Der politische Konjunkturzyklus


Hausarbeit, 2010
43 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einführung

2. Die Theorie des opportunistischen Konjunkturzyklus
2.1 Der Modellmechanismus opportunistischer Konjunkturzyklen
2.2 Das Modell nach William D. Nordhaus
2.1.1 Das ökonomische System
2.2.2 Das politische System
2.2.3 Der politische Konjunkturzyklus
2.3 Kritik und Erweiterung des Modells um rationale Erwartungen
2.4 Empirische Evidenz des Nordhaus Modells

3. Die Theorie des ideologischen Konjunkturzyklus
3.1 Das Modell der Partisan-Theorie
3.2 Kritik und Erweiterung des Modells um rationale Erwartungen
3.3 Empirische Evidenz

4. Schlussbetrachtung

Anhang

Literaturverzeichnis

Vortragsfolien.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

ABBILDUNG 1: Grundschema der Modelle opportunistischer Konjunkturzyklen

ABBILDUNG 2: Die kurz- und langfristige Phillipskurve

ABBILDUNG 3: Opportunistischer Konjunkturzyklus

ABBILDUNG 4: Ideologischer Konjunkturzyklus

1. Einführung

Verfolgte man vor der vergangenen Bundestagswahl im September 2009 die öffentliche politische Diskussion so stieß man des Öfteren auf die Argumentation, die verschiedenen Parteien versuchten mittels teurer Wahlgeschenke die Regierungsmacht zu erlangen bzw. den Machterhalt zu sichern. Zwar stand die Wahl aufgrund der anhaltenden Wirtschaftskrise unter besonderen Vorzeichen, jedoch war es nicht überraschend, dass wenige Monate vor der Wahl den Wählern umfangreiche Subventionen oder Steuerstrukturänderungen versprochen wurden. Diese Sichtweise steht jedoch im Gegensatz zu traditionellen ökonomischen Modellen, in denen sich die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger benevolent verhalten und durch eine Stabilisierungspolitik versuchen extreme Konjunkturschwankungen zu glätten. Die Vertreter der politischen Konjunkturtheorie gehen stattdessen davon aus, dass Politiker auch Wiederwahl und/oder Ideologieinteressen verfolgen. Durch diese Beeinflussung der wirtschaftlichen Aktivität werden zusätzliche, oft systematische Schwankungen ausgelöst, die als politische Konjunkturzyklen verstanden werden können (vgl. Belke 1996, S.7). Die ersten Versuche, das Politikerverhalten und die ökonomische Entwicklung miteinander zu verbinden, fand Mitte des 20. Jahrhunderts statt und geht zurück auf Michael Kalecki (1943). Es dauerte allerdings bis 1975, als William D. Nordhaus in seinen Aufsatz “The Political business Cycle“ den Begriff des Politischen Konjunkturzyklus aufgriff und ihn zur Theorie des Politischen Konjunkturzyklus ausweitete.

Ziel dieser Seminararbeit ist es, die verschieden Erklärungsansätze politischer Konjunkturzyklen in Abhängigkeit des zugrunde liegenden Handlungsmotivs der Politiker und der Art der Erwartungsbildung zu untersuchen und deren konjunkturelle Konsequenzen aufzuzeigen. Zunächst wird ausführlich auf das Modell von William D. Nordhaus eingegangen in denen das Wiederwahlinteresse der Politiker im Vordergrund steht und eine adaptive Erwartungshaltung der Wähler unterstellt wird. Nach einer kritischen Betrachtung und Erweiterung des Modells um rationale Erwartungen erfolgt eine Darlegung der Empirischen Evidenz des Modells. Im Mittelpunkt des zweiten Teils der Arbeit stehen ideologische Konjunkturzyklen, in denen die handelnden Politiker unabhängig von Wahlen Parteiinteressen verfolgen. Nach Darlegung des Modells von Douglas A. Hibbs (1977) das eine adaptive Erwartungsbildung unterstellt erfolgt auch hier eine Erweiterung um rationale Erwartungen und ein Überblick über die empirische Evidenz. Am Ende der Arbeit steht eine abschließende Schlussbetrachtung. ”Gemischte” Modelle, die als ideologischopportunistische Konjunkturtheorien bezeichnet werden (vgl. Scheuerle 1999, S. 3) und iederwahl- mit dem Ideologieinteresse kombinieren sind nicht Gegenstand dieser Arbeit.

2. Die Theorie des opportunistischen Konjunkturzyklus

2.1 Der Modellmechanismus opportunistischer Konjunkturzyklen

Eine Gemeinsamkeit aller Modelle zur Erklärung opportunistischer Zyklen lässt sich in dem alleinigen Ziel der Regierungen erkennen, Stimmenmaximierung zu betreiben um wiedergewählt zu werden. Unter dem Einsatz wirtschaftspolitischer Instrumente wird zum Zeitpunkt der Wahl eine Situation herbeigeführt, die von den Wählern als positiv beurteilt wird. Als Grundmechanismus lässt sich, wie in Abbildung 1 veranschaulicht eine Zweiteilung in ein ökonomisches und ein politisches System erkennen, die jeweils miteinander verbunden sind (vgl. Scheuerle 1999, S.9).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Grundschema der Modelle opportunistischer Konjunkturzyklen, Quelle: Scheuerle (1999, S.9)

Das ökonomische System ist durch eine Konfliktbeziehung zweier ökonomischer Größen gekennzeichnet, was durch einen Phillipskurven Trade-off von Inflation und Arbeitslosenquote zum Ausdruck gebracht wird. Die Erwartungsbildung der Wähler kann in Abhängigkeit der jeweiligen Theorie adaptiv oder rational erfolgen. Um die Leistung einer Regierung zu beurteilen gehen die Ergebnisgrößen des ökonomischen Systems als Input in das politische System ein. Über eine Popularitäts- bzw. Wahlfunktion wird schließlich das Ansehen einer Regierung und damit das Wahlergebnis bestimmt. Die Regierungspartei kann dies antizipieren und versucht durch den Einsatz wirtschaftspolitischer Instrumente das ökonomische System zu beeinflussen, um so das Ziel einer Wahl bzw. Wiederwahl zu erreichen. Auch Nordhaus geht in seinem Modell opportunistischer Konjunkturzyklen (1975) von diesen Prämissen aus und leitet seinen Modellmechanismus aus den beiden Subsystemen ab.

2.2 Das Modell nach William D. Nordhaus

2.2.1 Das ökonomische System

Das ökonomische System beschreibt den Zusammenhang zwischen den für die Regierung maßgeblichen makroökonomischen Variablen, unter der Annahme, dass diese durch die Wirtschaftspolitik steuerbar sind. Der Zusammenhang wird hier durch das in der Ökonomie heftig diskutierte Modell der Phillipskurve1 beschrieben (vgl. Phillips 1958, S. 283-299). Dieses erklärt eine Trade-off Beziehung zwischen Inflationsrate und Arbeitslosenquote, die bei adaptiver Erwartungshaltung hinsichtlich der erwarteten Inflation aus einem Argument der keynesianischen Theorie abgeleitet wird (vgl. Felderer/Homburg 2005 S. 242f.). Nordhaus stellt diese Konfliktbeziehung beider Größen durch eine vereinfachte, erwartungsmodifizierte Phillipskurve dar (1), die sich auf die Erwartungsbildungshypothese adaptiver Erwartungen stützt (vgl. Scheuerle 1999, S.21).

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Die Inflationsrate ist c.p. umso höher, je geringer die Arbeitslosenquote und je höher die Inflationserwartungen sind. ist ein autonomer Parameter, und misst den Einfluss der Arbeitslosenquote auf die Inflationsrate, ist das Gewicht, mit dem die Inflationserwartungen die Inflationsrate beeinflussen. Nordhaus beschreibt weiterhin, dass zwischen einem lang- und einem kurzfristigem Trade-off differenziert werden muss, wobei in der kurzfristigen Betrachtung eine größere Ausprägung des Trade-offs vorliegt. (vgl. Nordhaus 1975, S. 170). Begründet wird dies damit, dass Individuen kurzfristig von der Entwicklung der Inflationsrate überrascht werden, sodass sich ein größerer Unterschied zwischen Inflationsrate und Inflationserwartungen einstellt. Die kurzfristige Phillipskurve entspricht somit Gleichung (1). Unter langfristiger Sichtweise stimmen jedoch Inflation und Inflationserwartungen überein, was zu einer Modifizierung der Phillipskurvengleichung für die langfristige Phillipskurve führt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In nebenstehender Abbildung 2 erfolgt die Darstellung einer langfristigen (LPK) sowie zweier kurzfristigen (KPK) Phillipskurven für unterschiedliche Inflationserwartungen . Zunächst ist zu erkennen, dass sowohl LPK als auch KPK negative Steigungen aufweisen, was durch die Trade-off Beziehung von Arbeitslosenquote und Inflationsrate erklärt werden kann. Ein Absinken der Inflationsrate ist c.p. nur durch einen Anstieg

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Abbildung 4: Die kurz- und langfristige Phillipskurve, Quelle: Scheuerle (1999), S.22

der Arbeitslosenquote realisierbar. Die Trade-off Beziehung ist umso ausgeprägter, je besser die Inflationsraten von den Wählern antizipiert werden können. Aus diesem Grund weißt die LPK eine größere Steigung als die KPK auf. Durch einen Anstiegt der Inflationserwartung erfolgt eine Verschiebung der KPK nach oben, was bedeutet, dass eine gleiche Arbeitslosenquote nur unter Inkaufnahme einer höheren Inflationsrate erreicht wird. Um das ökonomische System zu vervollständigen, ist es weiterhin nötig eine Bestimmungsgleichung für die adaptive Erwartungsbildungshypothese im Hinblick auf die Inflationserwartungen einzuführen. Die zeitliche Veränderung der Inflationserwartungen wird von Nordhaus als die Differenz zwischen der tatsächlichen und der erwarteten Inflationsrate definiert, gewichtet mit einem konstanten Parameter .

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Waren die Inflationserwartungen in der aktuellen Periode größer als die tatsächliche Inflationsrate, sinken die Inflationserwartungen für die kommende Periode und vice versa (vgl. Scheuerle S. 22f.). Für das ökonomische System lässt sich zusammenfassend sagen, dass eine sinkende Arbeitslosenquote die Inflationsrate in der aktuellen Periode über den Zusammenhang durch die Phillipskurve und für künftige Perioden über die Bestimmungsgleichung der Inflationserwartungen erhöht.

2.2.2 Das politische System

Bei der Leistungsbeurteilung der Politiker im Rahmen des politischen Systems berufen sich die wahlberechtigten Individuen auf ihre Präferenzordnung hinsichtlich ökonomischer Variablen, wobei diese besonders von Inflationsrate und Arbeitslosenquote abhängig ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Es ist somit möglich die subjektive Präferenzordnung des $-ten Individuums durch die Nutzenfunktion [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] darzustellen (vgl. Nordhaus 1975, S.173). Da die Wirtschaftssubjekte die aktuelle Arbeitslosenquote als Indikator für ihre persönliche und zukünftige Einkommensentwicklung heranziehen, und eine hohe Inflationsrate zu Liquiditätsproblemen führen kann, steigt der Grundnutzen der Individuen mit sinkender Arbeitslosenquote und Inflationsrate. Das individuelle Wahlverhalten kann nun folgendermaßen erklärt werden. In einem Zweiparteiensystem wird die Regierung von den Wählern für die aktuelle ökonomische Entwicklung verantwortlich gemacht, jedoch unwissend hinsichtlich der Beziehungen auf der Phillipskurve. Für Ihre Wahlentscheidung zum Wahlzeitpunkt t vergleichen die Individuen daher die Regierungsleistung hinsichtlich der wirtschaftlichen Entwicklung der zurückliegenden Legislaturperiode mit einem Referenzzeitpunkt der als subjektiver Leistungsstandart der regierenden Partei verstanden werden kann. Die Regierung erreicht nur dann eine Wiederwahl, wenn der Wählernutzen aufgrund der wirtschaftlichen Situation über dem Nutzenwert der individuellen Standartleistung liegt. Diese erwartete Leistung ist wiederum das Ergebnis eines adaptiven Prozesses, so dass folgendes gilt:

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wobei 9 eine nicht-negative quadratische Matrix der Anpassungskoeffizienten, I die

Identitätsmatrix darstellt, und 9 für alle Wähler gleich ist. Für das Wahlverhalten des $-ten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Stimmen für die Regierungspartei werden dabei mit 1, die für die Opposition mit -1 berechnet. Die aggregierte Wahlfunktion 3 (7) aller Wähler zeigt nun ob die Regierung an der Macht bleiben kann, dann ist 3 positiv, oder ob sie im Falle eines negativen 3 von der Opposition abgelöst wird.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die politischen Parteien sind annahmegemäß nur an einem für Sie positiven Wahlausgang interessiert. Es wird angenommen, dass sie über die Wählerpräferenzen perfekt Bescheid wissen. Da eine Referenzleistung gegeben ist, entscheidet sich die Regierung daher während Ihrer Regierungszeit für eine Wirtschaftspolitik, die 3 im Hinblick auf maximiert (vgl. Nordhaus 1975, S.174):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2.3 Der politische Konjunkturzyklus

In der folgenden Darstellung des politisch induzierten Konjunkturzyklus wird ausschließlich auf eine kurzfristige Betrachtungsweise eingegangen, wie sie Nordhaus 1975 auf S.181ff. schildert, wobei die Legislaturperiode nicht als eine homogene Periode definiert wird und somit der Regierungspartei die realistische Annahme ermöglicht während dieser Amtszeit von unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Maßnahmen Gebrauch zu machen. Weiterhin wird die Annahme eingeführt, dass die Wähler die Regierung lediglich retrospektiv und kurzsichtig beurteilen, ein schwindendes Erinnerungsvermögen haben und sich an kurz zurückliegende Ereignisse deutlich besser erinnern als an frühere.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die aus den Verhaltensannahmen resultierende Wahlfunktion (9) berücksichtigt die Wahlfunktion des statischen Falls T , sowie die Schwundrate des Erinnerungsvermögens der Wähler V und Θ als Länge der Legislaturperiode. V wirkt dabei wie eine rückwärtsgerichtete Diskontrate. Auch die implizite Gewichtung des Ergebnisses erstreckt sich lediglich auf die kurzsichtige Länge einer Legislaturperiode. Die Regierung sieht sich unter diesen Annahmen mit einem dynamischen Optimierungsproblem konfrontiert, und muss versuchen durch die gezielte Steuerung der ökonomischen Größen über die gesamte Legislaturperiode Θ ihre Wiederwahl zu sichern. Dabei ist sie sowohl durch die Phillipskurve als auch durch die adaptive Erwartungsbildung der Wähler begrenzt, mit dem Wissen, dass zurückliegende Ereignisse von den Wählern mit der Rate V vergessen werden. Das politisch optimale Programm für die Regierungspartei maximiert folglich die Wahlfunktion (9) unter den folgenden Nebenbedingungen2:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Durch das demokratische Umfeld, in dem die Wähler die Regierung aufgrund von retrospektiven und kurzsichtigen Entscheidungen wählen, und die Regierung in opportunistischer Weise ausschließlich an der Wiederwahl interessiert ist, der Zeithorizont zudem nur auf die aktuelle Legislaturperiode begrenzt ist kommt es zu einem Konjunkturzyklus der sich nach den Wahlzeitpunkten ausrichtet. Die optimale Politik der Regierungspartei, die ihren Stimmenanteil zum Wahlzeitpunkt maximiert sieht vor, dass diese zum Wahltermin hin die Wirtschaft mittels einer expansiven Wirtschaftspolitik stimuliert. Bei einer dabei kontinuierlich sinkenden Arbeitslosenquote während der Legislaturperiode erreicht diese ihr Minimum am Wahltag.

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Nach der erfolgreichen Wiederwahl versucht die Regierung jedoch mittels einer restriktiven Nachfragepolitik die Inflation zu bekämpfen und die Inflationserwartungen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

wieder zu senken, um den Trade-off der Phillipskurve erneut ausnutzen zu können

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Opportunistischer Konjunkturzyklus, Quelle: Nordhaus 1975, S. 185

und erneut die Wiederwahl zu sichern (vgl. Drazen 2002, S.236). Die auf einem Aufschwung folgende Rezession wird von den Wählern jedoch durch die schwindende Erinnerungsrate bis zum nächsten Wahlzeitpunkt vergessen, da nur die wirtschaftliche Entwicklung der aktuellen Legislaturperiode für die Wahlentscheidung maßgeblich ist. Das geschilderte Verhalten äußert sich darin, dass Arbeitslosenquote und Inflationsrate das in Abbildung 3 dargestellte sägezahnartige Profil, d.h. konjunkturelle Schwankungen aufweist. Aufgrund der Erwartungsbildungshypothese reagiert die Inflationsrate nicht zeitlos, und erscheint in einem geglätteten Zeitverlauf (vgl. Heubes 1986, S.101). Der spiegelbildliche Verlauf lässt sich auf die Trade-off Beziehung beider Größen zurückführen. Die minimale Arbeitslosenquote im Wahljahr ist offensichtlich nur bei einer maximalen Inflationsrate realisierbar (vgl. Scheuerle 1999, S.28). Bei einem Verzicht auf die restriktive Politik zu Beginn der Amtsperiode würden bei der nächsten Wahl die Inflationserwartungen zu hoch ausfallen um das Stimmenmaximum der vergangenen Periode wieder zu erreichen. Nach Frey (1976, S.107) ist die Realisation einer hohen Arbeitslosenquote zu Beginn der Periode als Investition anzusehen, um bewusst eine Verschlechterung der Wirtschaftslage in Kauf zu nehmen, und dadurch am Wahlzeitpunkt eine umso günstigere gesamtwirtschaftliche Situation zu erreichen. Die Kurzsichtigkeit der Wähler garantiert hierbei, dass keine Abstrafung der Regierung zum nächsten Wahlzeitpunkt erfolgt.

2.3 Kritik und Erweiterung des Modells um rationale Erwartungen

Ansatzpunkte für eine kritische Betrachtung des Modells von Nordhaus lassen sowohl das ökonomische als auch das unterstellte politische System erkennen. Eine ausführliche Darstellung der kritischen Auseinandersetzung ist in Scheuerle (1999, S.34-50) zu finden. Im Folgenden wird jedoch nur auf wesentliche Kritikpunkte des Modells eingegangen.

In Zeiten unabhängiger Zentralbanken ist die Annahme der freien Steuerbarkeit der Inflationsrate als kritisch anzusehen, da durch die Unabhängigkeit der Regierungseinfluss auf die Inflationsrate minimiert wird. Unter Aufgabe dieser Annahme ist ein Zustandekommen des politischen Konjunkturzyklus im Nordhaus-Modell nicht erkennbar. Weiterhin nimmt Nordhaus vereinfacht an, dass die Terminologie der Wahltage exogen fixiert ist. In demokratische Staaten ergibt sich für die Regierung jedoch die Möglichkeit vorhandene Spielräume bei der Festsetzung von Wahlterminen auszunutzen (vgl. Markwardt 2008, S.29). Es muss auch davon ausgegangen werden, dass bei den wahlberechtigten Individuen zwischen Stammwählern die nur schwer beeinflussbar sind, und Wechselwählern unterschieden werden muss, was bei Nordhaus jedoch gänzlich unterbleibt und statt einer Differenzierung eine homogene Betrachtung der Wählerschaft erfolgt (vgl. Freyer/Wiedmaier 1979, S.164). Der in der Literatur meist diskutierte Kritikpunkt lässt sich in der Annahme der adaptiven Erwartungsbildung in Kombination mit einem stark kurzsichtigen Zeithorizont der Wähler erkennen. Bei ihrer Wahlentscheidung sollen die Individuen lediglich die ökonomische Situation der jüngsten Vergangenheit berücksichtigen und zukünftige Nutzenverluste dabei außer acht lassen. Durch diese Annahme begehen die Wähler bei jeder Änderung der Inflationsrate einen systematischen Erwartungsfehler und lassen sich am Wahltag von günstigen gesamtwirtschaftlichen Bedingungen täuschen. Es ist anzunehmen, dass die Individuen auf Dauer das Politikverhalten durchschauen und die zukünftig absehbare Wirtschaftslage in ihre Wahlentscheidung einbeziehen (vgl. Markwardt 2008, S.29).

Insbesondere dieser Kritikpunkt wurde in der Folgezeit häufig aufgegriffen um das Modell von Nordhaus um eine rationale Erwartungsbildung zu erweitern, nach der die Wähler ihre Erwartungen auf Grundlage aller ihnen zeitlich zur Verfügung stehenden Informationen bilden, und damit auf die ökonomische Theorie von Muth (vgl. Muth 1961, S.316) zurückgreifen. Eine Reihe von Autoren hat somit im Zeitverlauf die opportunistische Theorie um genannte rationale Betrachtungsweise erweitert3, wobei die Ansätze in ihrer theoretischen Herangehensweise differieren. Der mit der Phillipskurvenmodellierung des Norhaus-Modells am nächsten verwandte Ansatz lässt sich in der Arbeit von Thorsten Erik Persson und Guido Tabellini (1990) erkennen. Die Autoren gehen davon aus, dass Individuen rational agieren und ihre zukünftigen Erwartungen sowie alle zum Zeitpunkt zur Verfügung stehenden Informationen mit in Ihren Entscheidungsprozess einbeziehen. Weiterhin wird wie im Nordhaus-Modell von einer erwartungsmodifizierte Phillipskurve ausgegangen. Erweitert wird dieses Modell jedoch um einen sog. „Kompetenzterm“, der ein Maß für die Fähigkeit der politischen Entscheidungsträger darstellt um Probleme wie den Umgang mit externen Schocks lösen zu können (vgl. Markwardt 2008, S.30ff). Analog zu Nordhaus handelt die Regierung eigennutzenorientiert, und betreibt Stimmenmaximierung. Eine Entscheidende Rolle bei der Lösung des Modells spielt jedoch das Kompetenzniveau der Politiker, denn vor allem der besser qualifizierte hat einen Anreiz dies zu signalisieren, was z.B. durch die Bereitstellung öffentlicher Güter oder durch niedrige Steuersätze erfolgen kann (vgl. Persson/Tabellini 1990, S.80ff). Können Wähler zwischen schlechter und guter Qualifizierung differenzieren, so ergibt sich ein politischer Konjunkturzyklus. Die kompetente Regierung wird vor der Wahl für ein unerwartet hohes Inflationsniveau und damit einen Wirtschaftsaufschwung sorgen, die inkompetente Regierung wählt jedoch eine nur kurzfristig optimale Geldpolitik mit einem unerwartet niedrigen Inflationsniveau und einer damit verbundenen Rezession (vgl. Persson/Tabellini 1990, S.86).

2.4 Empirische Evidenz des Nordhaus Modells

Das vorgestellte Modell von Nordhaus liefert ein eindeutiges, empirisch überprüfbares Verlaufsmuster für die ökonomischen Größen Inflation und Arbeitslosigkeit. Gegen Ende der Legislaturperiode sollte die Arbeitslosigkeit sinken während die Inflation steigt. Nach den Wahlen sollten steigende Arbeitslosenquoten und sinkende Inflationsraten beobachtbar sein. Die empirische Literatur lässt jedoch ein sehr heterogenes Bild erkennen, wobei eine Vielzahl von Studien die Existenz opportunistischer Zyklen bestätigt andere Arbeiten wiederum kommen zu einer grundsätzlichen Verwerfung der Hypothesen. Dieses differenzierte Bild kommt durch Unterschiede in der angewandten Methodik und der verwendeten Daten hinsichtlich der untersuchten Länder und des Zeithorizontes zustande was zu einer nicht eindeutigen Vergleichbarkeit der verschiedenen Studien führt. Im Folgenden wird auf die Arbeit von Alesina, Cohen und Roubini (1992, S.667ff.) näher eingegangen, in der die Autoren für 18 OECD Länder mittels empirischer Tests die Modellvorhersagen in Hinblick auf Arbeitslosenquote und Wirtschaftswachstum untersuchten. Hinsichtlich des Wirtschaftswachstums konnten nur in vier Ländern statistisch signifikante, für die Arbeitslosigkeit kein signifikanter Wert ermittelt werden. Die Werte für die Inflationsrate nahmen in den empirischen Schätzungen hingegen die vom Modell erwarteten Vorzeichen an und ließen eine Signifikanz erkennen. Bei der Untersuchung der wirtschaftspolitischen Einflussmöglichkeiten der Geld- und Fiskalpolitik, die von der Regierung zur Beeinflussung der wirtschaftlichen Lage genutzt werden können, konnte ebenfalls empirisch bestätigt werden. Von Bedeutung waren in diesem Zusammenhang insbesondere Steuerreduzierungen, erhöhte Staatsausgaben und Geldmengenwachstum, die jedoch von der jeweiligen Regierung nicht vor jeder Wahl genutzt wurden. Zusammenfassend kommen die Autoren zu der Schlussfolgerung, dass die empirischen Ergebnisse Konjunkturzyklen im Sinne der Nordhaustheorie nicht eindeutig bestätigen. Lediglich für die beiden Länder Deutschland und Neuseeland konnten die Vorhersagen des Nordhaus-Modells hinsichtlich ökonomischer Aktivität und Inflationsrate bestätig werden. Für Neuseeland wird dieses bereits erwartete Ergebnis durch eine wenig unabhängige Zentralbank erklärt, wobei das Ergebnis für Deutschland mit einer stark unabhängigen Zentralbank für eine Überraschung sorgte. Abschließend ist festzuhalten, dass die Summe der bisherigen empirischen Untersuchungen das Nordhaus-Modell als nicht eindeutig nachweisbar beurteilen.

3. Die Theorie des ideologischen Konjunkturzyklus

3.1 Das Modell der Partisan-Theorie

Aus der Kritik an der Unterstellung einer rein opportunistischen Zielsetzung der Regierung entstand bereits kurze Zeit nach dem Ansatz von Nordhaus (1975) ein zweiter Zweig der politökonomischen Theorien des Konjunkturzyklus, die sog. Partisan-Theorien. Der Begründer dieser Theorien, Douglas A. Hibbs (1977), verwarf die aus der opportunistischen Zielsetzung über das Medianwählertheorem folgende Politikkonvergenzthese, unter der sich für alle Parteien eine gleiche, nicht voneinander unterscheidbare Politik ergab. Vielmehr würden verschiedene Parteien nach Erlangung der Regierung, auch unterschiedliche Ziele verfolgen oder zumindest die einzelnen Ziele unterschiedlich gewichten. In seiner empirisch geprägten Arbeit vertritt Hibbs diese Annahme und zeigt, dass in der Realität durchaus parteispezifische Unterschiede in der Wirtschaftspolitik zu erkennen sind, die als ideologisch bezeichnet werden können. Die für das Modell opportunistischer Konjunkturzyklen dargestellte Unterteilung in ein ökonomisches und politisches System lässt sich jedoch auch für ideologische Konjunkturzyklen erkennen, mit dem Unterschied dass im Rahmen des politischen Systems nicht mehr von einer homogenen sondern einer heterogenen Wählerschaft ausgegangen werden kann. Es existieren unterschiedliche Parteien, die jeweils verschiedene Interessen der Wähler vertreten und somit unterschiedliche ideologische Ziele im Einsatz der wirtschaftspolitischen Instrumente verfolgen (vgl. Scheuerle 1999, S.160f.)

[...]


1 Einen kritischen Überblick über die bis dahin diskutierte Literatur geben Santomero, Seater (1978)

2 Zur Lösung des Optimierungsproblems vgl. Anhang A1.

3 in diesem Zusammenhang sind besonders die Arbeiten von Cuckierman und Meltzer (1986) Rogoff und Sibert (1988), Rogoff (1990) und Persson und Tabellini zu nennen.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Der politische Konjunkturzyklus
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Makroökonomie)
Veranstaltung
Konjunkturtheorie
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
43
Katalognummer
V168639
ISBN (eBook)
9783640862818
ISBN (Buch)
9783640863068
Dateigröße
843 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Inklusive Vortragsfolien
Schlagworte
Konjunkturzyklen, William D. Nordhaus, rationale Erwartungen, ideologischer Konjunkturzyklus, Partisan-Theorie, opportunistischer Konjunkturzyklus
Arbeit zitieren
Bastian Franke (Autor), 2010, Der politische Konjunkturzyklus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168639

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