Der Beruf des Lehrers steht in der Öffentlichkeit wie kaum ein anderer. Jeder kennt
Lehrer, jeder hat neun bis dreizehn Jahre unter ihrer Anleitung verbracht. „Es gibt
wenige Berufe, die sich so unter aller Augen vollziehen. Es gibt keinen
vergleichbaren, der so im Leben aller Menschen eine Rolle spielt“1. Umso
erstaunlicher erscheint es, dass das Image des Lehrers in der Öffentlichkeit- gelinde
gesagt- nicht gerade positiv erscheint. „Es muss nachdrücklich festgestellt werden,
dass die Tätigkeit der Lehrer/innen häufig...nicht recht ernst genommen wird“2,
schreibt Flitner. Neuere Studien zum Berufsbild, wie die von Reitmajer, gehen von
einer drastischen Verschlechterung des gesellschaftlichen Prestiges in den letzten
20-30 Jahren aus3. Das bestätigen auch die jährlichen Berufsprestigeskalen der
Umfrageinstitute. Hatten 1966 noch 37% der Westdeutschen besondere
Hochachtung vor Grundschullehrern, so sind es 2001 noch 28%. Das Prestige von
Gymnasiallehrern schrumpfte in der selben Zeit von 28% auf 12%. Dagegen halten
seit 1966 die klassischen akademischen Berufe Arzt, Theologe, Jurist und
Hochschulprofessor mit Abstand die ersten Plätze der Skala.4
Ich möchte in dieser Hausarbeit einige Aspekte des Lehrerbildes in der Öffentlichkeit
untersuchen. Wie kommt das Lehrerbild zustande? Welche Ursachen, Hintergründe
und Motive sind es, die die öffentliche Meinung derart prägen? Und schließlich: Wie
soll man als Lehrer damit umgehen?
1 Flitner 1990: S.18.
2 Ulich 1996: S. 18.
3 Reitmajer 2000: S. 21-26.
4 Allensbacher Berichte 2001/Nr.16.
Inhaltsverzeichnis
1. UNTERSUCHUNGSGEGENSTAND
2. ÖFFENTLICHKEITSBEGRIFF
3. BESTANDSAUFNAHME
-AKTEURE VON ÖFFENTLICHKEIT: MASSENMEDIEN, SPRECHERGRUPPEN
-PUBLIKUM ALS „ÖFFENTLICHKEITSKONSTITUIERENDE BEZUGSGRUPPE“
4. ERKLÄRUNGSANSÄTZE
-VIELSCHICHTIGE BERUFSROLLE DES LEHRERS
-TABUS ÜBER DEN LEHRERBERUF
5. RESÜMEE
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht das in der Öffentlichkeit vorherrschende negative Image des Lehrerberufs, analysiert die Ursachen für diese Wahrnehmung sowie die Rolle der Massenmedien und gesellschaftlicher Erwartungen bei der Konstruktion dieses Lehrerbildes.
- Die Darstellung des Lehrerberufs in Massenmedien und deren Überzeugungsstrategien.
- Die Bedeutung des Publikums als öffentlichkeitskonstituierende Bezugsgruppe.
- Die Vielschichtigkeit und Konflikthaftigkeit der professionellen Berufsrolle des Lehrers.
- Historische und gesellschaftliche Tabus sowie Stereotype im Lehrerbild.
Auszug aus dem Buch
Der Lehrer als Pauker und Prügler
Arschgeiger, Arschtrommler, Blaugerber, Einbleuer, Hosenbodenarchitekt, Rohrstöckler, Knüppelstratege...der Lehrer mit dem Rohrstock zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Berufes. Pauker, hinter diesem Schema stehe das „höchst aufgeladene negative Imago des Prüglers“27, so Combe. „Der Lehrer präsentiert diese imago als den physisch Stärkeren, der den Schwächeren schlägt“: Er sei sozusagen nicht fair, kein guter Sportsmann, schreibt auch Adorno28. „Er tadelt, schimpft, ohrfeigt oder prügelt gar, nimmt also Funktionen wahr, für die man früher beim Militär wie im Zivilleben ganz spezielle Beauftragte hatte, deren Berufe als unehrenhaft galten: Pedelle, Profosse, Kerkermeister, Henker.“29
Obwohl die Prügelstrafe an sich abgeschafft ist, würde dem Lehrer diese Funktion immer noch zugeschrieben, so der Gedankengang weiter. Denn zur Reproduktion der bürgerlichen Gesellschaft gehöre auch heute die Integration der Heranwachsenden. Und diese lasse sich nur unter dem Potential physischer Gewalt bewerkstelligen. „Die physische Gewalt wird von der Gesellschaft (an die Lehrer) delegiert und zugleich in den Delegierten verleugnet. Die, welche sie ausüben sind Sündenböcke für die, welche die Anordnung treffen“30.
Zusammenfassung der Kapitel
1. UNTERSUCHUNGSGEGENSTAND: Dieses Kapitel thematisiert die Diskrepanz zwischen der gesamtgesellschaftlichen Relevanz des Lehrerberufs und seinem aktuell eher negativen Image in der Öffentlichkeit.
2. ÖFFENTLICHKEITSBEGRIFF: Es wird der Begriff der Öffentlichkeit erläutert, wobei insbesondere die Rolle von Medien und Sprechern im Sinne Neidhardts als Kommunikationsfeld definiert wird.
3. BESTANDSAUFNAHME: Dieser Abschnitt analysiert, wie Massenmedien den Lehrerberuf durch spezifische Rhetorik und Themenwahl als „Höllenjob“ darstellen und wie das Publikum dies durch eigene Erfahrungen individuell bewertet.
4. ERKLÄRUNGSANSÄTZE: Hier werden die vielschichtige, teils widersprüchliche Berufsrolle des Lehrers sowie tiefsitzende historische Stereotype und Tabus untersucht.
5. RESÜMEE: Das Resümee stellt fest, dass das gespannte Verhältnis zwischen Lehrerberuf und Öffentlichkeit durch strukturelle Rollenkonflikte sowie historische Vorurteile geprägt ist.
Schlüsselwörter
Lehrerberuf, Öffentlichkeit, Lehrerbild, Massenmedien, Berufsrolle, Sozialgeschichte, Stereotype, Erziehungswissenschaft, Prestige, Schule, Leistungsgesellschaft, Tabus, Krisendiagnose, Lehrerdasein, Pädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das negativ behaftete Image des Lehrerberufs in der öffentlichen Wahrnehmung und hinterfragt die Ursachen für dieses gesellschaftliche Phänomen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der medialen Darstellung, der Bedeutung des Publikums als Bezugsgruppe und der Analyse der Lehrerrolle im Spannungsfeld zwischen Staat und Pädagogik.
Welches ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Motive und Hintergründe für das aktuelle Lehrerbild zu verstehen und den Konflikt zwischen beruflichen Anforderungen und öffentlicher Erwartung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretische Analyse basierend auf fachwissenschaftlicher Literatur und Sozialforschung, um öffentliche Diskursmuster und historisch gewachsene Stereotype zu dekonstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bestandsaufnahme der medialen und öffentlichen Meinung sowie in tiefgehende Erklärungsansätze zur Struktur der Berufsrolle und zu archaischen Lehrer-Klischees.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Lehrerberuf, Öffentlichkeit, Berufsrolle, Image, Massenmedien, Stereotype und pädagogische Realität.
Welche Rolle spielen Massenmedien bei der Wahrnehmung der Lehrer?
Medien fungieren laut Arbeit als Akteure, die durch spezifische Rhetorik und dramaturgische Zuspitzungen (z.B. „Höllenjob“) ein krisenhaftes Bild des Berufsstandes konstruieren, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Wie beeinflussen historische Stereotype das heutige Bild?
Historische Bilder wie der „Prügler“ oder der „arme Schulmeister“ wirken im kulturellen Gedächtnis nach und führen zu einer problematischen „deformation professionelle“, die auch heute noch das Bild des Lehrers als unreif oder autoritär prägt.
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- Anke Rößler (Author), 2002, Lehrerberuf und Öffentlichkeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16858