Die Abschlussarbeit analysiert den Fachartikel „Spiritualität als professionelle Dimension in der Sozialen Arbeit“ von Lübeck und Böhmer (2017).
Kann und darf Spiritualität eine professionelle Dimension Sozialer Arbeit sein? Auf der einen Seite herrscht ein Verständnis Sozialer Arbeit vor, das an sozialarbeiterisch-wissenschaftlich fundierten Methoden, Verfahren und Techniken interessiert ist und die Klientinnen/Klienten als Kunden einer sozialen Dienstleistung sieht, so dass man mit Lewkowicz/Lob-Hüdepohl (2003) von einem Handwerkermodell sprechen kann. Für die entgegengesetzte Position steht dann gleichsam das Modell des Barmherzigen Samariters (Lewkowicz/Lob Hüdepohl 2003), der weniger reflektiert methodisch als von Nächstenliebe inspiriert und intuitiv wohlmeinend handelt. Auf eines dieser beiden Extreme fixiert, also bei radikalem Ausschluss der spirituellen Dimension oder der Ignoranz evidenzbasierter Theorien und Handlungsmodellen läuft der/die Sozialarbeitende Gefahr, wesentliche Erkenntnisse und Zugänge zu seinem/seiner Klienten/Klientin, der gegebenen Problemlage und potentiellen Hilfemöglichkeiten zumindest partiell zu verfehlen. Ein allein von einer instrumentellen Vernunft der Zweckmäßigkeit (Lübeck/Böhmer 2017) bestimmtes Vorgehen kann den Blick auf existenziell relevante Fragen nach Sinn, Schuld, Gerechtigkeit und gelingendem Leben zu Gunsten einer pragmatischer Lösungsorientierung verstellen. Eher intuitives und vor allem von (religiöser) Inspiration bestimmtes Handeln kann blind für Ursachen, naiv in den Folgen, unehrlich in seiner Motivation und Ausdruck einer paternalistische(n) Einstellung (Lewkowicz/Lob-Hüdepohl 2003) sein, sowie sich möglicher Kritik auf Grund einer beanspruchten besonderen ethischen Qualität entziehen (Lewkowicz/ Lob-Hüdepohl 2003). [...]
Inhaltsverzeichnis
- 1. EINLEITUNG UND HINFÜHRUNG
- 1.1. Einleitung
- 1.2. Emanzipationen
- 1.3. Spiritualität zwischen Tabu und Bedarf
- 2. LÜBECK, DIETRUN/ BÖHMER, ANNEGRET (2017): SPIRITUALITÄT ALS PROFESSIONELLE DIMENSION DER SOZIALEN ARBEIT
- 2.1. Vorbehalte und Tabu
- 2.2. Psychologisch-anthropologische Voraussetzungen der Spiritualität
- 2.3. Spiritualität und Religiosität
- 2.4. Spiritualität in der Sozialen Arbeit
- 2.5. Die Spiritualität der Sozialarbeitenden
- 2.6. Die Spiritualität der Klientinnen und Klienten
- 2.7. Spiritualität als Gesamtkonzept
- 3. EINFÄLLE UND REFLEXIONEN
- 3.1. Zum Begriff der Spiritualität
- 3.2. Spiritualität als Intelligenz und Kohärenz
- 3.3. Ganzheitlichkeit
- 3.4. Spiritualität als Belastung
- 3.5. Impulse aus der klientenzentrierten Psychotherapie
- 4. SCHLUSS
- 5. LITERATURVERZEICHNIS
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Abschlussarbeit untersucht die zentrale Frage, ob und inwiefern Spiritualität eine anerkannte professionelle Dimension in der Sozialen Arbeit sein kann und darf. Sie zielt darauf ab, eine angemessene Position für Spiritualität zu bestimmen, die wissenschaftlich-empirisch fundiertes Handeln mit spiritueller Erfahrung und existenziellen Sinnfragen in Einklang bringt, und lotet dabei das Spannungsfeld zwischen einem handwerklichen und einem barmherzigen Modell der Sozialen Arbeit aus.
- Die Abgrenzung von Spiritualität und Religiosität als Grundlage für die soziale Arbeit.
- Psychologisch-anthropologische Voraussetzungen für die Existenz von Spiritualität.
- Die Rolle der Spiritualität für Sozialarbeitende und Klientinnen/Klienten.
- Das Konzept des "Total Pain" und seine Übertragbarkeit auf die soziale Arbeit.
- Impulse aus der klientenzentrierten Psychotherapie für den Umgang mit Spiritualität.
- Spiritualität als Ressource und potenzielle Belastung im Kontext der sozialen Arbeit.
Auszug aus dem Buch
3.3. Ganzheitlichkeit
Dass alle vier Dimensionen für ein holistisches Menschenbild erforderlich sind, mag auch in der Sozialen Arbeit unbestritten sein. Aber muss das professionelle, handlungsleitende Menschenbild der Sozialen Arbeit holistisch sein, d.h. muss sie grundsätzlich alle vier Dimensionen diagnostisch erfassen, bewerten, bearbeiten und einer Lösung zuführen oder reichen die drei an sich schon komplexen, aber empirisch -wissenschaftlich erfassbaren Dimensionen aus? Sollte das der Fall sein, dann bliebe die in der Wiener Deklaration mit ihrer postulierten Sicht der Sozialen Arbeit auf den ganzen Menschen allerdings auf der Strecke. Wie Lübeck/Böhmer unter Hinweis auf Egger (2013; Lübeck/Böhmer 2017: 410) und auf andere angemerkt haben, gibt es diese Position in der Sozialen Arbeit dennoch, die Dimension der Spiritualität nicht zuzulassen, auch um sich keine Komplexitätssteigerung einzuhandeln. Dieser Argumentation möchte ich einen Impuls aus der Geschichte der Hospizarbeit entgegenstellen: Bereits in den 1960er Jahren entwickelte die Britin Cicely Saunders (Saunders 2009) ihr Konzept vom total pain, das für die Hospizarbeit und in der Palliative Care handlungsleitend geblieben ist. Danach ist Schmerz nicht allein ein körperliches Mißempfinden oder Leiden, sondern es erfasst den ganzen Menschen physisch, psychisch, sozial und spirituell, also total. Schmerzen und Leiden betreffen unmittelbar und ausnahmslos alle vier Dimensionen, die hinsichtlich ihres Wohlbefindens oder Leidens in Wechselwirkung zueinander stehen und einander beeinflussen. Ich bin der Überzeugung, dass die für alle Formen des Leidens gilt, also auch etwa für die Gefühle existenzieller Bedrohung und Ausweglosigkeit, des Scheiterns und der Abhängigkeit, der Verlustangst, der Trauer und Scham. Immer sind an solchen Erfahrungen alle vier Dimensionen menschlichen Daseins wirkmächtig beteiligt, mit unterschiedlich gesetzten Akzenten, aber immer ganzheitlich in ihrem Erleben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG UND HINFÜHRUNG: Dieses Kapitel stellt die zentrale Forschungsfrage, ob Spiritualität eine professionelle Dimension der Sozialen Arbeit sein kann, und umreißt die historische Kontroverse sowie das Spannungsfeld zwischen unterschiedlichen Ansätzen. Es legt den Grundstein für die Diskussion über die notwendige Positionierung von Spiritualität in der Sozialen Arbeit.
2. LÜBECK, DIETRUN/ BÖHMER, ANNEGRET (2017): SPIRITUALITÄT ALS PROFESSIONELLE DIMENSION DER SOZIALEN ARBEIT: Das Kapitel fasst den zugrunde liegenden Artikel von Lübeck und Böhmer zusammen, der sich mit Vorbehalten und Tabus gegenüber Spiritualität, ihren psychologisch-anthropologischen Grundlagen, der Abgrenzung von Religiosität sowie ihrer Bedeutung für Sozialarbeitende und Klienten befasst, wobei Spiritualität als Gesamtkonzept dargestellt wird.
3. EINFÄLLE UND REFLEXIONEN: Hier wird der Begriff der Spiritualität vertieft und in Bezug zu Konzepten wie Intelligenz, Kohärenz und Ganzheitlichkeit gesetzt, wobei auch die Idee des "Total Pain" und die Möglichkeit von Spiritualität als Belastung thematisiert werden. Zusätzlich werden Impulse aus der klientenzentrierten Psychotherapie zur Gestaltung des Klientenkontakts beleuchtet.
4. SCHLUSS: Dieses Kapitel zieht ein Fazit und positioniert Spiritualität als wichtigen und sozialarbeitswissenschaftlich legitimierten Bestandteil der professionellen Dimension der Sozialen Arbeit, insbesondere im Klientengespräch auf der Mikro-Ebene, basierend auf einem holistischen Menschenbild.
Schlüsselwörter
Spiritualität, Soziale Arbeit, Professionalität, Religiosität, Kohärenzgefühl, Klientenzentrierte Psychotherapie, Total Pain, Existenzielle Fragen, Sinnhaftigkeit, Ganzheitlichkeit, Selbstreflexion, Authentizität, Ressourcen, Transzendenz, Salutogenese
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Diese Arbeit befasst sich grundsätzlich mit der Frage, ob Spiritualität als eine professionelle Dimension der Sozialen Arbeit anerkannt und integriert werden sollte, und untersucht die damit verbundenen Herausforderungen und Chancen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die Unterscheidung zwischen Spiritualität und Religiosität, die psychologisch-anthropologischen Grundlagen von Spiritualität, ihre Relevanz für Klienten und Sozialarbeitende, sowie Konzepte wie Kohärenz und "Total Pain" im sozialarbeiterischen Kontext.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, eine angemessene und reflektierte Position für Spiritualität innerhalb der professionellen Sozialen Arbeit zu finden, die sowohl wissenschaftliche Standards als auch existentielle und spirituelle Bedürfnisse berücksichtigt. Die Forschungsfrage lautet: "Kann und darf Spiritualität eine professionelle Dimension Sozialer Arbeit sein?"
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit ist eine Abschlussarbeit, die einen bereits veröffentlichten Artikel von Lübeck/Böhmer (2017) analysiert und reflektiert. Sie integriert und diskutiert vorhandene Konzepte und Theorien aus Soziologie, Psychologie und Sozialer Arbeit, um eine fundierte Positionierung zu erarbeiten, ohne eine eigenständige empirische Methode zu entwickeln.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Argumente des zugrunde liegenden Artikels von Lübeck/Böhmer, einschließlich Vorbehalten, Voraussetzungen und Integration von Spiritualität in der Sozialen Arbeit. Darüber hinaus reflektiert er vertiefend den Begriff der Spiritualität, Konzepte wie Intelligenz, Kohärenz, Ganzheitlichkeit ("Total Pain") und Impulse aus der klientenzentrierten Psychotherapie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter wie Spiritualität, Soziale Arbeit, Professionalität, Religiosität, Kohärenzgefühl, Total Pain, Existenzielle Fragen, Sinnhaftigkeit, Ganzheitlichkeit und Selbstreflexion charakterisieren die Arbeit.
Wie unterscheidet die Arbeit Spiritualität von Religiosität?
Die Arbeit betont, dass Spiritualität und Religiosität zwar überlappen können, aber nicht identisch sind. Spiritualität wird als eine innere Einstellung, Suche nach Sinngebung und Erfahrung von Verbundenheit verstanden, die umfassender als Religiosität ist und auch außerhalb institutioneller religiöser Dogmen existieren kann.
Was ist unter dem Konzept des "Total Pain" zu verstehen und welche Relevanz hat es für die Soziale Arbeit?
Das Konzept des "Total Pain" nach Cicely Saunders beschreibt Schmerz und Leiden als ein ganzheitliches Phänomen, das physische, psychische, soziale und spirituelle Dimensionen umfasst. Für die Soziale Arbeit bedeutet dies, dass Leiden multidimensional erfasst und behandelt werden muss, um eine umfassende und klientenorientierte Unterstützung zu gewährleisten.
Welche Rolle spielt das Kohärenzgefühl in Bezug auf Spiritualität in der Sozialen Arbeit?
Das Kohärenzgefühl, basierend auf Antonowskys Salutogenese-Konzept, wird als angeborenes Bedürfnis des Menschen nach Verstehbarkeit, Bewältigbarkeit und Sinnhaftigkeit des Lebens beschrieben. Im Kontext der Spiritualität dient es als wichtige Ressource, um existentielle Fragen und Nöte der Klientinnen und Klienten zu adressieren und die Resilienz zu stärken.
Warum kann Spiritualität auch eine Belastung für Klient*innen darstellen?
Spiritualität kann destruktiv wirken, wenn sie zu Gewissensnöten, Schuldgefühlen, Abhängigkeit oder Ausbeutung führt, zum Beispiel wenn individuelle Handlungen im Widerspruch zu spirituellen Werten stehen oder die Suche nach Zugehörigkeit in ungesunde Abhängigkeiten mündet.
- Arbeit zitieren
- Heiko Gerdes-Janssen (Autor:in), 2018, Bedeutung und Funktion von Spiritualität als Dimension Sozialer Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1690513