Die Migrationspolitik der DDR zwischen Restriktion und Anwerbung


Hausarbeit, 2010

24 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

I. Einleitung

II. Soziographie der West-Ost-Migranten

III. 1949-1953: Zwischen Restriktion und Werbepolitik

IV. 1954-1957: Erwünschte und unerwünschte Übersiedler in der Hochphase der West-Ost-Migration

V. Abschottung und systematische Überwachung ab

VI. Fazit

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Es ist weitläufig bekannt, dass es nach dem 2. Weltkrieg eine starke Migrationsbewegung von Bürgern aus der DDR in die Bundesrepublik gab. Insbesondere in den 50er Jahren waren die Zahlen enorm, allein im Jahr 1955 kamen mehr als eine halbe Million Ost-Bürger in die Bundesrepublik. Während die Auswanderung bzw. Republikflucht stets ein Thema in der bundesdeutschen Öffentlichkeit war, blieb die Gegenbewegung, namentlich die West-Ost-Migration, weitestgehend unbeachtet und das obwohl auch hier die Zahlen für sich sprechen. So suchten Hunderttausende im Laufe der Jahre den Weg in die DDR.[1] Im öffentlichen und politischen Diskurs gewann das Thema jedoch erst nach der Wende an Interesse. Auch die Geschichtswissenschaft entdeckte die deutsch-deutsche Migration als tatsächlichen Forschungsgegenstand erst spät. Dies hatte unterschiedliche Gründe. Zum einen war das Thema Zu- bzw. Abwanderung in beiden Staaten vor 1989 nicht nur eine rein statistische Angelegenheit, sondern war auch Gradmesser für den Erfolg des entsprechenden politischen Systems. Insbesondere in der DDR interpretierte man hohe Zuwanderungszahlen als Legitimation für den neu gegründeten sozialistischen Staat und dies wurde auch dementsprechend propagiert. Objektive Untersuchungen waren unter diesen Umständen kaum möglich. In der Bundesrepublik lag das Augenmerk der Politik und Wissenschaft viel mehr auf den Flüchtlingen der Sowjetischen Besatzungszone, deren Aufnahme und Integration.[2] So fand das Thema entweder erst gar nicht statt oder wurde für wissenschaftliche Verhältnisse zu subjektiv behandelt. Auch die schlechte Quellenlage ist Folge dieser Entwicklung.

Neuere Publikationen hingegen machen Hoffnung, dass die West-Ost-Migration zukünftig in der Wissenschaft an Relevanz gewinnen wird. Mit „Migration und Politik im geteilten Deutschland während des Kalten Krieges“ hat Andrea Schmelz 2002 erstmals eine umfassende Studie über die so genannten Übersiedler veröffentlicht. Neben einer ausführlichen Soziographie und einer detaillierten Beschreibung der Umstände, mit denen sich die Übersiedler konfrontiert sahen, beschäftigt sich Schmelz überwiegend mit den politischen Entscheidungen und Maßnahmen der DDR-Regierung. Schmelz nutzt dabei primär Statistiken, Berichte und Dokumente, sprich äußerst zuverlässige Quellen. Eine umfangreiche Recherche ergibt, dass Schmelz’ Publikation die derzeit umfassendste Studie ist. Andere Veröffentlichungen befassen sich mit der West-Ost-Migration oft nur in Form eines Exkurses oder beziehen nur eine bestimmte Berufsgruppe ein.[3] Diese Aspekte sind generell wichtig, für die vorliegende Arbeit, die ein umfassendes Bild der Geschehnisse zeichnen will, jedoch wenig relevant. Deshalb wird die Studie von Andrea Schmelz die Basis für diese Hausarbeit sein. Darüber hinaus wird Bernd Stövers „Zuflucht DDR. Spione und andere Übersiedler“ aus dem Jahr 2009 einbezogen, in dem dezidierter auf soziale Phänomene eingegangen wird. Der ausgewählte Untersuchungszeitraum erstreckt sich von Gründung der DDR im Jahr 1949 bis zum Mauerbau 1961. Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen ist die Quellenlage der 50er wesentlich dichter als die der Folgejahre, zum anderen bildet der Mauerbau eine Zäsur, die das Wanderungsgeschehen in quantitativer und politischer Hinsicht so drastisch geändert hat, dass die Zeit danach schlichtweg einen anderen Untersuchungsgegenstand darstellt.

Ziel dieser Arbeit ist es einerseits, den komplexen Verlauf der West-Ost-Migration darzustellen. Darüber hinaus soll die Frage beantwortet werden, welche Kontinuitäten bzw. Diskontinuitäten die Einwanderungspolitik der DDR aufweist. Um den Aufbau der Arbeit näher zu erläutern, ist es vorerst notwendig, zentrale Begriffe der Migrationsforschung vorzustellen. Grundlage der folgenden Beschreibung ist die Migrationstheorie von Klaus Bade.[4] Sein Konzept der sozialhistorischen Migrationsforschung lässt sich in drei Aufgabenbereiche teilen. Erstens wird das Wanderungsgeschehen in Hinsicht auf Volumen, Verlaufsformen und Strukturen untersucht. Zentraler Punkt der Forschung ist zweitens die Analyse des Wanderungsverhaltens. Gegenstand der Untersuchungen sind hier Schub- und Anziehungskräfte der Ausgangs- und Zielräume, unterschiedliche Motivationen bzw. Wanderungsabsichten in regionaler und schichten- oder gruppenspezifischer Hinsicht, wanderungsfördernde oder -hemmende Faktoren sowie Integration und Akkulturation. Drittens müssen all diese Fakten und Aspekte in die sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Umstände der jeweiligen Regionen eingebunden werden. Bei allen Faktoren ist dabei zu beachten, dass Migrationsbewegungen nicht zählbare Ereignisse einzelner Reisegeschichten sind. Man muss sie vielmehr als umfassenden Prozess verstehen. Dieser führt von einer Wanderungsbereitschaft und einer dadurch entstehenden mentalen Ausgliederung aus der Gesellschaft schließlich hin zu dem konkreten Entschluss, den Ausgangsort zu verlassen. Dies wird meist von einem konkreten äußerlichen Anlass – beispielsweise einem politischen Entschluss – bewirkt.

Das erläuterte Konzept zeigt, dass Migration keineswegs als lineare Abfolge beschrieben werden kann. Zu viele Aspekte wirken parallel auf den Prozess ein. Die Faktoren getrennt voneinander zu betrachten, ist somit unmöglich. Deshalb bleibt für den Aufbau nur eine chronologische Herangehensweise. Die Arbeit ist demnach in drei Kapitel entsprechend den drei zentralen Phasen der politischen Entwicklung unterteilt. Dabei befasst sich der erste Teil mit dem Zeitraum von der Staatsgründung bis zur Systemkrise 1953, darauf folgt die Hochphase zwischen 1954 und 1957 und schließlich die Periode der politischen Abschottung ab 1958. Jedes der Kapitel greift die zentralen politischen, migrationsspezifischen und sozialen Aspekte des Wanderungsgeschehens auf. So kann es zwar zu Überschneidungen kommen, dennoch ist diese Art der Darstellung die einzige, die der Komplexität des Themas gerecht wird.

II. Soziographie der West-Ost-Migranten

Um das Wanderungsgeschehen zwischen Ost und West besser einordnen zu können, soll im Folgenden die Ausgangssituation ab Beginn der 50er Jahre dargestellt werden. Dabei soll ein Überblick über den Umfang der Migration, die Zusammensetzung in Bezug auf Geschlecht, Alter und Beruf sowie über die Motivationen der Übersiedler gegeben werden. All dies sind Aspekte, die hier nur grob beschrieben und im weiteren Verlauf den Phasen entsprechend wieder aufgegriffen werden.

Angesichts der Mängel, die sich in der statistischen Erfassung der Übersiedlerzahlen zeigen, kann der genaue Umfang der Zuzugszahlen nicht bestimmt werden. So ist beispielsweise die Fortzugsstatistik der BRD generell zu niedrig, die Ergebnisse der DDR-Zählungen wiederum sind zu hoch. Ein Vergleich zeigt, dass während die BRD von gut 430.000 Migranten im Zeitraum von 1950 bis 1968 spricht, die DDR Zahlen in Höhe von gut 640.000 angibt. Man kann davon ausgehen, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte liegt. An beiden Statistiken ist jedoch zu sehen, dass der Umfang ab von 1953 auf 1954 drastisch steigt, folgt man den DDR-Zahlen von gut 31.000 auf mehr als 75.000 Migranten pro Jahr. Einen Einbruch erleidet der Zuzug von 1957 auf 1958. Danach sinken die Zahlen stetig. Nach dem Mauerbau folgt schließlich der zu erwartende drastische Einbruch.[5]

Entscheidend für diese Entwicklung sind – neben den politischen Beschlüssen – die Motive der Übersiedler. Dem Konzept von Bade folgend, zeigt die West-Ost-Migration die klassischen Züge einer prozesshaften Motivbildung. So waren es ökonomische, familiäre, soziale, teils auch politische und ideologische Aspekte, die die Migrationsbewegung schließlich auslösten. Für die DDR ist festzuhalten, dass ein überwiegender Anteil der Entscheidungen aufgrund von familiären und wirtschaftlichen Gründen getroffen wurde. Für Rückkehrer – ehemalige ostdeutsche Bürger, die nach Gründung der DDR wieder in ihre Heimat zurückkehren wollten – stellte die soziale Isolation in der BRD zusätzlich ein wesentliches Problem dar. Schwierig hingegen ist es, etwas Konkretes über politisch-ideologische Aspekte zu sagen. Von der DDR wurde das Bild des sozialistisch überzeugten Übersiedlers zwar gern und weit propagiert, die Quellenlage dazu ist jedoch nicht eindeutig.[6]

Eine kurze Zusammenfassung der Statistiken zeigt, dass überwiegend junge und erwerbsfähige Menschen in die DDR kamen. Nahezu zwei Drittel der Migranten waren jünger als 25. Hinzu kommt, dass die Übersiedlung ein primär männliches Phänomen war.[7] Rückkehrer machten etwa zwei Dritteln aus, erstmals Zuziehende über den gesamten Zeitraum hinweg lediglich ein Drittel.[8]

Die Berufsstruktur war bereits zu Beginn des Wanderungsgeschehens von Arbeitern geprägt. Während diese 1954 rund 40% der Berufstätigen stellten, vergrößerte sich ihr Anteil bis in die 60er Jahre zusehends. Andere Berufskategorien hatten dementsprechend rückläufige Werte. Der Prozentsatz von Angestellten fiel von 14,9% im Jahr 1952 auf lediglich 8% zu Beginn der 60er. Auch die so genannten „Berufe der Intelligenz“ wie Ärzte, Ingenieure usw. hatten große Einbußen: Ab Mitte der 50er Jahre machten sie weniger als 2% aus. Insgesamt lässt sich bis zum Mauerbau ein deutliches Absinken des Qualifikationsniveaus konstatieren,[9] das uns auch in den folgenden Kapiteln weiter beschäftigen wird.

Welche politischen Beschlüsse und gesellschaftlichen Prozesse all diese Entwicklungen hervorriefen, wird die Analyse der verschiedenen Phasen zeigen.

III. 1949-1953: Zwischen Restriktion und Werbepolitik

Mit der Gründung der DDR wurde eine vollkommen neue Situation in Europa geschaffen. Nun gab es nicht mehr ein Deutschland, sondern zwei voneinander offiziell unabhängige Staaten, die nicht einmal mehr das gleiche politische System als gemeinsame Grundlage teilten. Während die Bundesrepublik weiter demokratischen Grundsätzen folgte, wandte man sich in der Sowjetischen Besatzungszone dem Sozialismus zu. Die daraus resultierende Rivalität der beiden Staatensysteme schlug sich nicht zuletzt auch in der Migrationspolitik der DDR nieder. So waren die ersten Jahre geprägt von einer restriktiven Haltung gegenüber der Zuwanderung. Bereits 1949 spielte dabei der sicherheitspolitische Aspekt eine tragende Rolle. Man befürchtete u. a. „Infiltration“, die Restriktionen waren demnach eine Maßnahme zur „Abwehr von Agenten“.[10] Von größerer Bedeutung waren jedoch rein praktische Motive. Die Folgen des Krieges waren allgegenwärtig. Die Wohnungsraumversorgung zeigte sich als zentrales Problem, ebenso der Nahrungsmangel und die Nachfrage nach Arbeitskräften.[11] Es galt also, die existenzielle Versorgung der eigenen Bevölkerung zu sichern. Ein enormer Zuzug von Bürgern der Bundesrepublik hätte den Mangel nur stärker problematisiert.

Zwar war die Ost-West-Wanderung der Gegenbewegung zahlenmäßig weit überlegen, dennoch wurden 1951 rund 23.000, 1951 bereits gut 29.000 Zuzugsanträge bearbeitet. Um die Zuwanderung zu regulieren, musste demnach ein zuverlässiges Auswahlverfahren entwickelt werden. So erhielten längst nicht alle Übersiedlungswilligen die Genehmigung zur Einreise. Bereits im ersten Halbjahr 1950 wurden ein Fünftel aller Gesuche abgelehnt. 1951 stiegen die Ablehnungen auf über ein Drittel.[12] Dies verwundert kaum, weiß man, dass die Motive jedes potentiellen Übersiedlers unter vorgeschriebenen Aspekten geprüft wurden. Genehmigt wurde der Zuzug beispielsweise bei Familienzusammenführungen, allerdings auch hier nur bei Verwandtschaftsverhältnissen ersten Grades. Arbeitskräfte aus Mangelberufen waren hingegen willkommen und wurden teilweise sogar von volkseigenen Betrieben angeworben. Auch Wissenschaftlern, Ärzten und Künstlern war nach eingehender Prüfung häufig die Zureise gestattet, in ihnen wurden besonders brauchbare Kapazitäten für den Staat gesehen.[13] Generell waren die Motive der Übersiedler charakteristisch für die Migrationsbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert. So dominierte zu Beginn der 50er Jahre mit 50% das Motiv der Zusammenführung von Familien, 30% der Gesuche erfolgten aufgrund von Arbeitslosigkeit, 10% wurden „politischen Dingen“ zugeschrieben, ebenfalls 10% übersiedelten aus sonstigen Gründen.[14] Verantwortlich für die hohe Prozentzahl der Familienzusammenführungen sind zu einem bedeutenden Teil die Rückkehrer. Der Überfluss an Gesuchen, die insbesondere von wirtschaftlichen Motiven geprägt waren, erklärt wiederum die hohe Ablehnungsquote, schließlich kämpfte der junge Staat, wie bereits erwähnt, mit starken Problemen auf dem Arbeitsmarkt.

[...]


[1] Stöver, Bernd, Zuflucht DDR. Spione und andere Übersiedler, München 2009. S. 10.

[2] Schmelz, Andrea, Migration und Politik im geteilten Deutschland während des Kalten Krieges. Die West-Ost-Migration in den 1950er und 1960er Jahren, Opladen 2002. S. 19.

[3] Vgl. Weil, Francesca, Ärzte als inoffizielle Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, Göttingen 2008; Müller, Christian, Ankunft – Alltag – Ausreise. Migration und interkulturelle Begegnung in der DDR-Gesellschaft, Köln 2005.

[4] Bade, Klaus, Sozialhistorische Migrationsforschung, Göttingen 2004. S. 20f.

[5] Ebd. S. 39.

[6] Ebd. S. 48f.

[7] Ebd. S. 57f.

[8] Ebd. S. 41.

[9] Ebd. S. 62.

[10] Schmelz, Migration und Politik im geteilten Deutschland. S. 75.

[11] Ebd. S. 74.

[12] Ebd. S. 76.

[13] Ebd. S. 75.

[14] Ebd. S. 76.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Migrationspolitik der DDR zwischen Restriktion und Anwerbung
Hochschule
Universität Bielefeld
Veranstaltung
Geschichte der Migration im 19. und 20. Jahrhundert
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V168777
ISBN (eBook)
9783640865840
ISBN (Buch)
9783640866106
Dateigröße
503 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
West-Ost-Wanderung, Übersiedler, Anwerbung, Rückkehrer, Republikflucht, Rückschleusung, Aufnahmeheime, Passgesetz
Arbeit zitieren
Ulrike Ziegler (Autor), 2010, Die Migrationspolitik der DDR zwischen Restriktion und Anwerbung , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168777

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