Kindheitsmuster im deutschen Prosa-Lancelot


Examensarbeit, 2007
67 Seiten, Note: 3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Kinderjahre von Lancelot

Ende der Kindheit von Lancelot

Kindheiten von Lionel und Bohort

Tyrann als Elternteil

Väter und Söhne im Vergleich

Kinder und die Standesordnung

Mütterlichkeit und Väterlichkeit

Schluss

Literatur

Einleitung

Das „älteste […] Fragment (M)“[1] lässt die Entstehungszeit des deutschen Prosaromans „Lancelot“ auf die Mitte des 13. Jahrhunderts datieren. Die Namen der Verfasser verbleiben unentdeckt.[2]

Bei der Untersuchung von Stellen, die mit der altfranzösischen Version identisch sind, werden die Ausführungen von Hans-Hugo Steinhoff zu der Übersetzung des deutschen Prosa-Lancelots aus dem Altfranzösischen berücksichtigt.[3] Die Aussage von Hans-Hugo Steinhoff soll die Annahme vertreten, dass bei aller Problematik der exakten Überprüfbarkeit, die altfranzösische Version verglichen mit der mittelhochdeutschen Variante einen identischen Inhalt aufweist. Diese Erkenntnis soll die Haltung, dass die Interpretation der altfranzösischen Vorlage durchaus zur Stützung der Interpretation der eventuellen Übersetzung des Prosa-Lancelots aus dem Altfranzösischen ins Mittelhochdeutsche dienen kann, festigen. Einspruch dagegen kann aufgrund der Beweislage und Widerlegung der Behauptung, es habe eine direkte Übersetzung gegeben[4], von Pentti Tilvis erhoben werden.

Die vorliegende Arbeit ist ein Versuch, die „Kindheitsmuster“ im deutschen Prosaroman „Lancelot“ und die damit zusammenhängenden Themen, wie Erziehung und Bildung, darzustellen, zu erörtern und zu analysieren. Es soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern Kinder in dem Prosaroman „Lancelot“ als Kinder im heutigen Verständnis dargestellt werden. Dabei soll die literarische Fiktion mit der zeitgenössischen Realität verglichen werden. Die Formen der Mütterlichkeiten und Väterlichkeiten spielen unterdessen eine bedeutende Rolle, auch diese werden einer näheren Prüfung unterzogen. Eines der Diskussionsverfahren in der vorliegenden Arbeit bedient sich der Gegenüberstellung zu einigen Beispielen aus weiteren Werken der fiktiven mittelhochdeutschen Literatur. Ferner wird Bezug auf die historisch dokumentierten Zeugnisse genommen.

Die weiteren Textbeispiele stammen aus thematisch gezielt ausgewählten Werken der mittelalterlichen Literatur wie „Melusine“, „Tristan“, „Der arme Heinrich“, „Die Legende vom zwölfjährigen Mönchlein“, „Ruodlieb“, „Parzival“ sowie Auszügen aus didaktischen Lehrgedichten von Walther von der Vogelweide und Thomasin von Zerklaere. Weitere Werke aus dem zwölften bis vierzehnten Jahrhundert, die dem Bereich der Sachliteratur zugeordnet werden können, sind „Kaiserchronik eines Regensburger Geistlichen“, „Super Epistolas Pauli Lectura“ und „Yconomica“.

Eine kurze Vorstellung der Thematik aus der Antike und Renaissance bieten Werke von Platon und Jean-Jacques Rousseau. Dieses Vorgehen dient sowohl als historischer Kontrast als auch epochale Rahmensetzung.

Belegstellen aus der Heiligen Schrift erweisen sich als unentbehrliche Ergänzung im Umgang mit der mittelalterlichen Literatur.

Die oben aufgeführten Werke sollen in einer Gegenüberstellung dazu dienen, die Thesen der Untersuchung der „Kindheitsmuster“ im deutschen Prosa-Lancelot zu untermauern.

Kinderjahre von Lancelot

1.1 Unter der Obhut der Zauberdame vom See

Die Umwelt, in der Lancelot aufwächst, sei im Vergleich zu wirklichen angehenden Rittern viel günstiger, angenehmer und fröhlicher.[5] Der See, sein Schutz und die schirmende, fürsorgliche Gestalt der Frau vom See sind Elemente, die Lancelots Kindheit begleiten. Alles deutet auf eine wohlbehütete, sorglose Kindheit hin. Die Söhne des Onkels von Lancelot, Lionel[6] und Bohort, die zu seinen Gefährten werden und ebenfalls, wie Lancelot in der Geborgenheit des zauberhaften Sees ihre Unterkunft finden, treten in der Funktion der Spielgefährten auf, die auch zum Ritter-Gefolge gehören, sodass dadurch insgesamt eine Atmosphäre des irdischen Königreichs entsteht.[7]

Es gilt zu untersuchen, welche Rolle dabei die Tatsache spielt, dass die Figur, der die Vormundfunktion auferlegt wird, auf der einen Seite eine nicht mit den Zöglingen verwandte Person und auf der anderen – eine Gestalt mit zauberischen Fähigkeiten, nämlich eine Fee ist. Des Weiteren gilt es zu untersuchen, inwiefern die Bedingungen, unter denen Lancelot aufwächst, tatsächlich günstiger in Anbetracht der mittelalterlichen Standardsituation sind.

1.1.1 Im Säuglingsalter

Es lässt sich eine gewisse Typik des Kleinkinderpersonals innerhalb der Kindheitsdarstellung des Protagonisten Lancelot herauslesen. Eine Amme gehört zu dem üblichen Personal im Bereich der Kleinkindererziehung beim Adel zu der Zeit der Entstehung des deutschen Prosa-Lancelot. Allerdings wird diese Typik im vorliegenden Roman mit wenig Aufmerksamkeit behandelt. Die Zauberfrau vom See Ninienne nimmt den Säugling Lancelot seiner Mutter weg: „da stund sie off mit dem kinde und ging off den lac [...] und sprang mit dem kinde hininn.“ (I 46,9-11)[8] Allerdings kümmert sie sich nicht ausschließlich selbst um ihn, sondern beruft „ein ammen“ (I 62,31) ein. Zwar ist die Pflege der Amme des Kindes Lancelot „allerbast“ (I 62,31), „allergemechelichst“ (I 62,32), diese Kindheitsphase des Protagonisten wird aber nicht ausführlich beschrieben. Die Rolle der Amme für ein Kind oder für seine Entwicklung gerade im Mittelalter ist von großer Bedeutung, wie anhand der folgenden Textquellen zu zeigen sein wird.

Franz Renglli bezeichnet die Verlassenheit des Kleinkindes durch die Mutter, die es nach der Geburt sofort der Amme übergibt, als ein bedeutungsvolles Thema in den Ritterromanen.[9]

Bereits im zwölften Jahrhundert zeigt sich der Umgang mit den Säuglingen und Kleinkindern als interessiert, kindgerecht und liebevoll.[10]

Eine Mutter, die ihr Kind selbst säugt, gilt im Mittelalter als Ideal und erweist sich auch oft als Wirklichkeit.[11] Dennoch nimmt der Rückgriff auf Säugammen zu.[12]

Ebenso sieht Klaus Arnold das Kind im Mittelalter nicht als ein ungeliebtes Wesen beschrieben.[13] Das Kind komme so selten in der fiktiven Literatur des Mittelalters vor, weil die Liebe seiner Eltern zu ihm selbstverständlich sei.[14] Ein Zeugnis elterlicher Zuneigung und das Ideal der mütterlichen Fürsorge, lassen sich am Beispiel der Figur Melusine im gleichnamigen Roman finden. Melusine überwindet selbst den Tod und erweist sich ihren Kindern als eine fürsorgliche Mutter. Die Protagonistin erlebt eine Auferstehung, um ihre Kinder zu stillen:

Nun wuchß das Kindt Dietrich so sehr und fast/ daß es eines Monats mehr wuchß/ denn kein ander Kindt/ das die Leut fast sehr verwunderte/ doch meineten etliche/ daß es darumb wer/ daß ihn seine Mutter selbs seugete.[15]

Im späten Mittelalter wird die Theorie vertreten, die besagt, dass die Muttermilch einen Einfluss auf die Entwicklung des Kindes habe. So schreibt beispielsweise Konrad von Mengenberg: „Robustioris tamen corporis sunt frequenter, qui diucius humano lacte educati […].“[16] Aus diesem Standpunkt heraus resümiert Shulamith Shahar:

Die Prediger und die Verfasser medizinischer sowie weltlich didaktischer Werke und von Bußbüchern befürworteten wie die heutigen Ärzte und Psychologen das Stillen durch die Mutter aus physischen und emotionalen Gründen.“[17]

Besonders in der Schreib- und Lesekompetenz wird die Zuständigkeit den Müttern und Ammen zugeschrieben.[18] Die Amme wurde sorgfältig ausgesucht, weil sie nicht nur für die Milch, „sondern auch für die richtige Wortwahl und Aussprache der Kinder sorgen mußte.“[19]

Bereits in der Antike wird den Müttern und Ammen die Aufgabe der ersten Lehrperson zuerkannt. Gerhard Haas[20] zitiert eine Stelle aus Platons „Staat“, in der der Rolle der Mütter und Ammen in Hinsicht auf die Bildung des Kindes eine große Bedeutung beigemessen wird. In dem folgenden Dialogauszug belehrt Sokrates Adeimantos, indem er eine kritische Stellungnahme gegenüber dem Erzählgut seiner Zeit einnimmt. Aus der Mitschrift von Platon wird deutlich, dass Sokrates die Verantwortung für die Vermittlung der Dichtung bei den Ammen und Müttern sieht:

Dann müssen wir offenbar zuerst die Mythendichter beaufsichtigen […]. Und dann werden wir veranlassen, dass die Ammen und Mütter die Geschichten [...] ihren Kindern erzählen und damit ihre Seelen weit mehr bilden als die Leiber mit ihren Händen.[21]

Die Bedeutung der Mütter und Ammen in der frühkindlichen Phase ist vor allen Dingen in zweierlei Hinsicht bezeichnend. Zum ersten ist es die körperliche Präsenz der Mutter oder der Amme, nämlich in der Funktion des Stillens. Zum zweiten ist es die Verantwortung für die intellektuelle Entwicklung des Kindes.

Daraus lässt sich schließen, dass in der frühen Phase der Kindheit, nämlich solange die Mütter und die Ammen vorwiegend für die Erziehung zuständig sind, insbesondere die geistige Entwicklung gefördert wird. Die Ausbildung der sprachlichen und kognitiven Kompetenzen liegt also im Verantwortungsbereich der weiblichen Erzieherinnen und zwar in der frühen Phase der Kindheit.

Aus den oben genannten Aspekten lässt sich, dass die Darstellung der frühen Kindheit von Lancelot nicht die Stereotypie des adligen Kleinkindes im Mittelalter wiedergibt.

Im Säuglingsalter wird Lancelot die Muttermilch vorenthalten, da er seiner leiblichen Mutter weggenommen wird. Lancelot wird also nicht mit der Milch der leiblichen Mutter gestillt und ebenso wenig als Kind mit dem Lesen vertraut.

Der konkrete Hinweis darauf, dass Lancelots Entwicklung zum Erwachsenen darunter gelitten haben könnte, fehlt im deutschen Prosa-Lancelot. Die Bedeutung der Amme, die sehr groß ist, wenn man die Kindersituation im Mittelalter beachtet, erscheint im deutschen Prosa-Lancelot als bemerkenswert gering. Die Trennung von der Amme bedeutet in dieser Epoche oft auch den Übertritt in die Erwachsenenwelt.[22]

Üblicherweise beginnt die Entwöhnungsphase nach Philippe Ariès mit sieben Jahren.[23] Über das Alter von Lancelot, als er seine Amme verlässt, wird nicht berichtet.

1.1.2 Lehrmeister Mönch

Die nächste Etappe im Leben des Protagonisten fängt mit dem Eintritt einer weiteren Person an: „da gab man im ein mönch“ (I 62,33).

Über das exakte Alter von Lancelot zu Beginn seiner Lehrjahre bei dem Mönch wird ebenso wenig berichtet, es wird lediglich erwähnt, dass der Held als Kleinkind die ersten drei Jahre von Ninienne aufgezogen wird (vgl. I 64,3).

In diesem Kapitel soll der erzieherische Einfluss Lancelots Lehrmeisters näher betrachtet werden. Anhand der Quellen aus dem Primärtext soll anschaulich gemacht werden, was die Hauptaufgaben des Lehrmeisters von Lancelot sind. Die besagte Lehrperson und ihre Aufgaben werden wie folgt beschrieben: „der yn zuchtiget und yn wyßte hubscheit“ (I 62,33 f.), „der sin pflegen solt und húbscheit leren, als man zu recht sol thun eynes koniges kint“ (I 102,6-8). Es wird deutlich, dass Lancelot zum einen gezüchtigt und zum anderen wie ein Königskind erzogen wird.

Die Form von häuslichem Unterricht ist üblich für das Mittelalter: „das profane Wissen [wurde] ursprünglich bei den Eltern, bei einflussreichen Verwandten oder aber noch bei privaten Lehrern […] erworben […].“[24]

Lancelot scheint ebenfalls als Einzelschüler unterrichtet zu werden, vorerst von seinem Lehrmeister, später von seiner Ziehmutter, der Zauberfrau Ninienne.

Es wird primär Lancelots physische Ausbildung erwähnt: Der Lehrmeister bringt Lancelot Bogenschießen und Jagen bei (vgl. I 102,12-16). Die Jagd ist repräsentativ für die mittelalterliche Ausbildung in adligen Kreisen.[25]

Die Bedeutung der Figur des Lehrers als Mönch soll innerhalb der Erziehung von Lancelot untersucht werden. Die „monastische Ausbildung“[26] im Mittelalter impliziert durchaus Übungen zum Lesen und auch selbständigen Schreiben.[27] Doch trotz der Annahme, dass Lancelots Lehrmeister als Mönch all diese Fertigkeiten besitzt, wird Lancelot auf diesem Gebiet nicht unterrichtet. In der Kindheitsdarstellung von Lancelot findet keine Erwähnung des Unterrichts in Form von Lesen oder Schreiben statt.

Die Typik der Erziehung der Adelssöhne im Mittelalter machen Gunhild und Uwe Pörksen am Beispiel der Figur Tristan anschaulich.[28] Tristan wird im Alter von sieben Jahren einem Erzieher übergeben. Sein Ziehvater schickt den siebenjährigen Tristan mit einem Vormund ins Ausland, damit er die Fremdsprachen lernt. Außerdem soll Tristan sich mit „bouche lêre“[29] also Studium der Bücher und „iegelîchem seitspil“[30] beschäftigen.

Der Unterricht in beispielsweise Fremdsprachen, Beherrschung eines oder mehrerer Musikinstrumente oder anderer geistiger Fertigkeiten wie dies beispielsweise bei Tristan der Fall ist, ist bei Lancelot nicht zu verzeichnen. Auch fehlt jegliche Erwähnung der religiösen Erziehung.[31] Das einzige Mal erwähnt bloß Ninienne die Bedeutung der christlichen Gesinnung, jedoch im Zusammenhang mit dem Rittertum in ihrer an Lancelot gerichteten Abschiedsrede.

Die Darstellungsspezifik der Kindererziehung in adligen Kreisen äußert sich laut Ursula Gray dadurch, „daß direkte Schilderungen von Züchtigungen oder außergewöhnlicher Strenge größtenteils vermieden werden.“[32]

Lancelots Lehrmeister befolgt jedoch eine Erziehungsmethode, die die körperliche Bestrafung für Vergehen des Zöglings involviert: Er bestraft seinen Schüler indem er ihn (vgl. I 118,7 f.) und auch seinen Hund schlägt (vgl. I 118,11 f.).

Christa Öhlinger-Brandner merkt in ihrer Schilderung der Erziehung der heiligen Personen an, dass insbesondere klösterliche Erziehung die strenge Züchtigung innehat.[33]

Eine Beobachtung auf der sprachlichen Ebene, die eine Diskussionsgrundlage bei Pentti Tilvis[34] bietet, lässt die Vermutung aufkommen, dass sich zwischen den Begriffen „Kloster“ und „Gehorsam“ eine Verwandtschaft verzeichnen lässt. Es handelt sich hierbei um die Verwechslung von „obedience“ in der Bedeutung der obengenannten Begriffe.[35] Die Verwechslung der beiden Begriffe weist auf eine gewisse Ähnlichkeit hin, die sich in ihrer Bedeutung vorfinden lässt.

Die rauen Erziehungsmaßnahmen des Lehrmeisters, auch allgemein sein aggressives Verhalten sollen im Folgenden anhand der Erziehung der Mönche in Klöstern erläutert werden.

Die Züchtigung der Kinder als eine Erziehungsmaßnahme, die in keiner Weise fehlen darf, existiert im Mittelalter, wird gebilligt und gerechtfertigt.

Ein Beispiel aus der Literatur, deren Entstehungszeit auf den Anfang des dreizehnten Jahrhunderts fällt, ist die „Tugendlehre“ von Thomasin von Zerclaere. Die folgende Textstelle zeigt, dass manche Autoren die Furcht beim Kind als einen notwendigen Bestandteil der Erziehung ansehen:

daz kint mit vorhten lernen sol/ swaz er dernâch will sprechen wol./ Diu vorhte diu ist dâ vür guot/ Daz si dem kinde bereit den muot/ Ze hoeren unde zu verstên [...].[36]

Die Tatsache dabei ist, dass die Züchtigung durch Schläge erfolgt.[37] Ferner stellt die Beziehung zwischen der Lehrperson und dem Schüler keine sonderlich enge Verbindung dar. Die Atmosphäre in einer solchen Beziehung ist vielmehr auf Distanz ausgerichtet.[38] Die Kinder werden für schiefes Singen, fürs Einschlafen im Unterricht mit der Rute bestraft.[39] Nach der Bestrafung muss das Kind um Verzeihung bitten.[40]

In der mittelhochdeutschen Literatur lassen sich jedoch auch Protestbeispiele gegen die Erziehung durch Prügelzucht finden. Dichter wie Walther von der Vogelweide plädieren für den Verzicht auf körperliche Bestrafung mit der Rute: „Nieman kann mit gerten/ kindes zuht beherten./ den man zêren bringen mac, dem ist ein wort als ein slac.“[41]

Trotz der Aufmunterung zur Züchtigung durch Schläge, also gewaltverherrlichender Prinzipien in der Kindeserziehung, tadeln die Geistlichen die ritterlichen Turniere als „Gemetzel und Selbstmord, als Verstoß gegen das christliche Ideal des Ritters.“[42]

Ein Anwärter auf das Rittertum bedarf ebenso einer Ausbildung. In Bezug darauf soll auch die Ausbildung von Lancelot erläutert werden. Die Fertigkeiten, die nach der Ausbildung eines Ritters beherrscht werden müssen, werden von Shulamith Shahar wie folgt zusammengefasst:

Der künftige Ritter sollte auch Schach spielen […], sich gewählt ausdrücken, singen, tanzen, ein Instrument spielen und sich in weiblicher Gesellschaft höflich und respektvoll verhalten können. Es ziemte sich für ihn, die Speisen aufzutragen, Wein einzuschenken und das Fleisch zu schneiden.[43]

Aus der Kindheitsschilderung von Lancelot im deutschen Prosaroman geht hervor, dass Lancelot Schach spielt und dass er Reiten kann.

Das Tranchieren von Fleisch oder Fertigkeit im Auftragen von Speisen werden nicht angesprochen. Auch in Bezug auf die Höflichkeit in weiblicher Gesellschaft zeigt Lancelot Mängel, als er beispielsweise vor Ginover tritt: „Er sah off sie sere einfelticlichen […].“ (I 366,26 f.)

Das Resultat der Lehrjahre beim Mönch ergibt sich demnach aus der Erziehung zum Gehorsam und Ausbildung zu den Fertigkeiten als Jäger.

1.1.3 Ninienne als Adoptivmutter

Shulamith Shahar vertritt die Meinung, dass die Beziehung „bis ins Mannesalter hinein“[44] zwischen Lancelot und seiner Adoptivmutter für die mittelalterlichen Verhältnisse untypisch sei.[45]

Um den Vergleich zwischen dem leiblichen und dem Adoptivelternteil zu ziehen, soll hier anhand einer Textstelle aus der „Legende vom zwölfjährigen Mönchlein“ die Stellung einer leiblichen Mutter zu ihrem Kind betrachtet werden.

Die „Legende vom zwölfjährigen Mönchlein“ handelt von einer Mutter, die, nachdem sie sieben Töchter zur Welt gebracht hatte, den Schöpfer darum bittet, ihr einen Sohn zu schenken. Ihr Wille geschieht. Die Frau erzieht ihren Sohn liebevoll bis zum sechsten Lebensjahr, danach beabsichtigt sie, das Kind in ein Kloster zu geben:

ich wil mînen sun sô zart/ in ein münechen klôster geben./ dâ vertrîbet er sîn leben,/ daz in kein sünde entêret./ würde er diu buoch gelêret,/ dar nâch mîn herze sêre tobt,/ so würde got von ihm gelobt.[46]

Die leibliche Mutter gibt ihren einzigen Sohn, nach dessen Geburt sie sich so lange gesehnt hatte, in ein Kloster. Damit zeigt diese Figur eine enorme Tendenz zur Frömmigkeit, die unter Frauen und Müttern zur Zeit des Mittelalters üblich ist. Eine solche Handlung zeigt auch die Voranstellung der Gottesanbetung gegenüber der Liebe zum Kind.

Eine Parallelfigur, nämlich Tristan von Gottfried von Straßburg erlebt einen liebevollen und von Zuneigung und Fürsorge gezeichneten Umgang seitens seiner Adoptiveltern. Der Adoptivvater kümmert sich sogar darum, dass Tristan eine Ausbildung bekommt, die ihn vielseitig fördert.[47]

Ebenso wird Lancelot von einer fremden Person aufgezogen, die in Funktion der Adoptivmutter auftritt. Ihre Erziehungshaltung und Lancelots Umgang damit sollen in diesem Kapitel untersucht werden.

Zunächst soll die Ansicht von Elspeth Kennedy, dass Lancelot „nicht auf Unterweisung von weiblicher Seite angewiesen [sei]“[48] diskutiert werden. Lancelot bekommt Anweisungen von seiner Ziehmutter, befolgt diese auch. Die Frage, die daraus entsteht, lautet, ob er ohne ihre Belehrungen zu Recht gekommen wäre oder ob er sich ihrer Autorität beugt, weil er sie mindestens für ebenbürtig hält, sich nur deshalb ohne jeglichen Trotz oder Widerstand zeigt. Ist letzteres der Fall, würde das heißen, dass er Niniennes Unterweisungen nicht braucht, sie aber akzeptiert. Sich belehren lässt, aber den Inhalt der Lehrreden längst kennt. Dagegen spricht aber die Tatsache, dass er sich auch ihren Anordnungen unterwirft, deren Sinn er nicht genau kennt, wie beispielsweise seine und ihre Herkunft zu verschweigen, das tut er voller Vertrauen, ohne den Sinn dessen zu hinterfragen.

Ninienne übernimmt die Erziehung von Lancelot, nachdem sie erkennt, dass Lancelot gegenüber seinem unfähigen[49] Lehrmeister in einer überlegenen Art und Weise auftritt.

Lancelot selbst nimmt die Haltung seiner Erzieherin mit Vernunft an, ohne die Richtigkeit ihrer Belehrungen anzuzweifeln. Insgesamt spielt gerade die weibliche Erziehung[50] in der Kindheit von Lancelot eine enorme Rolle.

Zunächst soll die Mutterfunktion der fremden Frau Ninienne anhand der Beispiele aus der Primärquelle veranschaulicht werden. Dabei kann man feststellen, dass sie sich in ihrem Verhalten gegenüber Lancelot nicht von einer wirklichen Mutter unterscheidet: „sie hielt Lanceloten ersamme und mit großem gemach, als ein mutter ir kint heltet.“ (I 62,27 f.) Ihre Zuneigung zu ihm könnte selbst von der einer leiblichen Mutter kaum übertroffen werden: „Er was ir als lieb als ye keyner frauwen ir kint allerliebst wart.“ (I 120,9 f.) Die Fürsorge der Protagonistin zeigt sich beispielsweise auch darin, dass sie ihm als er alt genug ist, ein Pferd mit Ausrüstung und ein Schwert gibt (vgl. I 102,18-21).

Folgende Textstelle deutet auf die rigorose Haltung seitens Ninienne als erzieherische Instanz: „Die frauw det als sie sere zornig were […].“ (I 120,10 f.) Sie freut sich zwar insgeheim über das Selbstbewusstsein von Lancelot, über seine „Großherzigkeit, seinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und sein Ehrgefühl“[51] aber sie hält ihre Freude zurück, stattdessen bleibt sie streng:

Da die frauw hort das er so herlich sprach, da wart sie sere fro und gedacht in ihr hercz das er ein byderman wolt werden mit gottes hilffe, und det als ir vil zorn zu im were. (I 120,31-33)

Weil sich der Lehrmeister bei weitem als unzulänglich erweist[52], will sie den Jüngling Lancelot von nun an selbst unterrichten: „wiset yn selb zu thun húbscheit und zucht und alles, das gůte kint zu recht thun sollent“ (I 124,5 f.). Die Frau vom See ermöglicht dem zukünftigen Artusritter ein behütetes Leben, besser, als das seine Eltern könnten: „und wert ir als rich und als mechtig als ir ye warent, ir enkunnent yn nicht also sanfft gehalten als er gehalten ist“(I 130,15-17).

Niniennes mütterliche Liebe wird in dem Kapitel über die Kindheit von Lancelot zahlreich erwähnt und auch ausführlich beschrieben (vgl. I 266,2 ff.). Beispielsweise warnt sie wie eine gute Mutter ihren Sohn vor Schwierigkeiten, mit denen Lancelot als Ritter konfrontiert werden würde, dabei beteuert sie erneut ihre Liebe als Mutter (vgl. I 342,28 f.). Sie akzeptiert als eine vernünftige Erzieherin den Wunsch ihres Zöglings, seinen eigenen Weg in die Erwachsenenwelt zu einzuschlagen. Peter W. Krawutschke bezeichnet die Entscheidung Niniennes Lancelot gehen zu lassen als Reaktion einer liebenden Mutter.[53] Als ein fürsorglicher Elternteil besorgt sie für ihren Schützling eine schöne Ritterausrüstung (vgl. I 344,21-346,3). Ninienne zeigt eine immense Mütterlichkeit, die der der leiblichen Mutter gleicht: Als verantwortungsbewusste autoritäre Instanz lässt sie ihren Ziehsohn nicht alleine an den Artushof reiten, sondern begleitet ihn. Erst bei ihrem Abschied verrät sie, dass Lancelot nicht ihr leiblicher Sohn ist (vgl. I 358,5-7), jetzt ist er erwachsen, somit erfährt er die Wahrheit. Sie gibt ihm noch weitere Ratschläge und Belehrungen wie, dass Lancelot auf das Herz wie auf den Leib achten soll (vgl. I 358,12 f.). Als Ritter darf er nicht tatenlos am Hof bleiben, sondern die Abenteuer suchen, sie scheint ihn herausfordern zu wollen: „das will ich das ir das thunt und vil me“ (I 358,21 f.). Lancelot ist jetzt nicht nur erwachsen, er muss auch als Erwachsener handeln, er soll beispielsweise über seine Herkunft weiterhin Verschwiegenheit bewahren. Lancelot darf seine Herkunft nicht verraten: „Ob uch der konig fraget wer ir sint, sagent im das irs nit enwißent“ (I 358,22 f.). Auch nichts über seine Ziehmutter darf er preisgeben, außer, dass sie ihn erzogen habe (vgl. I 358,23-25). Erst jetzt erzählt sie ihm, dass Lionel und Bohort seine Cousins sind (vgl. I 358,28 f.).

Einen Ersatz für Lancelot sieht Ninienne in Bohort. Sie will ihn behalten, wenn Lionel zum Ritter geschlagen wird.[54] Sie bittet Lancelot, seine Taten zu vollenden, weil es sonst keiner vollbringen würde (vgl. I 360,10 f.). Ninienne verweist Lancelot noch mal darauf, dass seine Verantwortung als Ritter sehr groß sein wird. Zum Abschied segnet sie ihn mit Küssen und besten Wünschen: „Farent hinweg, aller der welt müßent ir lieb und wert syn ob allen rittern, alle werde frauwen múßent uch mynnen und lieb han ob allen creaturen […].“ (I 360,13-16) Sie begleitet ihn nach diesen Worten aber dennoch bis an den Artushof und führt noch ein Gespräch mit Artus.

Franz Renglli geht in seinen Ausführungen über „Kleinkinderschicksal bei Lancelot“[55] soweit, dass er behauptet: „Die Kehrseite der Verlassenheit ist die erotisch-sexuelle Übernähe, die Verführung des Knaben durch die Mutter.“ Dabei beschreibt er das Mutterbild von Lancelot als zwiespältig, nämlich die trauernde Mutter auf der einen Seite und die „sexuell verführende Fee“[56] auf der anderen.

Eine ideale Mutter ist laut der Pädagogen der Aufklärung eine Erzieherin, die ihrer Sexualität nicht nachgeht.[57] Dabei ist das zentrale

Motiv […] die Darstellung des Mutter-Kind-Verhälntisses in den Gestalten Marias und des Christuskindes. Dieses ist die wesentliche Kindergestalt des Mittelalters […].[58]

Es handelt sich hierbei auch um Vergleiche mit einer Nonne oder Madonna.[59] Hinzu kommt, dass Ninienne in der Forschungsliteratur mit der Göttin Diana verglichen wird[60], denn ihr See wird „Dyanen Lak“ (I 24,26 f.) genannt. Diese Göttin steht sowohl für die Jagd und die Fruchtbarkeit, ist jedoch selbst eine Jungfrau. Ninienne, die ihre Künste von Merlin erwirbt, zeigt ein solches Verhalten, indem sie dem Lieben das Lernen vorzieht.[61] Jedoch ist sie keine Christin, sondern eine Fee, eine Zauberfrau: „Die Fee, die Lancelot mit in den See nahm und ihn dort erzog, habe ihr Wissen von Merlin […] und der wiederum vom Teufel […].“[62] Daher kann Lancelot beispielsweise auch keine religiöse Erziehung empfangen, obschon es heißt, sein Lehrmeister sei ein Mönch.

Niniennes Sexualität wird nur marginal erwähnt und auch das, um ihre Verschwiegenheit[63] zu erklären. Die Frage nach Niniennes Sexualität spielt also keine bedeutende Rolle in der deutschen Version des Prosa-Lancelots innerhalb des Thema über die Erziehung von Lancelot. In seiner Erziehung während der Kindheit begleiten Lancelot seitens seiner Ziehmutter Ninienne vor allem Diskretion und Strenge.

1.1.4 Zauberei und Lehre

Der Protagonist wird in der Sekundärliteratur auch als „Blume der Ritterschaft“[64] bezeichnet. Eine schöne Atmosphäre erlebt Lancelot im Zaubersee, weil es an diesem Ort wie im Mai ein ganzes Jahr lang blüht (vgl. I 254,32 f.). Es begünstigt die Kindheit von Lancelot. Auch stellen hier die Rosen eine Parallele zum Vergleich von Lancelot mit dieser Blume dar. Die Mutter von Lancelot, Alene vergleicht ihren Sohn mit einer Rose: „der vor alle kint was schoner dann ein rose!“ (I 58,17 f.)

An dieser Stelle soll näher auf das Motiv des Zaubers eingegangen sein.

Wiebke Freytag ergänzt die Beschreibung des zauberhaften Ambientes des Sees durch das Hinzufügen vom Element Wasser als einem wichtigen Bestandteil des Sees und gleichzeitig des Sündhaften:

Von hier aus erklärt sich wohl auch, warum das Wasser ein so dominantes Element im Prosa-Lancelot ist: nicht nur als Bestandteil des Mythos […], sondern weil das […] zugleich auch die Sünde bedeutet […]. Der Teufel wohnt im Wasser […].[65]

Lancelot erlebe viele Dinge in seinem Leben am Wasser; das Wasser scheint ein bestimmendes Element in seinem Leben zu sein.[66]

Diese Interpretation enthält Widersprüchlichkeit, denn sowohl der See als auch sein Bestandteil sind eine optische Täuschung: „und der lac da die jungfrauw inn sprang mit dem kinde enwas nit anders dann gauckelig.“ (I 64,9-11) In Wirklichkeit befinden sich an dieser Stelle schöne Häuser (vgl. I 64,12-14).

Der Aufenthalt im Zaubersee, die Begegnung und der Kontakt zu einer Zaubergestalt in der Figur Ninienne ist essentiell für die gesamte Handlung.[67]

Es wird jedoch sehr früh im Text verraten, dass Ninienne keine Fee von Geburt an ist, sondern, dass sie ihre zauberischen Fähigkeiten erlernt hat.[68] Das, was sie gelernt hat, hat sie von Merlin gelernt, dessen Vater ein Dämon ist: „The source of her learning in magic is shown to be Merlin, whose knowledge is diabolical in origin.“[69]

Als ein Refugium ist der See bestens geeignet wegen seiner „Verstecktheit“.[70] Der See ist Abschirmung vor der Außenwelt. Durch die Zauberkräfte bietet er Geborgenheit und Rettung der beiden Cousins von Lancelot.[71]

Die Bedeutung der Zauberkräfte von Lancelots Adoptivmutter liegt „in ihrer Fähigkeit, das Kommende vorauszusehen“[72] und dadurch „ebnet diese gütige Frau dem Helden den ihm gemäßen Weg.“[73]

Problematisch ist laut Rudolf Voß die Position von Lancelot, weil „im Hintergrund des Wunderbaren, das dem Knaben widerfährt, der Einschuß des Bösen, Teuflischen unverkennbar bleibt […].“[74] Jedoch bedeutet seine Herberge im See neben dem Schutz, die Förderung seiner Fähigkeiten und die Vorbereitung auf die zukünftigen Aufgaben als Ritter.

Folglich sollen verschiedene Meinungsansätze zu der Figur Ninienne als zauberische Gestalt genannt werden.

Nach Uwe Ruberg verlören die Märchengestalten alles Phantastische, stattdessen handle die Frau vom See wie eine Hofdame.[75] Auch das Motiv der Kindesentführung habe keinen „erkennbaren Sinn mehr.“[76] Cornelia Reil nennt die Umgebung, in der Lancelot aufwächst, eine „höfisch-magische.“[77]

Walter Haug und Valentina Sommer bezeichnen Ninienne nicht als ein übernatürliches Lebewesen, weil sie ihre Zauberkunst „aus Büchern gelernt“[78] habe und „bei Merlin in die Schule gegangen“[79] sei.

Die Gemeinsamkeit der Aussagen liegt in der Feststellung, dass Ninienne hellseherische Fähigkeiten besitzt. Mit dieser Aussage wird die Figur Ninienne nicht als ein unnatürliches Fabelwesen, wie beispielsweise eine Fee dargestellt, sondern als menschliches Wesen mit übernatürlichen Fähigkeiten.[80] Die Andersartigkeit von Lancelot zeichnet sich dadurch aus, dass er im Zaubersee aufwächst. Dadurch unterscheidet er sich von den anderen Rittern der Artusrunde. Nach Michèle Remakel könne man Lancelot nicht in das „übliche Schema der Artusrunde“[81] eingliedern, weil er in einem „Feenreich, das Ninienne mit Hilfe der Zauberkünste, die sie von Merlin gelernt hat, beherrscht […]“[82], aufwächst.

Seine Kindheit im Zauberreich der Frau vom See hat eine Bedeutung für den Verlauf des gesamten Romans. Lancelot wird auch im weiteren Verlauf des Romans von Ninienne unterstützt, auch gelegentlich gerettet und geheilt.[83] Ihr Abschiedsgeschenk ist ein goldener Zauberring, der Gaukelei und jede Art von Zauber aufdecken kann (vgl. I 360,2-4). Dieser Ring ist ein Zeichen dafür, dass er keine Zauberkünste von ihr gelernt hat und den Zaubersee als menschlicher Knappe, der seinen Aufgabenbereich im Rittertum sieht, verlässt.

Madeleine Pelner Cosman sieht in der Darstellung von Lancelots Erziehung eine Entwicklung von dem einfachen Bericht über traditionelle Großtaten bis hin zur Schilderung von Lerntheorien.[84] Es ist die Entwicklung des Helden Lancelot von „féerique“[85] zu „humanistique“[86] die ihn von allen anderen Helden mit ihren jugendlichen Abenteuern unterscheidet.

Besonders bezeichnend sei die erste Phase der Erziehung von Lancelot durch die außergewöhnlichen Gaben und seine Namenlosigkeit.[87]

Die Mischung aus dem Natürlichen und dem Übernatürlichen[88] wirkt begünstigend auf die Entwicklung von Lancelot.

1.2 Außerordentliche Anlagen

Ein repräsentatives Beispiel für die frühe Reife eines Kindes zur Zeit des Mittelalters ist das junge Mädchen, die Figur aus der Verserzählung von Hartmann von Aue „Der arme Heinrich“, das gerade mal das achtjährige Alter erreicht hat und nun Heinrichs Leben retten soll, indem es das eigene opfert.

Die Eltern des Mädchens reagieren streng: Dem „Ungehorsam“[89] des Kindes wird auf die übliche Weise begegnet, nämlich mit „Verbieten, Drohen, Schelten, Schlagen“[90]. Diese Art der Erziehung erlebt Lancelot nur seitens des Lehrmeisters, jedoch nicht von seiner Adoptivmutter.

[...]


[1] Steinhoff, Hans-Hugo: Der deutsche „Lancelot“. Entstehung und Verbreitung. S. 764. In: Lancelot und Ginover Bd. I u. II. […] Hg., übrs. u. komment. v. Hans-Hugo Steinhoff. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker 1995.

[2] Vgl. Ebd. S. 768.

[3] Hans-Hugo Steinhoff ist der Ansicht, dass die deutsche Variante des Prosa-Lancelot durch die Übertragung aus französischem Oeuvre entstanden ist: „Die Beziehungen von A [Amorbacher Fragment] zu P [Heidelberger Cod. Pal. Germ. 147] erschienen […] so eng und der zeitliche Abstand vom frz. Lancelot-Zyklus […] so gering – A sollte um 1225 geschrieben sein, die Vollendung von Q [Lancelot-Zyklus] wird um 1220 angesetzt -, daß einerseits P eine unmittelbare und sehr getreue Abschrift der 200 Jahre älteren Vorlage A und diese wiederum selbst die Übersetzung aus dem Französischen sein mußte.“ (Steinhoff, Hans-Hugo: Zur Entstehungsgeschichte des deutschen Prosa-Lancelot. S. 82 f.) Joachim Bumke lässt über die Entstehung des deutschen Prosa-Lancelots des 13. Jahrhunderts die Vermutung gelten, dass gewisse Stellen aus der französischen Vorlage übertragen worden sind. Jedoch sei noch nicht vollständig geklärt worden, inwiefern die Beeinflussung der niederländischen Zwischenstufe stattfindet. (Vgl. Bumke, Joachim: Höfische Kultur. S. 129.)

[4] Vgl. Tilvis, Pentti: Ist der mhd. Prosa-Lancelot II (= PII) direkt aus dem Afz. Übersetzt? S. 629. Eine Zusammenfassung der Beweisführung von Pentti Tilvis bietet Hans-Hugo Steinhoff in seinem weiter oben bereits erwähnten Artikel „Zur Entstehungsgeschichte des deutschen Prosa-Lancelot“ auf S. 84. Aufgrund der geringen Relevanz dieser Diskussion für die vorliegende Arbeit, wird sie im Verlauf der weiteren Untersuchungen nicht ausführlicher behandelt. In der vorliegenden Arbeit wird jedoch die Haltung bewahrt, dass der nicht unanfechtbare Charakter der Herkunft des deutschen Prosa-Lancelots die Legitimität der hier vertretenen Interpretationsansätze im Wesentlichen nicht beeinträchtigt. Ebenso soll beachtet werden, dass die Widerlegung von Pentti Tilvis aufgrund der mangelnden Beweismöglichkeiten ebenfalls nicht unanfechtbar ist.

[5] Vgl. Shahar, Shulamith: Kindheit im Mittelalter. S. 250.

[6] Die Eigennamen der Figuren werden aus der neuhochdeutschen Übersetzung von Hans-Hugo Steinhoff übernommen.

[7] Vgl. Westen, Jessie L.: The Legend of Sir Lancelot du Lac. S. 93 f.

[8] Zitate aus dem Primärtext „Lancelot und Ginover“ werden im laufenden Text durch Band-, Seiten- und Zeilenangaben in Klammern kenntlich gemacht. Die zum Vergleich herangezogenen Beispiele aus Primärwerken werden mit Autorennamen samt Werktitel, Seitenzahl(en), gegebenenfalls Kapitel- bzw. Versnummer in der jeweiligen Fußnote angegeben.

[9] Vgl. Renggli, Franz: Selbstzerstörung aus Verlassenheit. S. 186.

[10] Vgl. McLaughlin, Mary Martin: Überlebende und Stellvertreter. S. 170 f.

[11] Vgl. ebd. S. 167.

[12] Vgl. ebd.

[13] Vgl. Arnold, Klaus: Kind und Gesellschaft in Mittelalter und Renaissance. S. 82.

[14] Vgl. ebd.

[15] Thüring von Ringoltingen: Melusine. S. 95. Cap. XLVI.

[16] Konrad von Mengenberg: Yconomica. S. 83.

[17] Shahar, Shulamit: Kindheit im Mittelalter. S. 70.

[18] Öhlinger-Brandner, Christa: Kinderliteratur im Mittelalter. S. 41.

[19] Manguel, Alberto: Eine Geschichte des Lesens. S. 90.

[20] Haas, Gerhard: Märchen und Sage. S. 301.

[21] Platon: Der Staat. Zweites Buch. S. 165. Die oben zitierte Übersetzung aus dem Altgriechischen stammt von Rüdiger Rufener.

[22] Vgl. Ariès, Philippe: Geschichte der Kindheit. S. 209.

[23] Vgl. ebd. S. 559.

[24] Illmer, Detlef: Formen der Erziehung und Wissensvermittlung im frühen Mittelalter. S. 185 f.

[25] Vgl. Shahar, Shulamith: Kindheit im Mittelalter. S. 241.

[26] Lahaye-Geusen, Maria: Das Opfer der Kinder. S. 254.

[27] Vgl. ebd. S. 249.

[28] Vgl. Pörksen, Gunhild und Uwe: Die „Geburt“ des Helden in mittelhochdeutschen Epen und epischen Stoffen des Mittelalters. S. 257.

[29] Gottfried von Strassburg: Tristan. Bd. I. S. 130. V. 2065.

[30] Ebd. S. 132. V. 2096.

[31] Vgl. Shahar, Shulamith: Kindheit im Mittelalter. S. 249.

[32] Gray, Ursula: Das Bild des Kindes in der altdeutschen Dichtung. S. 55.

[33] Vgl. Öhlinger-Brandner, Christa: Kinderliteratur im Mittelalter. S. 41.

[34] Steinhoff, Hans-Hugo: Lancelots Kindheit. Kommentar zu Bd. I, S. 126-140. S. 833.

[35] Vgl. Tilvis, Pentti: Ist der mhd. Prosa-Lancelot II (= PII) direkt aus dem Afz. übersetzt? S. 635.

[36] Thomasin von Zerclaere: Der welsche Gast. V. 591-595.

[37] Vgl. Lahaye-Geusen, Maria: Das Opfer der Kinder. S. 381.

[38] Ebd. S. 121.

[39] Vgl. Ebd. S. 388.

[40] Vgl. Ebd. S. 393.

[41] Schaefer, Jörg: Walther von der Vogelweide. Werke. S. 358. I,1-4.

[42] Shahar, Shulamith: Kindheit im Mittelalter. S. 244. Zu diesem Gesichtspunkt vgl. Niniennes Ritterlehre.

[43] Shahar, Shulamith: Kindheit im Mittelalter. S. 244.

[44] Ebd. S. 250.

[45] Vgl. Ebd.

[46] Die Legende vom zwölfjährigen Mönchlein. Hg. u. komm. v. Theodor Kirchhofer. S. 14. V. 30-34.

[47] Vgl. McLaughlin, Mary Martin: Überlebende und Stellvertreter. S. 195.

[48] Kennedy, Elspeth: Lancelot und Perceval: Zwei junge unbekannte Helden. S. 230.

[49] Cosman, Madeleine Pelner: The Education of Lancelot. S. 117 f.

[50] Shahar, Shulamith: Kindheit im Mittelalter. S. 250. Nach Shulamith Shahar enthält Lancelots Erziehung dadurch ein „weibliches Element“.

[51] Ebd.

[52] Adler, Alfred: The education of Lancelot. S. 101 f.

[53] Krawutschke, Peter Wilhelm: Liebe, Ehe und Familie im deutschen „Prosa-Lancelot“ I. S. 141. Die Weitsichtigkeit von Ninienne als Mutter wird auch von Elspeth Kennedy bezeugt: „Die Dame vom See erkennt allerdings – noch bevor Lancelot ihr mitteilt, daß er beabsichtigt, an den Artushof zu ziehen und Ritter zu werden –, daß der Zeitpunkt hierfür gekommen ist und daß es falsch wäre, ihn noch länger hinauszuzögern […].“ (Kennedy, Elspeth: Lancelot und Perceval. S. 230 f.)

[54] Siehe dazu Kapitel 5.3.2

[55] Renggli, Franz: Selbstzerstörung aus Verlassenheit. S. 186.

[56] Ebd.

[57] Vgl. Romberg, Johanna: Was ist Mutterliebe? S. 155. Johanna Romberg bezieht sich auf die Ermahnungen zur Keuschheit von Jan Jacques Rousseau (vgl. Rousseau, Jan-Jacques: Emil oder über die Erziehung. S. 418) und auf den zeitgleichen Marienkult: „Zeitgleich mit dem Aufschwung des Rousseauschen Mutterideals in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts erlebt auch der Marienkult eine neue Blüte. Madonna und Mutter sind Zwillingsschwestern – leidenswillig, duldsam und frei von sexuellen Bedürfnissen.“

[58] Arnold, Klaus: Kind und Gesellschaft in Mittelalter und Renaissance. S. 82.

[59] Vgl. Romberg, Johanna: Was ist Mutterliebe? S. 155.

[60] Kennedy, Elspeth: Lancelot and the grail. S. 111.

[61] Vgl. Lundt, Bea: Melusine und Merlin im Mittelalter. S. 316.

[62] Lundt, Bea: Melusine und Merlin im Mittelalter. S. 316.

[63] Vgl. dazu Hans-Hugo Steinhoff: Lancelots Kindheit. Kommentar zu Bd. I, S. 232-260. S. 843. Hans-Hugo Steinhoff bezieht sich auf folgende Textstelle: „Ich ließ yn nye wißen were er were; das det ich durch eins ritter s willen den ich lange geminnet hat fur alle die nu lebent.“ (I, 1260,6)

[64] Rothstein, Katja: Der mittelhochdeutsche Prosa-Lancelot. S. 193. Ein weiterer Beleg lässt sich bei Schulamith Shahar finden: „Er war die Rose unter den Kindern.“ (Shahar, Shulamith: Kindheit im Mittelalter. S. 112.)

[65] Freytag, Wiebke: „Mundus fallax“, Affekt und Recht oder exemplarisches Erzählen im Prosa-Lancelot. S. 140.

[66] Freytag, Wiebke: „Mundus fallax“, Affekt und Recht oder exemplarisches Erzählen im Prosa-Lancelot. S. 140.

[67] Vgl. Weston, Jessie L.: The legend of Sir Lancelot du Lac. S. 99.

[68] Vgl. Kennedy, Elspeth: Lancelot and the grail. S. 112.

[69] Ebd.

[70] Ruberg, Uwe: Raum und Zeit im Prosa-Lancelot. S. 43.

[71] Vgl. Kennedy, Elspeth: Lancelot and the grail. S. 117.

[72] Voß, Rudolf: Der Prosa-Lancelot. S. 64.

[73] Ebd.

[74] Voß, Rudolf: Der Prosa-Lancelot. S. 65

[75] Ruberg, Uwe: Raum und Zeit im Prosa-Lancelot. S. 43.

[76] Ebd.

[77] Reil, Cornelia: Liebe und Herrschaft. S. 212.

[78] Haug, Walter: Das Land, von welchem niemand wiederkehrt. S. 74. Vgl. dazu auch Kennedy, Elspeth: The Role of the Supernatural in the First Part of the Old French Prose Lancelot. S. 179 f.

[79] Ebd.

[80] Vgl. Sommer, Valentina: Der deutsche „Prosa-Lancelot“ als ein „posthöfischer“ Roman des späten Mittelalters. S. 145.

[81] Remakel, Michèle: Rittertum zwischen Minne und Gral. S. 27.

[82] Ebd.

[83] Vgl. Ebd. S. 27 f.

[84] Vgl. Cosman, Madeleine Pelner: The Education of Lancelot. S. 103.

[85] Ebd. Aus Madeleine Pelner Cosmans Ausführungen geht nicht eindeutig hervor, auf welche altfranzösische Quelle sie sich genau bezieht. In ihrer Bibliografie gibt sie vier Primärtexte an, von denen aber keine Hans-Hugo Steinhoff als Vorlage dient, worin die Schwierigkeit des Vergleichs liegt.

[86] Ebd.

[87] Ebd. S. 119.

[88] Kennedy, Elspeth: Lancelot and the grail. S. 111.

[89] Kreis, Rudolf: Die verborgene Geschichte des Kindes in der Deutschen Literatur. S. 38.

[90] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 67 Seiten

Details

Titel
Kindheitsmuster im deutschen Prosa-Lancelot
Hochschule
Universität zu Köln  (Instut für Deutsche Sprache und Literatur)
Note
3
Autor
Jahr
2007
Seiten
67
Katalognummer
V168796
ISBN (eBook)
9783640869121
ISBN (Buch)
9783640869596
Dateigröße
757 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kindheitsmuster, prosa-lancelot, Kindheit, Mediavistik
Arbeit zitieren
Marianne Wenz (Autor), 2007, Kindheitsmuster im deutschen Prosa-Lancelot, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168796

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