Was können wir über die Welt wissen?

Eine Annäherung zu Heraklit


Essay, 2009

3 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Hauptseminar : Das Wissen der Griechen - eine Einführung in die frühgriechische Philosophie im WS 2008/09

Autor: Hureyre Kam

ESSAY

Thema: Was können wir über die Welt wissen?

„Allwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewußt.“ [1]

Das hat kein Mensch gesagt, sondern der Teufel. Goethe war gerissen, um nicht zu sagen, Weise genug diesen Satz seinem Mephistopheles zuzudichten, von wessen Munde es sich auch wunderbar genießen lässt. Einen Menschen, der so etwas im vollen Ernst sagt, möge er noch so Weise sein, würde ich gleich für Arrogant erklären. Aber wie geradezu bescheiden klingt es doch vom Munde des Teufels höchstpersönlich.

Dessen ungeachtet scheint mir die Leitfrage sehr pauschal formuliert zu sein, genauso wie auch jede pauschale Antwort nur roh wäre, da sich Unmengen an Gegenfragen an diese Frage heften, die zuerst beantwortet werden müssen, bevor diese Frage überhaupt in Angriff genommen werden kann: „Wer ist gemeint mit wir ?“, „Was ist unter Welt zu verstehen?“ und vor allem, „Was heißt wissen ?“. Da die Leitfrage allgemein formuliert worden ist, liegt nahe, dass mit „wir der Mensch an sich gemeint ist. Aber kann man denn einfach davon ausgehen, dass allen Menschen ein gemeinsamer Wissensbegriff zugrunde liegt? Dies führt direkt zu der Frage, was unter „wissen“ zu verstehen ist. Sicher, es gibt Begriffe für die es in jeder Sprache eine Entsprechung gibt, wie z.B. wissen, Gott, beten, lecker etc. Aber meinen und bedeuten sie auch alle dasselbe? Unter „lecker“ z.B. versteht sowohl der Westeuropäer, als auch der Thailänder etwas, was angenehm schmeckt, aber das, was mit diesem Wort verbunden wird, ist offensichtlich verschiedenes. Sind die Begriffe aber mit einer anderen Vorstellung verbunden, so bedeuten sie auch jeweils anderes, weshalb sie auch nur vom Namen her gleiche Begriffe genannt werden können, nicht in jeder Hinsicht jedoch auch vom Inhalt her. Was genau bestimmt aber den Inhalt der Begriffe?

Dies wiederum hängt mit der Frage zusammen, was unter „Welt“ verstanden wird. Was man aber unter „Welt“ versteht, hängt in enger Weise damit zusammen, was man unter „Mensch“ versteht, wie man das „Ich“ definiert und in welcher Art man diese Begriffe jeweils zueinander gewichtet, also bewertet. Und genau hierauf, also auf die Maßstäbe der Bewertung, kommt es für die Beantwortung dieser Frage am meisten an. Denn wichtiger als die Frage, was man überhaupt wissen kann, ist meiner Ansicht nach die Frage, wie man das was erkannt ist auch verwertet. Im Weiteren ist jeder Versuch eine Antwort auf diese Frage zu finden der Versuch die drei hervorgehobenen Begriffe zu definieren. So auch bei Heraklit.

Wie gelangt man aber überhaupt zur Kenntnis? Der moderne Mensch würde wohl sehr praktisch ans Werk gehen und sagen, dass Erkenntnis nur über die Sinne möglich ist. Hände, Mund, Augen, Ohren – das sind Instrumente des Geistes. Der Mensch braucht und nutzt sie um zu sehen, zu hören und die Eindrücke, die seine Wahrnehmung bei ihm hinterlassen und seine Gedanken anregen zur Sprache bringen zu können. Der Mensch kann jedoch nur soviel von seiner Umwelt erfassen, wie diese Instrumente es ihm erlauben. Er kann nichts über das ihm verborgene aussprechen, da er es überhaupt nicht wahrnimmt, wahrnehmen kann. Höchstens dem nachjagen, was von dem Verborgenen sich schattenhaft und undeutlich sichtbar macht. Das regt seine Neu- und Wissbegier und treibt ihn an.

Diese rein empirische Sicht ist jedoch dem Heraklit sehr verwerflich. Er leugnet zwar nicht, dass die empirische Welt eine sehr wichtige Rolle für die Erkenntnis spielt, aber das allein kann noch keine Erkenntnis begründen, da nichts in der Welt beständig ist. Erkenntnis ist für Heraklit etwas anderes als Wahrnehmung. Er traut den Sinnen in Bezug auf sichere Erkenntnis insofern nicht, als kein Objekt der sinnlichen Wahrnehmung beständig ist. Alles befindet sich in einem ständigen werden, einer ständigen Entwicklung und Veränderung – sehr prägnant zusammengefasst in dem Ausspruch: „Alles fließt.“. Wenn sich aber alles in einem unentwegten Prozess des Werdens befindet, wie kann man dann überhaupt etwas allgemeines, etwas sicheres und beständiges über die Welt sagen? Ist unter diesen Umständen überhaupt noch Erkenntnis möglich? Und Erkenntnis heißt für Heraklit sichere, also allgemeine und unbedingte Erkenntnis.

Um diesem Problem entgegenzuwirken geht Heraklit einen Schritt weiter, indem er die Sinne übersteigt. Er ist sich über die Verwandlungen der Dinge bewusst und nimmt in einem weiteren Schritt alle Verwandlungen als ganzes. Die Welt ist nur Prozess. Aber wie entsteht dieser Prozess? Es entsteht durch das Spiel, durch das ständige Für-und-Wider der Gegensätze. Gegensätze sind in allen Dingen der Welt aufspürbar und alle Dinge der Welt entstehen und vergehen durch das Spiel der Gegensätze. Aus diesem Grund ist für Heraklit der Kampf, oder der Krieg auch der Vater aller Dinge. Aus dem Kampf der Gegensätze, heiß und kalt, feucht und trocken, also Feuer und Wasser etc. ist überhaupt die Welt als solches entstanden.[2]

Aber auch hier bleibt Heraklit nicht stehen. Denn ein dumpfes und blindes zusammenprallen der Gegensätze könnte überhaupt nichts bewirken. Wenn das Ergebnis des Anziehens und Abstoßens der Gegensätze nicht im Chaos endet, sondern eine überaus geordnete Welt hervorbringt, dann muss den Bewegungen dieser Gegensätze eine Vernunft immanent sein. Eine Weltvernunft. Eines das allen Prozessen innewohnt und sie leitet und richtet und zueinander gewichtet. Denn nur in Maßen abstoßen und in maßen anziehen und in maßen sich ineinander vermengen kann allein zu erbaulichem „werden“ führen. Diese Weltvernunft aber nennt Heraklit „Logos“.[3] Dieser Logos ist nicht fassbar, sie entzieht sich dem Auge, den Sinnen des Menschen, aber ihre Spuren lassen sich aufspüren. Das ist es auch, was Heraklit z.B. meint, wenn er sagt, dass der Fürst des Orakels nur andeutet, dabei nicht versteckt, noch auch erklärt.[4] Wir jagen dem nach, was uns Schattenhaft angedeutet wird. Jedoch käme es dem Menschen nicht in den Sinn etwas nachzuspüren, dass ihm überhaupt nicht bekannt ist. Wohl gemerkt gelangt man durch die Wahrnehmung der Sinne nur zur Kenntnis, nicht aber zur Erkenntnis.

Gott, oder Logos ist eine Einheit. Aber nicht Einheit im Sinne von Xenophanes, nach der die Einheit ruhend ist, weil das Vollkommene ruhen müsse, sondern seine Einheit ist die Zusammenführung der Gegensätze. Er ist Ruhe und Bewegung, Krieg und Frieden, Alles und Nichts zugleich. Diese Unberechenbarkeit ist seine auszeichnende Eigenschaft.[5]

[...]


[1] Goethe, Johann Wolfgang, Faust I,

[2] Mansfeld, Jaap, Die Vorsokratiker I, Reclam Verlag, Stuttgart, Fragment 50 zu Heraklit

[3] ebd., Fragment 2

[4] ebd., Fragment 26

[5] Ebd., Fragment 45

Ende der Leseprobe aus 3 Seiten

Details

Titel
Was können wir über die Welt wissen?
Untertitel
Eine Annäherung zu Heraklit
Hochschule
Technische Universität Berlin
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
3
Katalognummer
V168863
ISBN (eBook)
9783640867677
Dateigröße
388 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heraklit, Antike Philosophie, Vorsokratiker
Arbeit zitieren
M.A Hureyre Kam (Autor:in), 2009, Was können wir über die Welt wissen? , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168863

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Was können wir über die Welt wissen?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden