Die Akte Kunduz

Der Luftangriff auf zwei Tanklaster am 4. September 2009 nahe der afghanischen Stadt Kunduz


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Vorwort

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Die„Dichte Beschreibung"
2.2 Analyse nach Clausewitz

3. Ein Vorfall, zwei Versionen

4. Offensive oder defensive Taktik?

5. Die Afghanen als aufierer Einflussfaktor auf den politischen Zweck

6. Der Kontext fur die amerikanische Kritik

7. Schlussbetrachtung

8. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

,,Eine Untersuchung stellt einen Fortschritt dar, wenn sie tiefer eindringt”, Clifford Geertz1

Uber den militarischen Vorfall, bei dem am 4. September 2009 ein Bundeswehroberst im afghanischen Kunduz einen folgenschweren Befehl fur einen gezielten Bombenabwurf auf zwei entfuhrte Tanklaster gab, bei dem zahlreiche Menschen getotet wurden, ist von den Verantwortlichen und ihren Gegenspielern viel gesagt, und von den Medien noch um ein weiteres mehr berichtete worden. Ein Dschungel aus Wahrheiten, Halbwahrheiten, Aussparungen - kurz Stuckwerk, mal mehr mal weniger vollstandig, ist entstanden. Immer wieder wurden dabei Fragen nach dem korrektem oder regelkonformen Verhalten, ja selbst nach der Verhaltnismafiigkeit gestellt, ohne dass die Autoren ihren Lesern verlassliche Instrumente und Mafistabe fur solche Urteile in die Hand zu geben gedachten.

Als Beitrag fur einen sachgemafien wissenschaftlichen Diskurs setzt sich der Autor dieser Arbeit deshalb das Ziel, neben dem Ereignisverlauf des Vorfalls das eigentlich Problematische, das daraus fur die verschiedenen involvierten Parteien entstand, mithilfe der Methode der „dichten Beschreibung“ von Clifford Geertz darzustellen. Eine all umfassende Chronik kann hier jedoch aufgrund der Kurze nicht erfolgen.2 Deshalb sollen die Analyseschwerpunkte auf den Beweggrunden Oberst Kleins, der Kommunikation des Vorfalls gegenuber der Offentlichkeit, der amerikanische Kritik und den afghanischen Reaktionen und Erwartungen als konstituierende Rahmenbedingung, liegen.

Um dabei nicht nur auf schwammige Begriffe wie „Handlungsgrund“ oder „Entscheidungsgrundlage“ bauen zu mussen, stutzt sich der Autor in seiner Analyse auf die Ausfuhrungen und Denkmethode des deutschen Theoretikers Carl von Clausewitz und dessen Hauptwerk „Vom Kriege“. Da jedoch eine detaillierte Erlauterung von Geertz' Ansatz, geschweige denn von Clausewitz' Grundbegrifflichkeiten den Rahmen dieser Arbeit sprengen wurden, sollten die theoretischen Abhandlungen in den beiden folgen Kapitel lediglich als grobe Einfuhrung verstanden werden. Bei weiterem Interesse sei auf bestehende Literatur verwiesen.3

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Die „Dichte Beschreibung“ - eine ethnologische Methode als Grundlage fur politikwissenschaftliche Arbeiten

Um Irritationen zu vermeiden: Clifford Geertz hat seine Ausfuhrungen uber die ,,Dichte Beschreibung“ unter dem Gesichtspunkt seines originaren Tatigkeitsfeldes, der Ethnografie, niedergeschrieben. Daran soil sich der Leser aber nicht weiter storen, da sich seine Erkenntnisse, wie wir sehen werden, vortrefflich auf den Bereich der politikwissenschaftlich Analyse ubertragen lassen.

Die Untersuchung einer Kultur, zu der hier als Teilaspekt und Manifestation auch der Abwurf von Bomben zur Konfliktbeendigung zahlen soll, ist fur Geertz keine experimentelle Wissenschaft, die gut daran tate nach Gesetzen zu suchen, sondern eine interpretierende, die nach Bedeutungen von und Erklarungen fur gesellschaftliche Ausdrucksformen sucht.4 Der Analyst muss sich zudem bewusst sein, ,,dass alles, was wir als unsere Daten bezeichnen in Wirklichkeit unsere Auslegungen davon sind, wie andere Menschen ihr eigenes Tun und das ihrer Mitmenschen auslegen“.5

Der Ethnograph - und wie ich glaube, auch der Politikwissenschaftler - hat es laut Geertz am Anfang der Untersuchung oft mit einer ,,Vielfalt komplexer, oft ubereinandergelagerter oder ineinander verwobener Vorstellungsstrukturen“ zutun, „die er zunachst einmal irgendwie fassen muss“.6 Der Prozess der Analyse ist fur ihn also das Herausarbeiten von Bedeutungsstrukturen, wobei man vorrangig damit zu beginnen hat, die unterschiedlichen Interpretationsrahmen einer Situationen zu unterscheiden, um dann zum Nachweis uberzugehen, wie und warum ihr Nebeneinanderbestehen in der untersuchten Situation zu einem Problemfall fuhrten.7

Die Frage, die man sich also bei der Analyse der „Kunduz-Affare“ stellen muss, ist: Was wird durch und mit den Handlungen der Involvierten, den anschliefienden Kommentaren und Verurteilungen eigentlich gesagt? Hier sieht Geertz aber auch das grofite Potenzial fur Fehler:

„Was [...] am meisten daran hindert zu verstehen, was die Leute tun, ist weniger die Unkenntnis daruber, wie Erkennen vor sich geht, [...] als ein Mangel an Vertrautheit mit der Vorstellungswelt, innerhalb derer ihre Handlungen Zeichen sind“.8

Im Geiste besteht hier eine Verbindung mit unserem zweiten Theoretiker: Die Zeichen, von denen Geertz spricht - man konnte sie auch Mittel nennen -, richtig zu deuten und anhand ihrer Aufschluss uber die Ziele und Zwecke einer Handlung zu erhalten, ist auch der Kern von Clausewitz Denkweise. Der Unterschied zwischen beiden besteht lediglich darin, dass Gertz nicht vom Krieg spricht, sondern davon, den Bogen eines sozialen Diskurses nachzuzeichnen und ihn in einer nachvollziehbaren Form festzuhalten.9

Um es abschliefiend zu konkretisieren: Eine gelungene ,,dichte Beschreibung“ sollte daher drei wesentliche Merkmale besitzen: Sie muss deutend sein; das, was sie deutet, muss der Ablauf des sozialen Diskurses sein; und das eigentliche Deuten muss darin bestehen, das gesagte eines solchen Diskurses dem verganglichen Augenblick zu entreifien. Zusammengefasst heifit dies, dass die nachfolgende deskriptive Aufarbeitung ihrer Natur nach mikroskopisch sein muss, da bereits geringfugige Veranderungen in der Wahrnehmung oder Schilderung von Tatsachen, wie wir am konkreten Fall des Kunduz-Bombardements sehen werden, ungeahnte Folgen haben konnen.10

2.2 Analyse nach Clausewitz

Clausewitz verwendet in seinem Theoriekonstrukt einen hohen Abstraktionsgrad, was die Anwendung seiner Analysemethode auch auf das Kunduz-Bombardement moglich macht. Sie sei hier kurz skizziert:

Die Grundaussage von Clausewitz ist, dass Kriege wandelbar sind und dass strategische Prinzipien und strategische Mittel in unterschiedlichen Umwelten, also Rahmenbedingungen, unterschiedliche Wirkungen entfalten.11 Er definiert den eigentlichen Zweck des Krieges, ganz allgemein darin, dem Gegner seinen eigenen Willen aufzuzwingen. Um diesen Zweck ganz allgemein und in allen denkbaren Fallen zu erreichen, bleibt nur ein Kriegsziel: die Wehrlosigkeit des Gegners. Ist er zu keinem Widerstand mehr fahig, wird er jede Forderung erfullen.12 Das Mittel im Krieg ist die „physische Gewalt“13 . Nach Rasmus Beckmann lasst sich dieser „Krieg“ bei Clausewitz sinnvoll in zwei Kriegsmodelle einteilen: zum einen in den hoch abstrakten „Reagenzglaskrieg“ (Modell I) und zum anderen in den um realistischere Annahmen erweiterten „politischen Krieg“ (Modell II).14

In Modell I gibt es nur zwei Kriegsparteien, die als einheitliche Akteure (sogenannte black boxes) modelliert werden, kein vorher und kein nachher des Krieges und auch keinen Raum, auf dem er sich ausdehnen konnte. Die gesamte Handlung ist daruber hinaus auf einen kurzen Zeitraum zusammengedrangt, sodass immer derjenige einen Vorteil bekommt, der die Gewalt schonungsloser einsetz, als sein Gegenuber.15 Hass und Unsicherheit uber das Verhalten des Feindes tragen in entscheidender Weise zur Eskalation im Krieg bei. Da man nie weifi, welche Ziele sich der Gegner setzt und welche Mittel er anzuwenden bereit ist, muss aus diesem Grund ein jeder selbst seine Anstrengungen erhohen. Maximale Gewalt, Ziele und Mittel haben in letzter Konsequenz einen Vernichtungskrieg zur Folge.16 Da das Reagenzglasmodell aber nur in der Theorie existiert, fuhren die Faktoren Raum und Zeit sowie die interne Organisation der konkurrierenden Parteien dazu, dass der Krieg in der Praxis in mehrere einzelne Kampfhandlungen zerfallt.17 Clausewitz unterscheidet den politischen Zweck und die militarischen Ziele des Krieges. Es entstehen Taktik und Strategie.18 Erstere beschaftigt sich mit der Fuhrung der einzelnen Gefechte, und Letztere mit der Koordination der einzelnen Kampfhandlungen zur Erreichung des endgultigen politischen Zwecks.19 Dem taktischen Kommandeur obliegt es dabei, die vorgegebenen politischen Gefechtszwecke in konkrete taktische Ziele und Mittel umzuwandeln.20 Kurz: Es herrscht eine hierarchische Beziehung, die am oberen Ende durch den aufienpolitischen Zweck und am unteren durch die taktische Umsetzung desselben begrenzt wird. Wenn der politische Zweck nun aber zur zentralen, variablen Bestimmungsgrofie fur das Handeln der Kriegsparteien wird, dann konnen selbst Gewinne auf der militarischen Ebene durchaus Verluste auf der politischen Ebene nach sich ziehen oder umgekehrt.

Die Zerlegung des Beobachtbaren, in Mittel, Ziele und Zwecke ermoglicht uns nun aber auch, folgt man Clausewitz, auf umgekehrte Weise eine Analyse von vergangenen Ereignissen: Uber die konkret erfassbaren taktischen Mittel konnen Ruckschlusse auf die Ziele gemacht werden, die dann auf der nachsthoheren Strategieebene die strategischen Mittel bilden, usw. Das Ziel ist hierbei, Aussagen uber die mutmafilich verfolgten politischen Zwecke treffen zu konnen. Die Genauigkeit der Ruckschlusse erhoht sich durch die Analyse der inneren und auBeren Rahmenbedingungen des Handelns der Akteure, da diese die Bandbreite der erwartbaren Ziele und Zwecke eingrenzen.21

Clausewitz schreibt hierzu: „Man fangt keinen Krieg an, oder man sollte vemunftigerweise keinen anfangen, ohne sich zu sagen, was man mit und was man in demselben erreichen will,22 das Erstere ist der Zweck, das andere das Ziel“. Ob die Erreichung eines Kriegsziels auch tatsachlich den gewunschten politischen Zustand nach sich zieht, hangt von den Rahmenbedingungen ab.

Dieser Umkehrung der Methode sind allerdings auch Grenzen gesetzt. Der Grund hierfur findet sich in plausibler Form im bereits erwahnten Aufsatz von Clifford Geertz, in dem er davon ausgeht, dass „die Untersuchung von Kultur ist ihrem Wesen nach unvollstandig [bleiben muss]. Und mehr noch, je tiefer sie geht, desto unvollstandiger wird sie“.23 Und so sollte man es auch mit der Analyse anhand der Trias „Mittel-Ziel-Zweck“ nehmen. Wahrend taktische Mittel und Ziele, vielleicht auch ihr Zweck meist noch klar identifizierbar sind, wird eine Schlussfolgerung auf die tatsachlichen Ziele und Zwecke auf den nachsthoher gelegenen Ebenen der Strategie und AuBenpolitik alleine aufgrund von Handlungen und Aussagen zunehmend unsicher und spekulativ. Nach Geertz besteht die Hauptleistung einer Analyse deshalb darin, Vermutungen uber Bedeutungen anzustellen, diese Vermutungen zu bewerten und aus den besseren Vermutungen erklarende Schlusse zu ziehen.24 Dies soll der MaBstab fur die folgende Untersuchung sein.

3. Ein Vorfall, zwei Versionen

Bereits wenige Stunden nach dem Bekanntwerden der Verwicklung der Bundeswehr in den Bombenabwurf nahe Kunduz am 4. September 2009, kursierten in den deutschen Medien die von Verteidigungsstaatssekretar Thomas Kossendey verbreitete Version, dass die Bundeswehr die Luftunterstutzung angefordert hatte, um ein Selbstmordattentat mit den beiden entfuhrten Tanklastern zu verhindern.25 Aus Sicht der militarisch Verantwortlichen im Bundeswehrcamp Kunduz sei hochste Gefahr im Verzug gewesen, daher habe man so reagieren mussen. Der Bombenabwurf auf die Tanklaster und die Menschen kam in den ersten Darstellungen also der Status einer Notwehrhandlung zu. Der Schutz von Zivilisten hatte bei Bundeswehr Operationen immer oberste Prioritat und ,,Unbeteiligte sind nach derzeitigem Kenntnisstand nicht zu Schaden gekommen“, hiefi es in den ersten Statements aus dem Verteidigungsministerium.26 Auch an einer Betonung der eigenen Fahigkeiten war man interessiert: Insgesamt seien „die vor Ort eingesetzten Krafte bestens ausgebildet und bestens im Bilde, was sie durfen und was sie nicht durfen“. Oberst Georg Kleins zweiseitiger interner Stellungnahme fur das Einsatzfuhrungskommando ist Folgendes zu entnehmen:

„Am 4. September um 1.51 Uhr entschloss ich mich, zwei am Abend des 3. September auf der LOC Pluto durch Aufstandische entfuhrte Tanklastwagen sowie die an den Fahrzeugen befindlichen Insurgents durch den Einsatz von Luftstreitkraften zu vernichten. [...]. [Ich habe] „lange um die Entscheidung zum Einsatz gerungen, um Kollateralschaden und zivile Opfer nach bestem Wissen und Gewissen auszuschliefien“. [...] Ich gab letztendlich den Befehl zum Einsatz der Bomben, weil [...] ich nach allen mir zum Zeitpunkt des Waffeneinsatzes zur Verfugung stehenden Informationen davon ausgehen konnte, [...] eine Gefahr fur meine anvertrauten Soldaten fruhzeitig abwenden zu konnen und andererseits mit hochster Wahrscheinlichkeit dabei nur Feinde des Wiederaufbaus Afghanistans zu treffen.“27

Die von der Nato und deutschen Feldjagern gefuhrten Untersuchungen und Protokolle ergeben aber durchaus ein abweichendes Bild dieser ersten Version: Die zwei Mercedes- Benz-Tanklaster der Kabuler Transportfirma Mir Bacha Kot wurden zwar am 3. September gegen Mittag auf ihrem Weg von der tadschikischen Grenze in die afghanische Hauptstadt, wo die Fahrer ihre Ladung beim Nato-Logistikpartner Supreme abliefern sollten, von bewaffneten Aufstandischen gestoppt.28 Von Angor Bagh, wo der Uberfall stattfand, bewegen sich die Laster nun aber nicht, wie es die ersten Stellungnahmen vermuten liefien, gezielt in Richtung Kunduz Camp, sondern nach Chahar Darreh, was sich in entgegengesetzter Fahrrichtung befindet. Beim Dorf Omar Kehl, knapp 28 Minuten Fahrtzeit vom deutschen Lager entfernt, erreichen die Entfuhrer um 14.30 Uhr den Fluss Kunduz. Bei der Durchquerung der dortigen Furt sinken die beiden Laster jedoch ein. Es vergehen mehrere Stunden bis gegen 18 Uhr ein lokaler Anfuhrer der Aufstandischen, einige Quellen sprechen von Abdul Rahman, den Ort erreicht, die Lage analysiert und dann das weitere Vorgehen anweist.29 Laut der Aussage des Fahrers Abdul Malek, durften die Taliban nun „Freunde und Bekannte“30 aus den umliegenden Dorfern anrufen, um das Benzin zu verteilen. Dies scheint, mit einem Blick auf die ethnische Zusammensetzung der betroffenen Gegend nachvollziehbar, da die Taliban ihre Unterstutzer vor allem unter der paschtunischen Bevolkerung haben und der Raum um Kunduz eine paschtunische Enklave darstellt.31 Andere Quellen berichten auch, dass die Taliban zu den nahe gelegenen Ortschaften gegangen seien und die Leute aus einer Moschee heraus mit Waffengewalt zum Arbeitseinsatz gezwungen hatten.32

Ungefahr gegen 20 Uhr gehen im Bundeswehr-Lager die ersten Hinweise auf die Entfuhrung der beiden Tanklaster ein. Ein afghanischer Informant meldet sich per Handy im Gefechtsstand der Task Force 47, einem abgeschotteten Bereich innerhalb des Feldlagers, in dem anteilig auch das Kommando Spezial Krafte operiert.33 Daraufhin ubernimmt der Fliegerleitoffizier Oberfeldwebel Wilhelm, mit dem Rufnamen „Red Baron 20“, die Anleitung eines US-amerikanischen B-1 Bombers zur Suche nach den verschwundenen Tanklastern.34 Da die Wetterlage uber Afghanistan in diesen Stunden gunstig ist,35 kommt es um 23.14 Uhr zur Aufklarung der gesuchten Laster in deren Umfeld die US-Piloten siebzig Aufstandische, von denen ein Grofiteil bewaffnet ist, identifizieren.36 Daraufhin wird Oberst Klein, der sich bis zu diesem Zeitpunkt in seinem Ruhequartier befand, fur den weiteren Ablauf hinzugezogen. Doch ein Angriff scheint nicht mehr realisierbar: Der Bl-Bomber muss auftanken und dreht ab.37 Um ein weiteres Mal amerikanische Luftunterstutzung zur Sandbank beordern zu konnen, musste sich Oberst Klein jetzt einer Unwahrheit bedienen: Er meldet der Nato-Luftzentrale als notwendige Rechtfertigung auf Nachfrage eine TIC- Situation (troops in contact) - die eigenen Truppen hatten Feindberuhrung und brauchten Unterstutzung.38 Daraufhin losen zwei F-15 Jets den Bl-Bomber ab.

Die erste Anweisung des deutschen Fliegerleitoffiziers an die Piloten lautet, eine Runde uber dem Zielgebiet zu drehen und sich auf den Abwurf von Bomben vorbereiten.39 Einer der Piloten - ,,Dude 15“ - schlagt vor, im Tiefflug uber die Szene zu fliegen, eine "show of force" aufzufuhren, damit Unbeteiligte davonlaufen. Red Baron verneint dies. Er weist die F-15 stattdessen an, sich zu „verstecken“. Auch ihre Fragen, ob eine akute Bedrohung, ein sogenannter „imminent threat“, vorliege und die eigenen Truppen Feindberuhrung hatten, lasst der Oberst mehrfach durch seinen Fliegerleitoffizier mit einem knappen „confhmed“ bestatigen.40 Was folgt ist eine Art Verhandlungsdialog zwischen den US-Piloten und dem deutschen Fliegerleitoffizier uber die Anzahl der Bomben, ihre Starke und ob auf die Tanklaster oder die Sandbank gezielt werden soll. Als die Piloten sich um 1.29 Uhr immer noch zieren, funkt Red Baron, dass das Ziel jetzt „time sensitive sei. Um 1.32 Uhr erfolgt etwas Offenbarendes: Als Dude 15 noch einmal nachfragt, ob es Red Baron um die Fahrzeuge gehe oder um die Leute antwortet dieser: Es gehe darum, „die Leute auszuschalten44, ,,to take out the people41 Wenige Minuten vorher hatte es noch geheifien, „die Fahrzeuge und einige Individuen“ auszuschalten. Die F-15 Crew bietet noch weitere drei Mal an, eine Show of Force zu versuchen, Red Barons Antwort bleibt jedoch weiterhin negativ. Er ubermittelt den Befehl, direkt und ohne Vorwarnung anzugreifen (,,I want you to strike directly“).42

Um 1.46 Uhr setzt der deutsche Fliegerleitoffizier den entscheidenden Funkspruch ab. Er sagt: „Ja, diese Leute stellen eine akute Bedrohung dar. Diese Aufstandischen versuchen, den Kraftstoff aus den Tanklastern zu bekommen, und danach werden sie sich neu formieren, und wir haben Erkenntnisse uber laufende Operationen und daruber, dass sie vermutlich Camp Kunduz angreifen werden“43 Den Piloten des F-15-Kampfflugzeuges erscheint diese Aussage plausibel. Die Antwort befriedigt sie. Sie melden, dass der Angriff in zwei Minuten erfolgen werde. Um 1.48 Uhr werden zwei 500 Pfund Lenk-Bomben vom Typ GBU-38 abgeworfen.44 Ein knappe halbe Stunde spater uberfliegen die beiden F-15 erneut den Tatort und melden nach erster Schatzung 56 Tote. Weitere 14 Personen wurden in Richtung Norden fliehen.45 Im Morgengrauen treffen afghanische Sicherheitskrafte am Ort des Geschehens ein, die Deutschen aus Camp Kunduz jedoch erst um 12.34 Uhr. Leichen konnen aber keine mehr gefunden werden, da die Dorfbewohner sie bereits abtransportiert und begraben haben.

Die Befragungen durch den Feldjagertrupp ergeben, dass es keine zeitnahen Mafinahmen gab, den Ort des Vorfalls einem nachhaltigen BDA (Battle Damage Assessment) zu unterziehen. Dies ware jedoch gemafi gultiger HQ-ISAF und HQ RC-Vorgaben grundsatzlich innerhalb von zwei Stunden nach dem Ereignis zu veranlassen gewesen. Durch dieses Versaumnis seitens Oberst Klein kann heute nicht mehr nachvollzogen werden, ob und wie viele Personen sich am Ort des Geschehens vor Eintreffen der Einsatzkrafte befunden haben.46 Eine letztgultige Anzahl der Toten ist bis heute durch keine der verschiedenen Quelle mit absoluter Sicherheit belegt worden. Im ISAF-Untersuchungsbericht werden die vermuteten Opferzahlen jedoch erstmals offiziell bestatigt: Von mehr als hundert Toten ist die Rede, darunter 60 bis 80 Taliban-Kampfer und 30 bis 40 getotete oder verletzte Zivilisten.47

[...]


1 Geertz: Dichte Beschreibung, S. 36.

2 Eine minutiose journalistische Darstellung mit Kenntnisstand bis zum 1.2.2010 erfolgte im "Spiegel" 05/2010.

3 Zum umfassenden Einstieg in Clausewitz' Begrifflichkeiten empfiehlt sich neben Beatrice Heusers Buch "Clausewitz lesen! Eine Einfuhrung" auch Rasmus Beckmanns Aufsatz "Clausewitz, Terrorismus und die NATO-Antiterrorstrategie: Ein Modell strategischen Handels".

4 Vgl. Geertz, S.9.

5 Vgl. ebd., S.14.

6 Ebd., S.15.

7 Vgl., ebd.

8 Ebd., S.19.

9 Vgl. Geertz, S.28.

10 Vgl. ebd., S.34.

11 Vgl. Beckmann, S.8.

12 Vgl. Clausewitz, 47f.

13 Clausewitz, S.28.

14 Vgl. Beckmann, S.3.

15 Vgl. Beckmann, S.10.

16 Vgl. ebd., S.11ff.

17 Vgl. Clausewitz, S.32ff.

18 Vgl. Clausewitz, S.92f.

19 Vgl. ebd., S.112f.

20 Vgl. ebd.

21 Vgl. Beckmann, S.28.

22 Clausewitz, S.651.

23 Geertz, S.41.

24 Vgl. ebd., S.30.

25 Vgl. dpa/ddp/Reuters/AP: Bundeswehr wollte mit Luftangriff Selbstmordattentat verhindern. (URL)

26 Vgl. hen/anr/dpa/Reuters/AFP/ddp: Uno fordert Ermittlungen zu Luftangriff auf Tanklaster. (URL)

27 Anonymus: Oberst Klein rechtfertigt Luftangriff von Kundus. (URL)

28 Vgl. Demmer et al.: Ein deutsches Verbrechen, S. 37. In: Der Spiegel 05/2010.

29 Vgl. ebd., S. 38.

30 Najafizada: „Es sah aus, als ob die Erde Feuer spuckt“. (URL)

31 Vgl. U.S. Central Intelligence Agency: Ethnolinguistic Groups in Afghanistan. (URL)

32 Brenner: Untersuchungsbericht zum „Close Air Support KUNDUZ“ vom 04.09.2009, S.4.

33 Vgl. Friederichs: Was uber die Kundus-Affare bisher bekannt ist. (URL)

34 Vgl. Brenner: Untersuchungsbericht zum "Close Air Support KUNDUZ" vom 04.09.2009, S. 36.

35 Demmer et al., S. 41.

36 Ebd.

37 Vgl. Lohse: Kriegsahnliche Zustande in Kundus und Berlin. (URL)

38 Vgl. Kornelius: Er hat die Menschen als Ziel, nicht die Fahrzeuge. (URL)

39 Demmer et al., S.43.

40 Anonymus: Deutscher Oberst beging offenbar schwere Fehler. (URL)

41 Demmer et al., S.44.

42 Vgl. Demmer et al., S.44.

43 Vgl. Ebd.

44 Vgl. Brenner, S.2.

45 Vgl. ebd., S.3.

46 Vgl. ebd., S.4.

47 Vgl. Kornelius: Bundeswehr wollte Taliban toten. (URL)

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Akte Kunduz
Untertitel
Der Luftangriff auf zwei Tanklaster am 4. September 2009 nahe der afghanischen Stadt Kunduz
Hochschule
Universität zu Köln  (Forschungsinstitut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Clausewitz und Analyse Internationaler Politik: Die Bundeswehr in Afghanistan
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
28
Katalognummer
V169181
ISBN (eBook)
9783640873524
ISBN (Buch)
9783640873012
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bundeswehr, Kunduz, Bombardement, Oberst Klein, Afghanistan, McChrystal, Schneiderhahn, Guttenberg, Clausewitz, Clifford Geertz
Arbeit zitieren
Martin Boldt (Autor), 2010, Die Akte Kunduz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169181

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