Sozialkapital in ethnischen Gemeinschaften

Hindernis oder Chance für die gesellschaftliche Integration?


Masterarbeit, 2010
101 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Integrationskompetenz Sozialkapital

2. Fragestellung der Masterarbeit

3. Theoretisches Konzept des Sozialkapitals
3.1 Einführung in das theoretische Konzept des Sozialkapitals
3.1.1 Die politikwissenschaftliche Ausrichtung des Sozialkapital
3.1.2 Das Kapitale in Sozialkapital
3.1.3 Sozialkapital als öffentliches und/oder privates Gut
3.2 Der Sozialkapitalansatz von Putnam
3.2.1 Strukturelle Dimension des Sozialkapitals
3.2.1.1 Netzwerke
3.2.1.2 Horizontale und vertikale soziale Beziehungen
3.2.1.3 Bindende und brückenschlagende soziale Beziehungen
3.2.1.4 Starke und schwache soziale B eziehungen
3.2.2 Kulturelle Dimension des Sozialkapitals
3.2.2.1 Normen
3.2.2.2 Vertrauen
3.2.3 Zusammenhang zwischen den Sozialkapitaldimensionen
3.3 Der Sozialkapitalansatz nach Coleman
3.3.1 Kooperative Handlungssysteme und Vertrauensvergabe
3.3.2 Vertrauensvergabesituationen und Handlungsoptionen
3.4 Ergänzungen zu den Sozialkapitalansätzen von Putnam und Coleman
3.4.1 Negative und positive Externalitäten des Sozialkapitals
3.4.2 Ziviles und unziviles Sozialkapital

4. Operationalisierung
4.1 Definitionen
4.2 Operationale Analysefelder der sozialen Beziehungen
4.3 Gelegenheitsstrukturen im Analysefeld

5. Forschungsfeld der Integration
5.1 F orschungsstände zur Integrati on
5.1.1 Integrationsindikator Sprachkompetenz
5.1.2 Integrationsindikator Bildung
5.1.3 Integrationsindikator Familien- und Erwerbstätigkeit
5.2 Forschungsfeld der Binnenintegration

6. Analysefelder der soziale Beziehungen
6.1 Verwandtschaftliche soziale Beziehungen
6.1.1 Kernfamiliäre soziale Beziehungen
6.1.1.1 Inter- und intraethnische Partnerschaften und Ehen
6.1.1.2 Selektionskriterien für interethnische (Ehe-)Partnerwahl
6.1.1.3 Ethnisch-kulturelle Präferenz: Frühverheiratung
6.1.1.4 Ethnisch-kulturelle Präferenz: Religiosität und Traditionalität
6.1.1.5 Zwischenfazits zu den kernfamiliären sozialen Beziehungen
6.1.2 Großfamiliäre soziale Beziehungen
6.1.2.1 Familienbezogenheit von großfamiliären sozialen Beziehungen
6.1.2.2 Zentrifugalkräfte von großfamiliären sozialen Beziehungen
6.1.2.3 Verwandtschaftliche Reziprozität und Vertrauen
6.1.2.4 Intergenerationale großfamiliäre Reziprozität
6.1.2.5 Zwischenfazits zu den großfamiliären sozialen Beziehungen
6.2 Nicht-verwandtschaftliche soziale Beziehungen
6.2.1 Zusätzlich zu berücksichtigende Analysekomponenten
6.2.1.1 Ausprägungen von bekanntschaftlichen Beziehungen
6.2.1.2 Ausprägungen von freundschaftlichen Beziehungen
6.2.1.3 Selektionskriterien von freundschaftlichen Beziehungen
6.2.1.4 Erste Zwischenfazits zu nicht-verwandtschaftlichen Beziehungen
6.2.2 Mediterranes Verständnis von freundschaftlichen Beziehungen
6.2.2.1 Homo- und heterogene freundschaftliche Multiplexität
6.2.2.2 Freundschaftliche Reziprozität und Vertrauen
6.2.2.3 Zweites Zwischenfazit zu nicht-verwandtschaftlichen Beziehungen

7. Schlussfazit und Ergebnisanalyse
7.1 Ermöglichende und verhindernde strukturelle Sozialkapitalausprägung
7.2 Ermöglichende und verhindernde kulturelle Sozialkapitalausprägung
7.3 Wirkungen des in ethnischen Gemeinschaften gebildeten Sozialkapitals

8. Schlussbemerkungen

9. Anhang
9.1 Hybrides theoretisches Sozialkapitalschema
9.2 Analysefelder von sozialen Beziehungen

10. Literaturverzeichnis

1. Integrationskompetenz Sozialkapital?

„Was hält die Gesellschaft zusammen?“ und „Was treibt die Gesellschaft auseinander?“, fragt Heitmeyer (1997a/b) in zwei komplementär aufeinander folgenden Büchern. In diesen verweist er auf die doppelte Integrationsfrage und damit auf eine weitere Herausforderung von ethnisch-kulturell vielfältigen Gesellschaften (vgl. Heitmeyer 1997b: 10). Mit Bezug auf das klassische Cleavage-Konfliktlinienkonzept[1]weist Heitmeyer darauf hin, dass die Sozialwissenschaften die auf ethnischen Differenzen basierenden Konflikte nicht berücksichtigen, da diese „[...] schlecht in die historischen Typologien sozialer und politischer Grundkonflikte [...]“ passen (ebd.: 235). Neben den vier Grundkonflikten in einer Gesellschaft kann aber „[...] die Integration der Mehrheitsgesellschaft selbst und der Minderheiten]“[2]in diese Mehrheitsgesellschaft als eine mindestens ebenso große Herausforderung betrachtet werden (ebd.: 10). Eines der Anzeichen für den fortschreitenden Integrationsbedarf der Gesellschaft sind „[...] neue ethnische, religiöse und kulturelle Reibungsflächen [...], die teilweise auch zu Verhärtungen, Parallelgesellschaften und manifesten Konflikten führen“ können (Heitmeyer/Imbusch 2005: 66).

Die Integration[3]von „[...] Subsystemen[4]einer Gesellschaft [...]“ kann als Systemintegration verstanden werden (ebd.: 125). Dagegen ist unter Sozialintegration die Integration[5]von Menschen und Gruppen in eine Gesellschaft zu verstehen (vgl. 130f.). Dazu spezifiziert Esser (2001), im Rückgriff auf Lockwood, dass „[...] es durchaus möglich sei, dass eine Gesellschaft stark integriert ist [...], es aber Gruppen oder Personen gibt, die mehr oder weniger in diese Gesellschaft hinein integriert sind“, woraus Esser schließt, dass es „[...] grundsätzlich eine Systemintegration auch ohne Sozialintegration geben“[6]könne (Esser 2001b: 4). In dieser Masterarbeit wird davon ausgegangen, dass Deutschland einen hohen Grad an Systemintegration erreichen konnte und diesen mit leichten Pendelschwankungen halten kann. Verschiedene Studien und auch die öffentlich-politische Diskussion, verbunden mit (symbolischer) Integrationspolitik, deuten jedoch auf ein Defizit bei der Sozialintegration von ethnischen Minderheiten in Deutschland hin (vgl. BAMF 2008, 2010, BiB 2004, BIBE 2009, BMFSFJ 2000, BMI 2001). Studien zur Integration konzentrieren sich besonders gerne auf quantitative statistische Daten, um den Grad an Integration oder den Anteil der integrierten Migranten darzulegen. Im Mittelpunkt stehen dabei häufig die Sprachfähigkeit, die Erwerbstätigkeit und die Häufigkeit von Heiraten mit Deutschen (vgl. ebd.). Diese Indikatoren sollen in der Analyse nicht vernachlässigt werden, sondern vielmehr durch eine erweiterte Analyse der zwischenmenschlichen Beziehungen mit Hilfe des Sozialkapitalkonzepts umfassender gestaltet werden. Denn dem Sozialkapital wird dabei unter anderem die Leistungsfähigkeit unterstellt, „[...] soziale Integration durch verlässliche Beziehungen fördern [...]“ zu können (Klein et. al. 2004: 42). Sozialkapital kann demnach eine Gesellschaft zwar nicht alleine zusammenhalten, aber doch dazu beitragen, den Zusammenhalt in ihr zu fördern (vgl. Zmerli 2008: 42).

Der Fokus der Analyse wird auf die Bedingungen zur Entstehung und Bildung des Sozialkapitals in den ethnischen Gemeinschaften gelegt, um darauf aufbauend die Chancen und Hindernisse für eine Sozialintegration der Mitglieder der ethnischen Gemeinschaften analysieren zu können. Kann zum Beispiel die Einheirat eines deutschstämmigen Partners die Sozialintegration mehr fördern als ein gemeinsam absolvierter schulische Bildungsweg? Oder ist eine hohe Kontaktdichte mit Verwandten eine eher hinderliche Bedingung für die Sozialintegration? Mit der Analyse soll ein vertiefender Blick auf die umgebenden Rahmenbedingungen für das in ethnischen Gemeinschaften gebildete Sozialkapital gelingen. Es wird davon ausgegangen, dass sich die umgebenden Rahmenbedingungen des Sozialkapitals sich aus mehreren Einflussfaktoren zusammensetzen. Analysiert werden soll dabei zum einen die beeinflussende Kraft der kulturellen Herkunft auf die Entstehung und Bildung von Sozialkapital in den ethnischen Gemeinschaften. Zum anderen wird davon ausgegangen, dass möglicherweise auch andere nicht-kulturelle Einflussfaktoren ebenso auf die Entstehung und Bildung von Sozialkapital einwirken können. Hierunter sind zum Beispiel divergierende Lebensentwürfe sowie Einstellungs- und Verhaltensmuster zu verstehen.

Zudem wird von einer sich entfaltenden Folgewirkung des in ethnischen Gemeinschaften entstandenen und gebildeten Sozialkapitals auf die Gesamtgesellschaft ausgegangen. Darunter kann einerseits die Entwicklung von Parallelgesellschaften oder ethnischen Kolonien als Folge von Integration verstanden werden, die sich lediglich auf die ethnische Gemeinschaft beschränkt, andererseits eine unbeschränkte

Sozialintegration von Migranten, die über die ethnische Gemeinschaft hinaus möglich ist. Welchen Chancen oder Hindernisse das in ethnischen Gemeinschaften entstandene und gebildete Sozialkapital für eine beschränkte Integration oder unbeschränkte Sozialintegration bieten kann, soll an zwei in Deutschland ansässigen ethnischen Gemeinschaften vergleichend analysiert werden.

2. Fragestellung der Masterarbeit

Nach Alba und Nee (2003) können drei Prozesse der sozialen Integration differenziert werden: erstens der Prozess der Assimilation in die Gesamtgesellschaft, welcher als unidirektionaler und unumkehrbarer bis zur Anpassung beschrieben werden kann (vgl. Alba/Nee 2003: 25), zweitens die „[...] Eingliederung als ein [...] Prozeß der Verhärtung rassistischen Ausschlusses und der Absorption in einen rassischen Minderheitenstatus [...]“ (ebd.: 22) sowie drittens ein „[...] Prozeß der sozialen Pluralisierung, der es Individuen und Gruppen erlaubt, ökonomische und soziale Vorteile wahrzunehmen, indem sie relevante Teile ihrer Lebensführung im Bezugsrahmen einer ethnischen Matrix ansiedeln“ (ebd.). Es wird davon ausgegangen, dass soziale Integrationen in den ethnischen Gemeinschaften in und durch alle drei Prozesse individuell vorkommen können.

Als möglicher polarer Gegensatz zur sozialen Integration soll in dieser Masterarbeit die Binnenintegrationsthese dienen, die an späterer Stelle noch einmal ausführlich und spezifiziert dargestellt wird (vgl. Abs. 5.2). Kurz zusammengefasst wird zum einen davon ausgegangen, dass Binnenintegration nur förderlich für die Integration in die ethnische Gemeinschaft sein kann, und zum anderen davon, dass Binnenintegration zudem (als zweite Stufe) die Integration in die Gesamtgesellschaft mit befördert (vgl. ebd.). Aufbauend auf der Binnenintegrationsthese stellt Haug (2006) fest, dass „[...] die Einbettung in eine ethnische Gemeinschaft förderliche Wirkungen für die gesamtgesellschaftliche Integration“ hat, was auf das gebildete Sozialkapital zurückzuführen ist (97).

Das Konzept des Sozialkapitals wurde als theoretischer Rahmen für diese Masterarbeit gewählt und wird aufgrund dessen in den folgenden Abschnitten ausführlich dargestellt (vgl. Abs. 3-3.4.2). In der Masterarbeit wird dabei der folgenden Fragestellung nachgegangen:

Unter welchen Bedingungen kann das in ethnischen Gemeinschaften gebildete Sozialkapital eine Doppelintegration ermöglichen oder verhindern und welche Wirkungen hat das in den ethnischen Gemeinschaften gebildete Sozialkapital auf die Gesamtgesellschaft?

Eine nähere operationale Erläuterung des Analyserahmens und der Begrifflichkeiten der Fragestellung findet im Abschnitt 4 statt, da eine Erörterung zu diesem Zeitpunkt ohne die spezifischen Merkmale des hybriden theoretischen Konzepts des Sozialkapitals für diese Masterarbeit nicht sinnvoll erscheint.

3. Das theoretische Konzept: Sozialkapital

In diesem Kapital soll zunächst der allgemeine wissenschaftlich-historische Ursprung des Sozialkapitals erörtert werden, um darauf aufbauend die politikwissenschaftliche Ausrichtung für diese Masterarbeit ausführlicher darzustellen (vgl. Abs. 3.1-3.1.1). Im daran anschließenden Abschnitt wird die Einbettung des Sozialkapitals in ihrem Bezug zu anderen wissenschaftlich entwickelten Kapitalformen beleuchtet (Abs. 3.1.2). Hierauf folgt die Erörterung des für diese Masterarbeit relevanten gesellschaftlichen Bezuges zum Konzept von Sozialkapital (vgl. Abs. 3.1.3). Daran anschließend wird das theoretische Fundament für diese Masterarbeit anhand einer selektiven Auswahl des putnamschen Sozialkapitalansatzes vorgestellt (vgl. Abs. 3.2-3.2.2.2). Ergänzt wird der Sozialkapitalansatz durch das colemansche Handlungssystem mit Vertrauensvergabe (vgl. Abs. 3.3-3.3.2). Vorweggenommen werden kann an dieser Stelle, dass das theoretische Fundament des Sozialkapitalansatzes durch Ausführungen von Diekmann (1993) und Seubert (2009) erweitert und somit für diese Masterarbeit komplettiert wird. Diese Adaption oder Hybridisierung des theoretischen Sozialkapitalansatzes für diese Masterarbeit erscheint sinnvoll, um eine möglichst zielführende Analyse durchführen zu können (Abs. 3.4-3.4.2).

3.1 Eine Einführung in das Konzept: Sozialkapital

Nach Angaben von Robert Putnam (2000) kam das theoretische Konzept des Sozialkapitals zum ersten Mal in der Progressive Era (1890-1920) im Bildungssektor in den USA auf und wurde von L.J. Hanifan mit der „[...] importance of community involvement for successful schools [...]“ in Verbindung gebracht (19). Zudem finden sich schon in diese Richtung gehende Grundgedanken bei den soziologischen „[...] Klassikern wie Max Weber, Georg Simmel oder Émile Durkheim [...]“ unter dem Begriff des sozialen Handelns (Franzen/Freitag 2007: 7). Zu einer Renaissance dieser Gedankengänge, nun im theoretischen Konzept des Sozialkapitals, führten in den 80er und 90er Jahren die Arbeiten von Bourdieu, Coleman und Putnam (vgl. ebd.: 10). Putnam (1999) selbst datiert die gegenwärtige wissenschaftliche Wiedereinführung des Sozialkapitals in die 60er Jahre zurück und verweist auf Jacobs Werk: The Death and Life of Great American Cities von 1961 (vgl. ebd.: 28 Fußnote 15, 2000: 19f.). Die letztendliche Etablierung in der Wissenschaft sei jedoch, nach Putnam, erst Coleman Ende der 80er Jahre gelungen (vgl. ebd.). Historisch betrachtet bemerken Franzen und Freitag (2007), dass verschiedene Beiträge mit dem Label Sozialkapital, die unabhängig voneinander in unterschiedlichen wissenschaftlichen Bereichen veröffentlicht worden waren, zur Entwicklung des theoretischen Konzepts beigetragen hätten, wobei dadurch aber auch eine zunehmende Heterogenität sichtbar geworden sei (vgl. Franzen/Freitag 2007: 67, o.ä. Putnam 1999: 9f.). So ist es nicht verwunderlich, dass Sozialkapital zuweilen als nebulöses Konzept (Roche) oder als semantischer Fallout (Farr) beschrieben oder auch als Genotyp mit vielen Phänotypen (Adam/Roncevic) charakterisiert wird (vgl. Van Deth 2008: 152).

Bei der empirischen Erfassung findet sich demnach auch keine allgemein akzeptierte operationale Definition des Begriffs Sozialkapital. Selbst Putnam geht einerseits von einem weiten und andererseits von einem engen Sozialkapitalbegriff aus. So weist Seubert (2009) bei Putnam darauf hin, dass dieser zum einen von der Kernidee eines Wertes eines jeden Netzwerkes ausgeht, zum anderen jedoch in einer engeren Definition eine qualitative Unterscheidung der Netzwerke vornimmt (vgl. Seubert 2009: 82f.). Allgemein können dennoch in den meisten Definitionen von Sozialkapital die Dimensionen: Vertrauen, Reziprozität und soziale Netzwerke ausgemacht werden (vgl. Diekmann 2007: 52). „Stillschweigend oder ausdrücklich sind die Bestandteile der Definitionen von Sozialkapital Variablen, von denen man annimmt, dass sie positive Effekte auf das Ausmaß an kooperativem Verhalten in einer Gesellschaft ausüben“ (ebd.). Putnam (2002) selbst bemerkt dazu, dass Sozialkapital ebenso „[...] manchmal als Zivilgesellschaft, dann wieder als bürgerliches Engagement bezeichnet [...]“ werde, aber damit im Grunde dasselbe gemeint sei (257). „I use the term ‘civic engagement’ to refer to people’s connections with the life of their communities, not merely with politics“ (Putnam 1995a: 665). „Man muss allerdings einräumen, dass [...] nicht alle zivilgesellschaftlichen Assoziationen und Initiativen erfasst sind, [...] sondern [...] [dass sie] zum Beispiel lediglich Geselligkeits- und Gemeinschaftsfunktionen erfüllen“ (Klein et. al. 2004: 33).

„Im Zentrum steht dabei jene Sphäre jenseits von Markt und Staat‘, die mit solch unterschiedlichen Konzepten wie ,Zivilgesellschaft‘, ,Bürgergesellschaft‘, ,Netzwerkgesellschaft‘ oder ,Dritter Sektor‘ beschrieben wird. Social capital - Sozialkapital bzw. Sozialvermögen - ist dabei zu einem Schlüsselbegriff avanciert, der in unterschiedlichen Operationalisierungen in die historische und empirische Forschung Einzug gehalten hat“ (ebd.: 41).

3.1.1 Die politikwissenschaftliche Ausrichtung des Sozialkapitals

Für die Politikwissenschaften sind in erster Linie die Analysen von Putnam (1993a, 1995b, 2000, 2001) ausschlaggebend und prägend gewesen (vgl. Franzen/Freitag 2007: 11). Grob können dabei zwei Diskursrichtungen unterschieden werden: zum einen der Steuerungsdiskurs, welcher im Kontext neuer Staatlichkeit geführt wird, und zum anderen der schon als klassisch zu bezeichnende Solidaritätsdiskurs in einer Gesellschaft, welcher sich mit der sozialen Integration auseinandersetzt (vgl. Seubert: 2009: 11).

Die hier zu untersuchenden Beispiele ethnischer Gemeinschaften bewegen sich demzufolge im zuletzt genannten Diskurs. In der demokratietheoretischen Konzeptionalisierung des Sozialkapitals von Seubert (2009) wird „[...] die Förderung gesellschaftlicher Integration [...] als Herausforderung der Gegenwart benannt, auf die mit dem Sozialkapital eine Antwort gefunden werden könnte“ (17).

Die Aufgabe besteht darin, den Prozess der Sozialkapitalbildung daraufhin zu untersuchen, inwieweit die Teilhabe an der Gesamtgesellschaft befördert oder verhindert wird. Denn trotz juristischer und verfassungsgemäßer Gleichheit existieren unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen, die alle unterschiedlich an der Gesellschaft teilhaben (vgl. ebd.: 18f.).

Für Putnam (2002) besteht die Herausforderung in der zunehmenden ethnischen Differenz, welche mit einer Spaltung der Gesellschaft zu tun hat (vgl. 206). Aus der putnamschen integrationstheoretischen Sicht besteht die Möglichkeit, die Wirkung des Sozialkapitals auf der individuellen Ebene (Mikroebene), der Gruppenebene (Mesoebene) und der gesamtgesellschaftlichen Ebene (Makroebene) zu untersuchen (vgl. Seubert 2009: 183). Dabei geht Putnam (2000) von einer unidirektionalen, kausalen Richtung aus der Mikro- über die Meso- in die Makroebene aus, wonach „[...] social capital does help individuals to prosper. The only real debate is [...] how big [the] role [is that] social capital plays [...] that it also can help neighborhoods, and even nations, to create wealth“ (322). Folgt man dieser Differenzierung, kann eine Unterscheidung in individuellen und kollektiven Besitz des Sozialkapitals vorgenommen werden, wobei dieser Aspekt im darauf folgenden Abschnitt eingehender dargelegt wird (vgl. ebd.: 13, Van Deth 2008: 155). Zunächst soll zuvor die Relation von Sozialkapital mit anderen wissenschaftlichen Kapitalformen erörtert werden, um das Kapitale im Sozialkapital herauszustellen.

3.1.2 Das Kapitale im Sozialkapital

Sozialkapital kann als Analogiebildung zu anderen theoretischen Kapitalformen wie physischem Kapital, aber auch Humankapital betrachtet werden. Die Kernidee dabei ist, dass, ebenso wie einem Schraubenzieher (physisches Kapital) und einer akademischen Ausbildung (Humankapital), dem Sozialkapital Eigenschaften zugeordnet werden können. In einer groben Einteilung können dabei materielle Objekte dem physischen Kapital sowie nicht veräußerbares individuelles Eigentum dem Humankapital und aus nicht übertragbaren Verbindungen zwischen Individuen entstehende Hilfeleistungen[7]dem Sozialkapital zugeordnet werden (vgl. Putnam 2000: 18f., 2002: 258).

In dieser Masterarbeit soll der (kausale) Zusammenhang zwischen den hier benannten Kapitalformen untereinander und mit (möglicherweise) weiteren Kapitalformen nicht explizit analysiert werden, kann aber ebenso nicht einfach außer Acht gelassen werden. Nach Ansicht von Offe (1999) bedarf es für das Sozialkapital, um dem enthaltenen Begriff >Kapital< gerecht zu werden, der Erfüllung von vier Bestimmungsfaktoren,[8]die es erfüllen muss. Erstens hat Kapital einen Eigentümer und damit hat es Eigentumsrechte, die transferierbar sind. Zweitens soll Kapital (unter optimalen Voraussetzungen) Ertrag erzielen und sich dadurch vermehren oder zumindest erhalten. Drittens muss die Möglichkeit zur Investition in dieses Kapital erfüllt sein. Viertens und letztens verliert und verbraucht sich Kapital im Laufe der Zeit und verliert damit an Wert (vgl. Offe 1999: 116ff.).

Sozialkapital erfüllt diese wirtschaftlichen und rechtlichen Faktoren nur bedingt, weshalb Offe (1999) den Begriff Sozialvermögen als den für Sozialkapital passenderen vorschlägt (vgl. ebd.). Denn zum einen können die Eigentumsrechte nicht frei veräußert werden, da Sozialkapital kein individuell gebundener Besitz ist, aber dennoch als vererbbare soziale Ausstattung (an zum Beispiel die eigenen Kinder) weitergegeben werden könnte. Esser (2000c) spricht in diesem Zusammenhang von der Fungibilität des Sozialkapital, das „[...] in einem besonders ausgeprägten Maße an einen bestimmten sozialen Kontext gebunden ist und daher ein nicht fungibles und somit ein sehr spezifisches Gut darstellt“[9](239). Zum anderen verliert Sozialkapital seinen Wert nicht durch Gebrauch, sondern wird dadurch erst gebildet und kann damit sogar an Wert gewinnen, wie auch Humankapital durch Erfahrung oder Ausübung an Wert gewinnt (vgl. ebd.).

Die einzige Begründung, die eine begriffliche Bezeichnung als Sozialkapital rechtfertigt, ist, dass ein die Wohlfahrt steigernder Effekt für die Gesamtgesellschaft oder zumindest für Teile dieser vom Sozialkapital ausgeht (vgl. Offe 1999: 118). Die Erörterung des gesellschaftlichen Bezugs von Sozialkapital wird in den folgenden Abschnitten und bei den Ergänzungen zum hybriden theoretischen Sozialkapitalansatz für diese Masterarbeit in den Abschnitten 3.4.1 und 3.4.2 vertiefend dargestellt werden.

3.1.3 Sozialkapital als öffentliches und/oder privates Gut

Nicht nur Offe (1999) spricht dem Sozialkapital positive Effekte für die Wohlfahrt eines Landes zu, sondern auch Putnam (2000) unterstützt diese Position (vgl. Abs. 3.1.1). Mit Bezug auf eine Untersuchung von Hanifan betont Putnam (2001) zudem den privaten und öffentlichen Nutzen, denn „[...] Sozialkapital [kann] durch geschickte Führung leicht zur allgemeinen Verbesserung der Wohlfahrt der Gemeinde eingesetzt werden“ (Putnam 2001: 17). Offe (1999) bezeichnet die „[...] spontane Entfaltung von Kooperationsbeziehungen [...] [als] zivilgesellschaftliche Dispositionen“, wobei diese Entfaltung nicht nur innerhalb gesellschaftlicher (Teil-)Gruppen, sondern auch zwischen diesen kooperatives Handeln ermöglichen kann (115). Putnam charakterisiert in seiner Sichtweise des Sozialkapitals dieses als öffentliches Gut, wobei er an den „[...] wenigen Stellen, an denen er theoretische Ausführungen macht - [sich] vor allem auf die Sozialtheorie von James Coleman“ bezieht (Seubert 2009: 83).

Auf die im Abschnitt 3.3 noch vorzustellende colemansche Perspektive des Sozialkapitals bezogen kann vorgreifend erwähnt werden, dass Coleman selbst zuerst nicht von Sozialkapital als einem öffentlichen Gut ausging. Er vertrat (zu Anfang) eine von derjenigen Putnams abweichende Auffassung, denn primär ging Coleman von einer individuell nutzenmaximierenden Sozialkapitalperspektive aus (vgl. Seubert 2009: 83f., Abs. 3.3). Der Aspekt des Sozialkapitals als öffentliches Gut unterscheidet diese Kapitalform von den anderen, kurz erörterten Kapitalformen im Hinblick auf das zielgerichtete Handeln, da es für Individuen eine bedeutende Ressource darstellen kann. Das Paradox liegt jedoch in der Herstellung von diesem selbst. Zwar wird es individuell hergestellt, jedoch ist der Herstellende nicht primäre der Nutznießer des hergestellten Sozialkapitals, sondern es profitieren zuerst andere davon (vgl. Coleman 1995a: 315ff.).

„Die Folge daraus ist, daß die meisten Formen von sozialem Kapital als ein Nebenprodukt anderer Tätigkeiten erzeugt oder zerstört werden. Ein Großteil an sozialem Kapital entsteht und vergeht, ohne daß irgend jemand bewußt dazu beiträgt“ (ebd.: 317).

Warum Sozialkapital aber von Putnam[10]und Coleman lediglich als Nebenprodukt betrachtet wird, erklärt Seubert (2009) bei Coleman mit der rationalen und nutzenorientierten Logik des Handelns, welche sich aus dem größten allgemeinen Problem öffentlicher Güter ergibt, nämlich dem Zusammenhang von Investition und Gewinn (vgl. 86f.). Synonym für dieses Ungleichgewicht steht das Trittbrettfahrerproblem oder Gefangenendilemma, bei dem eine freiwillige Investition getätigt werden kann, aber die Ausschüttung des Gewinns an alle erfolgt. Mit der dadurch gegebenen fehlenden Motivation zur Investition und der nicht gegebenen personifizierten Internalisierungsmöglichkeit des Gewinns wird Sozialkapital immer tendenziell ein unterinvestiertes öffentliches Gut bleiben (vgl. ebd.). Auf der anderen Seite gesteht Putnam (2000) zu, dass „Social cpaital can thus be simultaneously a ‘private good’ and a ‘public good’.

Some of the benefit from an investment in social capital goes to bystandres, while some of the benefit redounds to the immediate interest of the person making the investment“ (20).

Esser (2008) zieht bei Sozialkapital und anderen Kapitalformen eine dichotome Differenzierung von selbstständigem (Autonomy) und fremdbestimmtem (Heteronomy) Kapital in deren Herstellung vor. Dabei charakterisiert er Sozialkapital, im Vergleich zu physischem und Humankapital, als fremdbestimmtes Kapital. Die Begründung dafür liegt nach Esser in der Tatsache, dass Sozialkapital in der Herstellung, aber auch in der Verwendung nicht von einem Individuum kontrolliert werden kann und damit als ein kollektives Gut betrachtet werden muss (vgl. Esser 2008: 23, Abs. 3.1.1). Seubert (2009) kommt, aufbauend auf Putnams (2001 mit Gross) Fazit einer „Privatisierung des Sozialkapitals“ (781), in der internationalen vergleichenden Sozialkapitalstudie zu dem Schluss, dass das „Sozialkapital der Gesellschaft immer mehr zu einem individuellen bzw. kollektiven Gut von sozialen Gruppen [wird] [...]. Es bedeutet nicht, dass Sozialkapital einfach schwindet, wohl aber, dass es immer weniger als öffentliches Gut zur Verfügung steht“ (Seubert 2009: 190).

Im Vergleich dazu bezieht Fukuyama (2002) eine andere Position, indem er schlussfolgert: „Social capital is not a public good, it is a private good that produces extensive positive and negative externalities“ (29). Die positiven und negativen Externalitäten des Sozialkapitals werden in den Ergänzungen zum Sozialkapitalansatz noch einmal aufgegriffen und dargestellt, da sie für die in der Fragestellung der Masterarbeit wichtigen Komponenten des Ermöglichens und Verhinderns von Doppelintegration unabdingbar sind (vgl. Abs. 3.4).

Wie deutlich geworden sein sollte, lässt sich die Charakterisierung des Sozialkapitals als öffentliches oder privates Gut nicht eindeutig und zweifelsfrei treffen. In dieser Masterarbeit soll Sozialkapital als privates (Mikroebene) und kollektives Gut von ethnischen Gemeinschaften (Mesoebene) verstanden werden, welches eine Auswirkung beziehungsweise Außenwirkung auf die Gesamtgesellschaft (Makroebene) hat.

3.2 Der Sozialkapitalansatz nach Robert Putnam

Grundlegend wird zu Anfang von Putnams „[...] theoretische[r] Fundierung seines Konzepts [...] kollektiven Handelns“ ausgegangen (Seubert 2009: 72). Putnam (1993a, 2000) untersuchte die innergesellschaftlichen Strukturen in Italien und den USA im Hinblick auf die Merkmale sozialer Kooperation mit sowohl qualitativen als auch quantitativen Analysemethoden. Hierbei hat Putnam einerseits einen kulturell­regionalen Unterschied aus historischer Perspektive in Italien und andererseits einen Rückgang des Sozialkapitals aufgrund des sozialen Wandels in den USA feststellen können (vgl. ebd.).

Nach Putnams (1999) theoretischem Konzept „[...] bezieht sich der Begriff ,Sozialkapital‘ auf bestimmte Grundzüge [...], beispielsweise auf Netzwerke, Normen und soziales Vertrauen [und] die Koordination und Kooperation [...]“ untereinander (Putnam 1999: 28). Putnams Ansicht nach sind die Dimensionen des Sozialkapitals erstens in Netzwerken zu finden, wo eine Interaktion möglichst von Gleichen unter Gleichen ermöglich wird, zweitens in den Normen der generalisierten und balancierten Reziprozität und drittens in personellem und sozialem Vertrauen, welches die Erwartung widerspiegelt, dass kooperatives Verhalten erwidert werde (vgl. Putnam 1993a: 115-8). Hierbei kann eine Differenzierung in eine strukturelle und kulturelle Dimension des Sozialkapitals getroffen werden.

Van Deth (2008) macht ebenfalls auf die Differenzierung zwischen strukturellen und kulturellen Dimensionen des Sozialkapitals aufmerksam. Dazu weist er darauf hin, dass diverse Autoren die kulturelle Dimension lieber als kognitive oder/und affektive Dimension bezeichnen, um die (psychologische) Prädisposition von Normen auch innerhalb eines kulturellen Raums gegenüber divergierenden Kulturkreisen zu betonen (vgl. ebd.: 151, u. a. Fußnote 3).

3.2.1 Strukturelle Dimension des Sozialkapitals

Die strukturelle Dimension umfasst soziale Netzwerke und die kulturelle Dimension umfasst „[...] die Generierung von sozialen Normen, vor allem Normen der Reziprozität, die zur Herausbildung generalisierten Vertrauens [...]“ beitragen (Seubert 2009: 74). Im ersten Unterabschnitt der strukturellen Dimension des Sozialkapitals sollen Netzwerke zunächst eingehender erörtert werden. Darauf aufbauend soll im zweiten Abschnitt der kulturellen Dimension des Sozialkapitals auf Normen und Vertrauen nach Putnam unter Einbezug von Colemans Erörterungen eingegangen werden.

3.2.1.1 Netzwerke

„Der Begriff des Netzwerkes bezeichnet alle sozialen Beziehungen, die sich durch kontinuierliche und wiederholte Interaktion und einen begrenzten Personenkreis auszeichnen“ (Marx 2005: 34, i.O. vgl. Putnam 1993a: 182, 2000: 171).

Netzwerke lassen sich in allen Gesellschaften finden. Dabei ist es unerheblich, ob diese demokratisch oder autoritär regiert werden oder ob sie in eine kapitalistische oder feudale Wirtschaftsstruktur eingebettet sind oder waren (vgl. Putnam 1993a: 173f.). Für die Entstehung beziehungsweise die Entwicklung von Sozialkapital ist es nicht nur wichtig, nach der Ebene zu unterscheiden (vgl. Abs. 3.1.2), sondern auch die Art der sozialen Beziehung ist von entscheidender Bedeutung für die Entwicklung von Sozialkapital. Eine erste Unterscheidung bei sozialen Beziehungen, nach Putnam (2001 mit Gross), die bereits vor Beginn der Analyse getroffen werden soll, bezieht sich auf den formellen oder informellen Charakter von sozialen Beziehungen (vgl. 25f.). Als formell organisierte soziale Beziehungen sind diejenigen zu verstehen, die in Organisationen mit „[...] offiziellen Funktionären, Mitgliedsbedingungen, Beiträgen, regelmäßigen Versammlungen usw. [...]“ eingebettet sind (ebd.: 25). Als wichtigstes Beispiel für Organisationen mit formellen sozialen Beziehungen bezeichnet Putnam (2002) in Amerika religiöse, aber auch gewerkschaftliche oder genossenschaftliche Vereinigungen (vgl. 264-9). Dagegen sind alle anderen Formen sozialer Beziehungen als informell zu bezeichnen. Dazu zählen Kontakte zur Familie, zu Freunden, Verwandten, Kollegen und Bekannten, die nicht in irgendeiner Weise organisiert sind (vgl. 25f.). In der Analyse dieser Masterarbeit werden nur informelle soziale Beziehungen untersucht, bei denen drei dichotome Dimensionen nach Putnam (1993a, 2000, 2001 mit Gross) unterschieden werden. Denn Putnam hebt hervor, dass „[t]he most fundamental form of social capital is the family, [...] both extended and nuclear [...]“ (Putnam 1995b: 73, o.ä. 2000: 21).

3.2.1.2 Horizontale und vertikale soziale Beziehungen

Die erste dimensionale Differenzierung nach Putnam (1993a) unterscheidet horizontale und/oder vertikale soziale Beziehungen durch die Ausstattung der Akteure mit Status und Ressourcen sowie einer eventuell vorhandenen symmetrischen oder asymmetrischen Struktur (vgl. 173f.).

„Some of these networks are primarily ‘horizontal,’ bringing together agents of equivalent status and power. Other primarliy ‘vertical,’ linking unequal agents in asymmetric relations of hierarchy and dependence“ (ebd.: 173).

Dabei erkennt Putnam aber selbst an, dass es in der Wirklichkeit zumeist nur Mischformen horizontaler und vertikaler sozialer Beziehungen gibt, denn selbst ein Bowlingteam hat einen Kapitän und wäre hierdurch eigentlich schon als hierarchisch zu bezeichnen. Diese Differenzierung scheint auf den informellen Bereich von sozialen Beziehungen zunächst nicht anwendbar, jedoch zeigt Putnam (1993 a) bei der Analyse Italiens selbst, dass gerade in Süditalien vertikale soziale Beziehungen weit verbreitet sind. Dabei ist festzuhalten, dass informelle soziale Beziehungen, die dem Sozialkapital förderlich sind, mehr horizontal als vertikal organisiert sind (vgl. ebd.).

In vertikalen sozialen Beziehungen sieht Putnam den Informationsfluss als weniger zuverlässig an als in horizontalen sozialen Beziehungen. Zwar bildet sich auch in vertikalen sozialen Beziehungen Sozialkapital, dieses läuft aber eher auf opportunistisches Verhalten der Akteure hinaus, welches eher für eine klientelistische oder paternalistische soziale Beziehung spricht. Diese Art der sozialen Beziehungen ist jedoch asymmetrisch und kann auch als Abhängigkeitsbeziehung bezeichnet werden, wodurch sie im Vergleich zu horizontalen sozialen Beziehungen, in denen die Interaktion von Gleichen unter Gleichen möglich ist, als nicht förderlich für die Entwicklung von gutem Sozialkapital bezeichnet und gesehen werden muss (vgl. ebd.: 174f..).

3.2.1.3 Bindende und brückenschlagende soziale Beziehungen

Als Novum[11]erkennt Putnam (2000) in seiner Untersuchung bei der Wirkung des Sozialkapitals eine „[...] difference between the pro-sociol and antisocial consequences [...]“ an (Putnam 2000: 22). Daraus folgert Putnam „[...] the most important [...] distinction between bridging (or inclusive) and bonding (or exclusive) [...] forms of social capital [...]“ (ebd.). Brückenschlagende (bridging) soziale Beziehungen haben eher die Fähigkeit, „[...] völlig unterschiedliche Menschen [...]“ zusammenzubringen, wohingegen bindende (bonding) soziale Beziehungen sich durch ethnische oder geschlechtsspezifische Selektion auszeichnen (ebd.).

„[...] [S]ich auf bestimmte gesellschaftliche Nischen beschränkende [Beziehungen], [bergen] mit größerer Wahrscheinlichkeit das Risiko negativer Außenwirkungen [...]“ für die Gesellschaft in sich (Putnam/Gross 2001: 29).

Als Beispiele für bindende Ausprägungen benennt Putnam „[...] sectarianism, ethnocentrism, corruption [...]“, da diese fast immer partikulare Interessen verfolgen oder diese indirekt befördern (Putnam, 2000: 22). Dennoch, „[b]onding social capital is good for undergirding specific reciprocity and mobilizing solidarity [...] in ethnic enclaves, for example [...]“ (ebd.). Zudem ist anzumerken, dass durch bindende soziale Beziehungen eine starke In-Group-Loyalität erzeugt wird, wodurch unisono ein Out­Group-Antagonismus befördert wird (vgl. ebd.: 23). Als Letztes ist noch besonders hervorzuheben, dass beide Ausprägungen auch gleichzeitig hervorgebracht werden können (vgl. ebd., Putnam/Gross 2001: 29).

3.2.1.4 Starke und schwache soziale Beziehungen

Als Drittes werden starke und schwache soziale Beziehungen (oder Beziehungen mit hoher und geringer (Interaktions-)Dichte unterschieden. Eine starke soziale Beziehung zeichnet sich durch eine hohe alltägliche Interaktion aus (vgl. Putnam/Gross 2001: 26f.). Die eigene Familie, ob Kern- oder Großfamilie, ist wohl die ursprünglichste und auch immer noch häufigste Form, in der starke soziale Beziehungen vorkommen (vgl. ebd., Abs. 3.2.1.1). Es können aber ebenso auch außerfamiliäre soziale Beziehungen sein, mit denen ein beträchtlicher Teil der frei gestaltbaren Zeit verbracht wird und die über Grußbekanntschaften oder zufällige Begegnungen hinausgehen (vgl. Putnam/Gross 2001: 26f.). Dennoch wird die Nützlichkeit der schwachen gegenüber den starken sozialen Beziehungen hervorgehoben, denn „[...] [s]elbst wenn Sie einer fremden Person nur grüßend zunicken, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie Ihnen in einer plötzlichen Notsituation zu Hilfe kommen wird“ (Putnam/Gross 2001: 26).

Für Zmerli (2008) werden starke soziale Beziehungen durch die Häufigkeit und Ausschließlichkeit von Kontakten charakterisiert (vgl. 49). Mit dem Begriff der Ausschließlichkeit wird der Aspekt, der besser mit hoher und geringer Dichte beschrieben werden kann, angeschnitten, wobei die Verbindung zu bindenden und brückenschlagenden sozialen Beziehungen deutlich wird (vgl. Zmerli 2008: 49).

3.2.2 Kulturelle Dimension des Sozialkapitals

Im zweiten Unterabschnitt des Sozialkapitals nach Putnam (1993a, 2000, 2001 mit Gross) soll nun auf die kulturelle Dimension der Normen und des Vertrauens eingegangen werden. Dabei werden, ebenso wie bei den sozialen Beziehungen, von Putnam dichotome (Sub-)Dimensionen bei den Normen der Reziprozität und beim Vertrauen unterscheiden.

3.2.2.1 Normen

„In Putnams Argument geht es nicht um die Genese beliebiger sozialer Normen, sondern speziell um Normen der Reziprozität. [...] Normen der Reziprozität halten uns dazu an, Gefallen, die uns andere erweisen, zu erwidern“ (Seubert 2009: 105).

Nach Putnams (1993a) Verständnis werden Normen durch Sozialisationsprozesse, auf die er aber nicht näher eingeht, internalisiert. „[...] [N]orms that forestall opportunism are so deeply internalized that the issue of opportunism at the expense of community obligation is said to arise often here [...]“ (161). Seubert (2009) spricht in Bezug auf Putnam davon, dass Normen bei der Sozialisation „eingepflanzt“ würden und, sofern diese nicht rechtlich sanktioniert würden, eine gegenseitige Kontrolle der Akteure selbst die Einhaltung dieser ermögliche (vgl. 75 Fußnote 4). Marx (2005) bezeichnet Putnams Verständnis der Internalisierung von Normen der Reziprozität als mehr oder weniger stabile und dadurch als zumeist dauerhafte kulturelle Disposition einer Gesellschaft oder Gemeinschaft (vgl. 43). Darauf aufbauend kann der Hinweis von Seubert (2009) eingefügt werden, dass Putnam demokratischere Normen den horizontalen sozialen Beziehungen zuordnet und dementsprechend Normen, die aus vertikalen sozialen Beziehungen (vgl. Abs. 3.2.1.2) entstehen, eher als paternalistisch bezeichnet und damit als weniger demokratisch charakterisiert (vgl. 75).

Putnam (1993a) unterscheidet zwei (Sub-)Dimensionen bei den Normen der Reziprozität. Einerseits gibt es balancierte (oder spezifische) Reziprozität, bei der ein Gefallen zeitgleich erwidert wird, und andererseits gibt es generalisierte (oder diffuse) Reziprozität. Hierbei sind zwei wichtige Unterschiede bei der generalisierten Reziprozität gegenüber der balancierten Reziprozität anzumerken. Zum einen findet keine sofortige Erwiderung des Gefallens statt und zum anderen ist auch nicht sichergestellt, dass die Person, die einen Gefallen von mir erhalten hat, diesen auch wieder kompensiert. Somit handelt es sich bei der generalisierten Reziprozität um eine asymmetrische Austauschbeziehung, welche einerseits gar keine ist, da kein direkter Austausch stattfindet oder da andererseits dieser mit einer anderen Person stattfindet (vgl. Putnam 1993a: 171f..).

Zur vertiefenden Darstellung der Normen der Reziprozität sowie der im nächsten Unterabschnitt folgenden Darstellung von sozialem Vertrauen nach Putnam wird an dieser Stelle auf die spätere Erörterung von Colemans (1988, 1995a) Handlungssystem verwiesen. An dieser Stelle soll noch ein besonderer Hinweis zu den Normen der Reziprozität eingefügt werden, der im Zusammenhang mit (ethnischen) Gemeinschaften von Putnam getätigt wurde. So weist dieser nach Angaben von Seubert (2009) darauf hin, dass sich, ähnlich wie bindende soziale Beziehungen, erst mit der Opposition zu etwas Äußerem die Normen der Reziprozität bilden können.

„Die Bedeutung abgegrenzter sozialer Gruppen besteht ja gerade darin, dass in ihnen angenommen werden kann, auch etwas zurückzukriegen, weil die soziale Kontrolle hinreichend hoch ist“ (Seubert 2009: 76, Fußnote 5).

Putnam (2000) selbst spricht in diesem Kontext von einem Paradoxon der Brüderlichkeit: „Fraternity is most natural within socially homogeneous groups“ (361). Seubert (2009) fragt dabei nach einer „[...] Bezugsgruppe, [die] jeweils in der Lage ist, einen relevanten Verpflichtungshorizont zu schaffen“, um generalisierte Normen der Reziprozität zu produzieren (77).

3.2.2.2 Vertrauen

Auch beim Vertrauen differenziert Putnam ebenfalls in dichotome (Sub-)Dimensionen: zum einen in Thick Trust (personales Vertrauen) und zum andern in Thin Trust (soziales Vertrauen). Thick Trust entsteht dabei aus engen und regelmäßigen Interaktionen, während Thin Trust als generalisiertes Vertrauen etwa in Bekanntschaften oder auch zum Teil sogar zwischen unbekannten Personen charakterisiert werden kann. Putnam geht von der Annahme aus, dass sich soziales beziehungsweise generalisiertes Vertrauen aus personalem Vertrauen entwickeln kann, wenn es nicht erodiert wird (vgl. Putnam 1993a: 168f.., 2000: 136f..). Allgemein argumentiert Putnam (1993a), dass Gesellschaften mit einem hohen Maß an sozialem Vertrauen einen größeren Beitrag zur allgemeinen Wohlfahrt erbringen (vgl. ebd., 2000: 21).

Aber „Putnam never offers a precise definition of trust“ (Levi 1996: 46). So stellt Levi (1996) für Putnams soziales Vertrauen lediglich ein Konglomerat sozialer Beziehungen und Erwartungen fest, bei dem eine Differenzierung nach Adressaten des Vertrauens wünschenswert wäre (vgl. 47f.). Ebenso fügt Seubert (2009) hinzu, dass die putnamsche Perspektive des sozialen Vertrauens nicht zu erfassen vermöge, ob Kooperation aus Investitions- und Ertragsgründen oder aus der Bindung an Normen und daher aus Pflicht entstehe (vgl. 77). Wie schon angekündigt, wird zur vertiefenden Darstellung des Aspekts Vertrauen Colemans (1988, 1995a) Sozialkapitalansatz der Sozialtheorie zu Hilfe genommen. Aufgrund dessen und weil Putnam selbst auf Coleman verweist, wird dessen Verständnis von Handlungssystemen mit dem Blickpunkt der Vertrauensvergabe im darauf folgenden Abschnitt eingefügt. Zunächst soll aber auf den Zusammenhang zwischen den Sozialkapitaldimensionen eingegangen werden beziehungsweise erörtert werden, in welcher Relation diese zueinander stehen.

3.2.3 Zusammenhang zwischen den Sozialkapitaldimensionen

„[...] [S]ocial capital refers to connections among individuals - social networks and the norms of reciprocity and thrustworthiness that arise from them“ (Putnam 2000: 19).

Demnach kommt Putnam, nach Ansicht von Zermli (2008) und Marx (2005), zu dem Schluss, dass ein Wirkungszusammenhang zwischen den Elementen des Sozialkapitals besteht. Dabei sind soziale Beziehungen (Netzwerke) der Ausgangspunkt für die kulturelle Dimension des Sozialkapitals. Dabei bleibt allerdings unbeantwortet, ob beide (Sub-)Dimensionen, also Vertrauen und die Normen der Reziprozität, gleichzeitig oder nacheinander bedingt werden, und wenn, dann bleibt offen, welche Subdimension hierbei möglicherweise welche (kausal) bedingt (vgl. Zmerli 2008: 43, Marx 2005: 103f.).

„The theory of social capital resumes that, generally speaking, the more we connect with other people, the more we trust them, and vice versa“ (Putnam 1995a: 665).

Diese Aussage trifft nach Angaben von Putnam (1995a) besonders auf (ehrenamtliches) bürgerliches Engagement zu, wo „[...] social trust and civic engagemant are strongly correlated“ (665, vgl. Abs. 3.1).

„Social trust in complex modern settings can arise from two related sources - norms of reciprocity and networks of civic engagement“ (Putnam 1993a: 171).

Seubert (2009) weist kritisch darauf hin, dass die unterstellte Annahme der Übertragungsfähigkeit von der personellen auf die soziale Ebene in Zweifel gezogen werden müsse. Besonders die unterstellte kausale (Entwicklungs-)Richtung könne empirisch nicht belegt werden (vgl. Seubert 2009: 80, 111f..). Für Putnam ist hier noch soziales Vertrauen das Element, aus welchem sich die anderen beiden Aspekte des Sozialkapitals ergeben, wodurch soziales Vertrauen als zentraler Mechanismus des Sozialkapitals beschrieben werden kann. Eine Faktorenanalyse jedoch kommt zu dem Ergebnis, dass zumindest Netzwerke (soziale Beziehungen) und soziales Vertrauen nur schwach untereinander korrelieren (vgl. Franzen/Pointer 2007: 86). Vielmehr ist vom Gegenteil beim Vertrauen auszugehen. Personen mit einem hohen Maß an personellem Vertrauen zu ihnen bekannten Personen treffen eine klare Unterscheidung aller außen stehenden Personen. Somit ist eher davon auszugehen, dass sogar ein negativer Zusammenhang zwischen personellem beziehungsweise personenspezifischem[12]Vertrauen innerhalb der sozialen Beziehungen besteht, welches dadurch zu ebenfalls eher personenspezifischen Normen der Reziprozität führt (vgl. ebd.: 76f.). Insgesamt kann kein kausaler oder auch nur ein sich gegenseitig bedingender Zusammenhang zwischen allen drei Sozialkapitaldimensionen festgestellt werden.

Jedoch kann von einem sich gegenseitig (schwach) befördernden und behindernden Zusammenhang zwischen zwei (Sub-)Dimensionen ausgegangen werden (vgl. Franzen/Pointer 2007: 86f.). Hierbei befördern zum einen eher mehr soziale Beziehungen, soziales Vertrauen und umgekehrt. Zum anderen führt eher mehr soziales Vertrauen zu mehr generalisierten Normen der Reziprozität, wohingegen stark ausgeprägtes personelles Vertrauen zu personenspezifischen Normen der Reziprozität führt. Oder soziale Beziehungen und Normen der Reziprozität bedingen zusammen soziales Vertrauen, womit soziales Vertrauen die zentrale Dimension von Sozialkapital wird (vgl. ebd. 76-80, 85ff.).

3.3 Der Sozialkapitalansatz nach Coleman

„Social capital is defined by its function“ (Colemann 1988: 98). Colemans Perspektive betrachtet die „[...] Idee des sozialen Kapitals einer Gesellschaft oder einer Gruppe zuerst über die Darstellung der Vertrauensvergabe in einem einfachen Zwei-Akteure­Handlungssystem“ (Marx 2005: 55). Dieses Handlungssystem soll zum einen kurz in seiner Funktion dargelegt werden, um zum anderen daran anschließend die damit zusammenhängende Vertrauensvergabe in diesem darzulegen. Hier wird die Darstellung des hybriden theoretischen Konzepts des Sozialkapitals für diese Masterarbeit annähernd komplettiert.

3.3.1 Kooperative Handlungssysteme und Vertrauensvergabe

Das soziale Handlungssystem[13]Colemans geht von einem mindestens zwei Akteure umfassenden System aus. Akteur A verfügt über eine Ressource, mit der Akteur B mehr anfangen kann. Davon ausgehend, dass Akteur A Akteur B vertraut und er nicht wissentlich von einer einmaligen Transaktion ausgehen muss, überträgt Akteur A nun Akteur B diese Ressource in der Erwartung, belohnt zu werden. Dabei ist allerdings unklar, wann Akteur A eine Ressource von Akteur B zurückbekommt und ob diese äquivalent ist. Bei der Existenz eines weiteren Akteurs C geht Coleman davon aus, dass die Belohnung für Akteur A auch von Akteur C kommen kann und nicht zwangsläufig von Akteur B (vgl. Coleman 1988: 102f., 1995a: 306ff.). Normalerweise wird bei der

Entscheidung für oder gegen die Beteiligung an der Handlung das Risiko mit einkalkuliert. Aus der Rational-Choice-Perspektive stellt Coleman ein Handlungssystem auf, das aus Erwartungen und Verpflichtungen besteht. Es wird eine Vorleistung gegeben, die zum einen die Erwartung auf eine Gegenleistung weckt, auf der anderen Seite aber zudem auch eine Verpflichtung, die Gegenleistung auch zu erbringen. Diese Gutschriften der Vorleistung können aus der Perspektive der Nutzenmaximierung auch absichtlich geschaffen werden, um mit dem Gegengefallen einen höheren Gewinn zu erzielen (vgl. ebd., 1995a: 309f..). Damit Sozialkapital, welches sich in einem solchen Handlungssystem aus Erwartungen, Verpflichtungen und Gutschriften entwickeln kann, auch dauerhaft (nachhaltig) funktionieren kann, ist ein weiteres Element unabdingbar. Dies lässt sich allgemein unter den Begriff des Vertrauens oder sozialen Vertrauens fassen (vgl. ebd. 1995a: 96). Coleman charakterisiert dabei vier Vertrauensvergabeoptionen in Vertrauensvergabesituationen, die nun folgend erörtert werden.

3.3.2 Vertrauensvergabesituationen und Handlungsoptionen

In einer Handlungssituation, in der die Vertrauensvergabe als Option eröffnet wird, muss als erstes ein Akteur A über eine Ressource verfügen, über die dieser frei walten kann. Demnach können sich vier verschiedene Vergabeoptionen ergeben. Erstens muss die Ressource zum Gewinn von Akteur A oder B oder beiden eingesetzt werden können. Zweitens verbessert der Vertrauensgeber (Akteur A) seine Position, wenn der Vertrauenserhalter (Akteur B) vertrauenswürdig ist, ansonsten sieht der Vertrauensgeber zwangsläufig von einer Transaktion ab. Drittens beinhaltet die eingebaute Zeitverzögerung eines erwarteten Gegengefallens, dass dieser unter Umständen unerfüllt bleibt (und dies trotz einer eigentlich gegebenen Vertrauenssituation). Viertens und letztens kann sich trotz einer gegebenen Vertrauenssituation das Fehlen einer Verpflichtung zur Gegenleistung ergeben (vgl. ebd.: 98f.). Der Unterschied zwischen drittens und viertens besteht darin, dass bei drittens sich die Unberechenbarkeit der Zeitverzögerung im Endeffekt zu Lasten des Vertrauensgebers entwickelt, wohingegen bei viertens die Verpflichtung zur Gegenleistung von vornherein nicht vorhanden war.

[...]


[1] Heitmeyer (1997b) bezieht sich auf die Cleavage-Theorie von Stein/Rokkan, welcher von vier grundlegenden sozialen Konfliktlinien ausgeht: Kapital vs. Arbeit, Kirche vs. Staat, Stadt vs. Land und Zentrum vs. Peripherie (vgl. 235f.).

[2] Im Original hervorgehoben (vgl. ebd.).

[3]Beide Autoren beziehen sich dabei auf die mehrdimensionale Definition der Integration von Lockwood (vgl. Lockwood 1969, Heitmeyer/Imbusch 2005: 130f.).

[4] Lockwood beschreibt als Subsysteme einer Gesellschaft zum Beispiel das Wirtschafts- oder Rechtssystem (vgl. ebd.: 130).

[5] Hartmut Esser (2001b) weist darauf hin, dass im Zusammenhang mit der Integration von Migranten meist die soziale Integration beziehungsweise Sozialintegration gemeint ist (vgl. 8).

[6]Im Original hervorgehoben (vgl. ebd.).

[7] An dieser Stelle fällt es schwer nur einen Begriff stellvertretend für das Produkt aus Sozialkapitals zu wählen. Neben Hilfeleistung wären auch die Begriffe Dienstleistung oder Informationen denkbar, wie im Weiteren noch deutlich wird.

[8]Arrow weist beim Kapitalbegriff im Zusammenhang mit Sozialkapital auf drei Kriterien hin. Zum einen muss es zeitunabhängig existieren, zum anderen muss ein gegenwärtiger freiwilliger Verzicht zugunsten zukünftiger Vorteile und dazu eine Veräußerung möglich sein (vgl. Franzen/Pointner 2007: 69).

[9]Im Original hervorgehoben (vgl. Esser 2000c: 239).

[10]Vgl. zu Putnam 1993a: 169.

[11]Putnam weist jedoch darauf hin, dass „[...] as I can tell, credit for coining these labels belongs to Ross Gittell and Avis Vidal [...]“ (Putnam 2000: 446 (Note 20)).

[12]Unter personenspezifischem Verhalten subsumieren Franzen und Pointer (2007) Verhalten, welches auf einen bestimmten Personenkreis beschränkt ist. Dabei zeichnet sich der Personenkreis meistens durch ähnliche Merkmale aus (vgl. 76.).

[13] Coleman (1995a) bezeichnet diese wörtlich als „[...] minimale Grundlagen für ein soziales Handlungssystem [...]“ (29).

Ende der Leseprobe aus 101 Seiten

Details

Titel
Sozialkapital in ethnischen Gemeinschaften
Untertitel
Hindernis oder Chance für die gesellschaftliche Integration?
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
2,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
101
Katalognummer
V168672
ISBN (eBook)
9783640865413
ISBN (Buch)
9783640865505
Dateigröße
1052 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Verfasser stellt die gegensätzlichen Positionen in Bezug auf die "Binnenintegrationsthese" dar und will in Bezug auf das ausgewiesene "Analysefeld" ebenfalls kritisch prüfen, ob Binnenintegration tatsächlich als Brücke oder eher als Alternative zu gesamtgesellschaflicher Intergration wirkt.
Schlagworte
Integration, Sozialkapital, Binnenintegration, ethnische Gemeinschaften Migranten, kulturelle Diversität, bikulturelle Integration, Multikulti, Segregation, Abschottung, Assimilation
Arbeit zitieren
Bachelor of Political Science Stefan Rodrigo Spriestersbach (Autor), 2010, Sozialkapital in ethnischen Gemeinschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168672

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