Den Begriff der reinen Kunst charakterisiert der Psychoanalytiker Robert Bauer, der von seinen Freunden lediglich als Ire bezeichnet wird, als einer der drei Hauptfiguren in Hochgatteres Werk „Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen“ als „völlig losgelöst von irgendeinem Zweck“ .
Mit dieser Charakterisierung fasst er den Kern der Forderung „L’art pour l’art“, die 1836 von Victor Cousin geprägt wurde, zusammen. Jene postuliert die Befreiung der Kunst von jeglichen außerkünstlerischen Zwecken, d.h. von jeglicher politischen, moralischen, wirtschaftlichen und religiösen Motivation. Das Kunstwerk müsse als eigengesetzliches und eigenwertiges Gebilde angesehen werden, das sich jedwedem Nützlichkeitsdenken entzieht. Folglich soll Kunst als Selbstzweck existieren und der Inhalt gegenüber dem poetischen Schaffensprozess in den Hintergrund treten. Die höchste Priorität obliegt also der künstlerischen Form bzw. der ästhetischen Gestaltung eines Werkes.
Nun wird dieser Begriff aber nicht zufällig genannt. Hochgatterer gibt hier vielmehr einen Hinweis darauf, wie seine „[…] kurze Geschichte vom Fliegenfischen“ gelesen werden muss. Der Inhalt seines Werkes scheint sekundär zu sein und verfügt über keinerlei Nützlichkeitscharakter für den Rezipienten. Er irritiert und provoziert den Leser, der vergeblich versucht die Erzählung auf einen Sinn hin zu verstehen. Dies bleibt jedoch unmöglich. Es stellt sich gezwungenermaßen die Frage, wie man das Buch lesen solle, wenn man doch keinen Sinn im Inhalt erkennt und jener sekundär zu sein scheint. Die Antwort darauf lässt sich in der zuvor aufgeführten Definition der Forderung „L’art pour l’art“ suchen. Hochgatterers Geschichte ist eine Form von reiner Kunst, in der anstatt des Inhalts der poetische Schaffensprozess, d.h. die Selbstreferentialität des Literatursystems, im Vordergrund steht. Daher solle man sich von dem Versuch, den Text interpretieren und verstehen zu wollen, abwenden. Vielmehr müsse man einzelnen Hinwiesen in der Erzählung folgen, um Hochgatterers Werk in seiner Funktion als ästhetische Selbstreferentialität betrachten zu können. Dies soll im Folgenden verwirklicht und dargelegt werden. Aufgrund der Komplexität und Vielschichtigkeit des Textes konzentrieren sich die folgenden Ausführungen auf einzelne zu beschreibende und analysierende Aspekte des selbstreferentiellen Literatursystems.
Inhaltsverzeichnis
1. „L’art pour l’art“ – Realisierung durch Paulus Hochgatterer
2. Paulus Hochgatterer – Selbstreflexion als Mittel zur Selbstreferentialität
3. Der Ire und der personale Ich–Erzähler – Symbolträger eines selbstreferentiellen Literatursystems
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ästhetische Selbstreferentialität in Paulus Hochgatterers Erzählung „Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen“ und analysiert, wie der Autor seinen eigenen schöpferischen Prozess und seine berufliche Erfahrung in das Werk integriert.
- Analyse des Konzepts „L’art pour l’art“ im Kontext der Erzählung
- Untersuchung der Selbstreflexion des Autors als Mittel zur Selbstreferentialität
- Deutung der Hauptfiguren als Symbolträger des literarischen Systems
- Erforschung des Verhältnisses zwischen Realität und Vorstellung im Erzählverlauf
- Betrachtung des poetischen Schaffensprozesses als zentrales Thema
Auszug aus dem Buch
Der Ire und der personale Ich–Erzähler – Symbolträger eines selbstreferentiellen Literatursystems
Der Ire, einer der drei Hauptfiguren in Hochgatterers Erzählung, stellt sich selbst als Robert Bauer vor und übt den Beruf des Psychoanalytikers aus. Dieser spiegelt sich vor allem in seinen Äußerungen wider, die stellenweise zusammenhanglos bleiben oder auch die Aussagen seiner Gegenüber mit Fachtermini aus der Psychologie kommentieren. Nicht nur seine Bemerkungen bleiben oft rätselhaft sondern auch seine eigene Person. So wird weder geklärt, warum er „Ire“ genannt wird, noch scheint jemand seine Tochter zu kennen, über die der Ich Erzähler lediglich Spekulationen anstellen kann. Nichtsdestotrotz scheint es so, als ob er zu jedem ihm entgegengebrachten Gesichtspunkt etwas erwidern kann. Bereits in den einleitenden Ausführungen zu dieser Ausarbeitung wurde der Ire als derjenige gekennzeichnet, der den für Hochgatterers Werk so wichtigen Begriff der reinen Kunst definiert. Ihm kommt scheinbar eine zentrale Funktion in Hinsicht auf das selbstreferentielle Literatursystem zu. Daher soll an dieser Stelle versucht werden diese rätselhafte Figur als Symbolfigur für die ästhetische Selbstreferentialität zu entschlüsseln.
Als der dominanteste der drei Charaktere lässt der Ire keine Gelegenheit ungenutzt, um seine Meinung kundzugeben. Betrachtet man einige seiner Thesen genauer, so erkennt man, dass sie Hinweise oder Lesehilfen für den Rezipienten darstellen, der dadurch auf eine mögliche Irritation durch die Geschichte und auf deren eigentliche Intention hingewiesen wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. „L’art pour l’art“ – Realisierung durch Paulus Hochgatterer: Dieses Kapitel erläutert, wie Hochgatterer das Prinzip der reinen Kunst einsetzt, um die Erwartungen des Lesers zu durchbrechen und das Werk als selbstreferentielles Gebilde zu positionieren.
2. Paulus Hochgatterer – Selbstreflexion als Mittel zur Selbstreferentialität: Hier wird untersucht, wie die persönlichen Erfahrungen und die berufliche Präzision des Autors als Grundlage für den literarischen Schaffensprozess und die Charaktergestaltung dienen.
3. Der Ire und der personale Ich–Erzähler – Symbolträger eines selbstreferentiellen Literatursystems: Das Kapitel analysiert, wie die Hauptfiguren durch ihre spezifischen Eigenschaften und ihre Funktion innerhalb der Erzählung als Träger der ästhetischen Selbstreferentialität fungieren.
Schlüsselwörter
Paulus Hochgatterer, Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen, L’art pour l’art, Selbstreferentialität, Ästhetik, Selbstreflexion, Literaturtheorie, Psychoanalyse, Erzählweise, Poetischer Schaffensprozess, Symbolik, Literaturwissenschaft, Moderne Erzählliteratur, Imagination, Narrative Rekonstruktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit im Kern?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der Selbstreferentialität in Paulus Hochgatterers Werk „Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen“.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Schwerpunkten gehören das Prinzip „L’art pour l’art“, die Rolle der Selbstreflexion des Autors sowie die symbolische Aufladung der Romanfiguren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Hochgatterer durch gezielte literarische Techniken sein Werk als ein in sich geschlossenes, selbstreferentielles System konstituiert.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text unter Rückgriff auf fachspezifische Begriffe und theoretische Konzepte interpretiert.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil analysiert?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Autors als reflektierendes Subjekt und die detaillierte Deutung der Hauptcharaktere als Träger der literarischen Intention.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Selbstreferentialität, ästhetische Gestaltung, poetischer Schaffensprozess und symbolische Charakterdarstellung geprägt.
Warum spielt die Person „der Ire“ eine so wichtige Rolle für das Werk?
Der Ire fungiert als intellektuelles Sprachrohr, das durch die Definition von „reiner Kunst“ den Leser auf die Intention des Autors aufmerksam macht.
Wie beeinflusst die berufliche Identität von Hochgatterer seine Texte?
Durch seine Erfahrung als Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie fließen Präzision und Beobachtungsgabe in die Charakterisierung seiner Figuren und die Gestaltung der Erzählung ein.
Welche Rolle spielt die Vermischung von Realität und Imagination?
Sie ist ein bewusstes Mittel, um den Leser zu irritieren und zu verdeutlichen, wie literarische Gebilde aus der Assoziation von Erlebtem und Fiktion entstehen.
- Arbeit zitieren
- Xenia Hering (Autor:in), 2010, "Reine Kunst" - Ästhetische Selbstreferentialität in Paulus Hochgatterers "Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169163