik
- Konfessionelle Identität versus pluralitätsfähige Autonomie
- Modelle interreligiösen Lernens (z.B. Hamburger Modell, Projekt Weltethos)
- Religionspädagogische Herausforderungen im Kontext der Säkularisierung
Auszug aus dem Buch
1.1.1 Die religiöse Vielfalt der BRD
Deutschland ist eine durch Einwanderungen verschiedener Formen geprägte Gesellschaft. Der Begriff der „multikulturellen Gesellschaft“ impliziert ein engagiertes Miteinander, das nur selten der Realität entspricht. Während sich Arbeitsimmigranten, beispielsweise aus Polen, weitgehend in die Gesellschaft integriert haben, die klassische multikulturelle Problematik hier also nicht mehr in ihrer ganzen Breite zutage tritt, werden z.B. arabisch-stämmige Menschen im Alltag, am Arbeitsplatz und in der Schule intensiver als fremd empfunden. Es spielt dabei keine Rolle, ob sie seit mittlerweile zwei Generationen in der BRD leben und die Kinder hier geboren wurden. Als Grund lässt sich die unterschiedlich verankerte Lebensphilosophie, zu der die Religionen ihren Teil beitragen, nennen. Diese sind vielfältig ausgeprägt, da sie in einem dialogischen Verhältnis zum sozioökonomischen Umfeld stehen. Während z.B. in Deutschland die (Spät-)Folgen der Aufklärung und der Humanismus eine bedeutende Rolle in Bildung und Öffentlichkeit und auch für die Fortschreibung von gesellschaftlich transformierter Religion spielen, ist die kulturelle Tradition mit ihrer Religion als Kern ungleich bedeutender für Migranten türkischer Herkunft. Dies bedeutet speziell für diese interkulturelle Konstellation schon Probleme, da sich „[...] die Konfrontation ihres auf die besonderen Verhältnisse agrarisch-nomadischer Gesellschaften zugeschnittenen Glaubens [...] nicht ohne Reibungsverluste mit der Eigenart westlicher Industriegesellschaften vereinbaren läßt.“
Vor dem Hintergrund der mannigfaltigen Konstellationen, wie sie fast überall in der BRD anzutreffen sind, gilt es, sensibel die differenten Lebenswelten zu berücksichtigen. Denn obwohl Menschen verschiedener Herkunft ihre eigenen Wirklichkeitsdefinitionen mit sich bringen, stehen sie vor der ihnen gemeinsamen Aufgabe, das Leben in dieser Gesellschaft bewältigen zu müssen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. ANLÄSSE DER DISKUSSION: Dieses Kapitel analysiert die durch Migration bedingte kulturelle und religiöse Vielfalt sowie die gesellschaftlichen Säkularisierungsprozesse als Ausgangspunkte für die Notwendigkeit interreligiösen Lernens.
2. POSITIONEN IN DER DISKUSSION: Hier werden verschiedene religionspädagogische Konzepte und Ansätze gegenübergestellt, wie etwa das Hamburger Modell oder das Projekt Weltethos, um deren Umgang mit Identität und Pluralität zu verdeutlichen.
3. PERSPEKTIVEN: Dieses Kapitel schließt die Arbeit ab, indem es die untersuchten Positionen vergleicht und zentrale Thesen für die zukünftige Gestaltung des Religionsunterrichts in einer pluralen Gesellschaft formuliert.
Schlüsselwörter
Interreligiöses Lernen, Religionsunterricht, Multikulturalität, Identitätsbildung, Pluralität, Säkularisierung, Religionspädagogik, Dialog, Weltethos, Konfessionalität, interkulturelle Bildung, Weltanschauung, religiöse Kompetenz, schulische Gemeinschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie der Religionsunterricht in öffentlichen Schulen auf die durch Zuwanderung und Säkularisierung entstandene religiöse Vielfalt reagieren kann und soll.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten gehören das Spannungsfeld zwischen religiöser Identität und gesellschaftlicher Pluralität, die Rolle des Staates, die kirchliche Verantwortung sowie spezifische didaktische Ansätze.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Debatte über interreligiöses Lernen theoretisch fundiert darzustellen, verschiedene Positionen zu vergleichen und Perspektiven für einen zukunftsfähigen Unterricht zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine grundlagenorientierte Hausarbeit, die den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs in der Religionspädagogik auf Basis einschlägiger Literatur analysiert und systematisierte Positionen gegenüberstellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Anlässe (Vielfalt, Säkularisierung) sowie die Analyse konkreter Positionen (Hamburger Modell, Weltethos-Projekt, römisch-katholische Konzepte).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind interreligiöses Lernen, Identitätsbildung, Pluralität, Konfessionalität und Religionspädagogik.
Wie bewertet der Autor das "Hamburger Modell"?
Das Hamburger Modell wird als ein dialogorientiertes Konzept hervorgehoben, das sich durch seine konfessionelle Offenheit und die Integration in ein schülerorientiertes Gesamtkonzept auszeichnet, jedoch verfassungsrechtlich in einer Grauzone operiert.
Warum ist das Projekt "Weltethos" für die Arbeit relevant?
Das Projekt Weltethos dient als prominente theoretische Basis für Versuche, ethische Gemeinsamkeiten zwischen Religionen zu finden, um den Weltfrieden zu fördern, was auch pädagogische Konsequenzen für den Religionsunterricht nach sich zieht.
- Quote paper
- Thomas Sengwitz (Author), 2003, Interreligiöses Lernen als Aufgabe für den Religionsunterricht der öffentlichen Schule. Anlässe, Positionen und Perspektiven einer aktuellen Diskussion., Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16855