Max Weber - Die protestantische Ethik als Manifest für die Nationalliberale Partei und Webers Auseinandersetzung mit den Nationalliberalen

Freiheit, Individualismus und Kapitalismus – Ergebnisse bürgerlich-liberaler Gesellschafts- und Wirtschaftsethik


Hausarbeit, 2001

17 Seiten, Note: siehe Kommentar


Leseprobe

Zu 1.

Max Weber wurde 1864 geboren und starb 1920. Seine Lebenszeit erstreckte sich damit fast aufs Jahr genau auf das zweite deutsche Kaiserreich. In seinen Anschauungen war Weber vom Zeitgeist geprägt. Weber selbst urteilt über seine bürgerliche Herkunft: „Ich bin ein Mitglied der bürgerlichen Klassen, fühle mich als solches und bin erzogen in ihren Anschauungen und Idealen.“(Fügen: Max Weber, S. 8). Weber spielt hier nicht nur auf seine Erfahrungen an, die er im Elternhaus und der Verwandtschaft gesammelt hat, sondern will meiner Meinung nach auch deutlich machen, daß er sich zeitlebens in seinem Wirken an den bürgerlichen Wertvorstellungen orientiert hat.

Das deutsche Reich wandelte sich im zweiten deutschen Kaiserreich vom Agrar- zum Industriestaat. Die ökonomischen Umwälzungen beeinflußten Politik und Gesellschaft nachhaltig. In den Jahren 1873 und 1896 befand sich die europäische Wirtschaft in einer Krise, die auch als „große Depression“ bezeichnet wurde und dazu beitrug, daß viele Europäer nach Amerika auswanderten (Fügen: Max Weber, S. 52).

Die vielen Landarbeiter, die mit ihren Familien auf den Landgütern der ostelbischen Junker arbeiteten, hofften auf ein besseres Leben in der Stadt und auf bessere Verdienstmöglichkeiten. Eine Massenabwanderung in die Städte – die sog. Landflucht – war die Folge des starren gesellschaftlichen Gefüges, das keine soziale Mobilität zuließ und sich nicht dynamisch an die Veränderung der Zeit anpaßte.

Da viele überseeische Produzenten und vor allem die USA ihre Getreideerzeugnisse auf dem Weltmarkt besser absetzen konnten, ging der deutsche Anteil am Getreidemarkt zurück. Gleichzeitig mußten weitere Getreideerzeugnisse aus Rußland und Österreich importiert werden.

Die Großagrarier – bis dahin Anhänger einer Freihandelspolitik – forderten nun eine Schutzzollpolitik, die 1879 auch in die Tat umgesetzt wurde, und entwickelten dabei eine protektionistische Haltung, die eher dazu beitrug, das Sozialprestige der ostelbischen Grundherren zu stärken als den Transformationsprozeß des deutschen Reiches in einen modernen Industriestaat zu beschleunigen. Die Produktivität je Person und die Nominallöhne stiegen auf dem industriellen Sektor an; die Landwirtschaft jedoch konnte nicht weiter mithalten (Fügen: Max Weber, S. 52).

Die Industrie konnte die vielen Arbeitskräfte nicht auffangen. 1890 wanderten daher 1,25 Mio. Deutsche aus. Innerhalb weniger Jahrzehnte verteilte sich die Bevölkerung infolge der Landflucht neu auf die Kommunen: Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts lebten die meisten Menschen in Dörfern oder kleinen Städten, während um die Jahrhundertwende die Mehrzahl in mittleren und großen Städten wohnten (Fügen,S. 52).

Die Urbanisierung verursachte vielfältige soziale Probleme z.B. bei der Wohnungsfrage. Da viele Familien nicht vom geringen Verdienst des Vaters leben konnten, war Frauen- und Kinderarbeit nichts Ungewöhnliches. Die Arbeiter schlossen sich zusammen, um für sich und ihre Familien bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu erkämpfen. Die Gewerkschaftsbewegung entstand. Durch Denker wie Karl Marx erhielt die sozialistische Arbeiterbewegung ihr ideologisches Programm.

Im bürgerlichen Lager befürchtete man nach der Veröffentlichung des Kommunistischen Manifestes eine Radikalisierung der Arbeiterschaft und suchte daher nach einer Lösung der sozialen Arbeiterfrage. Bismarck wollte auch die Arbeiter in das gesellschaftliche Gefüge „seines“ deutschen Reiches integrieren und bediente sich dazu einer rigorosen „Zuckerbrot-und-Peitsche-Politik“: Durch das 1878 in Kraft getretene und bis 1890 geltende Sozialistengesetz verbot Bismarck alle sozialistischen Parteien in der Hoffnung, damit die Arbeiterbewegung zu zerstören. Bismarck begründete das deutsche Sozialversicherungssystem, das damals das erste in ganz Europa war und mit dem er die gemäßigte Arbeiterschaft für sich gewinnen wollte.

Mit dem Verbot der sozialistischen Parteien und Vereinigungen durch das Sozialistengesetz wurde aber nur erreicht, daß sich deren Aktivitäten in den Untergrund verlagerten und nicht alle Gesellschaftsschichten an der Neuordnung der Gesellschaft beteiligt wurden (Fügen: Max Weber, S. 51f i.V.m. S. 134).

Die niederen Stände, die einfachen Arbeiter, Handwerker und Bauern wurden nicht miteinbezogen, sondern es wurde wie in alten Zeiten des Feudalismus über sie bestimmt mit dem Ergebnis, daß eine Annäherung zwischen den Arbeitern und dem Bürgertum unmöglich wurde. Wut und Enttäuschung der Arbeiter über die sozialen und wirtschaftliche Ungerechtigkeiten wurden nicht thematisiert, so daß die Unzufriedenen dieser Schichten leicht für den Sozialismus begeistert werden konnten.

Die im 19. Jahrhundert begonnene Auseinandersetzung zwischen sozialistischen und konservativen Positionen setzte sich im 20. Jahrhundert fort, wenn man nur z.B. an den Sturz des russischen Zaren durch die Bolschewiki denkt. Heute erkennen wir die Utopie des Sozialismus, da dieser in der praktischen Umsetzung gescheitert ist; bis vor wenigen Jahrzehnten war dies aber erklärtes politisches Ziel.

Immer mehr stellte sich also im deutschen Reich die Frage, welche soziale Schicht dazu berufen war, eine Lösung für die sozialen und wirtschaftlichen Probleme jener Zeit zu finden und das deutsche Reich in die Moderne zu führen.

Auch Weber stellte sich dieser Frage. Die Konservativen waren nicht in der Lage, andere Lösungen als einen übersteigerten Nationalismus anzubieten – als ob der Glaube an die Größe der eigenen Nation allein soziale und wirtschaftliche Probleme lösen könne! Die Sozialisten verschreckten das Bürgertum, da sie die Revolution statt Reformen propagierten. Beide – Konservative wie Sozialisten – waren meiner Ansicht nach radikale Gruppierungen, die rechts- bzw. linksextreme Positionen vertraten. Eine breite Front von Anhängern einer gemäßigten Politik hätte sich diesen entgegenstellen müssen.

Konservative, Liberale und Sozialisten waren sich uneins über die politische Neugestaltung des alten Systems, so daß sie sich auch nicht mit voller Kraft der rasant verlaufenden Industrialisierung widmen konnten, wie es erforderlich gewesen wäre. Die Industrialisierung stellte die Menschen vor unumkehrbare Tatsachen. Da die Industrialisierung in Deutschland erst relativ spät einsetzte, blieb den zögerlichen Deutschen immer weniger Zeit, wichtige Entscheidungen zu treffen.

Nach dem Untergang des ersten deutschen Reiches war Deutschland in Kleinstaaten zersplittert; dies erschwerte die Industrialisierung noch zusätzlich. Die Revolution von 1848, in der die wenigen Weitblickenden nach französischem Vorbild tiefgreifende Reformen und vor allem einen starken Nationalstaat forderten, wurde von den konservativen Kräften gewaltsam beendet, denen es nur um die Beibehaltung des Status quo ging, wie er durch den Zusammenschluß der deutschen Kleinstaaten im Deutschen Bund garantiert war. Wie sollte ein Fortschritt erkennbar sein, wenn die führenden Kräfte der deutschen Nation sich noch 1879 kleinmütig zur Schutzzollpolitik bekannten? Damit ist klar, daß die mißglückte einzige deutsche Revolution von 1848 keine Wirkung gehabt hatte.

Die Anhänger des Liberalismus dagegen forderten einen starken deutschen Nationalstaat unter der Hegemonie Preußens mit dem Ziel, das deutsche Reich innen- und außenpolitisch zu stärken. Da die Konservativen ihre Prinzipien über die Machtstellung und die Interessen des Staates stellten, trennte sich Bismarck schließlich von ihnen, um seine Vorstellungen von Realpolitik zu verwirklichen. Ein Teil der Konservativen schloß sich ihm an; die übrigen folgten weiter einem übersteigertem Nationalismus.

Da sich die Konservativen überdies besonders ab 1890 sozialdarwinistischen Leitvorstellungen bis hin zu biologistischen Blut-und-Boden-Mythen verschrieben, war von dieser Seite kein produktives Ergebnis zu erwarten, das Deutschland bei der Entwicklung zu einem modernen Staat weitergetrieben hätte (Schoeps/Knoll/Bärsch: Konservativismus, Liberalismus, Sozialismus S. 21-25).

Quasi als Reaktion auf den Konservatismus gewann der Liberalismus immer mehr Anhänger. Die Linksliberalen wurden auf die sozialen Probleme im deutschen Reich aufmerksam und befaßten sich mit der Arbeiterfrage.

Sie erkannten in der Bildungspolitik ein wirksames Mittel, die Arbeiter mit bürgerlichen Werten und Tugenden vertraut zu machen und ins Reich zu integrieren. Zielsetzung liberaler Bildungspolitik war es daher, den Arbeitern das Bewußtsein zu geben, daß sie auch zu den bürgerlichen Kreisen gehörten. Die Bildungspolitik der Liberalen war im Kern unpolitisch, während z.B. die sozialistische Bildungspolitik mit der Annahme bestimmter politischer Grundüberzeugungen verknüpft war.

Die Arbeiterbildung der Sozialisten zielte darauf ab, den Arbeitern ein Klassenbewußtsein zu vermitteln und sie zur Klassensolidarität anzuhalten. Die sozialistischen Bewegungen wollten der Arbeiterklasse vermitteln, daß sie die herausragende Klasse seien, die dazu berufen sei, die Gesellschaft zu revolutionieren und neu zu formen.

Die liberale Arbeiterbildung hatte stets die Anpassung des Arbeiters an das bestehende System, nicht aber dessen Auflösung, im Sinn. Innerhalb des bestehenden gesellschaftlichen und politischen Systems sollte individuelle Freiheit für jeden möglich werden, auch für den Arbeiter.

Menschen sollen nach liberaler Vorstellung die Möglichkeiten vorfinden, sich weiterzuentwickeln, d.h. aus eigener Kraft ihren Besitz zu vergrößern oder eine höhere Bildung zu erwerben. Die Liberalen vertreten die Ansicht, daß nicht jeder gleiche Voraussetzungen haben soll, um ein Ziel zu erreichen, solange jeder die Möglichkeit hat frei zu wählen zwischen Alternativen und es an jedem selbst liegt, was er aus sich und seinen Fähigkeiten macht (Schoeps/Knoll/Bärsch: Konservativismus, Liberalismus, Sozialismus S. 91-93).

Die Position der Linksliberalen zur Bildungspolitik, die darin ein politisches Instrument erkannten, stand im Gegensatz zu den Positionen der Rechtsliberalen, die als Vertreter des Besitzbürgertums anzusehen sind. Die Linksliberalen vertraten vor allem Ansichten des Bildungsbürgertums.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Max Weber - Die protestantische Ethik als Manifest für die Nationalliberale Partei und Webers Auseinandersetzung mit den Nationalliberalen
Untertitel
Freiheit, Individualismus und Kapitalismus – Ergebnisse bürgerlich-liberaler Gesellschafts- und Wirtschaftsethik
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Soziologie)
Veranstaltung
Die protestantische Ethik und die Entwicklung des modernen Kapitalismus: Einführung in die Argumentationsstrategie Max Webers
Note
siehe Kommentar
Autor
Jahr
2001
Seiten
17
Katalognummer
V16874
ISBN (eBook)
9783638215930
ISBN (Buch)
9783638771498
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Prüfers: Im Ansatz sehr vollständig und auch historisch gut referiert. Allerdings: die mögliche Leistung von Webers Schriften für einen modernen Liberalismus werden nicht ausführlich genug dargestellt. Auch sind Webers Schriften noch nicht Grundlage der Arbeits, sondern nur Sekundärliteratur. Trotzdem: insgesamt gelungen.
Schlagworte
Weber, Ethik, Manifest, Nationalliberale, Partei, Webers, Auseinandersetzung, Nationalliberalen, Ethik, Entwicklung, Kapitalismus, Einführung, Argumentationsstrategie, Webers
Arbeit zitieren
Tanja Schmidt (Autor), 2001, Max Weber - Die protestantische Ethik als Manifest für die Nationalliberale Partei und Webers Auseinandersetzung mit den Nationalliberalen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16874

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