Gettier - Was wissen wir über das Wissen?


Rezension / Literaturbericht, 2010

5 Seiten


Leseprobe

Humboldt-Universität zu Berlin

Institut für Philosophie

VL: Einführung in die Philosophie

Datum: 01.02.10

Gettier: Was wissen wir über das Wissen?

Vorliegender Essay handelt von Edmund L. Gettiers folgenreichem Einwand[1] gegen die klassische Definition von Wissen, wonach sich Wissen als gerechtfertigte wahre Meinung (GWM) beschreiben lasse. Da diese GWM-Definition bereits auf Platon zurückgeht, kommt die von Gettier an ihr geübte Kritik einem regelrechten Erbeben innerhalb der theoretischen Philosophie gleich: einer ihrer zentralen Begriffe, mit dem Jahrhunderte lang gearbeitet wurde, erweist sich mit einem Mal als unklar und reparaturbedürftig. Von diesem „Schock“ hat sie sich bis in die Gegenwart noch nicht wieder vollständig erholt. Zwar hat Gettier, indem er die Grenzen des traditionellen Wissensbegriffs aufzeigte, der theoretischen Philosophie neue Impulse gegeben. Doch selbst nach ebenso hitzigen wie produktiven Debatten konnte bislang keine befriedigende Lösung gefunden werden.

In meinem Essay soll zunächst Gettiers Argumentation, und d.h. vor allem die Struktur seiner beiden zentralen Gegenbeispiele, nachvollzogen werden. Ziel ist es, möglichst genau zu verstehen, welche Schwachstelle der klassischen Wissensdefinition sich dadurch offenbart. Das soll die Voraussetzung dafür sein, um in einem zweiten Schritt – freilich nur in Ansätzen und ohne Berücksichtigung der reichhaltigen Literatur – einen eigenen möglichen Reparaturvorschlag zu formulieren.

Gettier schickt seinen Beispielen zwei Vorbemerkungen voraus: 1. Man kann in einem Glauben gerechtfertigt sein und dennoch falsch liegen. Das halte ich für ziemlich unproblematisch und einleuchtend, da sonst die Abgrenzung zum Wahrheitskriterium unklar wäre. Denn andernfalls wäre man nur dann wirklich gerechtfertigt Proposition P[2] zu glauben, wenn schon die Wahrheit von P erwiesen wäre. 2. „Wenn S darin gerechtfertigt ist, P zu glauben, und wenn aus P Q folgt und wenn S von P auf Q schließt und Q infolge dieses Schlusses akzeptiert, dann ist S darin gerechtfertigt zu glauben, daß Q.“ Diese zweite Prämisse erscheint mir wesentlich problematischer als die erste. Man bezeichnet den zugrunde liegenden Gedanken gewöhnlich als Geschlossenheitsprinzip.

Zunächst will ich kurz aufzeigen, inwiefern das problematisch ist, und anschließend anhand eines eigenen Beispiels demonstrieren, dass Gettiers Einwand auch ohne vermeintlich logische (und zu seltsamen Propositionen führende) Schlüsse funktioniert.

Wir vernachlässigen im Folgenden die Ausschmückung von Gettiers Beispielen und wollen immer davon ausgehen, eine Person S sei jedes Mal durch entsprechenden Kontext in seinem Glauben vollauf gerechtfertigt. So ist Smith im ersten Beispiel gerechtfertigt im Glauben an (a) Jones ist derjenige, der die Stelle erhalten wird sowie in Beispiel zwei an (b) Jones besitzt einen Ford.

Betrachten wir zunächst (a): Smith weiß zusätzlich, dass Jones momentan zehn Münzen in der Hosentasche hat. Gettiers Geschlossenheitsprinzip zufolge wäre nun folgende, als Wissensaussage etwas merkwürdig klingende Umformung zulässig: (a’) Derjenige, der die Stelle erhalten wird, hat zehn Münzen in seiner Hosentasche. Wie es der Zufall so will, bekommt nicht nur nicht Jones, sondern Smith die Stelle, sondern Smith hat auch gerade zehn Münzen in seiner Hosentasche, ohne dies gewusst zu haben. Alle drei Kriterien sind somit erfüllt, wir würden aber dennoch nicht sagen, es handele sich bei (a’) um Wissen.

Das zweite Beispiel funktioniert ganz analog: (b) wird nach den Gesetzen der Logik erweitert zu (b’) Jones besitzt einen Ford oder Brown ist in Boston, wobei Smith nicht die geringste Ahnung vom derzeitigen Aufenthaltsort Browns hat . Das logische Oder garantiert jedoch, dass diese Erweiterung keine Auswirkungen auf den Wahrheitswert der Gesamtaussage hat – d.h. vorausgesetzt (b) ist wie geglaubt wahr, kann (b’) nicht falsch werden, selbst wenn Brown ganz woanders ist. Wiederum kommt es zu einem „Zufallstreffer“, indem Jones nun doch keinen Ford besitzt und Brown sich rein zufällig tatsächlich gerade in Boston aufhält.

Offensichtlich spielt das, was wir vorläufig noch ungenau als Zufall aufgeführt haben, eine zentrale Rolle. Und das wiederum scheint eng mit dem Geschlossenheitsprinzip, also der logischen Umwandlung von P zu Q zusammenzuhängen. Ein Ansatz, (a’) als legitime und d.h. in jeder Hinsicht äquivalente Folgerung aus (a) zurückzuweisen, könnte in folgender sprachphilosophischer Überlegung bestehen: Während Jones als Eigenname genau auf eine Person referiert (auch wenn mehrere Menschen so heißen mögen), ist der Ausdruck „Derjenige, der zehn Münzen in seiner Hosentasche hat“ kein singulärer Term mit genau einem Referenzobjekt. Anders als etwa die Kennzeichnung „Die amtierende Bundeskanzlerin der BRD“, gibt es für diesen Ausdruck theoretisch unzählige Referenten. Voraussetzung dafür allerdings ist eine sogenannte attributive Verwendung: Der Ausdruck trifft auf ausnahmslos alle Menschen zu, die gerade zehn Münzen in ihrer Hosentasche haben. Insofern lässt sich die Ausweitung im Übergang von (a) zu (a’) von einem Referenten auf potenziell unendlich viele nicht rechtfertigen. Um dem zu entgehen, könnte man ein anderes Verständnis des sprachlichen Ausdrucks „Derjenige, der zehn Münzen in seiner Hosentasche hat“ zugrunde legen: Es wäre plausibel zu sagen, Smith verwende ihn hier nicht attributiv, sondern referenziell, d.h. um auf genau eine Person Bezug zu nehmen: auf Jones – und das sogar unabhängig davon, ob Jones tatsächlich zehn Münzen in der Hosentasche hätte. (Denn es wäre ja denkbar, dass sich in einer Stofffalte in Jones Hosentasche noch eine elfte Münze verborgen hätte, so wäre trotzdem immer noch Jones gemeint.) Wenn wir dies berücksichtigen, müssen wir (a’) schlicht als falsch ansehen, denn niemand anderes als der eigentliche Referent Jones könnte diesen Satz wahr machen. Somit bliebe die GWG-Definition davon unberührt.

[...]


[1] Gettier, Edmund L.: Is Justified True Belief Knowledge? Analysis 23, 1963, 121-123.

[2] Im Folgenden wird es ausschließlich um sogenanntes propositionales Wissen der Form „S weiß, dass P“ gehen.

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Gettier - Was wissen wir über das Wissen?
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Einführung in die Philosophie
Autor
Jahr
2010
Seiten
5
Katalognummer
V168730
ISBN (eBook)
9783640882212
Dateigröße
422 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
gettier, wissen
Arbeit zitieren
R. Fehl (Autor), 2010, Gettier - Was wissen wir über das Wissen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168730

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