Linguistische Analyse eines literarischen Dialogs am Beispiel von Martin Walsers Roman "Angstblüte"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
33 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Auswahl des Beispiels und Zielsetzung der Analyse

3. Textgrundlage

4. Dialogtyp

5. Textverlaufsanalyse des Kundengespräches

6. Aspekte des Streitgesprächs

7. Was Walsers Dialog dem Leser „sagt“

8. Literatur

1. Einleitung:

Die Analyse literarischer Dialoge ist in der Linguistik ein verhältnismäßig junger Forschungszweig[1]. Bis heute besteht keineswegs Einigkeit darüber, ob literarische Dialoge überhaupt zum Gegenstand linguistischer Analysen gemacht werden sollten und wenn ja, nach welchen Methoden dabei vorzugehen ist. Wie ein forschungsgeschichtlicher Überblick von Anne Betten (1994) zeigt, gibt es statt eines einheitlichen und verbindlichen Analyseverfahrens eine Vielzahl unterschiedlicher Herangehensweisen. Dezidiert linguistische Analysen literarischer Gespräche beschränken sich häufig auf eine sog. Codeanalyse, d.h. auf die Untersuchung mikrostruktureller Gesprächsmerkmale. Eine solche Beschränkung erscheint auf den ersten Blick durchaus sinnvoll, nicht zuletzt, um sich von den Ansätzen anderer Disziplinen, insbesondere der Literaturwissenschaft, abzugrenzen. Analysiert man literarische Dialoge allerdings einseitig nach linguistischen Fragestellungen und Methoden wird man deren Komplexität und dem Ziel, zum besseren Textverständnis beizutragen, nur bedingt gerecht. Betten plädiert daher für eine bewusste Methodenvielfalt. Die „ideale“ Analyse umfasst ihr zufolge, unabhängig davon, ob der Schwerpunkt ein sprach- oder literaturwissenschaftlicher ist, immer alle für die Interpretation relevanten Faktoren. Zurecht empfiehlt sie die Berücksichtigung „mikro-“ und „makrostruktureller Gesprächsmerkmale“ und damit eine „Zusammenführung linguistischer und literaturwissenschaftlicher Ansätze“ [2]. In diesem Sinne weiß sich auch die vorliegende Arbeit im Grenzbereich zwischen Linguistik und Literaturwissenschaft angesiedelt, wobei der Schwerpunkt nichtsdestotrotz auf linguistischen Analyseaspekten liegen wird.

Als Textgrundlage dient ein Kundengespräch aus Martin Walsers Roman „Angstblüte“. Hauptfigur dieses im letzten Jahr erschienen Romans ist Karl von Kahn, ein 71jähriger Anlageberater. Der normalerweise äußerst erfolgreiche Geschäftsmann lässt sich im Verlauf des Romans zwei Mal von ihm nahe stehenden Personen täuschen. Sein langjähriger Freund und Geschäftspartner Diego, seines Zeichens Kunsthändler und in akuter Geldnot, betrügt Karl beim Verkauf der gemeinsam gegründeten Firma. Joni Jetter, eine rund 40 Jahre jüngere Schauspielerin, nutzt ihre Affäre mit ihm, um ihn zur Finanzierung eines mehr oder minder dubiosen Filmprojekts zu bewegen, in dem ihr die Hauptrolle zugedacht ist. Kaum ist letzteres in trockenen Tüchern, beendet Joni die Affäre mit Karl, die für diesen zur sexuellen Obsession geworden ist. Als wäre das noch nicht genug, verlässt ihn seine Frau, die von dem

Ehebruch erfahren hat, und Karl muss beim Lesen des Drehbuches feststellen, dass der von ihm mitfinanzierte Film eine schonungslose Persiflage auf ihn selbst ist.

Die Ironie des Romans besteht nun darin, dass Karl, obwohl er zwei Mal in finanziellen Angelegenheiten betrogen wird, letztlich keine finanziellen Verluste erleidet. Das ihm zustehende Geld aus dem Firmenverkauf wird ihm am Ende des Romans von Diego zurückgezahlt und selbst der Film, eine an sich unvernünftige Investition, erweist sich überraschenderweise als kommerzieller Erfolg. Was bleibt, sind die menschlichen Verluste Karls und die Frage danach, was ihm in seinem Leben noch Halt und Sinn geben kann. Der zweifach Betrogene, dessen oberstes Ziel immer Unabhängigkeit gewesen ist, erscheint dabei am Ende des Romans als der zweifach Geläuterte: Er erkennt und akzeptiert nicht nur seine Abhängigkeit von anderen, insbesondere seiner Frau, sondern auch sein hohes Alter, das er bis dahin verzweifelt zu verdrängen versucht hat. Der Roman endet mit einem Brief, in dem Karl Bilanz zieht und seine Frau bittet, zu ihm zurückzukehren.

Neben dem zentralen Thema des Älterwerdens werden in dem Roman verschiedene andere Motive immer wieder aufgegriffen, beispielsweise das Verhältnis von Kunst und Leben, die Frage nach Wahrheit und Lüge, die Sprache der Ökonomie und das Problem der deutschen Vergangenheitsbewältigung.

2. Auswahl des Beispiels und Zielsetzung der Analyse

Grundlage der nachfolgenden Analyse ist ein Kundengespräch zwischen Karl von Kahn und dem Physikprofessor von Schertenleib. Letzterer, seit 20 Jahren Kunde bei Karl von Kahn, möchte infolge eines Konfliktes mit seiner Familie das Land verlassen und daher die von Kahn verwalteten Aktien verkaufen. Soweit der Anlass des Gesprächs. Anders als zu erwarten wäre, spielt die Auflösung des Aktiendepots im Gespräch selbst jedoch kaum eine Rolle. Stattdessen entwickelt sich zwischen den beiden Männern ein sehr persönlicher Dialog, im Laufe dessen der Professor seinem Anlageberater nicht nur von den Problemen mit seiner Familie-, sondern auch von seinen Kriegserfahrungen erzählt. Genauer gibt der Professor ein Streitgespräch wieder, das an seinem Geburtstag stattgefunden hat und in dem seine Nachkommen ihm vorgeworfen haben, mit seinen Kriegserfahrungen falsch umzugehen. Interessant an diesem Textausschnitt ist nicht nur die Vermischung verschiedener Dialogtypen, insofern das Kundengespräch von einem privaten Gespräch überlagert wird, sondern auch die Tatsache, dass hier im Grunde zwei Dialoge ineinander verschachtelt sind: Auf der einen Seite das Gespräch zwischen dem Professor und seinem Anlageberater, auf der anderen Seite das Gespräch, das der Professor am Tag zuvor mit seiner Familie geführt hat.

Ersteres ist Teil des Erzähltexts und bildet gewissermaßen den Rahmen, letzteres wird aus der Erinnerung und subjektiven Sicht des Professors wiedergegeben.

Aus der Anlage der beiden Dialoge ergeben sich für die Analyse verschiedene Ansatzpunkte: Auf der Ebene des Kundengesprächs wird v.a. das Verhältnis von Nähe und Distanz zu untersuchen sein; dem entspricht im Hinblick auf Karl von Kahn das Verhältnis von Professionalität und persönlicher Anteilnahme. Diese Fragestellung geht eng mit der Frage einher, um welchen Dialogtyp es sich beim vorliegenden Gespräch handelt. Ein weiterer interessanter Aspekt ist das Verhältnis von Dissens und Konsens. Was den Familienstreit betrifft, besteht Einigkeit zwischen den beiden Männern; was jedoch den eigentlichen Gesprächsanlass betrifft, nicht. Während der Professor vorhat, sein Aktiendepot zu verkaufen, ist es Karl von Kahns Ziel, ihn davon abzuhalten. Die unterschiedlichen Intentionen der beiden Figuren und ihre jeweiligen Strategien werden also ebenfalls näher zu untersuchen sein. Da es sich trotz aller Privatheit um ein Kundengespräch handelt, ist dabei zu vermuten, dass Karl von Kahn bestimmte, für ihn typische Muster an den Tag legt, die sich auch in anderen Gesprächen im Roman beobachten lassen.

Der zweite Dialog ist wie gesagt in einen subjektiven Bericht des Professors eingebettet; es handelt sich gewissermaßen um einen „Dialog im Dialog“. Das ist allerdings kein Grund, ihn nach anderen Kriterien zu beschreiben oder gar ganz aus der Analyse auszuklammern. Das Kundengespräch ist, nur weil es unmittelbar in den Erzähltext eingefügt ist, nicht weniger stilisiert als das Streitgespräch, das aus der Perspektive einer der Figuren geschildert wird. Es können also prinzipiell beide Dialoge nach denselben Kriterien analysiert werden. Allerdings wird im Fall des Familienstreits darauf zu achten sein, inwiefern sich die Perspektive des Professors im Dialog selbst widerspiegelt.

Abschließend sei erwähnt, dass die enge Verzahnung der beiden Dialoge eine Gegenüberstellung nahe legt. Dabei zeigt sich, dass der Familienstreit in starkem Kontrast zum Kundengespräch mit Karl von Kahn steht. Während letzterer Verständnis für den alten Professor zeigt, bleiben dessen Nachkommen verständnislos. Auf der einen Seite das solidarische Gespräch zweier alter Herren, auf der anderen Seite ein unversöhnlicher Generationenkonflikt. Nicht zuletzt diese Kontrastierung macht den vorliegenden Textausschnitt so reizvoll.

Dessen Auswahl ist jedoch nicht nur formal-, sondern auch inhaltlich begründet. Im Zentrum des Dialogs, genauer der beiden Dialoge, steht das Problem der Vergangenheitsbewältigung. Da dieses Problem einen zentralen Platz in Walsers Werk einnimmt - und der Autor gerade in Bezug auf dieses Thema immer wieder heftige Kontroversen auslöst - ist eine genauere Analyse auch in thematischer Hinsicht vielversprechend.

3. Textgrundlage

Um der nachfolgenden Analyse besser folgen zu können, hier zunächst die Textgrundlage.[3] Der Übersicht halber sind die Redebeiträge im Unterschied zu den Erzählpassagen kursiv gedruckt, wobei die Art der Redewiedergabe (direkte Rede, indirekte Rede etc.) im Druckbild nicht weiter berücksichtigt wird. Die einzelnen Gesprächsschritte sind nummeriert (in eckigen Klammern), wobei unter Gesprächsschritt das verstanden wird, „was ein Individuum tut und sagt, während es jeweils an der Reihe ist“[4]. Die Beiträge des Professors, in denen das Streitgespräch mit dessen Familie geschildert wird, sind nicht weiter untergliedert. Insofern bezieht sich die Nummerierung der Gesprächsschritte lediglich auf das Gespräch zwischen Karl von Kahn und dem Professor.

[1] 1 Als sie saßen und einen Schluck Evian getrunken hatten, machte der Professor eine

Handbewegung, dass Karl verstand, er solle das Gespräch eröffnen.

[2] Ja, sagte Karl ganz hell, Sie wollen also dieses Land verlassen.

[3] Ich muss, sagte der Professor. Meine Kinder, die zwei eigenen und die angeheirateten 5 gleichermaßen. Und die Enkel. Jetzt auch die Enkel.

Der Professor, der in seinem Sessel auf mehreren Kissen saß, stemmte sich hoch und ging auf und ab. [...] Sein Auf- und Abgehen wirkte angestrengt. Er konnte auch nicht gleich sprechen. Bei jedem Schritt knickte er nach vorne, warf das Prothesenbein voraus, und holte mit einer Drehung der linken Schulter das linke Bein, das gesunde, 10 nach. [...] Sein Gehen passte zu dem, was er sagte. Karl begriff, dass der Professor, was er sagte, nicht im Sitzen sagen konnte.

Die Kinder, sagte er, die eigenen und die angeheirateten, und jetzt auch schon die Enkel. Obwohl, die Enkel, sie reden noch nicht so daher wie ihre Eltern, sie staunen noch, mitleidig staunen sie, sie kommen mir sogar so nah, dass sie schielen, sie strei- 15 cheln mich, aber sie verteidigen mich nicht. Gegen ihre Eltern. Die Schlacht ist entschieden. Seit heute Nacht. Gestern sein Geburtstag. Tochter Mildred hat den ganzen Tag gekramt. Er hat sich gefreut, dass sie sich endlich für die Schachteln in den Kellerschränken interessiert hat. Dann, abends, gibt sie ihm, bevor die anderen im Raum sind, den Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1944, aufgeklebt auf ein Blatt 20 schlechten Papiers, legt ihm das hin und sagt: Tun wir weg. Es war die Todesanzeige für Gerhard, seinen Zwillingsbruder. Sein Leben, das zu den schönsten Hoffnungen berechtigte, hat nun im Opfertod seine Erfüllung gefunden. Mildred meinte, ihre Kinder sollten so etwas nicht sehen und ihr Mann Jost auch nicht. Er sagte ihr, dass er vorhabe, an diesem Abend zu erzählen, was er vor einem Monat auf dem Helden- 25 friedhof Charinki erlebt hatte. Einhundert Kilometer südlich von Wjasma. Da kamen schon die anderen, Mildred wollte die Todesanzeige verschwinden lassen, er nahm sie ihr weg, er präsentierte sie nach dem Essen. Sohn und Schwiegertochter boten mildernde Umstände an, das heißt, sie verstünden ja, dass er den Mai 45 als Niederlage erlebt haben könnte, aber in die Geschichte werde er aus guten Gründen 30 eingehen als Monat der Befreiung.

Die seien ja, wie sie da um ihn herum saßen, noch ganz im Bann ihrer Gedenkübungen gewesen. Die gehören, sagte er, jetzt zum Mai wie früher Alles neu macht der Mai. Nun möge Herr von Kahn bitte bedenken, dass der Vater des Schwiegersohns Jost SS-Oberscharführer gewesen sei. Sein und Gerhards Vater aber 35 war Bürgermeister in Tannheim und wurde abgesetzt, weil seine Frau im jüdischen Geschäft kaufte, obwohl da dranstand: Kauft nicht beim Juden. Der Vater kam dann notdürftig unter beim Freund als Hausmeister. Gerhard wurde vom Ortsgruppenleiter geohrfeigt, weil er ohne Hitlergruß an einem SA-Trupp vorbeigegangen war, der gerade eine Adolf-Hitler-Linde pflanzte.

40 Seine Geburtstagsgesellschaft hat der Professor gefragt, ob er erzählen dürfe, wie er um sein rechtes Bein gekommen sei. Das wollten die Enkel unbedingt hören. Also erzählte er: Er war kein Kriegsfreiwilliger oder Berufssoldat, er wurde eingezogen zur Infanterie, an Pfingsten 41 verlegt nach Polen, bis an den Bug, am 23.Juni um drei 45 Uhr fünfzehn ging es los, Flieger, Geschütze, alles über sie weg. Sie sahen drüben auf der russischen Seite die Einschläge. Sie sind erschrocken. So eine Hölle hatten sie noch nicht erlebt. Er war ausgebildet als Funker. Jetzt über den Bug, über die Bresina, Mogilev, Smolensk, vor Moskau erwischten ihn drei Granatsplitter, alle drei in die linke Wade, in Jena wieder marschfähig gemacht, zurück in die Donsteppe, 50 weiter ging’s bis Stalingrad. Sie schafften es bis zur Stadtmitte. Drei Monate hielten sie sich da. Bei einem Stoßtrupp warfen sie sich, um einem T 34 zu entgehen, in einen Granattrichter. Der T 34 kam auf sie zu, wollte sie überrollen. Er hatte noch eine

Handgrante, die warf er dem in die Ketten, rannte los, wollte hinter einer Hausruine in Deckung gehen, der Panzer schoss, zerschoss ihm das rechte Bein, im linken Arm 55 Granatsplitter, halb im Dusel hat er mit seinem umgehängten Funkgerät Hilfe her­rufen wollen, das Gerät war zersplittert. Er hatte Angst, Angst, dass die Russen kommen und ihn noch gar totschlagen, da rennt sein Kompaniechef her und schleift ihn in einer Zeltplane zurück, im Behelfslazarett am Stadtrand wird amputiert, er lliegt tagelang, wie viel Tage weiß er nicht, in einem Zementsack verschnürt in einem 60 ausgetrockneten Abwasserkanal und wird, bevor die Russen den Flugplatz Pitomir erobern, ausgeflogen ans Schwarze Meer. Auf dem Heldenfriedhof von Charinki an Gerhards Grab hat er gedacht, dass er nur überlebt hat, weil Gerhard gefallen ist. Beide tot, das hätte die Mutter nicht aushalten können. Bei ihrer Aussegnung sagte der Pfarrer, dass man dem Herrn lebe und sterbe, und nicht für sich. Stimmt nicht, hat 65 er gedacht, seine Mutter hat nicht dem Herrn gelebt, sondern ihren Zwillingen. Was die Söhne gesagt und getan haben, war immer richtig. Sie hat nie eine Sekunde an Gerhard oder an ihm gezweifelt. Ihretwegen hat er überleben müssen. Dass man dem, was man nicht begreift, einen Sinn geben muss, weiß nur, wer mit der Sinnlosigkeit zu tun gehabt hat. Im Opfertod seine Erfüllung. Dann die Niederlage. Dann hat man 70 erst zur Gänze erfahren, was für ein Drecksregime das war. Und wenn die in Stalingrad ihm das Bein nicht zerschossen hätten, wäre er überhaupt nicht mehr herausgekommen. Also hat er Glück gehabt.

Sag doch nicht immer Heldenfriedhof, sagte Mildred. Die Enkel hatten große Augen. Jost sagte, man müsse einen Irrtum nicht lebenslänglich beibehalten.

75 Einen Irrtum! Da hat er sagen müssen, dass es nicht jedem gegeben sei, die eigene Biographie so zu optimieren, wie es Josts Vater gelungen sei. Zuerst Oberscharführer, dann evangelische Theologie, dann Pfarrer, und als es doch brenzlig zu werden drohte, Pfarrer in Südafrika und eine Schwarze geheiratet.

Folgte ein wüster Streit. Er bestand auf der ihm vorgeworfenen Unbelehrbarkeit. Er 80 hat der Bande ihre Ignoranz nicht erlebbar machen können. Der Geburtstag ist ausgefallen. Er muss fort. Aber er will auch.

Zurück auf den Kissen seines Sessels, ließ er die Finger auf den Lehnen Klavier spielen. Und bat Karl von Kahn um Auskunft.

[4] Karl war vorbereitet. Er hatte die Nenn- und Kurswerte verglichen, er hätte Summen 85 aufsagen können. Er hätte nicht ohne Zufriedenheit melden können, dass er aus einem Einsatz von nicht ganz einhunderttausend Mark einen Depotwert von fast drei Millionen Euro erwirtschaftet hat. Und das ohne auch nur einen einzigen Euro in eine Firma investiert zu haben, die mit Waffenproduktion oder -verkauf zu tun gehabt hätte. Rheinmetall, Krauss-Maffei oder gar EADS hatte Karl von Kahn zu meiden.

90 Eine Firma, in der mit Lenkflugkörpersystemen experimentiert wurde, kam nicht in Frage.

[5] Doch der Professor musste, auch als er saß, noch einmal von der Familienschlacht sprechen. Nach drei Uhr in der Nacht hat Mildred gerufen, dass jetzt Frieden sei zwischen uns. Sie hatte von allen am meisten getrunken. Die Enkel waren schon im 95 Bett. Toleranz, rief sie, Toleranz für alle und alles. Volle Anerkennung einer unbehebbaren Unvereinbarkeit.

Diesem Zapfenstreich sei aber noch vorausgegangen ein Themenwechsel, weg vom Krieg, hin zu des Professors Arbeit für die Kraftwerkunion. [...] Und jetzt kommt die eigene Tochter und sagt, die Vätergeneration habe ihre Unbelehrbarkeit de- 100 monstriert. Zuerst Krieg, dann eine Atomtechnik, die jeden bisherigen Krieg zum Kinderspiel mache. Also, was bleibt uns, als uns unvereinbar zu sehen. [...] Dann sei er gegangen. Jetzt sind sie fort. Mühsam gekittete Risse. Die Augen der Enkel beim Abschied blieben groß. Er muss dieses Land verlassen. Er ist diesem Rechtfertigungsdruck nicht gewachsen.

105 Also, Herr von Kahn, verkaufen wir. Ich ermächtige sie zu einem totalen Leerverkauf.

[6] Karl sagte: Darüber wird zu sprechen sein.

[7] Dieser Jost, sagte der Professor, stammt aus einer reinen Nazisippe. Mein Vater wurde aus dem Amt gejagt. Dem seine Sippe hat Karriere gemacht, hat kassiert.

[8] Das ist, sagte Karl, das Normale. Nazikinder passen schärfer auf.

[9] Ja, sagte der Professor, aber warum auf andere. Ihre Vorfahren haben aufgepasst, dass ja jeder Nazi sei. Und sie passen jetzt auf, dass ja keiner Nazi sei. Das heißt, es gibt Aufpasserfamilien. Ob es sich vererbt oder nur tradiert wird, ist ihm egal. Familien, die jedem System zugehörig sind, ob Demokratie oder Diktatur, sie müssen nie auf sich selber aufpassen, sondern immer auf andere. Es kommt darauf an, zu

115 denen zu gehören, die bestimmen, was gut und was böse ist. Die Relativitätstheorie der Moral muss erst noch geschrieben werden.

[10] Sich zu rechtfertigen, sagte Karl von Kahn, ist genauso töricht, wie andere zur Rechtfertigung zu nötigen. Er fühle sich verpflichtet, dem Herrn Professor zu sagen, dass er selber trainiere, sich nie zu rechtfertigen. Er wisse, dass nichts von dem, was

120 geschieht, zu rechtfertigen ist. Trotzdem gelinge es jedem Unbedarften, ihn in Rechtfertigungsverkrampfungen zu stürzen. Nichts, was geschieht, geschieht ohne Grund. Trotzdem: Nichts ist durch den Grund, aus dem es geschieht, zu rechtfertigen. Bitte, Herr Professor, entschuldigen Sie die unerbetene Aussage. Sie beherrscht mich, weil ich täglich gezwungen werde zu rechtfertigen, was durch mich geschieht. Und sie 125 haben es doch gesagt: Die Relativitätstheorie der Moral muss erst noch geschrieben werden.

Dann kam Karl von Kahn zur Sache.

Was der Professor in den letzten zwanzig Jahren geschaffen habe, sei ein Wertebauwerk. Und er, Karl von Kahn, habe sich mit viel Freude an der Erschaffung 130 dieses Werks beteiligt. Soll man so etwas, darf man so etwas von einem Stimmungstaifun verwüsten lassen? Die Tochter Mildred wird anrufen oder zurück­kommen, sie wird einsehen, dass man über das Leben eines anderen, und sei es der eigene Vater, nicht richten kann wie über ein Strafgesetzbuchdelikt.

Und bat, den Professor zum Essen einladen zu dürfen.

135 Fraglos essen. Sonst nichts. Über alles andere reden wir später. Nur soviel vorweg: Glattstellung, Gewinnmitnahme und Schluss, das ist nicht Professor Dr. Hartmut Schertenleib. Das spüre ich. Und was ich spüre, das wissen Sie längst, ist immer das, was das Leben will. Ich bin immer auf der Seite des Lebens. Und Sie auch. Und dass sie desertieren, kann ich nicht hinnehmen. Kommen Sie. Sie und ich bedürfen nicht der 140 Anerkennung anderer, solange wir unser Essen selber bezahlen können, Herr Professor. Nur wenn wir abhängig wären, wären wir verloren. Aber wir, Sie und ich, haben es dahin gebracht, dass wir in diesem Augenblick unabhängig sind. Und das empfinden müssen wir lernen. Kommen Sie.

[11] Der Professor bot Karl von Kahn seinen Arm. So gingen sie. Arm in Arm.

[...]


[1] Hess-Lüttich (2001): Nach Hess-Lüttich umfasst die Auseinandersetzung mit diesem Thema, zumindest was die Linguistik betrifft, „einen Zeitraum von gerade einmal dreißig Jahren“ (S. 1647).

[2] Betten (1994): S.521

[3] Walser (2006), S. 145-153.

[4] Goffman; zitiert nach Henne und Rehbock (2001): S.16

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Linguistische Analyse eines literarischen Dialogs am Beispiel von Martin Walsers Roman "Angstblüte"
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
1
Autor
Jahr
2007
Seiten
33
Katalognummer
V168840
ISBN (eBook)
9783640867554
ISBN (Buch)
9783640868100
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Martin Walser, Linguistische Gesprächsanalyse, Friedenspreisrede
Arbeit zitieren
Josua Handerer (Autor), 2007, Linguistische Analyse eines literarischen Dialogs am Beispiel von Martin Walsers Roman "Angstblüte", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168840

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