Grenzübertritte: Konversionen von Juden- zum Christentum unter besonderer Berücksichtigung Johann Friedrich Heinrich Seligs


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung
I.I Der Begriff der Konversion
I.II Geschichtsabriss der Konversion von Juden zum Christentum

II Konversionsbericht des Johann Friedrich Heinrich Seligs
II.I Gründe für das Abfassen der Autobiographie
II.II Herkunft und Vorgeschichte
II.III Bekehrung: Der innere Weg zum Christentum
II.IV Der Weg zur Konversion und der Übertritt zum Christentum durch die Taufe
II.V Ausblick

III Vergleich mit anderen Konversionen: Grundwahrheiten und Unterschiede
III.I Erste Kontakte mit dem Christentum und Gründe für eine Konversion
III.II Der Ablauf einer Konversion: Taufunterricht und Taufe
III.III Ausblick: Die Folgen einer Konversion

IV Schlussbetrachtung

V Literaturverzeichnis
V.I Primärliteratur
V.II Sekundärliteratur

I Einleitung

Bereits seit der Entstehungszeit des Christentums hat es sowohl Bekehrungsversuche an Juden als auch Judentaufen gegeben.[1] In der vorliegenden Arbeit „Grenzübertritte: Konversionen von Juden zum Christentum unter besonderer Berücksichtigung Johann Friedrich Heinrich Seligs“ soll es nun um Juden gehen, die zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert einen Glaubenswechsel zum Christentum vornahmen. Der Konvertit und Autobiograph Johann Friedrich Heinrich Selig wird speziell betrachtet und soll durch seine eigene Lebensbeschreibung Einblicke in die Hintergründe seines Glaubenswechsels, aber auch in die Kreise geben, aus der der Verfasser stammt. Gerade die Zeit vor der Konversion, sein sozialer Hintergrund, der Weg zur Entscheidung und seine Taufe sollen im Fokus des Interesses stehen, wobei auch zu fragen ist, wie andere Juden auf seine geplante Konversion reagierten. Insgesamt wird in dieser Untersuchung nämlich nicht eine bloße Auflistung von Daten und Namen angestrebt, wie es Asriel Schochat in seinem Werk „Der Ursprung der jüdischen Aufklärung“ betreibt[2], sondern es sollen vor allem die Gründe und der Ablauf einer Konversion herauszuarbeiten versucht werden, wobei auch immer die Frage des Grenzübertritts mitschwingen soll.

Aufgebaut ist die Arbeit dann so, dass zunächst noch einleitend der Begriff der Konversion näher betrachtet wird, worauf ein Geschichtsabriss der Konversionen von Juden zum Christentum folgt. Danach wird sich das zweite, sehr umfangreiche Kapitel mit der Autobiographie Johann Friedrich Heinrich Seligs befassen. Dabei werden die Gründe, weshalb er eigentlich seine Lebensaufzeichnungen niederzuschrieb, seine Herkunft und Vorgeschichte, die Bekehrung und schließlich sein Weg zur Konversion und der Übertritt zum Christentum durch die Taufte genauer betrachtet, woran sich der Abrundung halber noch ein kurzer Ausblick anschließt. Im dritten Kapitel werden die gewonnenen Ergebnisse dann in einen größeren Kontext gestellt, so dass es durch etwas allgemeinere Aussagen über Konversionen auch möglich wird, sich ein detaillierteres Bild zu machen. Dabei steht die Fragestellung nach Grundwahrheiten bzw. Grundelementen im Vordergrund. Ist jede Konversion ungefähr so verlaufen wie die von Johann Friedrich oder gibt es Unterschiede und welche sind es gegeben falls? Erste Kontakte mit dem Christentum und Gründe für eine Konversion, der Ablauf eines Religionsübertritts und die Folgen einer Konversion stellen die Gegenstandsfelder dieses Kapitels dar. In der Schlussbetrachtung sollen die erhaltenen Resultate dann schließlich zusammengefasst und eine Antwort auf die Frage gegeben werden, ob bei Johann Friedrich Heinrich Selig oder anderen konvertierten Juden grundsätzlich von Grenzübertritten vor und nach der Taufe die Rede sein kann.

Um nun noch kurz auf den Forschungsstand zum Thema der jüdischen Konversionen einzugehen, so ist er bis weit ins 20. Jahrhundert hinein von einer christlichen-protestantischen, missionsgeschichtlichen Perspektive geprägt. Die katholisch-kirchliche Betrachtungsweise der Konversionsgeschichte fehlt bisher. Sogar seit Ende des zweiten Weltkrieges bis in die 1980er Jahre hinein wird der Glaubenswechsel noch als Beweis für die Überlegenheit des Christentums dargestellt. Ebenso stand auch in der folgenden Zeit noch die Mission als „christliche Erfolgsgeschichte“ im Fokus des Interesses, während parallel dazu auch bereits mehrere lokale und regionale Studien erschienen, in denen teilweise auch die jüdischen Konversionen in einen sozialgeschichtlichen Zusammenhang eingegliedert wurden.[3] Andere Forschungen befassen sich mit speziellen Themen wie unter anderem den „Taufbetrügern“, der Bedeutung und der Folgen einer Konversion für die Familie, den Ursachen und Wirkungen, den körperlichen Attributen der Konvertiten oder sie betrachten den Gegenstand aus einer geschlechtsspezifischen Ebene heraus.

Die vorliegende Arbeit stützt sich vor allem auf die im Jahr 1997 herausgekommene Studie von Johannes Graf, der in seinem Werk „Judaeus Conversus“ fast den gesamten ersten Band der insgesamt zweiteiligen Konversionserzählung Johann Friedrich Heinrich Seligs ediert hat. Graf gibt in seiner ausführlichen Einleitung auch einen guten Überblick über den Ablauf der Konversionsprozesse und die Lebensumstände der Konvertiten nach der Taufe, wobei er als Quellen die Lebensbeschreibungen von ungefähr insgesamt 40 Konvertiten berücksichtigt.[4] Auf die Autobiographie Johann Seligs geht er dabei aber nicht detailliert ein, so dass er zu Verallgemeinerungen und Standardisierungen kommt, die Gesine Carl in ihrer 2007 erschienenen Dissertationsschrift „Zwischen zwei Welten“ zu widerlegen sucht, so dass auch sie hier besondere Beachtung finden soll.[5]

I.I Der Begriff der Konversion

Wenn von dem Begriff der Konversion die Rede ist, sollte zunächst auf den inflationären Charakter des Wortes hingewiesen werden. Jörg Deventer listet in seinem Aufsatz „Konversion und Konvertiten im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung“ allein elf Bereiche und Fächer auf, in denen der Terminus in den jeweils eigenen Fachsprachen Eingang und Verwendung gefunden hat. Da sich diese Arbeit nun auf religionswisschenschaftliche und theologische Aspekte beschränken wird, soll hier lediglich der biblische Sinn des Wortes Konversion näher betrachtet werden. Das griechische Wort „shub“, wie auch die griechischen Vokabeln „(epi)strephein“ und „metanoia“ stehen in der Bibel für „einen dramatischen Wandel, eine Wendung von einer Auffassung zu einer anderen oder eine Rückkehr zu einer früheren Auffassung“.[6] Aus dem lateinischen „convertere“, das mit den Verben umwenden und umkehren übersetzt wird, ist schließlich das deutsche Wort „konvertieren“ entstanden, das als eine innere Umkehr zu verstehen ist.[7] Rotraud Ries spricht von einer religiösen Umkehr, einer religiösen Neuorientierung.[8] Der Begriff der Konversion wird seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert zunächst nur für einen innerchristlichen Konfessionswechsel verwendet, wobei er vorher als „Bekehrung“ verstanden wurde. Dies erklärt die auch heute noch vorhandene synonyme Verwendung der beiden Termini.[9]

Die eindeutigste Definition des Wortes Konversion liefert die Theologische Realenzyklopädie, in der es heißt, dass es sich dabei um einen „Religionswechsel [handelt], der ad hoc geschieht und vom Konvertiten die Anerkennung einer neuen religiösen Wahrheit (bei gleichzeitigem Widerruf der alten) verlangt“.[10] Mit anderen Worten geht es bei der Konversion also um ein neues Glaubensbekenntnis, wobei aus jüdischer Sicht nur eine Abwendung, ein Abfall von der jüdischen Religion konstatiert wird. Umgangssprachlich und herausfordernd ist unter Juden auch von einem spirituellen Tod des Apostaten die Rede.[11]

I.II Geschichtsabriss der Konversion von Juden zum Christentum

Seit der Frühzeit des Christentums sind Konvertiten Teil der Beziehung zwischen Judentum und Christentum. Während das erste literarische Zeugnis in diesem Zusammenhang aus dem zweiten Jahrhundert stammt, das Gespräch Justins mit dem Juden Tryphon, wurden auch bis ins 20. Jahrhundert hinein Berichte über Bekehrungen vom Judentum zur christlichen Religion erstellt.[12]

Zur Zeit des christlichen Altertums galt dem bedeutendsten christlichen Kirchenlehrer Augustinus die Konversion von Juden als erstes Anzeichen für die Wiederkunft Jesu. Seiner Auffassung nach war das Weltende erst zu erwarten, wenn neben den Heiden auch alle Juden unwiderruflich bekehrt wären.[13] So wundert es auch nicht, dass es schon früh zu Zwangsbekehrungen von Juden gekommen ist, die damit gerechtfertigt wurden, dass die Juden nur dadurch vor unvergänglicher Verworfenheit behütet werden könnten. Seit Gregor dem Großen galt zwar der Grundsatz, dass Taufen auf freiwilliger Basis erfolgen sollten, allerdings sind Zwangskonversionen in Deutschland gerade zur Zeit der Kreuzzüge vermehrt durchgeführt worden. Den Juden blieb dabei die Wahl zwischen der Taufe oder einem in der Regel grausamen Tod. Beim ersten Kreuzzug soll es Manfred Agethen zu Folge allein im Jahr 1096 zu 4000 bis 5000 jüdischen Opfern gekommen sein. Die Zahl der sich für die Bekehrung Entscheidenden sei nach seinen Angaben „niedriger als die Zahl der Toten“,[14] was vor allem an dem „Verständnis der christlichen Taufe als Teilnahme an Tod, Auferstehung und Erlösungswerk Jesu Christi“ liegt, dass für die Juden nicht nachvollziehbar ist. Sie stützen sich auf die Gottesvorstellung des Alte Testaments, so dass sich ihnen die christliche Erlösungslehre völlig unverständlich darstellt.[15] Nach der Zwangskonversion wurde im 16. Jahrhundert und später noch einmal im 18. Jahrhundert die Zwangspredigt eingeführt, wobei auch deren Erfolg ausblieb.[16]

Somit hat es also freiwillige Taufen vor dem Dreißigjährigen Krieg kaum gegeben und auch die Zahl der jüdischen Konvertiten bis zum Ende des 18. Jahrhunderts scheint verhältnismäßig gering gewesen zu sein, wobei nach Rotraud Ries auf Grund der „wenig verlässlichen Zahlen […] keine auch nur annähernd genaue Statistik [zu] gewinnen“ ist.[17] Um aber wenigstens eine Ahnung von der Größenordnung zu bekommen, so spricht Martin Friedrich für das gesamte deutsche Reichsgebiet in den Jahren 1590 bis 1710 von 516 zum Christentum konvertierten Juden.[18] Trotz der geringen Zahlen entstanden aber vor allem im 17. und 18. Jahrhundert eine Fülle von gedruckten Lebensschilderungen ehemaliger Juden. Philipp Jacob Spener trat für das individuelle Glaubensbekenntnis ein und hielt die Gläubigen zu ständiger Selbstbeobachtung und Rechenschaft an, so dass er die Aufzeichnung biographischer und autobiographischer Schriften anregte. Durch seine Überlegungen, wie auch durch die der Pietisten Johann Christoph Wagenseil und August Hermann Fracke kam es im Jahr 1728 zur Gründung des Institutum Judaicum in Halle. Es entwickelte sich zum wichtigsten Zentrum der organisierten protestantischen Judenmission, obwohl sich gerade während des 18. Jahrhunderts verschiedene Schaltstellen wie unter anderem die Darmstädter Proselytenanstalt und die Judenmission der Herrnhuter Bürgergemeinde bildeten. Erfolge bei der Judenmission konnten immerhin als triftiges Argument für die Wahrheit der eigenen Lehre herangezogen werden.[19] Durch den Beginn der Aufklärung schob sich dann aber das Thema der religiösen Toleranz immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit, so dass das Interesse an der Judenmission immer mehr verebbte und das Institutum Jadaicum 1792 wegen fehlender Spendengelder aufgelöst wurde. Was die Höhe der durch dieses Zentrum zustande gekommenen Taufen betrifft, so war keine direkte Erfolgskontrolle der Missionstätigkeit möglich, da vom Institutum Judaicum selbst keine Taufen vorgenommen wurden. Geschätzt wird aber, dass die Zahl nicht besonders hoch war.[20]

Als Ausblick ist dann noch erwähnenswert, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine regelrechte Taufbewegung begonnen haben soll. Für das Gebiet des Deutschen Reiches nennt Johannes Graf die vergleichsweise enorme Zahl von 22500 getauften Juden.[21]

II Konversionsbericht des Johann Friedrich Heinrich Seligs

In diesem Kapitel soll es nun um die Autobiographie des 1749 in Breslau geborenen Johann Friedrich Heinrich Seligs gehen. Für die Gattung des Konversionsberichts ist es vorweg noch wichtig zu erwähnen, dass sie nicht als Tatsachenbericht behandelt werden kann, sondern als postkonversionelle Rekonstruktion angesehen werden muss, das heißt, dass der Konvertit aus der nun neu angenommenen Rolle heraus schreibt, aus dem christlichen Blickwinkel sozusagen, mit dem er sich nunmehr identifiziert. Seine Identität ist nach der Konversion eine andere, so dass er als Christ die Welt mit anderen Augen sieht als zuvor.[22] Ex eventu geschrieben, unterliegt der Konversionsbericht auch meist der Verlockung der Vorausschau.[23]

Häufig war es auch so, dass die Konvertiten die antijüdische Tendenz vieler apologetischer Schriften übernahmen, wovon sich die im 18. Jahrhundert erscheinenden Lebensbeschreibungen aber zunehmend distanzierten.[24] In wie weit Johann diese Zurückhaltung übt, wird im Folgenden zu zeigen sein. Auch die Frage des Grenzübertritts soll in diesem Kapitel im Hinterkopf behalten werden.

II.I Gründe für das Abfassen der Autobiographie

In der Vorrede gibt Johann als Gründe für das Abfassen seiner Autobiographie den so natürlichen Wunsch an, „ meine auf das empfindlichste gekränkte Ehre in Sicherheit zu setzen, und auf der andern [Seite] die nicht ganz ungegründete Hoffnung, durch meine Lebensbeschreibung hie und da einen, wenn auch noch so geringen Nutzen zu stiften; dieß waren die Ursachen, welche mich bewogen, dieses Werk zu unternehmen und zu vollenden.“[25] Im Folgenden wird deutlich was er damit meint. Er wurde zum einen „verfolgt, verleumdet, bestraft, [ist] verbannt“ und „unschuldig verklagt“ (262) ohne dass er etwas Verbrecherisches getan hätte, wie er schreibt, so dass es sich bei dieser Darstellung nun um eine Art Rechtfertigungsschrift handelt. Es steckt der Wunsch dahinter, das Ansehen in der Öffentlichkeit zu steigern, so dass die Autobiographie eine Art Selbstempfehlung darstellen soll.

Zum anderen möchte Johann auf den „wunderbaren Gang der göttlichen Vorsehung aufmerksamer machen“, wobei er sich aber bei allem, was er berichtet, der Wahrheit verpflichtet. (263) Dabei reflektiert er die problematische Situation der Konvertiten in der christlichen Umwelt. In seiner Autobiographie wird aber auch klar, dass er sie als Selbstverteidigungsschrift nutzt, das heißt, es wird immer wieder deutlich, dass er das Vorurteil widerlegen möchte, er hätte die Taufe nur in der Hoffnung auf materielle Vorteile zum Schein angenommen. Schon in der Vorrede bestreitet er, die Geschichte seines Lebens aus Eigennutz nieder geschrieben zu haben (262), so dass er als Adressaten hier die christlichen Leser im Blick hat.

Was die Auswahl seiner Aufschriebe betrifft, so hat er dasjenige ausgewählt, dass „zur Auffindung der Spuren der göttlichen Vorsehung, zur praktischen Menschenkenntnis, und zur Beurtheilung oder Nachahmung gemeinnütziger Anstalten einigermaaßen gereichen könnte“. (265) Hier macht sich nun auch sein Interesse an der Selbst- und Menschenerkenntnis erkennbar. Johann versucht am konkreten Beispiel des eigenen Lebens, Aussagen über die Natur des Menschen zu gewinnen. Zum Abschluss seiner Vorrede wiederholt er seinen Impuls, die Rettung der eigenen Ehre. (266)

Insgesamt kann das Abfassen der Lebensbeschreibung als Dokumentierung der Stärke seines neuen Glaubens verstanden werden, die er einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen möchte. Die religiöse Erbauung kann nach der Lektüre der Aufzeichnungen demnach als dominierendes Modell ausgewiesen werden, wodurch er vielleicht die Absicht verfolgt, jüdische Leser auf den richtigen, den christlichen Weg führen zu wollen. Adressaten seiner Autobiographie sind also vermutlich sowohl Juden, als auch Christen, wobei er auch seine Gönner und Beförderer gleich im ersten Satz direkt anspricht. (262)

II.II Herkunft und Vorgeschichte

Was die Herkunft des Johann Friedrich Heinrich Seligs betrifft, dessen jüdischer Name Salomo Markus war, so wird er neben elf Schwestern als einziger Sohn im Jahre 1749 in Breslau geboren. (268)

Johanns Autobiographie beginnt also mit seinen Kinderjahren, die, wie er angibt, insofern relevant sind, da sie seine weitere Zukunft entscheidend geprägt haben. Mit dieser Bewertung steht Johann auf der Höhe der Zeit, da es im 18. Jahrhundert gerade um die Entdeckung der Kindheit und ihren Einfluss im Zusammenhang mit der Autobiographie ging, wie Irene Hardach-Pinke und Gerd Hardach schreiben.[26]

Im Folgenden nennt Johann seinen Vater, einen charakterstarken, harten Mann, der standhaft an Tugend und Gesetzte glaubte und der „[…] unveränderlich über dem [hielt], was er einmal vor gut befunden und beschlossen hatte“, während seine Mutter, die „fromme, sanfte Seele“ eher das Gegenteil darstellte. (268) Darüber hinaus handelte es sich bei seinem Vater um einen „[…] der reichsten und angesehensten Juden in Breslau“, so dass konstatiert werden kann, dass Johann also aus einem privilegiertem, finanziell gesicherten Elternhaus stammt. Bereits mit drei Jahren wurde ihm daher auch schon Hausunterricht erteilt, bei dem er die Wissenschaften der Juden lernte, wobei er sich dabei besonders durch seine Gelehrigkeit auszeichnete. (269) Johann gibt seine „große Neigung zu den Studien“ an, während sein Vater ihn in den Bereich des Handels zu drängen sucht. (270)

Als Johann dreizehn Jahre alt ist, kommt sein Freund Abraham bei Handelsgeschäften ums Leben. Dies stellt ein einschneidendes Erlebnis in Johanns Leben dar, wobei er all seine Negativgefühle, die das Ereignis in ihm auslöste, auf den Handel projiziert, der ihm „verhaßt“ und jetzt sogar abscheulich ist, „da man mir durch ihn meinen besten Freund auf die schmählichste Art entreißt“, wie er berichtet. (274) Noch im gleichen Jahr, ohne dass Johann sich von dem schrecklichen Vorfall erholt hatte, arrangierte der Vater bereits eine Heirat mit einem 16 bis 18 tausend Taler schweren Mädchen. Der Vater versprach überdies eine Versorgung über acht Jahre sowie zusätzlich 6000 Taler Bargeld. Johann war aber entschlossen nicht in die Heirat einzuwilligen, so dass er sich gegen das Familienoberhaupt stellte. Das hatte zu Folge, dass er „[…] ausgestoßen und betrübt, aus meinem väterlichen Hause [ging]. Ich hatte kein Geld, keine Wäsche, keine Kleidung, ich hatte nichts.“ (279) Durch diese Passage stellt er ganz deutlich seine eigene Standhaftigkeit und Entschlossenheit dar. Sein Wunsch ist das Reisen und Studieren, so dass er sich auch durch Geld nicht in andere Bahnen lenken lässt. Das wird an anderer Stelle nochmals deutlich, wenn er Strapazen auf sich nimmt, die er eigentlich gar nicht nötig gehabt hätte: „Ein Jüngling von nicht vollen 17 Jahren; der Sohn wohlhabender Aeltern; in einer großen, volkreichen, mit allen Arten von Vergnügungen reichlich versehenen Stadt erzogen; von Kindheit an zu einem bequemen Leben gewöhnt; mit natürlichen Anlagen und erworbenen Kenntnissen, welche mir Ansprüche auf Ehre und Ansehen hätten geben sollen; bekannt mit den Mitteln, durch welche sich viele Ueberfluß und Reichthum erwerben – zog ich bald zu Fuße bald in einem elenden Fuhrwerke, bey Frost und Hitze, bey Regen und Schnee in einem wenig angebauten Lande, größtentheils unter armen, rohen, unwissenden Bauern umher, um mir einen mäßigen Unterhalt mühselig zu verdienen.“ (288)

Bereits in der Vorgeschichte macht Johann Friedrich also klar, dass es ihm nicht um Geld, sondern um die entschlossene Erreichung seiner Ziele geht. Dafür nimmt er nach dem Verlassen des Elternhauses sogar die Tätigkeit des Handelns auf, mit der er sein Lebensunterhalt bestreitet. Dabei gerät er aber an einen Juden, der ihn, wie er schreibt, um sein Geld betrügt, so dass man nicht von einer völligen Ausblendung der antijüdischen Stereotype in Johanns Autobiographie sprechen kann.

Anschließend lässt sich feststellen, dass Johann nicht abwertend oder alles frühere widerrufend über seine Kindheit schreibt. Es ist nicht zu erkennen, dass er prinzipiell gegen Juden eingestellt wäre, vielmehr fällt die liebevolle Sprache gegenüber seiner Mutter auf. Auch der Schmerz diese verlassen zu müssen, wird deutlich geschildert.

II.III Bekehrung: Der innere Weg zum Christentum

Was das Bekehrungserlebnis betrifft, so gibt Johann im Vorfeld an, dass es sich dabei um die „wichtigste Begebenheit“ (288) in seinem ganzen Leben gehandelt habe, so dass er ihr mit 29 Seiten, die sich über drei Kapitel erstrecken, viel Raum in seiner Autobiographie einräumt. Er beschreibt zunächst, wie er sich „gern mit Christen in Religionsgespräche“ einließ, (288) wobei er „die schlechte und verächtliche Meynung von den Christen, die man mir immer eingeprägt hatte, durch solche Beyspiele [von unwissenden, in ihrer Religion übel unterrichtete Leute] bestätigt [fand].“ (289) Die Verstoßung durch den Vater war also der Grund, weshalb Johann überhaupt mit Christen in Kontakt kommen konnte, so dass er mit knapp 17 Jahren einen „liebreichen“, „würdigen“ Lehrer der christlichen Religion kennen lernte, der seinen Glauben an das Judentum ins Wanken brachte. (290f.) Allerdings behielt er dies anfangs noch für sich, da er befürchtete, als „einen halben Abtrünnigen angesehen und als ein solcher behandelt zu werden“. (292) Er macht also bewusst, dass seine Glaubensgenossen negativ auf diese, seine derzeitige Ungewissheit reagieren würden und Johann unter negativen Sanktionen zu leiden hätte.

Johann berichtet, dass er fortwährend in der Bibel las, unterdessen die Erklärungen des christlichen Predigers vergaß und wieder nach den jüdischen Gesetzen lebte. (292f.) Im November 1766 lernte er aber durch Zufall einen 13jährigen christlichen Jungen kennen, mit dem er die Vorliebe zum Studieren und sein Schicksal teilte: „Das Unglück verbindet oft Seelen so sehr als die Liebe selbst“, (295) schreibt Johann dazu in seinen Lebensbeschreibungen. Er verspürte freundschaftliche Neigungen für den Jüngling, so dass er sich mit ihm auf ein Religionsgespräch über die Dreieinigkeit Gottes einließ. Johann schrieb fast den gesamten Dialog auf 13 Seiten mit Angaben von Bibelstellen nieder, vermutlich um die Argumente für die christliche Religion auch seinen Lesern näher zu bringen. Den Inhalt des restlichen Gesprächs fasst er danach zusammen, wobei er über die Begründungen des Jünglings schreibt, dass er sie „[…] mit so starkem Ausdrucke der Ueberzeugung, und mit so einleuchtender Deutlichkeit [that], daß ich der Macht der Wahrheit nicht zu widerstehen vermochte.“ (309)

[...]


[1] Agethen, Manfred, Bekehrungsversuche an Juden und Judentaufen in der frühen Neuzeit, in: Aschkenas, Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 1/1991, S. 65

[2] Schochat, Asriel, Der Ursprung der jüdischen Aufklärung in Deutschland, Campus Judaica, Band 14, Frankfurt/ Main 2000, S. 309-335

[3] Ries, Rotraud, „Missionsgeschichte und was dann?“ Plädoyer für eine Ablösung des kirchlichen Blicks, in: Aschkenas, Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 15/2005, Heft 2, S. 278ff.

[4] Graf, Johannes, Judaeus conversus. Christlich-jüdische Konvertitenbiographien des 18. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 1997

[5] Carl, Gesine, Zwischen zwei Welten? Übertritte von Juden zum Christentum im Spiegel von Konversionserzählungen des 17. und 18. Jahrhunderts, Hannover 2007

[6] Carl, Gesine, Zwischen zwei Welten? Übertritte von Juden zum Christentum im Spiegel von Konversionserzählungen des 17. und 18. Jahrhunderts, Hannover 2007, S. 47

[7] Deventer, Jörg, „Konversion und Konvertiten im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung“ Stand und Perspektiven der Forschung, in: Aschkenas, Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 15/2005, Heft 2, S. 257f.

[8] Ries, Rotraud, „Missionsgeschichte und was dann?“ Plädoyer für eine Ablösung des kirchlichen Blicks, in: Aschkenas, Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 15/2005, Heft 2, S. 271

[9] Carl, Gesine, Zwischen zwei Welten? Übertritte von Juden zum Christentum im Spiegel von Konversionserzählungen des 17. und 18. Jahrhunderts, Hannover 2007, S. 47

[10] Gerlitz, Peter, Konversion I. Religionsgeschichtlich, in: TRE, Band XIX, Berlin/New York 1990, S. 559

[11] Ries, Rotraud, „Missionsgeschichte und was dann?“ Plädoyer für eine Ablösung des kirchlichen Blicks, in: Aschkenas, Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 15/2005, Heft 2, S. 272

[12] Graf, Johannes, Judaeus conversus. Christlich-jüdische Konvertitenbiographien des 18. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 1997, S. 17

[13] Agethen, Manfred, Bekehrungsversuche an Juden und Judentaufen in der frühen Neuzeit, in: Aschkenas, Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 1/1991, S. 65f.

[14] Agethen, Manfred, Bekehrungsversuche an Juden und Judentaufen in der frühen Neuzeit, in: Aschkenas, Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 1/1991, S. 66f.

[15] Ebenda, S. 65

[16] Brechenmacher, Thomas, Der Vatikan und die Juden, Geschichte einer unheiligen Beziehung vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart, München 2005, S.106ff.

[17] Ries, Rotraud, „Missionsgeschichte und was dann?“ Plädoyer für eine Ablösung des kirchlichen Blicks, in: Aschkenas, Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 15/2005, Heft 2, S. 283

[18] Carl, Gesine, Zwischen zwei Welten? Übertritte von Juden zum Christentum im Spiegel von Konversionserzählungen des 17. und 18. Jahrhunderts, Hannover 2007, S. 26

[19] Agethen, Manfred, Bekehrungsversuche an Juden und Judentaufen in der frühen Neuzeit, in: Aschkenas, Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden 1/1991, S. 89

[20] Graf, Johannes, Judaeus conversus. Christlich-jüdische Konvertitenbiographien des 18. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 1997, S. 24-36 und S. 129

[21] Graf, Johannes, Judaeus conversus. Christlich-jüdische Konvertitenbiographien des 18. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 1997, S. 19

[22] Carl, Gesine, Zwischen zwei Welten? Übertritte von Juden zum Christentum im Spiegel von Konversionserzählungen des 17. und 18. Jahrhunderts, Hannover 2007, S.62ff.

[23] Rädle, Fidel, Konversion, in: Niewöhner, Friedrich, Rädle, Fidel (Hgg.), Konversionen im Mittelalter und in der Frühneuzeit, Hildesheim, Zürich, New York 1999, S. 2

[24] Graf, Johannes, Judaeus conversus. Christlich-jüdische Konvertitenbiographien des 18. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 1997, S. 58f.

[25] Graf, Johannes, Judaeus conversus. Christlich-jüdische Konvertitenbiographien des 18. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 1997, S. 262

Im Folgenden gebe ich der Einfachheit halber nur noch die Seitenzahlen der Autobiographie in Klammern hinter den jeweiligen Zitaten an.

[26] Graf, Johannes, Judaeus conversus. Christlich-jüdische Konvertitenbiographien des 18. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 1997, S. 89

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Grenzübertritte: Konversionen von Juden- zum Christentum unter besonderer Berücksichtigung Johann Friedrich Heinrich Seligs
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Abteilung für Neuere Geschichte)
Veranstaltung
KONVERSIONEN IN DER FRÜHEN NEUZEIT
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
25
Katalognummer
V168867
ISBN (eBook)
9783640867691
ISBN (Buch)
9783640867851
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
grenzübertritte, konversionen, juden-, christentum, berücksichtigung, johann, friedrich, heinrich, seligs
Arbeit zitieren
Katrin Bänsch (Autor), 2009, Grenzübertritte: Konversionen von Juden- zum Christentum unter besonderer Berücksichtigung Johann Friedrich Heinrich Seligs , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168867

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