In der Literatur über die Wohlfahrtsstaatsforschung wird vielfach über eine „Krise des
deutschen Wohlfahrtsstaates“ diskutiert. Was soll das sein? Als Krise des deutschen
Wohlfahrtsstaates wird ein Zustand akuter Schwierigkeiten in der Finanzwirtschaft
bezeichnet. Dieser Zustand ist zur Zeit in Deutschland gegeben. Die einzelnen
Probleme, die unter anderem durch einen Wandel in der Gesellschaft entstanden
sind und letztendlich diese Krise ausmachen, sollen in dieser Arbeit untersucht
werden. Auf Grundlage des Basistextes „Der Sozialstaat: Die deutsche Version des
Wohlfahrtsstaates – Überlegungen zu seiner typologischen Verortung“ (Kohl 2000),
auf dem das im Seminar gehaltene Referat aufbaute, wird im ersten Teil dieser
Hausarbeit ganz allgemein das Modell von Gøsta Esping-Andersen vorgestellt. Es
wird gezeigt, wo sich der deutsche Wohlfahrtsstaat in diesem Modell einordnet und
worin die Unterschiede zu anderen Wohlfahrtsstaaten bestehen. Des weiteren sind
dann im zweiten Teil dieser Arbeit folgende Fragen Gegenstand der Untersuchung:
1. Welche Herausforderungen und Probleme bieten sich dem deutschen
Wohlfahrtsstaat? 2. Wie kann er diesen Herausforderungen gerecht werden und die
Probleme lösen, bzw. welche Reformvorschläge gibt es? Und schließlich 3. Bleibt
der konservative, deutsche Wohlfahrtsstaat bei der Bewältigung seiner Probleme
seinem historischen Entwicklungspfad treu?
Anmerkung: Da es in der Wissenschaft keine eindeutige Trennung zwischen den
Definitionen der Begriffe „Sozialstaat“ und „Wohlfahrtsstaat“ gibt, werde ich diese
Begriffe im folgenden synonym verwenden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wie bemisst man Wohlfahrt? Von Gøsta Esping-Andersen
2.1. Die drei Dimensionen der Wohlfahrtsstaatlichkeit
2.1.1. Der Grad der Dekommodifizierung
2.1.2. Die Art der Stratifizierung
2.1.3. Das Verhältnis von Markt, Staat und Familie
2.2. Die drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus
2.2.1. Der konservative Typ
2.2.2. Der liberale Typ
2.2.3. Der sozialdemokratische Typ
3. Die Entwicklung der Wohlfahrt in der Bundesrepublik Deutschland
4. Probleme des Wohlfahrtsstaates und Lösungsansätze zu ihrer Bewältigung
4.1. Arbeitslosigkeit in der deutschen Welt der Wohlfahrt
4.2. Herausforderungen des deutschen Wohlfahrtsstaates
4.3. Die Reform des deutschen Wohlfahrtsstaates
5. Schlussbemerkung
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht die Krise des deutschen Wohlfahrtsstaates auf Grundlage des Typologiemodells von Gøsta Esping-Andersen. Dabei wird analysiert, wie sich der deutsche Sozialstaat innerhalb dieses Modells verorten lässt, welchen aktuellen Herausforderungen er gegenübersteht und ob er bei der Bewältigung seiner Probleme an seinem historischen Entwicklungspfad festhält oder eine grundlegende Systemänderung anstrebt.
- Regimetypen-Konzept nach Gøsta Esping-Andersen
- Charakteristika des konservativen Wohlfahrtsstaates
- Entwicklung und Reformbedarf des deutschen Sozialstaates
- Herausforderungen durch Arbeitslosigkeit und demografischen Wandel
- Diskussion der bedarfsorientierten Grundsicherung
Auszug aus dem Buch
2.1.1. Der Grad der Dekommodifizierung
Dekommodifizierung meint das Ausmaß, in dem der Lebensunterhalt unabhängig vom (Arbeits-)Markt gesichert werden kann, insbesondere im Falle von Einkommensausfällen bei der Erwerbsarbeit, also bei Krankheit, im Alter und bei Arbeitslosigkeit. (Kohl 1999: 115) Nach Esping-Andersen entsteht Dekommodifizierung, „when a service is rendered as a matter of right, and when a person can maintain a livelihood without reliance on the market“. (Esping-Andersen 1990: 21f) Ein Maximum an Dekommodifizierung sieht er erst dort erreicht, wo es dem Bürger jederzeit möglich ist, aus dem Arbeitsmarkt auszusteigen, wenn er es für notwendig hält, ohne wesentliche Einkommensnachteile befürchten zu müssen. (ebd.:23) Ein hoher Grad an Dekommodifizierung gilt als ein Kennzeichen für eine relative Unabhängigkeit vom Arbeitsmarkt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Problematik der "Krise des deutschen Wohlfahrtsstaates" und Vorstellung der zentralen Forschungsfragen.
2. Wie bemisst man Wohlfahrt? Von Gøsta Esping-Andersen: Theoretische Herleitung der drei Dimensionen (Dekommodifizierung, Stratifizierung, Verhältnis von Markt, Staat und Familie) und Klassifizierung der Wohlfahrtsregimes.
3. Die Entwicklung der Wohlfahrt in der Bundesrepublik Deutschland: Analyse der historischen Expansionsdynamik und der veränderten Zusammensetzung der Sozialausgaben im Zeitverlauf.
4. Probleme des Wohlfahrtsstaates und Lösungsansätze zu ihrer Bewältigung: Untersuchung der spezifischen Probleme wie Arbeitslosigkeit und demografischer Wandel sowie Diskussion potenzieller Reformstrategien, insbesondere der Grundsicherung.
5. Schlussbemerkung: Fazit, dass der deutsche Wohlfahrtsstaat trotz Krisen an seinem historischen Entwicklungspfad festhält und durch Umbauten statt Systemwechsel reagiert.
Schlüsselwörter
Wohlfahrtsstaat, Sozialstaat, Gøsta Esping-Andersen, Dekommodifizierung, Stratifizierung, Deutschland, konservativer Typ, Arbeitslosigkeit, Sozialpolitik, Grundsicherung, Reformbedarf, Sozialversicherung, Lohnarbeitszentriertheit, Wohlfahrtskapitalismus, Sozialausgaben.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert den deutschen Wohlfahrtsstaat im Kontext des Modells von Gøsta Esping-Andersen und untersucht dessen Anpassungsfähigkeit an aktuelle ökonomische und soziale Krisen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Regimetypologie westlicher Wohlfahrtsstaaten, die historischen Entwicklungslinien der deutschen Sozialpolitik sowie die aktuelle Reformdebatte zur Sicherung des Sozialstaats.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, wie der deutsche Sozialstaat seine aktuellen Herausforderungen bewältigt und ob er dabei seine konservativen Grundprinzipien aufgibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse basierend auf dem Basistext von Jürgen Kohl und dem Regimetypen-Konzept von Gøsta Esping-Andersen unter Einbeziehung empirischer Indikatoren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Definition von Wohlfahrtsstaatlichkeit, der Einordnung Deutschlands in das konservative Modell sowie der detaillierten Betrachtung von Problemen wie Arbeitslosigkeit und demografischem Wandel.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Dekommodifizierung, konservativer Wohlfahrtsstaat, Sozialversicherung, Grundsicherung und die Pfadabhängigkeit nationaler Sozialpolitik.
Warum wird die Einführung einer Grundsicherung diskutiert?
Die Grundsicherung wird als möglicher Ausweg diskutiert, um das Sozialversicherungssystem weniger von der Erwerbsarbeit abhängig zu machen und Armut effektiver zu bekämpfen.
Bleibt Deutschland seinem historischen Entwicklungspfad treu?
Ja, der Autor kommt zu dem Schluss, dass der deutsche Staat eher auf Modifikationen und Umbauten setzt, statt sein grundlegendes konservatives Wohlfahrtsmodell aufzugeben.
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- Ralph Panzer (Author), 2002, Der Fall Deutschland(s?), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16901