Das Tier als Spiegel des Menschlichen in Kafkas "Ein Bericht für eine Akademie"


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2011

15 Seiten


Leseprobe

Das Tier als Spiegel des Menschlichen in Kafkas "Ein Bericht für eine Akademie"

Vieldeutigkeit als Merkmal von Kafkas Texten

Seit nach dem zweiten Weltkrieg die Kafkaforschung - vor allem in Deutschland - eine Blütezeit erlebte, hat es eine Flut von Veröffentlichungen zum Werk Kafkas und eine unübersehbare Zahl von Deutungsansätzen zu einzelnen Texten gegeben. Immer wieder war von der Rätselhaftigkeit und Vieldeutigkeit seiner Texte die Rede und von der Schwierigkeit, ihren Sinn zu entschlüsseln und zu deuten. Der Leser sucht, aber findet nirgends festen Halt. Er greift mit seinen Bedürfnissen und Erwartungen ins Leere. Reales und Irreales stehen unmittelbar nebeneinander oder fließen ineinander über, so dass er zwischen beiden nicht mehr unterscheiden kann. Ein plötzlicher Einbruch des Phantastischen wird durch keinerlei Hinweis angekündigt und in grotesker Weise mit dem eben noch scheinbar konkret Greifbaren vermischt. Angesichts dieser Doppelbödigkeit ist der Leser verwirrt und ratlos. In mancher Hinsicht gleichen Kafkas Texte Vexierbildern, in denen unvermutet aus einer verwirrenden Vielfalt von Gestalten eine vorher nicht wahrgenommene Figur auftaucht und wieder verschwindet, ehe man sie genau erkannt hat und fixieren kann, d. h. Bildern, die so angelegt sind, dass verschiedene Darstellungsebenen, Vorder- und Hintergründiges, ineinander verwoben sind und sich nicht klar voneinander trennen lassen, so dass immer neue Eindrücke und vielfältig ineinander verschachtelte Muster entstehen, die es unmöglich machen, aus dem Ganzen eine eindeutige Aussage herauszulesen. Oder man könnte - um ein einfacheres Erklärungsmodell zu verwenden - in ihnen eine Verwandtschaft mit Umspringbildern entdecken, in denen der Betrachter wechselweise z. B. eine alte Frau oder ein junges, hübsches weibliches Wesen entdeckt, ohne dass er sich auf das eine oder das andere festlegen kann.

Dies gilt auch für seine kürzeren Prosastücke und Tiererzählungen, insbesondere für "Ein Bericht für eine Akademie". Empfindet der Leser dieses Stück als satirischen Angriff auf die menschliche Gesellschaft schlechthin oder ist es - wie Max Brod meinte - als Satire auf die Assimilation des etablierten jüdischen Bürgertums Prags zu Lebzeiten Kafkas zu verstehen?[1] Hat es nicht vor allem stark autobiographische Bezüge zu Kafka selbst, der sich als Junggeselle und Künstler in einer Außenseiterposition wähnte und im Streben nach Selbsterkenntnis und Selbstbehauptung versuchte, seine persönlichen Erlebnisse in diesem Text zu verarbeiten? Und ist die dargestellte Problematik nicht symptomatisch und repräsentativ für die Krisensituation des Menschen in der Moderne überhaupt? Diese Interpretationsversuche können keine umfassende Erklärung der vielschichtigen Bedeutungszusammenhänge im Sinne eines in sich geschlossenen Systems vermitteln. Und die Suche nach solchen geschlossenen Bedeutungssystemen wird dem Text in seiner Komplexität nicht gerecht. Kafka selbst hat in seinem Tagebuch vom "Grauenhafte[n] des bloß Schematischen" (vgl. Ralf Sudau, S. 5) gesprochen und damit deutlich gemacht, dass er als Autor sich nicht an den Erwartungen der Leser orientiere und sich seine Texte daher solchen Deutungsversuchen entziehen.

Kafkas Texte - und insbesondere sein "Bericht für eine Akademie" - können als Aufforderung an den Leser verstanden werden, sich auf die Vieldeutigkeit, die Verrätselung und Verschlüsselung des Dargestellten einzulassen, sich damit auseinanderzusetzen und auf eine gedankliche Entdeckungsreise zu begeben, anstatt danach zu fragen, was die Erzählung bedeute. Man kann daher - wie Karl-Heinz Fingerhut meint - die Texte als Erzählgerüst eines rätselhaften Vorgangs auffassen, das der Leser mit Bedeutungen auffüllt, ohne dass er dadurch eine Erklärung des Werkes im Ganzen erreicht (vgl. Karl-Heinz Fingerhut, S. 119). Durch Einbringung seiner eigenen Gedankenwelt in den Lesevorgang gelingt es dem Leser, disparate Bedeutungselemente zu synthetisieren und ein Netz von Bezügen zu schaffen, in dem sich Bedeutungsmuster konstituieren, mit denen er den Text anreichern kann. Diese Konzeption geht davon aus, dass der Text im Grunde keine eindeutige Aussage, keine Botschaft des Autors enthält, die zu entschlüsseln wäre, sondern den Leser zur Stellungnahme auffordern bzw. herausfordern will, anstatt ihn in seinen Erwartungen oder Bedürfnissen zu bestätigen. Deshalb erscheint es wenig sinnvoll, in Kafkas "Bericht" nach einem eindeutig zu umreißenden Sinngehalt bzw. einer eindeutig bestimmbaren Mitteilung des Autors zu suchen. Michael Niehaus spricht in diesem Zusammenhang von der "paradoxe[n] Struktur" dieser Texte: "Sie scheinen zur Deutung aufzufordern, sich ihr aber andererseits zu verweigern"(S. 12). Und er plädiert dafür, die "abgeschlossene Interpretation" durch die "offene Tätigkeit des interpretierenden Lesens" zu ersetzen (S. 8) mit dem Ziel,

"die Rätselhaftigkeit der Sache freizusetzen, in die der Text verstrickt ist" (S. 9).

Funktion der Tierfiguren in Kafkas Erzählungen

Mit der Idee, Tierfiguren in seinen Erzählungen zu verwenden (vgl. beispielsweise auch
"Forschungen eines Hundes" und "Josefine, die Sängerin, oder das Volk der Mäuse"), verbindet Kafka zweifellos die Absicht, bestimmte Wirkungen auf den Leser zu erzielen. Jedoch ist damit keinesfalls gemeint, dass er im Sinne einer traditionellen Tierfabel

eine "Moral" vermitteln will, mit der der Leser das Gemeinte aus dem konkret Gesagten herausfiltern und als eine zu beherzigende Lehre oder Lebensweisheit entschlüsseln kann. Bei Kafka gibt es einen solchen Bedeutungsschlüssel nicht. Es fehlt die zu der literarischen Gattung der traditionellen Fabel gehörende "Überbrückung zwischen 'Gesagtem' und 'Gemeintem'" (Karl-Heinz Fingerhut, S. 176). Und eben dieses trägt zur Verrätselung des Textes und zur Verwirrung des Lesers bei. Fingerhut weist auf diesen Zusammenhang am Beispiel von Kafkas "Kleine Fabel" (S.171) und dem Textfragment von Katze und Maus (S. 176) hin. Ganz im Unterschied zur eigentlichen Gattung Fabel fehlt beiden Texten eine eindeutige "Moral". Die Aussage bleibt ungewiss. Die Texte enthalten als Überraschungseffekt lediglich eine Pointe, deren Sinn aber nicht klar zu entschlüsseln ist. Sie verdeutlichen jedoch beispielhaft, warum Kafka Texte schrieb, in denen anthropomorphisierte Tiergestalten mit menschlichen Eigenschaften und Verhaltensweisen auftreten. Sie sind Teil einer von ihm angewandten Technik, Tierfiguren als Träger menschlicher Problembereiche agieren zu lassen und auf diese Weise seine Aussagen zu verfremden und zu verschlüsseln. Es handelt sich in seinen Tiererzählungen und auch im "Bericht" um literarisch erzeugte, metaphorisch oder allegorisch verrätselte Wirklichkeiten, die etwas anderes aussagen wollen als der Text im wörtlichen Sinne berichtet. Deshalb spricht Fingerhut (S. 176) auch von "literarischen 'Als-ob-Tieren'", die "ein Modell des Menschlichen" darstellen sollen. Jeder Versuch des Interpreten, diese Aussagen zu einer schlüssigen, allgemeinverbindlichen Bedeutung zu bündeln, kann daher nicht zum Erfolg führen und muss vielmehr scheitern. Je nachdem, ob er in der Tierfigur ein Selbstbild des Autors, den Menschen schlechthin, den nach Assimilation strebenden Westjuden oder einen Repräsentanten vitaler, ungebrochener Lebensenergie erkennt, kommt er zu anderen Ergebnissen. Kafka verwendet also seine Tierfiguren offenbar zur Verhüllung des eigentlich Gemeinten, wodurch es dem Leser unmöglich wird, dieses Gemeinte zügig und eindeutig zu bestimmen.

Die bisherigen Überlegungen treffen im wesentlichen auch für die Figur des Rotpeter im "Bericht" zu. Er gehört jedoch - mit dem Hund in "Forschungen eines Hundes" und der Maus Josefine in "Josefine, die Sängerin" - zu einer besonderen Gruppe von Tierfiguren, die sowohl ihre tierische Gestalt als auch die Fähigkeit menschlicher Reflexion und Sprache besitzen. Beim "Bericht" kommt noch der Gedanke der "Metamorphose", d. h. der Umwandlung vom Tierischen ins Menschliche, hinzu, während der Hund und Josefine ganz in ihrer tierischen Welt verwurzelt bleiben und von Menschen nicht die Rede ist. Allen diesen Figuren ist jedoch gemeinsam, dass man sie als tierische Masken, hinter denen sich Menschliches verbirgt, oder als Spiegelungen des Menschlichen bzw. des eigenen Ichs auffassen kann. Darüberhinaus sind sie das Medium, über das der Autor seine kritische Auseinandersetzung im Wechselspiel mit seiner menschlichen Umgebung artikuliert. Man könnte auch sagen, dass Kafka seine Tierfiguren - und so auch den Affen Rotpeter - zum Sprachrohr einer solchen Kritik macht, sich als Autor jedoch einen distanzierenden Freiraum verschafft, ohne sich mit den Aussagen seiner Figuren zu identifizieren. Vielmehr verwendet er die stilistischen Mittel der Ironie, der Metapher, der Allegorie, des Grotesken, der Satire und der Parodie, um das eigentlich Gemeinte zu verfremden. Daher kann man auch von einem Spiel des "ironisch hinter dem Affen verborgene[n] Erzählers Franz Kafka" (Norbert Kassel, S. 152) sprechen. Darüberhinaus hat der Leser - wie erwähnt - die Möglichkeit, die Erzählung im Sinne von Max Brods "satirischen Angriff[s] auf die menschliche Gesellschaft" zu lesen oder als eine Selbstanalyse des Autors in seinem Streben nach Selbsterkenntnis und Verankerung in der ihn umgebenden menschlichen Gesellschaft. Nicht zuletzt aber gilt es, das komische Element seiner Texte zu entdecken und den Humor, der sich in ihnen offenbart, freizulegen, wie es beispielsweise Peter Rehberg ("Lachen lesen - Zur Komik der Moderne bei Kafka") getan hat.

"Ein Bericht für eine Akademie"

1. Entstehungsgeschichte

Dem Versuch, den Text inhaltlich und sprachlich zu analysieren und einige seiner Grundaussagen und mögliche Bedeutungsmuster aufzuzeigen, soll eine kurze Betrachtung seiner Entstehungsgeschichte vorangestellt werden, die diesen Prozess erhellen und unterstützen kann.[2]

Die Erzählung "Ein Bericht für eine Akademie" erschien erstmalig im Oktober des Jahres 1917 in der von Martin Buber herausgegebenen Monatsschrift "Der Jude", bevor er 1919 in Buchform als Abschlusstext von "Ein Landarzt" im Wolff Verlag in Leipzig veröffentlicht wurde (eines der sieben zu Lebzeiten Kafkas erschienen Bücher). Entstanden ist der Text offenbar schon Anfang April 1917. Ein erster Entwurf befindet sich im Oktavheft D unmittelbar nach dem sog. "Fragment zum Jäger Gracchus".

Als eine Quelle für den "Bericht" kann ein Artikel in der Jugendbeilage des Kafka bekannten "Prager Tageblatts" vom 1. April 1917 gelten mit dem Titel "Consul, der viel Bewunderte. Aus dem Tagebuch eines Künstlers". Dem Ich-Erzähler dieses Artikels wird von dem Affen Consul ein Einblick in sein Tagebuch gestattet, das in der Affensprache abgefasst worden ist. Der Erzähler berichtet - dem Tagebuch folgend - wie aus dem kleinen Affen im Urwald der kluge

[...]


[1] In einem Artikel in der zionistischen Wochenschrift "Selbstwehr" bezeichnete Max Brod den "Bericht" als "die genialste Satire auf Assimilation, die je geschrieben worden ist!" Vgl. dazu den Aufsatz von Hartmut Binder "Franz Kafka und die Wochenschrift 'Selbstwehr'", in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Nr. 41, 1967, S. 283 - 304, hier: S. 302

[2] Vgl. hierzu die Texte "Ein Bericht für eine Akademie" in: Michael Niehaus, S. 98 - 101, und "Ein Bericht für eine Akademie" in: Hartmut Binder, S. 225 - 230

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Das Tier als Spiegel des Menschlichen in Kafkas "Ein Bericht für eine Akademie"
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Philosophische Fakultät)
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V168713
ISBN (eBook)
9783640865796
ISBN (Buch)
9783640865703
Dateigröße
424 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
tier, spiegel, menschlichen, kafkas, bericht, akademie
Arbeit zitieren
Hans-Georg Wendland (Autor), 2011, Das Tier als Spiegel des Menschlichen in Kafkas "Ein Bericht für eine Akademie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168713

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