Nachbarschaftseffekte bei räumlich konzentrierter Armut in innerstädtischen Räumen


Hausarbeit, 2010

27 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Städtische Armut
2.1 Armutsbegriff
2.2 Entwicklung städtischer Armut

3 Städtische Nachbarschaften
3.1 Begriff
3.2 Nachbarschaften in der Gegenwart
3.3 Homogene Nachbarschaften durch sozialräumliche Segregation

4 Nachbarschaftseffekte bei räumlich konzentrierter Armut
4.1 Konzentrationseffekte
4.2 Quartierseffekte
4.3 Vermittelnde soziale Prozesse

5 Vermeidung negativer Nachbarschaftseffekte durch soziale Heterogenität
5.1 Das Postulat der sozialen Mischung
5.2 Lässt sich soziale Heterogenität in Städten erzeugen?
5.3 Die solidarische Stadtgesellschaft als verantwortlicher Akteur

6 Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Seit Jahren beobachtet man in westlichen Industrieländern im Rahmen der strukturellen wirtschaftlichen Veränderungen hin zur Dienstleistungsgesellschaft die Entstehung einer neuen Qualität von Armut, die sich vor allem in Großstäd- ten und dort in einzelnen Stadtteilen1 konzentriert. Zu den Betroffenen zählt man nicht nur Erwerbslose, sondern auch solche Menschen, deren Einkommen nicht mehr ausreichen, um soziale und kulturelle Konsumstandards zu errei- chen. Eine These, die in der stadtsoziologischen Diskussion vertreten wird, lau- tet, dass die räumliche Konzentration deprivierter Haushalte sich selbst verstär- kende Nachbarschaftseffekte nach sich zieht, weil benachteiligte Menschen im Falle ihrer räumlichen Konzentration Ausgrenzungen und Diskriminierungen ausgesetzt sind. Zur Vermeidung solcher negativen Kontexteffekte entwickelten sich stadtpolitische Leitbilder, die in einer sozialen Mischung der Bewohner ei- ner Stadt die Lösung für eine sozial integrative Stadtentwicklung sehen und deshalb planerisch soziale Heterogenität anstreben.

Vor diesem Hintergrund ist zunächst zu fragen, was man unter Armut versteht und wie sich Armut in Städten gegenwärtig entwickelt. Weiter ist zu klären, wie sich „Nachbarschaften“ an die städtischen Ausdifferenzierungsprozesse ange- passt haben und in welchen Formen sie heute existieren. Dann will ich feststel- len, inwieweit Nachbarschaftseffekte für deutsche Städte bislang nachgewiesen werden konnten, welche konkreten Effekte gegebenenfalls beobachtet wurden und ob diese für alle Bewohnergruppen gleichermaßen zu erwarten sind. Dabei will ich nicht nur die bedingenden Faktoren und die gemessenen Effekte dar- stellen, sondern auch auf die vermittelnden sozialen Prozesse achten, die für das Zustandekommen von Nachbarschaftseffekten verantwortlich gemacht werden. Auf der Basis dieser Erkenntnisse soll abschließend die Frage disku- tiert werden, ob die auf soziale Mischung abzielenden stadtpolitischen Leitbilder negative Nachbarschaftseffekte reduzieren und ein Patentrezept für integrative Stadtentwicklungen darstellen können.

2 Städtische Armut

2.1 Armutsbegriff

Eine universell gültige Armutsdefinition gibt es nicht. In der Diskussion um ma- terielle Unterversorgung von Menschen wird zwischen absoluter und relativer Armut unterschieden. Unter absoluter Armut versteht man die Unterschreitung des physischen Existenzminimums, während man eine relative Armutssituation auf die in einem Land durchschnittliche Einkommens- bzw. Vermögenssituation bezieht (Herlyn u.a. 1991: 18). Die EU-Mitgliedstaaten bilden das relative Ar- mutsrisiko mit dem Indikator der Armutsrisikoquote ab und definieren sie „als Anteil der Personen in Haushalten, deren bedarfsgewichtetes Nettoäquivalenz- einkommen weniger als 60% des Mittelwertes (Median) aller Einkommen be- trägt“ (Lebenslagen in Deutschland. Der dritte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2008: 20). Die Maße relativer Einkommensarmut sagen nach dieser Definition also etwas über die Einkommensverteilung aus und sind statistische Maße. Hiervon zu unterscheiden ist das „soziokulturelle Existenz- minimum“, das im Sozialhilferecht abgesichert ist. Wer Leistungen des Sozial- hilferechts in Anspruch nimmt, kann mit staatlicher Unterstützung Mindeststan- dards (physische Existenz und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben) errei- chen. Auch die in diesem Sinne bedürftigen Menschen werden in der öffentli- chen Diskussion oft als arm bezeichnet (Lebenslagen in Deutschland. Der dritte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung 2008: 21).

Die Betrachtungsperspektiven ließen sich noch weiter differenzieren. So sinn- voll es wäre, über die reine Ressourcenarmut hinaus auch danach zu fragen, welche Lebenschancen und welche Muster der Lebensführung sich für Men- schen in einer modernen, sich ausdifferenzierenden Gesellschaft ergeben und welche Konsequenzen aus Benachteiligungen entstehen können, um so un- übersichtlicher wird das Armutskonzept als solches. Es verliert an Trennschär- fe, nicht zuletzt weil sich immer weniger harte, verlässliche Armutsindikatoren (Armutsdaten) identifizieren lassen. Vor diesem Hintergrund wird in den hier explizierten Untersuchungen über die Folgen der Armut in der Stadt grundsätz- lich ein enger, auf einen Mangel an Ressourcen (fehlende Mittel zum Lebens- unterhalt) ausgerichteter Armutsbegriff zugrunde gelegt und auf allgemein zu- gängliche, standardisierte Sozialdaten zurückgegriffen.

In diesem Sinne ist der Begriff „Armut“ also im weiteren Gebrauch grundsätzlich zu verstehen. Dabei ist zu beachten, dass es sich bei Verwendung der EU- Definition zur relativen Armut wie dargestellt um rein statistische Daten handelt und dass bei Verwendung der Sozialhilfedaten die Anzahl der Hilfeempfänger von der Höhe der Bedarfssätze abhängt. Je höher diese sind, umso mehr Haushalte sind bezugsberechtigt und gelten als arm.

2.2 Entwicklung städtischer Armut

Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise in den 1970er Jahren offenbaren sich die Grenzen des wirtschaftlichen Wachstums. Rationalisierung und Globalisierung haben Arbeitsplatzabbau2 zur Folge und führen in den von Industrie geprägten Städten zu ernsthaften Problemen (Wüst 2007: 110ff.). Eine voranschreitende gesellschaftliche Differenzierung verbunden mit zunehmenden Statusinkon- sistenzen lassen neue Dimensionen sozialer Ungleichheit in der Gesellschaft entstehen (Wüst 2007: 125). Städtische Armut charakterisiert sich ab Mitte der 1980er Jahre zunächst durch zwei parallel verlaufende Entwicklungen – sin- kende Steuereinnahmen der Kommunen und eine zunehmende Zahl von Per- sonen, die auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Die Steuerausfälle entstanden durch Deindustrialisierung und Globalisierung der Wirtschaft, verbunden mit Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland und Arbeitslosigkeit im Inland. In Köln beispielsweise stieg von 1995 bis 1999 die Zahl der Stadtteile mit einem Anteil Armer über 12% von drei auf elf an, darunter erreichten zwei Stadtteile einen Anteil Armer von über 20%. Neben der Zahl der Armutsgebiete hat auch der Anteil Armer in den Armutsgebieten in diesem Zeitraum zugenommen (Friedrichs/Blasius 2000: 9, 12).

Den Feststellungen des Deutschen Städtetages zufolge ist die Zahl der Men- schen in Deutschland, die auf Hilfe zum Lebensunterhalt angewiesen sind3, von 273.009 im Jahr 2005 auf 324.961 im Jahr 2008 und damit in drei Jahren um rund 19% angestiegen. Die Ausgaben für Hilfen zum Lebensunterhalt stiegen im gleichen Zeitraum überproportional von 615,5 Millionen Euro auf 888,4 Milli- onen Euro (rund 44%) an. Der Städtetag weist darauf hin, dass sich die Schere zwischen wirtschaftsstarken und –schwachen Städten immer weiter öffnet und Städte mit hoher Arbeitslosigkeit und großen sozialen Problemlagen vor den größten Finanzierungsproblemen stehen (Sozialleistungen der Städte in Not 2010: 27f.). Dem Anstieg der Sozialhilfeausgaben der Städte steht ein Rück- gang der Gesamtarbeitslosigkeit in Deutschland gegenüber. Im Oktober 2010 wurde mit 2,945 Millionen Arbeitslosen die niedrigste Arbeitslosigkeit in einem Oktober seit 1991 registriert.4

Diese gegenläufigen Entwicklungen lassen darauf schließen, dass die Tertiäri- sierung weiter vorangeschritten ist und sich die Probleme der Städte in den 1980er Jahren (Arbeitslosigkeit, Steuermindereinnahmen) heute in Form der „working-poor“ darstellen. Das heißt, das Arbeitsangebot des Dienstleistungs- sektors bietet zwar vielen Menschen Partizipationschancen, die Einkünfte dar- aus reichen aber immer weniger zum Lebensunterhalt aus. Dies weist auf ein Armutsproblem hin, das aus Sicht des Städtetags wirtschaftsschwache Städte besonders belastet. Mit Blick darauf, dass die Hilfen zum Lebensunterhalt ei- gentlich Ressourcenprobleme abfedern und ausgleichen sollten, stellt sich die Frage, warum die Bezieher von Sozialleistungen nicht in der Lage sind, mit den staatlichen Ausgleichsmaßnahmen positive individuelle Entwicklungen einzulei- ten. In diesem Zusammenhang wird in der Forschung die Frage diskutiert, ob die räumliche Konzentration armer Menschen eigene soziale Wirkungen in Form von Nachbarschaftseffekten erzeugt, die eine Abwärtsspirale in Gang set- zen können. Um dieser Frage nachgehen zu können, ist vorher zu klären, was Nachbarschaften sind und welche Wirkungen diese entfalten können.

3 Städtische Nachbarschaften

3.1 Begriff

Hamm versteht unter Nachbarschaften5 eine soziale Gruppe, „deren Mitglieder primär wegen der Gemeinsamkeit des Wohnortes miteinander interagieren“ (Hamm 1973: 18). Diese Gemeinsamkeit war noch im Mittelalter existenziell, weil man auf gegenseitige Hilfeleistung (z. B. Bekämpfung von Feuer, Schutz vor Feinden) angewiesen war. Sicherheits- und Schutzaufgaben werden heute durch „anonyme Risikoträger“ (Hamm 1973: 45), wie staatliche Dienstleistungs- unternehmen (Berufsfeuerwehren, Polizei), übernommen. Man ist also nicht mehr auf den Nachbarn angewiesen, die Beziehungen zu den Nachbarn sind wähl- und gestaltbar geworden (Häußermann/Siebel 2004: 110f.).

Wird es Nachbarschaften also früher oder später nicht mehr geben oder werden Nachbarschaften durch die räumliche Nähe der Beteiligten „automatisch“ er- zeugt? Interagieren Menschen zwangsläufig, wenn sie räumlich zusammen le- ben?

3.2 Nachbarschaften in der Gegenwart

Stadtsoziologische Untersuchen kommen zu dem Ergebnis: „Die räumliche Nä- he allein generiert, so der Tenor aller empirischen Untersuchungen, keine in- tensiven Sozialbeziehungen. Trotz vielfältiger Kontaktmöglichkeiten bringen Menschen nur eine begrenzte Kontaktbereitschaft auf“ (Häußermann/Siebel 2004: 111, mit Verweis auf Friedrichs 1983, 243ff.). Der moderne städtische Raum kennzeichnet sich dadurch, dass die Bewohner eines Quartiers mit Blick auf deren steigende Mobilitätspotenziale (Infrastruktur, moderne Kommunikati- onstechnik) zunehmend Kontakte zu Bekannten und Freunden außerhalb des Quartiers unterhalten und immer weniger auf Kontaktnetze in der direkten Nachbarschaft angewiesen sind. Hierdurch müssen sich Nachbarschaften in der Stadt zwar nicht auflösen, sie können aber andere Formen entwickeln, die in mehr oder weniger intensiven Kontakten mit direkten oder weitläufigeren Nachbarschaften bestehen.

[...]


1 Die Begriffe „Stadtteile“, „Quartiere“ oder „innerstädtische Räume“ werden in dieser Arbeit synonym verwandt. Ebenso die Begriffe „depriviert“ und „benachteiligt“.

2 „Entlassungsproduktivität“ avancierte zum Unwort des Jahres 2005.

3 Nach der Umstellung des Sozialhilferechts vom Bundessozialhilfegesetz in das Sozialgesetz- buch XII im Jahr 2005.

4 Quelle: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/bundesregierung-zahl-der-arbeitslosen-faellt- unter-drei-millionen-1.1016793. Abruf 27.11.2010.

5 Etymologisch ist der Begriff „Nachbarschaft“ zusammengesetzt aus den unter nah[e] und Bau- er behandelten Wörtern und bedeutet eigentlich „nahebei Wohnender“ (Drosdowski 1989: 477f.).

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Details

Titel
Nachbarschaftseffekte bei räumlich konzentrierter Armut in innerstädtischen Räumen
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Soziologie III/Arbeitsbereich Stadt- und Regionalsoziologie)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
27
Katalognummer
V168594
ISBN (eBook)
9783640861170
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Armut, Stadt, Nachbarschaft, Nachbarschaftseffekt, Segregation, Konzentrationseffekte, Quartierseffekte, soziale Homogenität, soziale Heterogenität
Arbeit zitieren
Egon Wachter (Autor), 2010, Nachbarschaftseffekte bei räumlich konzentrierter Armut in innerstädtischen Räumen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168594

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