Das Thema Suizid ist ein ‚Klassiker‘ der philosophischen Ethik. Neben Befürwortern gab es fast in jeder Epoche Gegner: In der griechischen Philosophie stand Platon der Stoa gegenüber, an der Schwelle zur Neuzeit waren es Kant und Hume usw. Die Diskussion ist aufgrund der Entscheidung zum ‚Recht auf assistierten Suizid‘ des Bundesverfassungsgerichtes von 2022 aktuell. Die vorliegende Arbeit widmete sich nicht den umfangreichen ethischen Kontroversen zum assistierten Suizid, sondern stellte die grundlegendere Frage, ob suizidbegehrende Menschen überhaupt zu einer freien Willensentscheidung befähigt sind, was sich auch auf den assistierten Suizid bezieht. Zur Beantwortung habe ich neben grundlegenden philosophischen Argumenten auch Daten aus empirischen medizinischen Untersuchungen herangezogen.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einführung und Zielsetzung der Arbeit
- 1.1 Ausgangslage
- 2. Überblick über Terminologie und Sterbehilfe
- 2.1.1 Propädeutik: Begriffsbestimmung Freitod, Selbstmord, Suizid, Suizidversuch, Euthanasie, verschiedene Formen der Sterbehilfe
- 2.1.2 Unterschiede zwischen Suizidversuch und vollendetem Suizid
- 2.1.3 Verschiedene Formen der Sterbehilfe
- 3. Philosophische Hauptpositionen zum Suizid
- 3.1 Philosophische Hauptpositionen zum Suizid: eine kurze, unvollständige philosophiehistorische Betrachtung von der Antike bis heute
- 3.1.1 Pro Suizid
- 3.1.2 Contra Suizid
- 3.1 Philosophische Hauptpositionen zum Suizid: eine kurze, unvollständige philosophiehistorische Betrachtung von der Antike bis heute
- 4. Philosophische Konzepte und Voraussetzungen eines freien Willens
- 4.1 Philosophische Konzepte und Voraussetzungen eines freien Willens
- 5. Empirische Untersuchungen und Faktoren des Suizids
- 5.1 Als Einführung: Ein literarisches Beispiel für gestörte Wahrnehmungen mit gestörter Viabilität aufgrund einer möglichen Gehirnerkrankung (Winfried Georg, er selbst nannte sich nur W.G) Sebald: „Die Ringe des Saturn")
- 5.2.1 Empirische Untersuchungen zu psychischen Erkrankungen und Suizid
- 5.2.2 Genetische Faktoren
- 5.2.3 Epidemiologische Studien
- 6. Ältere Menschen und Suizid
- 6.1 Ältere Menschen und Suizid
- 6.1.1 Depression bei älteren Menschen mit Begleiterkrankungen
- 6.1.2 Zur Existenz eines Bilanzsuizids
- 6.1 Ältere Menschen und Suizid
- 7. Psychische Erkrankungen als Störung der Gehirnfunktion
- 7.1 Psychische Erkrankungen als Störung der Gehirnfunktion
- 8. Voraussetzungen eines freien Willens
- 8.1 Bedeutung der veränderten Gehirnfunktion für den freien Willen
- 8.2 Kurze Einführung in die Philosophie des Geistes
- 8.3.1 Ein holistisches Konzept zur Verbindung von sozialen Bedingungen, Phänomenologie und Gehirnfunktion
- 8.3.2 Umgang mit psychisch kranken Menschen, die suizidbegehrend, aber offensichtlich in ihrer Willensentscheidung eingeschränkt sind
- 8.3.3 Hilfe für suizidbegehrende Menschen ohne offensichtliche Einschränkung der Willensfreiheit
- 9. Effekte Palliativmedizin, um Suizide aufgrund von unerträglichen Leiden zu verhindern
- 10. Persönliches Resümee
- 11. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit verfolgt das Hauptziel, die empirische Evidenz und philosophischen Begründungen einer Willensfreiheit bei suizidbegehrenden Menschen eingehend zu analysieren. Sie untersucht, inwiefern der freie Wille bei der Entscheidung zum Suizid tatsächlich gegeben ist, insbesondere vor dem Hintergrund medizinischer und philosophischer Erkenntnisse.
- Klärung und Abgrenzung grundlegender Begriffe wie Freitod, Selbstmord, Suizid und Euthanasie.
- Historische und aktuelle philosophische Argumente für und gegen den Suizid.
- Analyse verschiedener Konzepte des freien Willens, insbesondere im Konfliktfeld von Determinismus und Phänomenologie.
- Empirische Untersuchung der Rolle psychischer und körperlicher Erkrankungen bei Suizidalität.
- Spezifische Betrachtung von Suizid bei älteren Menschen und der Existenz des Bilanzsuizids.
- Beleuchtung der Gehirnfunktion als Regulationsorgan und ihrer Beeinträchtigungen durch Erkrankungen.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Propädeutik: Begriffsbestimmung Freitod, Selbstmord, Suizid, Suizidversuch, Euthanasie, verschiedene Formen der Sterbehilfe
Während die Bezeichnung ‚Selbstmord‘ das schädliche (mörderische) Handeln gegen sich selbst und ‚Freitod‘ den selbstbestimmten Tod aus ‚freiem Willen‘ bezeichnet, erscheint der Begriff ‚Suizid‘ wertfreier (9-13). Die neologische Bezeichnung ‚Suizid‘ geht auf ‚sui caedes‘ (lateinisch für Selbsttötung‘) zurück und wurde erstmals vom Soziologen Emile Durkheim (1858-1917) im Jahr 1897 verwendet (9, 10). Im Folgenden nutze ich den Terminus ‚Suizid‘, es sei denn, Autoren selbst haben andere Begriffe eingesetzt. Probleme bestehen in Übersetzungen: So heißt David Humes Essay ursprünglich „On suicide“, was in der Regel mit „Über den Freitod“ übersetzt wird, während Emile Durkheims Buch im französischen Original „Le suicide“, in der englischen Übersetzung „On suicide“ und in der deutschen „Über den Selbstmord" heißt (9, 13). Der Terminus ‚Selbstmord‘ soll auf den katholischen Geistlichen Thomas Murner (1475–1537) zurückgehen, der ihn im Jahr 1514 verwendet hat (11,12). Er zeigt deutlich, dass im Kontext der christlichen Religionen negative moralische Werturteile über die suizidale Handlung bestehen. Nach dem heutigen Rechtsverständnis ist der Begriff auch sprachlogisch falsch, da Mord Heimtücke voraussetzt, die sich zwangsläufig gegen sich selbst nicht ausüben lässt (1). Genauso problematisch erscheint mir persönlich die Bezeichnung ‚Freitod‘, da diese eine absolute Freiheit der Willensentscheidung impliziert, die meiner Meinung nach gerade bei suizidalen Handlungen nicht vorliegt (siehe S. 37ff). Das Wort ‚Euthanasie‘, das eigentlich ‚schöner Tod‘ oder ‚gutes Sterben‘ bedeutet und in anderen Ländern ohne Probleme verwendet wird, ist in Deutschland schwierig einzusetzen, da es ein euphemistischer Ausdruck für die Krankenmorde der Nationalsozialisten ist. Der Psychiater Helmut Ehrhardt (1914–1997), der als junger Arzt am Erbgesundheitsgericht tätig und später Ordinarius für Forensik und Sozialpsychiatrie in Marburg war, äußerte sich 1965 ausführlich über den problematischen Begriff der Euthanasie (14). Der Psychiater Alfred Hoche (1865–1943) schrieb zusammen mit dem Staatsrechtswissenschaftler Karl Lorenz Binding (1841–1920), einem Angehörigen der Frankfurter Bierbrauerfamilie, 1920 die Publikation „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ (15), das die ‚Blaupause‘ für die systematische Tötung von über 70 000 Menschen mit geistigen und/oder körperlichen Behinderungen durch die Nationalsozialisten ab 1940 unter Leitung der Zentraldienststelle T4 darstellte. In ihrem Buch sprechen sich Hoche/Binding offen für die Tötung von geistig
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung und Zielsetzung der Arbeit: Dieses Kapitel stellt die Problemstellung des Suizids dar, beleuchtet historische und aktuelle Entwicklungen sowie die persönliche Motivation des Autors für die Arbeit.
2. Überblick über Terminologie und Sterbehilfe: In diesem Abschnitt werden die terminologischen Unterschiede und die aktuelle Rechtslage bezüglich Suizid und Sterbehilfe in Deutschland erläutert.
3. Philosophische Hauptpositionen zum Suizid: Dieses Kapitel skizziert historische Argumente pro und contra Suizid von antiken Philosophen bis zu zeitgenössischen Denkern.
4. Philosophische Konzepte und Voraussetzungen eines freien Willens: Hier werden verschiedene philosophische Konzepte des freien Willens, Willens- und Handlungsfreiheit und deren Relevanz für suizidales Verhalten diskutiert.
5. Empirische Untersuchungen und Faktoren des Suizids: Das Kapitel präsentiert empirische Untersuchungen zu psychischen Erkrankungen, genetischen Faktoren und epidemiologischen Studien in Bezug auf Suizid, eingeleitet durch ein literarisches Beispiel.
6. Ältere Menschen und Suizid: Dieser Teil beleuchtet die spezifische Situation älterer Menschen, die Rolle von Depressionen bei Begleiterkrankungen und die Kontroverse um den Bilanzsuizid.
7. Psychische Erkrankungen als Störung der Gehirnfunktion: Hier wird die pathophysiologische Veränderungen der Gehirnfunktion bei psychischen und schweren körperlichen Erkrankungen im Kontext des Suizids erörtert.
8. Voraussetzungen eines freien Willens: Das Kapitel analysiert die Bedeutung veränderter Gehirnfunktionen für den freien Willen und führt kurz in die Philosophie des Geistes ein, inklusive eines holistischen Konzepts.
9. Effekte Palliativmedizin, um Suizide aufgrund von unerträglichen Leiden zu verhindern: Dieser Abschnitt zeigt auf, wie Palliativmedizin Suizidwünsche bei unerträglichem Leid verhindern kann und welche Rolle Ärzte dabei spielen sollten.
10. Persönliches Resümee: Das Schlusskapitel fasst die Masterarbeit zusammen und reflektiert die persönliche Meinung des Autors als Arzt zum gesamten Thema.
11. Literatur: Dieses Kapitel listet alle in der Arbeit verwendeten wissenschaftlichen Quellen auf.
Schlüsselwörter
Suizid, Freier Wille, Sterbehilfe, Psychische Erkrankungen, Philosophie des Geistes, Determinismus, Kompatibilismus, Phänomenologie, Palliativmedizin, Suizidprävention, Ethik, Autonomie, Gehirnfunktion, Depression, Bilanzsuizid.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert medizinphilosophische Aspekte des Suizids und stellt die zentrale Frage, ob suizidbegehende Menschen tatsächlich einen freien Willen besitzen, um sich das Leben zu nehmen, unter Berücksichtigung empirischer und philosophischer Erkenntnisse.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder umfassen die Begriffsdefinitionen von Freitod, Selbstmord und Suizid, eine philosophiehistorische Betrachtung des Suizids, Konzepte des freien Willens, empirische und pathophysiologische Befunde zu psychischen und körperlichen Erkrankungen bei Suizidalität sowie die Rolle der Palliativmedizin.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die empirische Evidenz und philosophischen Begründungen einer Willensfreiheit bei suizidbegehrenden Menschen näher zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert philosophische Argumentation mit empirischen medizinischen und psychiatrischen Daten, um eine induktive Urteilsbildung zur Frage der Willensfreiheit bei suizidalen Handlungen zu ermöglichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die philosophischen Positionen zum Suizid (Pro und Contra), verschiedene Konzepte des freien Willens, empirische Untersuchungen zu psychischen Erkrankungen und Suizid, die Situation älterer Menschen sowie die Pathophysiologie psychischer Erkrankungen als Störung der Gehirnfunktion.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Suizid, Freier Wille, Sterbehilfe, Psychische Erkrankungen, Philosophie des Geistes, Determinismus und Palliativmedizin.
Warum wird der Begriff "Euthanasie" in Deutschland als problematisch angesehen?
Der Begriff "Euthanasie", obwohl wörtlich "schöner Tod" bedeutend, ist in Deutschland aufgrund seiner euphemistischen Verwendung für die Krankenmorde der Nationalsozialisten schwierig einzusetzen und historisch belastet.
Welche Rolle spielen psychische Erkrankungen nach Ansicht des Autors für die Willensfreiheit bei Suizid?
Der Autor vertritt die Auffassung, dass der überwiegende Anteil suizidbegehrender Menschen aufgrund psychischer und/oder organischer Erkrankungen eine gestörte Gehirnfunktion und somit einen stark eingeschränkten freien Willen hat.
Wie positioniert sich die Arbeit zum Konzept des „Bilanzsuizids“?
Die Arbeit ist skeptisch gegenüber der Existenz eines "Bilanzsuizids" im Sinne einer rationalen, freien Entscheidung und postuliert, dass auch hier oft nicht erkannte psychische oder somatische Erkrankungen eine Rolle spielen.
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- Gunter Wolf (Author), 2025, Medizinphilosophische Aspekte des Suizids. Hat der suizidbegehende Mensch wirklich einen freien Willen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1689042