Musealisierung des städtischen Raumes als kulturelle Gedächtnisleistung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
34 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die alte europ ä ische Stadt und aktuelle Entwicklungstendenzen des urbanen Raumes

3. Museum, Musealisierung und städtischer Raum

4. Zur Bewertung der Musealisierung
4.1 Die Kompensationsthese
4.2 Inszenierung und Ästhetisierung als Machtstrategien

5. Musealisierung und kulturelles Gedächtnis bei Luhmann

6. Schluss

Literatur

1. Einleitung

Der Diskurs zur Musealisierung des st ä dtischen Raumes richtet sich auf eine Entwicklungs- tendenz vor allem der Innenstädte europäischer Mittel- und Großstädte. Grundlage dieser Entwicklung sind „Strategien der Transformation der urbanen Räume“ (Dröge/Müller 1996: 45), die in der einschlägigen Literatur in die Begriffe Ästhetisierung und Inszenierung gefasst werden (Dröge/Müller 1996; Prigge 1998; Müller 2002; Bittner 2005; Nelle 2007). Dieser Prozess setzt bereits am Beginn der ästhetischen Moderne des späten 19. Jahrhunderts ein und nimmt vor allem seit Mitte der 1970er Jahre eine prägende Kraft an (Müller 2002). Die vorliegende Arbeit macht es sich zur Aufgabe, dem Begriff der Musealisierung in der An- wendung auf den städtischen Raum genauer nachzufragen. Dabei wird Musealisierung als eine auf die Raumwahrnehmung zielende kulturelle Gedächtnisleistung identifiziert, bei der Erinnerung und Vergessen miteinander in Einklang zu bringen sind.

Wir beginnen die Untersuchung mit einer kurzen Geschichte der europ ä ischen Stadt, dem Objekt der Musealisierung (Kap. 2). Sodann fragen wir nach der Bedeutung des Musealisierungsbegriffs in Bezug zum historischen Bedeutungswandel des Museums und in Anwendung auf den städtischen Raum (Kap. 3). Von hier aus können kontrastierend zwei Konzeptionen der Musealisierung des städtischen Raumes erörtert werden (Kap. 4). Wir binden den Musealisierungsdiskurs sodann gesellschaftstheoretisch an das Konzept des kulturellen Gedächtnisses an, so wie es die Systemtheorie Niklas Luhmanns konzeptionell ausarbeitet (Kap. 5). Das Schlusskapitel fasst die Ergebnisse noch einmal kurz zusammen und gibt einen Ausblick auf künftige Analysemöglichkeiten (Kap. 6).

2. Die alte europ ä ische Stadt und aktuelle Entwicklungstendenzen des urbanen Raumes

Eine Rekapitulation der These von der Musealisierung des städtischen Raumes hat sich zunächst einmal auf das Objekt der Musealisierungsprozesse zu richten: die europ ä ische Stadt. Der Begriff der „europäischen Stadt“ impliziert zwei miteinander eng verknüpfte Aspekte: ein semantisch, kognitiv und kathektisch stark besetztes historisches Idealbild urbaner Lebensweise und baulichen Kulturerbes auf der einen und die Gegenwart einer funktionierenden urbanen Struktur und eines lebensweltlich-sinnfälligen Handlungsumfeldes auf der anderen Seite (Siebel 2000, Häußermann 2001).

Schon im späten Mittelalter, vor allem im 13. Jahrhundert, bildet sich in Europa allmählich das Städtesystem heraus, wie wir es noch heute kennen (Ennen 1979; Benevolo 1999: 59ff). 1

Insbesondere Max Weber (1921: 727ff) hatte den Typus der mittelalterlichen okzidentalen Stadt in Abgrenzung zur orientalischen und antiken Stadt sowie zum ländlichen Feudalsystem beschrieben. Sie ist aufgrund ihrer Befestigung durch Stadtmauern baulich durch Geschlos- senheit gekennzeichnet, wächst demnach zunächst nicht in der Fläche, sondern durch zuneh- mend dichte, eher planlose Bebauung mit entsprechend verwinkelten Straßen. Die Stadtmitte bildet dabei zugleich ein sichtbares Zentrum mit einer hohen, repräsentativen Bebauung (Kirche, Rathaus, Handelshäuser), die sich zum Stadtrand hin abflacht. Sie ist zudem, anders als die eher subsistenzwirtschaftlichen feudalen Großoiken, durch einen ständigen, zentralen Markt gekennzeichnet, der die Stadt und das Umland versorgt, in größeren Städten (vor allem Hafenstädte) auch Zentrum des Fernhandels ist. Weiterhin zeichnet sich die mittelalterliche Stadt durch ihren „Verbandscharakter“ einer gegenüber den feudalen Grundherren eigenstän- digen „Kommune“ aus, inklusive Rechtsprechung und Verwaltung. „Ein gesonderter Bürger- stand als ihr Träger war daher das Charakteristikum der Stadt im politischen Sinn“ (ebd.: 736). Aufgrund der baulichen (Geschlossenheit), ökonomischen (Zentralörtlichkeit) und politisch-rechtlichen (Verbandscharakter) Bedingungen, so lässt sich schließen, „entwickelte sich ein Bewusstsein der Zugehörigkeit zur Stadt, eine persönliche Bindung, die für die Zukunft Bestand haben sollte und noch heute zur europäischen Identität gehört“ (Benevolo 1999: 94). Die meisten der heute in Deutschland existierenden Städte haben ihren Ursprung im späten Mittelalter (Hannemann 2002). Die im 14. Jahrhundert zur vollen Blüte kommen- den italienischen Renaissancestädte sind besonders eindrucksvolle Beispiele städtischer Autonomie (Benevolo 1999: 47ff).

Mit der Herausbildung der Nationalstaaten im Absolutismus des 17. Jahrhunderts kommt es dann zur politischen „Inkorporierung der autonomen Städte“, die dadurch ihre Autonomität verlieren (Häußermann 2001: 246). Der Absolutismus ist die Zeit der höfischen Gesellschaft, einer repräsentativen Öffentlichkeit barocker Schlösser, die sich aus der Stadt zurückzieht (Habermas 1962: §2). In den neu entstehenden Residenzstädten bildet sich ein streng geomet- rischer Stil der auf den Herrschersitz zulaufenden Prachtstraßen und Gebäudekomplexe heraus, der auch die noch mittelalterlichen Städte bald erfassen wird (Fehl 2005). Mit der Entstehung eines sich im 18. Jahrhundert aus dem Absolutismus heraus entwickelnden Bür- gertums von Staatsbeamten, Groß-, und Kleinbürgern verlagert sich das Leben wieder in die Stadt zurück. Die Stadt wird zum Ort einer spezifisch bürgerlichen Öffentlichkeit jenseits des adeligen Hofes, einer, so die geläufige Definition von Habermas (1962: 42), „Sphäre der zum Publikum versammelten Privatleute“ - genau genommen eine „kritische Parallelöffentlichkeit auf privaten Flächen“ (Fehl 2005: 40). Es entwickelt sich vor allem eine „frühe literarische Öffentlichkeit“, die sich im 18. Jahrhundert in Kaffeehäusern, Salons und Tischgesellschaften zusammenfindet (Habermas 1962: 45; Sennett 1974: 2. Teil). Hinzu kommt die Einwande- rung junger Landflüchtiger, die zunehmend die Schicht des Kleinbürgertums aus Handwer- kern und Kleinhändlern ausmacht. Die Zunahme öffentlicher, Parks, Plätze und Promenaden verschafft auch ihnen Öffentlichkeit, weniger im Sinne des Publikums als der „Allgemein- heit“: eine „anonyme unbestimmt große Menge von Einzelpersonen“ (Fehl 2005: 38). Die Stadt wird zur Bühne, auf der sich Fremde begegnen - als Unbekannte, nicht Fremdartige, insofern sie derselben sich herausbildenden bürgerlichen Schicht angehören (Sennett 1974: 72f). Allmählich entwickelt sich auch ein besondere Urbanit ä t als Lebensweise heraus, bei der sich feine Unterschiede in den Umgangsformen bemerkbar machen, die Erkennbarkeit auf Distanz ermöglichen, etwa im Stil der Kleidung, der bloßen Zeichenhaftigkeit der Sprache (ebd.: Kap. 4) oder in der „Stilisierung des Verhaltens“ (Bahrdt 1961: 65). So tendiert die Stadt, im Gegensatz zum Land, zur Polarisierung einer privaten und einer öffentliche Sphäre (ebd.: 60). Die historischen „Spuren“ dieser alteuropäischen Stadt der präindustriellen Neu- zeit, so Habermas (1981: 24f), „sind in unseren Köpfen zu einem diffusen, vielschichtigen Begriff von Stadt zusammengelaufen“. Die alte Stadt dieser Epochen ist dabei eine noch „überschaubare Lebenswelt“. Mithin ist die europäische Bevölkerung agrarisch geprägt. Nur die Metropolen London und Paris erreichen im 18. Jahrhundert mehrere 100.000 Einwohner.

In diese Beschaulichkeit bricht dann in Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts die Gründer- zeit der Industrialisierung herein. Die nun einsetzende Urbanisierung ist, da die Industriefab- riken selten in den Großstädten selbst errichtet werden, zunächst ein Prozess des Wachstums von Kleinstädten und der Herausbildung von Konurbationen (Geddes), bei der ein Stadtraum nicht länger durch ringförmige Ausweitung vom historisch gewachsenen Stadtzentrum aus entsteht, sondern durch flächendeckende Ausbreitung von Arbeitersiedlungen (Hubert 1998: 68). Das Ruhrgebiet ist ein klassisches Beispiel. Mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 beschleunigt sich dann auch der Prozess des Großstadtwachstums rapide. Der Anteil der Deutschen Reichsbevölkerung in Großstädten steigt von 5% im Jahre 1871 auf 30% im Jahre 1933 (ebd.: 164). „Zum ersten Mal in der Geschichte Deutschlands […] beginnen die Ange- hörigen einer Bevölkerungsschicht nach der anderen, einem neua]rtigen Instinkt zu folgen, der nicht mehr von der Natur, sondern von der Wirtschaft diktiert wird“ (ebd.: 145). Die Urbani- sierung stellt den sich mit der Reichsgründung als wissenschaftliche Disziplin etablierenden Städtebau vor enorme Aufgaben der Errichtung einer Infrastruktur (Transport- und Abwasser- system) sowie des Wohnungsbaus. In Paris nimmt dies schon früh radikale Formen an. Ganze noch mittelalterlich verwinkelte Stadtviertel werden durch den maßgeblich beteiligten Präfek- ten des Department Seine von 1853-69, Baron Haussmann, restrukturiert (Benevolo 1999: 196ff; Sennett 1974: 176ff). Dieser Prozess der Haussmannisierung wird im Deutschen Reich zum Vorbild für den Städtebau (Stübben 1879). Typisch sind um diese Zeit auch die von zunehmend Bedeutung erlangenden privaten Bauunternehmern auf spekulativer Basis in Blockbebauung errichteten „Mietskasernen“ für das Industrieproletariat. Der Wiener Stadt- planer Camillo Sitte allerdings zieht Ende des 19. Jahrhunderts gegen die Auslöschung eines Teils der „europäischen Tradition“, des „historischen Erbes“ Europas zu Felde (Benevolo 1999: 197, 215). Schon im Jahre 1855 taucht nicht zufällig der Begriff des „städtischen Kulturerbes“ auf (Nelle 2007: 27). So entsteht eine eigentümliche Ambivalenz: Während mit zunehmender Dichte der Städte Funktionsprobleme städtebaulich zu lösen sind, „ergeht“ sich die Baukunst des späten 19. Jahrhunderts, so Gadamer (1960: 82), mit Neoklassizismus und Neugothik „in unaufhörlichen Stilreminiszenzen“.

Im 20. Jahrhundert werden dann Größe, Dichte und Heterogenität geradezu zum Sinnbild des Urbanen (Simmel 1903; Wirth 1936).1 Es kommt zu einer Zunahme der Arbeitsteilung und zur Differenzierung der Sozialstruktur. An die Stelle primärer Kontakte auf der Basis persön- licher Solidarität treten sekundäre, formale Kontakte. Aufgrund der Bevölkerungsdichte wird rein zahlenmäßig eine größere Heterogenität sichtbar. Simmel (1903) diagnostiziert, dass die dichten Reize und unvermittelten Differenzen einen spezifischen Schutzmechanismus der Abwertung der Bedeutung des wahrgenommenen Unterschieds in Gang setzen. Es komme zur Herausbildung einer sachlich-reservierten bis blasierten urbanen Persönlichkeit. Die soziale Differenzierung erfordert zudem die Teilnahme des Individuums an den unterschiedlichsten sozialen Rollen. Nicht nur wird Individualität in der städtischen Raum sichtbar, sie wird im Individuum selbst noch einmal fragmentiert. Die aufgrund der fehlenden Verwandtschafts-, und Nachbarschaftsbindungen und der hohen Mobilität entstehende Anonymität der Großstadt erlaubt aber auch die nicht-sanktionierte individuelle Abweichung von vormals engen Nor- mensystemen, also größere Freiheitsspielräume, und führt zu einer gewissen „acceptance of instability and insecurity” (Wirth 1936: 16). Das Individuum wird damit allerdings anfällig für unverbindliche Moden, standardisierten Massen- und passiven Freizeitkonsum (ebd.: 18ff). Auch die literarische Öffentlichkeit wird mediatisiert; der Kommunikationszusammen- hang öffentlich versammelten Publikums „zerfällt in die wie immer gleichförmig geprägten Akte vereinzelter Rezeption“ der zunehmend kommodifizierten Massenmedien (Habermas 1962: 194, §20). Die moderne Großstadt gerät, bei all der Faszination, die sich aus der indivi- duellen Freiheit und der Lebhaftigkeit auf den Straßen ergibt, in eine Krise. Und mit ihr Architektur und Städtebau, die mit ihren historistischen Stilmitteln weiterhin dem Alten verhaftet sind. Sie, so Habermas (1981: 19), „speist nun die Dynamik der Kompensation einer verputzten, hinter Fassaden versteckten Wirklichkeit“, während die Stadt „in abstrakte Syste- me eingebettet [wird], die als solche nicht mehr ästhetisch in eine sinnfällige Präsenz einge- holt werden können“ (Habermas 1981: 25f). Die moderne Architektur, die sich vor allem um den schon 1907 gegründeten Deutschen Werkbund und das 1919 gegründete Weimarer Bauhaus konzentriert, setzt dem eine durch Funktionalismus und Konstruktivismus geprägte Neue Sachlichkeit entgegen. Radikaler Vertreter dieser klassischen Moderne ist LeCorbusier. Unter seiner Federführung wird auf dem IV. Congr è s Internationaux d ’ Architecture Moder- ne im Jahre 1933 die Charta von Athen mit dem Thema „Die funktionale Stadt“ verabschie- det. Die Charta diagnostiziert, knapp gefasst: „Das Chaos ist in die Städte eingegangen“ (LeCorbusier 1943: 8.). LeCorbusier will, ganz im Stile der Avantgarde, die Augen vor der „Maschinenzivilisation“ nicht verschließen. Ihm geht es vielmehr darum, sie mit den Mitteln moderner Technik „auszustatten und sie zu einer ganz neuen Herrlichkeit zu führen“, nach den Prinzipien von „Wahrheit, Reinheit, Ordnung“, die vor allem im ornamentfreien rechten Winkel zum Ausdruck kommen (1929: 11, 30). „Die Schlüssel zum Städtebau liegen“, so die Charta, „in den vier Funktionen: Wohnung, Arbeit, Erholung (Freizeit), Verkehr“ (1943: 77.). Der Mensch und seine unmittelbare Wohnumgebung, die „Wohnzelle“, soll dabei den Mittel- punkt bilden (ebd.: 88.). Hiermit sollen sich die anderen Funktionen harmonisch verknüpfen. Faktisch bedeutet dies eine Funktionstrennung, wobei die Arbeit eher zentral, das Wohnen peripher verortet ist, beides verbunden durch große „Verkehrsadern“. Wo die moderne Archi- tektur in den gelungensten Bauwerken diese Funktionen mit ästhetischer Form kongenial verbindet, unterschätzt sie jedoch die „Komplexität und Veränderlichkeit moderner Lebens- welten“ und ist bald überfordert (Habermas 1981: 21).

Die Klage des 19. Jahrhunderts über den Verlust des städtischen Kulturerbes mutet angesichts der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges beschaulich an. Vor allem Deutschland muss neu aufgebaut werden. Die radikalen Ideen LeCorbusiers kommen da gerade recht. Schon im Jahre 1925 will er mit dem Plan Voisin für Paris eine neue, vertikale, funktionale Stadt buchstäblich über den „Ruinen“ der alten errichten (Vidler 2003: 168f). Dafür bietet sich jetzt, zynisch gesprochen, die Gelegenheit. Das Kredo einer Funktionstrennung von Arbeiten und Wohnen wird nun umgesetzt. Wo LeCorbusier die Urbanität durch Zentralität und vertikale Dichte erhalten will, setzt sich zunächst das geradezu antiurbane Prinzip der „gegliederten und aufgelockerten Stadt“ durch (vgl. Bahrdt 1961: 35; Schöffel 2003: 75ff; Harlander/ Kuhn 2005). Vor allem kommt dabei die schon im Bauhaus konzipierte Zeilenbebauung in mehrere, durch Grünflächen getrennte, mehrstöckig-kastenförmige Reihenhäuser zum Tragen. Es entstehen nach dem bereits Ende des 19. Jahrhunderts von Ebenezer Howard eingeführten Konzept der Gartenstadt große Wohnsiedlungen jenseits des Stadtzentrums. Diese Form „geplanter Suburbanisierung“ (Häußermann/ Siebel 1997: 40) schafft Licht und Luft, jedoch keine Urbanität, zumal auch auf den unter Beobachtung stehenden Grünflächen zwischen den Häuserzeilen kein öffentlicher Raum entstehen kann. In den 1960er Jahren wird dann das Verkehrsproblem virulent. Es entsteht das Konzept der “autogerechten Stadt“ (Reichow): Rationale Zeitersparnis und Erreichbarkeit sind das Ziel, die öffentlichen Plätze werden zu Verkehrsknotenpunkten umfunktioniert und damit ihres Charakters öffentlichen Raumes enthoben (Bahrdt 1961: 125; Harlander/ Kuhn 2005: 232). Das vertikale Prinzip LeCorbusiers der Urbanität durch Dichte wird jetzt im sozialen Wohnungsbau der neu entstehenden Tra- bantenst ä dte an der Peripherie umgesetzt und dadurch seiner Zentralörtlichkeit enthoben. Hinzu kommt mit steigendem relativem Wohlstand der Mittelschicht die freiwillige Suburba- nisierung von Eigenheimsiedlungen, ein Resultat der „Unwirtlichkeit“ der Städte (Mitscher- lich 1965: 15). Das ehemalig mit repräsentativen städtischen Bürgerhäusern versehene Groß- bürgertum der Unternehmer ist schon längst in die Villenviertel abgewandert. Die Städte geraten so allmählich zu Agglomerationen „zahlloser Dörfer“ -„nur eines sind sie nicht: eine aus einem Kern wachsende Stadt“ (ebd.: 78). Stattdessen wird das private Eigenheim zur Fluchtburg; es soll leisten, „was die große Welt nicht geben kann“ und „verkümmert zum sterilen Glück im Winkel“ (Bahrdt 1961: 105). In der Folge wird das „fruchtbare Spannungs- verhältnis von privater und öffentlicher Sphäre“ empfindlich gestört (ebd.: 106). An die Stelle der bürgerlichen Öffentlichkeit tritt die Freizeit, bürgerschaftliches Engagement reduziert sich auf die Nachbarschaft oder organisiert sich jenseits des öffentlichen Raums in den korporatistischen Parteien und Verbänden (ebd.: 125ff). Auch Bildung und Kultur, vormals zentrale städtische Funktionen, so Bahrdt (ebd: 107), hätten nur noch „kompensatorische“ Funktion: „als romantischer Kontrast zur materialistischen Mühsal“ der Arbeit. In den 1970er Jahren folgt dann auch der Handel - eines der ehedem zentralen Charakteristika der europäi- schen Stadt - der suburbanisierten und automobilen Bevölkerung an die Peripherie; und mit ihm die Arbeitsplätze. Alles in allem, so lässt sich schließen, ist die Kernstadt einem enormen

Funktionsverlust ausgesetzt: Wohnen und Arbeit verlagern sich nach außen, die bürgerliche Öffentlichkeit zerfällt.

In Reaktion hierauf setzt jedoch allmählich ein bewusst gegensteuernder Prozess der Revitali- sierung der Städte ein (Häußermann/ Siebel 1997). Bereits in den 1950ern sollen Fußgänger- zonen gemäß der urbanen Funktionstrennung dem Freizeitmenschen einen Raum bieten. Sie sind jedoch zunächst eher „verkehrsorientierte Baumaßnahmen“, monofunktionale Konsum- straßen, die nach Ladenschluss veröden und somit wenig öffentlichen Raum bieten (Schubert 2005: 202). Zudem fehlt ihnen die historische Qualität (Harlander/ Kuhn 2005: 232). Erst Ende der 1970er Jahre kommt es dann geradezu zu einer „Wende in der Städtebaupolitik“ (ebd.: 233). Nicht zuletzt aufgrund sinkender innerstädtischer Bodenpreise infolge der Jahr- zehnte langen zentrifugalen Bewegung wird die Innenstadt auch für Investoren wieder attrak- tiv (Häußermann/ Siebel 1997: 44). Die Fußgängerzonen werden remodernisiert, die schon seit dem 19. Jahrhundert bekannten und von Walter Benjamin beschriebenen Ladenpassagen erleben eine Renaissance (Friedrichs 1995: 133). Dies alles geschieht in den 1980er Jahren zunächst nach dem Leitprinzip „erhaltender Erneuerung“ (Schöffel 2003: 118). In den 1990er Jahren aber entsteht eine „fast schubartig anwachsende Vielfalt an Nutzungs- und Aneig- nungsformen städtischer Räume“ (Harlander/ Kuhn 2005: 237), oftmals gefeiert als ein „Epochenwechsel“ hin zu einer „Renaissance“ der Urbanität (Rauterberg 2005; Läpple 2003). Und dies hat durchaus einen wirtschaftlichen und demographischen Hintergrund. Läpple (2003) diagnostiziert eine neue Arbeitsteilung zwischen Kernstadt und Umland. Während die standardisierte Massenproduktion weiterhin das Umland im Einzugsbereich der Städte nutzt, sind es vor allem die tertiären Finanz- und Beratungs- sowie die Freizeit- und Tourismusbran- chen, ebenso die Medien- und Kulturindustrie, die zunehmend Bedeutung erlangen und sich in den Kernstädten festsetzen. Damit werden „Arbeitsmärkte für Hochqualifizierte zum zentralen Standortfaktor“ (ebd.: 74). Es setzt geradezu ein Prozess der Reurbanisierung ein, der spezifische soziale Gruppen verstärkt in die Städte führt, die dem Trend entsprechende Namen tragen, wie Yuppies (young urban professionals); Dinks (double income no kids) und Woopies (well off older people) (Häußermann/ Siebel 1997: 44; Rauterberg 2005). Für die sich zunehmend globalisierende Finanzbranche lebt der „Mythos der Zentralität“ weiter. Die Stadtzentren sind nach wie vor (Herrschafts)Symbole von „Präsenz und Dominanz“ (ebd.45). Die Freelancer der Kultur- und Medienbranche folgen dem Trend der „Gentrifizierung“ ehemaliger Arbeiterviertel (Friedrichs 1996; Harlander/ Kuhn 2005: 233). Die Freizeit- und Tourismusbranche wiederum findet ihren Trend, städtebaupolitisch gefördert, in einer

„Festivalisierung“ der Innenstädte: Feste, Festumzüge, Konzerte, Stadt-Strände und Volley- ballfelder, Außenbestuhlung und -bewirtschaftung finden ihren Ort im öffentlichen Raum (Göschel 2006; Harlander/ Kuhn 2005: 237). Auch die einst auf die autogerechte und kosten- günstige „grüne Wiese“ verlegten Shoppingmalls kehren in die Stadt zurück. Der Trend geht dabei weg vom Großkaufhaus hin zur „Filialisierung“, wobei sich die Struktur der Filialen aufgrund der Konzentration der multinationalen Konzerne im Einzelhandel in den Städten auffällig ähnelt (daher auch die Begriffe „McDonaldisierung“ oder „Benettonisierung“) (Friedrichs 1995: 129). Auch das Schlagwort der „Neuen Mitte“ macht jetzt die Runde. Hierbei handelt es sich um enorme, prestigeträchtige Stadtumbauprojekte in Kooperation der Kommunen mit internationalen Großinvestoren, die entweder eine geographisch neue Mitte auf brachliegendem Industrieareal errichten (so in Oberhof) oder alte, ehemals belebte Innen- stadtareale neu beleben wollen (am radikalsten das größte, zusammenhängende Bauprojekt Europas: der Potsdamer Platz in Berlin). In Großbritannien, dem Land der Industrialisierung, ist dieser Trend im Zuge des Umbaus der altindustriellen Städte schon länger zu beobachten und wird unter dem jung-dynamischen Stichwort „Cool Britannia“ inszeniert (Bodenschatz, 2003; Bittner, 2005). Alles in allem ist in den Innenstädten ein Trend zur Privatisierung zu beobachten. Die Innenstädte heißen jetzt bezeichnenderweise Central Business Districts (CBDs). Der neueste Trend ist geradezu eine Kampfansage an die peripheren Einkaufszen- tren. Anfang der 2000er Jahre wurde in Hamburg der erste Business Improvement District (BID) eingerichtet: eine private Kooperation, bei der Geschäftsinhaber eines Innenstadtareals dieses, mit Zustimmung der Kommune, ähnlich wie ein Einkaufszentrum gemeinsam mana- gen (Glasze 2001; Ingwersen 2005). Dies impliziert den Einsatz privater Sicherheitskräfte sowie von Videoüberwachung. Weitere Zauberwörter lauten Public-Private-Partnership (PPP) (Heinz 2005) und Cross-Border-Leasing (CBL) (Kirbach 2009). Die öffentliche Hand von kleinen bis zu großen Städten lässt die Errichtung und den Erhalt von Teilen ihres Infra- struktursystems sowie öffentlicher Gebäude zum Teil privatwirtschaftlich finanzieren und gibt dabei einen mehr oder weniger großen Teil der (Nutzungs- und Kosten-)Kontrolle ab. Ein prominentes Beispiel ist der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses durch private Förder- vereine.2 Das Besondere an dieser Entwicklung ist ihre Ambivalenz. Sie kann „nur zum Teil als Ausdruck verfeinerter Kommerzialisierungs- und kommunaler Marketing- und Eventstra- tegien verstanden werden“ (Harlander/ Kuhn 2005: 237).

[...]


1 Im Vergleich zu den rasterförmig angelegten US-amerikanischen städtischen Siedlungen kann Sombart (1906: 14) für die europäische Stadt allerdings anmerken, sie sei „im Grunde doch nur ein vergrößertes Dorf“

2 Siehe http://berliner-schloss.de und http://www.stadtschloss-berlin.de/. Kritisch dazu siehe: http://ag- schlossplatz.de

Ende der Leseprobe aus 34 Seiten

Details

Titel
Musealisierung des städtischen Raumes als kulturelle Gedächtnisleistung
Hochschule
Universität Bremen
Note
1
Autor
Jahr
2010
Seiten
34
Katalognummer
V168792
ISBN (eBook)
9783640865918
ISBN (Buch)
9783640898633
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musealisierung, Mediatisierung, Medialisierung, Stadt, Kultur, Gedächtnis, Semantik, Luhmann, städtischer Raum, kulturelles Gedächtnis, europäische Stadt, Ästhetisierung, Museum, Geschichte des Museums, Stadtsoziologie, Geschichte der Stadt, Architektur, Urbanität, Modernisierung, Moderne, Zeit, Macht
Arbeit zitieren
Tim Schröder (Autor), 2010, Musealisierung des städtischen Raumes als kulturelle Gedächtnisleistung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168792

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