Clara Viebig: 'Das Weiberdorf'

Betrachtungen der männlichen und weiblichen Protagonisten unter Gender-Aspekten


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
24 Seiten, Note: 1.7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Clara Viebig – ‚Das Weiberdorf‘
2.1 Inhaltsangabe des Werkes
2.2 Das Werk im Kontext seiner Zeit
2.3 Das Werk in seinen Lesarten
2.3.1 Kriminalroman
2.3.2 Der Roman als Beispiel des Naturalismus
2.3.3 Der Roman als Soziale Prosa
2.3.4 Moderner Frauenroman
2.4 Die Figur des Peter Miffert
2.4.1 Charakterisierung der Figur
2.4.2 Peter Miffert als ein ‚Hahn im Korb‘?
2.5 Die Figur der ‚Bäbbi‘
2.5.1 Charakterisierung der Figur
2.5.2 Peter Miffert und ‚Bäbbi‘ – ein ganz besonderes Verhältnis
2.6 Peter Miffert – abschließende Betrachtungen zur Figur

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der folgenden Analyse soll der Roman „Das Weiberdorf“ von Clara Viebig aus dem Jahre 1900 näher betrachtet werden. Dabei soll das Werk, das in der gängigen Literatur entweder der Heimatkunst oder aber dem Naturalismus zugeordnet wird, nicht als ein solches interpre- tiert, sondern als ein Opus betrachtet werden, das sich dem modernen Frauenroman ver- schreibt. Unter der Lupe aktueller Gender-Betrachtungen sollen Machtverhältnisse im Roman aufgedeckt werden und erforscht werden, ob die Hauptfigur – Peter Miffert – als triebgeleite- tes, rein von seiner Libido gesteuertes Wesen betrachtet werden kann oder ob die herausra- gende Bedeutung von Weiblichkeit im Werk seine Rolle als „Hahn im Korb“ insofern deter- miniert, dass seine Handlungen quasi ferngeleitet sind.

Die Vorgehensweise soll dabei folgendermaßen ausgestaltet sein: In einem ersten Schritt führt eine kurze Inhaltsangabe sowie die Darstellung der Bedeutung des Werkes in seiner Zeit in die Arbeit ein. Danach wird eine Analyse der verschiedenen Lesarten vorgenommen, unter denen sich das Werk betrachten lässt. Dabei wird selbstverständlich auch auf den Naturalis- mus-Begriff eingegangen werden, jedoch soll der Begriff des ‚Modernen Frauenromans‘ eine ungleich stärkere Aufmerksamkeit erfahren. Darauf folgt eine Charakterisierung des Peter Miffert sowie eine Erläuterung seiner Position als ‚Hahn im Korb‘ im Dorfe. Dann wird ‚das Bäbbi‘ charakterisiert, die einzig weibliche Person im Werk, die sich nicht der herrschenden Moral beugt, sondern eine eigene Tugend entwirft. In einem weiteren Schritt wird ihr (beson- deres) Verhältnis zum Protagonisten erläutert, woraufhin dieser schließlich einer erneuten Betrachtung unterzogen wird. Ein Fazit soll abschließend darüber Auskunft geben, ob das Werk die Frauen im Weiberdorf als herrschende Gruppe bestimmt oder aber ob sich der Peter Miffert in eine Lage bringt, aus der nur er sich – wenn überhaupt – selbst retten könnte. Dabei soll die Forschungsfrage beantwortet werden, ob im ‚Weiberdorf‘ die fehlende Sexualmoral, bedingt durch eine verschobene, einst patriarchalische Machtstruktur, Ausgangspunkt aller ‚Sünde‘ ist oder ob die soziale Ausgangssituation, in die sämtliche Bewohner hineingeboren wurden, als solche dargestellt ist, dass keinem Bewohner eine andere Wahl bleibt, als seine von den Umständen definierte Rolle einzunehmen und bis zum Schluss durchzuspielen.

2. Clara Viebig – ‚Das Weiberdorf‘

Im folgenden Teil sollen nun die wichtigen Analysefragen abgehakt werden, die in der Einlei- tung gestellt wurden. Dabei soll zuerst mit einer kurzen Inhaltsangabe begonnen werden, be- vor das Werk dann im Kontext seiner Zeit betrachtet wird.

2.1 Inhaltsangabe des Werkes

‚Das Weiberdorf‘ von Clara Viebig handelt von dem kleinen, verarmten Dorf Eifelschmitt, aus dem der Großteil der männlichen Bewohner auszieht, um im Ruhrgebiet einer halbwegs einträglichen Arbeit nachzugehen. Zwei Mal im Jahr kehren sie jedoch zu ihren Frauen zu- rück, welche, bis auf einen alten Bauern sowie den Peter Miffert alleine im Dorf verbleiben. Miffert, der Protagonist des Werkes, kann den anderen Männern wegen eines angeblich lah- men Beines nicht ins Ruhrgebiet folgen und bleibt somit allein unter den ‚Weibern‘. Da die Eifel ihm jedoch keine Möglichkeit bietet, einer geregelten Arbeit nachzugehen, beschließt er, aus seiner Not heraus, Münzen zu fälschen, um sich damit aus seiner aussichtslosen Lage zu bringen. Als er schließlich dem Alkoholismus verfällt und nur noch den Schatten seiner selbst darstellt, wird publik gemacht, dass im näheren Umkreis von Eifelschmitt gefälschte Münzen im Umlauf seien; der ins Dorf hinzugezogene Kölner Rentner Schmitz bleibt dem Miffert auf der Spur und ist mit an seiner Entlarvung als Falschmünzer beteiligt. Der Roman endet schließlich damit, dass Miffert von der Polizei verhaftet und abgeführt wird, während just in diesem Moment die Männer aus dem Ruhrgebiet heimkehren.

2.2 Das Werk im Kontext seiner Zeit

„La plupart de ses nouvelles, et en cela elle rappelle Gorki et Maupassant, appartiennent à un monde qui lutte et souffre“1. Clara Viebig stellt auch in diesem Roman eine Welt da, die lei- det, und zwar unter der bitteren Armut sowie den ungünstigen geographischen und klimati- schen Gegebenheiten der Eifel. Die verbliebenen Bewohner des Weiberdorfes zeigen sich zum größten Teil als faul, rauschsüchtig und triebgesteuert, womit Viebig nicht den typischen Eifeler darstellen wollte, dieser sich zu jener Zeit jedoch als ebensolcher abgebildet fühlte.

„Drinnen, in der Eifel, sahen alle in ihm [dem Roman, Anm. d. Verf.] einen Skandal. Die ganze Land- schaft, ob hoch oder niedrig, arm oder reich, fühlte sich verspottet, in ihrem Schamgefühl verletzt. Die Eifel empfand sich selbst anders, als die Schriftstellerin sie darstellte. Sie hätte sich lieber idealisierter beschrieben gewusst.“2

Die Beschreibungen, die die Eifeler durch Clara Viebig erhalten, sind freilich nicht generell haltbar, doch wollte sie nie, dass ihr Roman eine reine Beschreibung der verlotterten Eifelbe- völkerung enthielt, welche sie als ihr Heimatvolk zu degradieren suchte. Vielmehr ging es ihr um eine Positionierung in der Strömung der Heimatkunst, in der für sie „…nicht das Wort Heimat, sondern das Wort Kunst […] das wesentliche [war]“3, denn „Clara Viebig war keine Eifelerin, sie betrachtete die Eifel von außen“4. Darauf ist bei der Betrachtung des Werkes ein Augenmerk zu legen, denn es kann Clara Viebig nun nicht um den Heimatbegriff gegangen sein, was sie zum einen selbst darlegt, was sich zum anderen jedoch auch dadurch begründet, dass sie ihre Heimat in Trier und später in Berlin gefunden hatte. Dabei ist auch die im Werk genutzte Sprache ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt: Der von den Personen gesprochene Dialekt soll nicht die Liebe zum Moselfränkischen ausdrücken, sondern lediglich die Ein- fachheit der Leute darstellen, die eben nicht des Hochdeutschen mächtig sind5. Die weiterhin im Werk geübte Kritik am Katholizismus stellte sie nun ein noch schlechteres Licht: Clara Viebig war jetzt nicht mehr nur den Eifelern aufs Schärfste verhasst, sondern auch den Mora- listen, die die übersteigerte Darstellung von Sexualität im Werk kritisierten sowie den Vertre- tern der katholischen Kirche, die zum einen sich selbst und zum anderen den Eifeler per se verunglimpft sahen. Dass das Werk also nicht nur Kritik wegen der „…verwilderten Zustän- de, die sie dort beschreibt“6 hervorrief, sondern die geübte Kritik tatsächlich multiple Gründe hatte, lässt darauf schließen, dass das Werk sich von seiner Zeit abgehoben haben muss und Kontroversen aufgeworfen haben muss, „[m]an warf ihr gar vor – besonders durch ihren Ro- man Das Weiberdorf, aber auch durch ihre Eifelnovellen – eine ganze Landschaft und deren Bewohner regelrecht zu diffamieren.“7 Im Folgenden sollen nun die Lesarten vorgestellt werden, unter denen sich das Werk lesen lässt; dabei soll vor allem der Moderne Frauenroman im Vordergrund stehen, der sich mehr auf Gender-Strukturen spezialisiert denn auf vermeint- liche Verunglimpfungen des einfältigen Eifelbürgers der Jahrhundertwende.

2.3 Das Werk in seinen Lesarten

Im den nun folgenden Abschnitten soll ‚Das Weiberdorf‘ in seinen potentiellen Lesarten vor- gestellt werden; dabei kommen der Kriminalroman, das Werk als Beispiel des Naturalismus, die Soziale Prosa sowie der Moderne Frauenroman, auf den das größte Gewicht gelegt wer- den soll8, in Frage.

2.3.1 Kriminalroman

Der Kriminalroman, der ein Verbrechen näher beleuchtet, Täter und Opfer psychologisch untersucht sowie systematisch eine Spannungskurve aufzubauen versucht, wird in der For- schung als eine Möglichkeit betrachtet, das Werk zu lesen. „Wer will, kann die Geschichte als einen ganz normalen Kriminalroman lesen“9 urteilt schon Hermann Gelhaus, konkludiert je- doch auch, dass diese Lesart das Potenzial des Romans nicht vollständig ausschöpfen kann10.

„Denn es ist nicht nur ein Roman, es sind mehrere, die unter diesem Titel ‚Das Weiberdorf‘ erzählt werden“11, so das Fazit, unter dem auch diese Arbeit das Werk betrachtet. Denn Ele- mente des Kriminalromans lassen sich durchaus ohne Probleme finden: Nach der Anfertigung einer Milieustudie sowie der ausgiebigen Beschreibung des sozialen und geographischen Um- feldes mit all seinen Problemen, wird eine Person, der Peter Miffert, herausgehoben betrachtet und zum ‚Täter‘ gemacht, der für sein Verbrechen ein plausibles Motiv vorweisen kann: Um sich und andere aus der Armut zu reißen, beginnt er, Münzen zu fälschen und diese in Umlauf zu bringen. Dabei verelendet er doch psychisch weit mehr, als es vorher der Fall war und der Leser wartet geradezu darauf, dass der Protagonist in irgendeiner Weise kollabiert. Der Rent- ner Schmitz schließlich wettert bei Miffert, dass dieser ein dunkles Geheimnis verstecke und dass die von Miffert vorgetäuschte Erbschaft nichts weiter als ein billiger Trick sei. Seine Vehemenz ist es, die unter anderem dazu führt, dass man dem Peter Miffert auf die Schliche kommt und ihn verhaftet. Die Elemente des Krimis sind also vorhanden: Der Täter begeht einen Gesetzesbruch, weist ein Motiv dafür vor, der Leser kann sich mit dem Täter in gewis- ser Weise identifizieren, dann steigt die Spannungskurve und schließlich stellen die ‚guten‘ Polizisten den ‚bösen‘ Täter. Doch diese Lesart allein überzeugt nicht auf voller Linie, wäre das Werk ein reiner Krimi, so würde man gewisse wesentliche Elemente des Krimis vermis- sen, die Zuspitzung der Spannungskurve auf einen seitenreichen Showdown vergeblich su- chen und anfügen, dass das Werk die Kriminalgeschichte nicht genügend entfaltet. Den Ro- man also als reinen Krimi zu lesen, heißt: ein Bruchteil von ihm zu lesen.

2.3.2 Der Roman als Beispiel des Naturalismus

Den Roman als naturalistisches Werk zu lesen, liegt freilich deshalb nahe, da Viebig als eine der Hauptvertreterinnen des Naturalismus gesehen wird, die ihre naturalistische Linie getreu ihrem Vorbild Émile Zola festlegte. Hierbei sind „psychologische, physiologische und sozio- logische Studien […] die unabdingbare Voraussetzung des naturalistischen Romans“12, wel- che im Werk zu Genüge geleistet werden. Dabei tritt die Darstellung von Mütterlichkeit in ein besonderes Licht, da die idealisierte Mutter, die im Werk durch die Bäbbi verkörpert wird, als in der Natur verwurzelt charakterisiert wird13. Der Bezug von Natur und Mütterlichkeit tritt in diesem Moment insofern zutage, dass die ‚gute‘, sprich die fürsorgliche und pflegende Mutter ein tiefes Schollenbewusstsein in sich trägt und in Einklang mit sich und der Natur lebt.

Ein weiteres Merkmal für die Anwendbarkeit der naturalistischen Lesart ist, das „…vor allem die unteren Schichten der Gesellschaft […] im Mittelpunkt […] stehen“14, was im Werk zu- trifft: Bis auf den reichen Rentner Schmitz, der sehr spät ins Werk tritt und den Pfarrer, des- sen finanzielle Lage zwar nicht konkret geschildert wird, man jedoch annehmen kann, dass er nicht am Hungertuch nagen muss, sind alle anderen Figuren am unteren Rand der Gesell- schaft anzusiedeln, und dies nicht nur in materieller Hinsicht: Sie verfügen über geringe intel- lektuelle Kapazitäten, sind arm und zumeist auch faul und können sich nur des Dialektes be- dienen, da sie Hochdeutsch nie erlernt haben. In ihrer Triebhaftigkeit sind sie geradezu ein- zigartig, da sie sich praktisch über diese definieren, wobei dem „Hunger als Trieb eines ele- mentaren Lebensbedürfnisses […] eine zentrale Bedeutung in der naturalistischen Literatur zu[kommt]“15, welcher neben dem Sexualtrieb als der ausgiebigste im Werk dargestellt wird. Ein weiteres Merkmal der naturalistischen Literatur, das auch hier abgehakt werden kann, ist, dass „[e]s […] im Grunde keine Willensfreiheit [gibt], Determinismus prägt alles menschliche Handeln“16. Diese Arbeit möchte zeigen, dass dieser Determinismus eben aus der Positionie- rung der Geschlechterrollen resultiert, womit die naturalistische Lesart insofern mangelhaft ist, als dass sie ohne Betrachtung der Gender-Strukturen auskommt.

2.3.3 Der Roman als Soziale Prosa

Den Roman als Beispielwerk der ‚Sozialen Prosa‘ zu lesen ist eine weitere Lesart, die sich hervorragend mit dem Naturalismus paaren lässt.

[...]


1 Wilhelm 1992: 154

2 Ruland 1991: 223

3 Ebd.: 220

4 Schommer 2000: 150

5 Vgl. Ruland 1991: 223

6 Bland 2004: 105

7 Hoffmann 2005: 36

8 Vgl. Zierden 1994: 248

9 Gelhaus 2007: 175

10 Vgl. ebd.: 182

11 Guntermann 2004: 187

12 Meyer 2000: 37

13 Vgl. Ecker 1997: 132

14 Moulden 2000: 93

15 Neft 1998: 157

16 Gelhaus 1999: 337

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Clara Viebig: 'Das Weiberdorf'
Untertitel
Betrachtungen der männlichen und weiblichen Protagonisten unter Gender-Aspekten
Hochschule
Universität Trier
Note
1.7
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V168564
ISBN (eBook)
9783640861125
ISBN (Buch)
9783640859443
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
clara, viebig, weiberdorf, betrachtungen, protagonisten, gender-aspekten
Arbeit zitieren
Simon Jakobs (Autor), 2010, Clara Viebig: 'Das Weiberdorf', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168564

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