Die zweifelhafte Liebesgeschichte zwischen Hamlet und Ophelia und ihre Auswirkungen auf diverse Hamlet-Verfilmungen


Seminararbeit, 2010

24 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Hamlets zweifelhafte Liebe zu Ophelia

2.Der weibliche Hamlet bei Svend Gade

3.Der ödipale Hamlet bei Laurence Olivier

4.Die ödipale Fortsetzung bei Franco Zeffirelli

5.Der sexualisierte Hamlet bei Kenneth Branagh

6.Laertes als der größere Liebhaber wie Hamlet bei Michael Almereyda

7.Die Liebe in Shakespeares Hamlet als Rahmenhandlung

Literaturverzeichnis

1.Hamlets zweifelhafte Liebe zu Ophelia

William Shakespeares Stück „Hamlet“ ist wohl nicht nur eines seiner umstrittensten Werke, sondern eines der umstrittensten Werke in der gesamten Literatur überhaupt. Dies hat zur Folge, dass insbesondere Hamlets Charakter als rätselhaft gilt und es zahlreiche Debatten über die Person dieser Figur gegeben hat. Dennoch wird es in dieser Arbeit um Hamlets Charakter nur bedingt gehen, vielmehr setzen sich die folgenden Seiten mit dem Liebespaar Hamlet und Ophelia auseinander. Oder wenn man es konkret ausdrücken will: mit dem „Nicht-Liebespaar“. Ich werde im Folgenden analysieren, inwiefern die Liebe zwischen Hamlet und Ophelia anzuzweifeln ist, da sie hochgradig einseitig – von Seiten Ophelias – zu sein scheint und inwiefern diese Tatsache – die sich bereits im geschriebenen Werk Shakespeares selbst finden lässt – Auswirkungen auf sämtliche „Hamlet“-Verfilmungen zeigt.

Im Endeffekt bedeutet das, ich beginne mit einer bloßen Textanalyse, welche sich ausschließlich auf Hamlets Beziehung zu Ophelia konzentriert, und werde mich anschließend mit einigen Filmbeispielen beschäftigen, welche ich der Einfachheit chronologisch angesetzt habe. Es existieren verschiedene Arten von Hamlet-Adaptionen und dennoch machen sie alle deutlich, dass die Liebesgeschichte in Shakespeares besagtem Text ziemlich vernachlässigt wird. Bei den einzelnen Szenen werde ich hauptsächlich die Zeichenerklärung des amerikanischen Semiotikers Charles Morris anwenden, welche von Erika Fischer-Lichte präzise und einfach erläutert wird.[1] Dafür bieten sich insbesondere die Kinesischen Zeichen an, welche sich in die mimischen, die proxemischen und die gestischen Zeichen unterteilen. Jeweils werden hier die Gesichtsbewegungen, die Bewegungen des Körpers und die Bewegung der Extremitäten untersucht. Da es mir am sinnvollsten erscheint, bei den einzelnen Szenen die selbe Untersuchungsebene der Zeichen zu gebrauchen, um den Vergleich plastischer herauszuarbeiten, werde ich mich insbesondere auf die gestischen Zeichen stützen. Doch dazu später mehr.

Vorab wird nun das Verhältnis Hamlets zu Ophelia am Drama analysiert. (An dieser Stelle sollte kurz erwähnt werden, dass ich mit „Hamlet“ und „Ophelia“ lediglich die Figuren in dem jeweiligen Stück meine.)

Bereits rein formale Hinweise sprechen für sich. Die deutsche Übersetzung von August Wilhelm Schlegel beinhaltet exakt hundertzweiunddreißig Seiten an geschriebenem Text, wovon lediglich auf zwölf Seiten sowohl Hamlet, als auch Ophelia vorhanden sind. Und dabei darf man nicht vergessen, dass die Figur Ophelia auf drei dieser Seiten nicht mehr lebt.

Wenn man es sich also recht überlegt, gibt es in dem gesamten Stück nicht einmal zehn Seiten, auf denen Hamlet und Ophelia zusammen erscheinen. Eine andere formale Auffälligkeit zeigt sich im Zeitpunkt ihrer ersten gemeinsamen Szene. Die findet erst statt, nachdem die Hälfte des Stückes bereits gelaufen ist; nämlich im dritten Aufzug, wobei das Werk fünf Aufzüge beinhaltet.

Doch unabhängig von dieser rein formalen Deutlichkeit gibt es gewissermaßen drei Szenen, in welchen die Figuren Hamlet und Ophelia – beziehungsweise der Körper der Figur Ophelia – vorhanden sind. Die erste findet, wie gesagt, in der ersten Szene im dritten Aufzug statt und handelt davon, dass Ophelia dem Prinzen Hamlet diverse Andenken zurückgeben will, wissentlich, dass sie von ihrem Vater Polonius und dem König Claudius heimlich beobachtet werden, welche die Absicht haben, herauszufinden, ob Hamlets Wahnsinn mit der Liebe zu Ophelia zusammenhängt.[2] Im vorangegangenen Stück wurde einige Male erwähnt, dass Hamlet Ophelia bereits des Öfteren Liebesbriefe geschrieben oder ihr seine Zuneigung auf andere Art zum Ausdruck gebracht hat. Es darf allerdings nicht missachtet werden, dass derlei Auskünfte ausschließlich auf Ophelia zurückzuführen sind. Doch auf Ophelias Bitte, die erwähnten Angedenken wieder an sich zu nehmen, erfolgt von Hamlet lediglich die Antwort: „Ich gab euch niemals was.“[3] Auch die Aussage, dass er Ophelia einst liebte, zieht er bereits in seinem nächsten Satz zurück und meint unerbittlich, sie hätte ihm damals nicht glauben sollen.[4] Es bleibt unklar, ob Hamlet die heimlichen Beobachter registriert hat, jedoch spricht er davon, dass Ophelia sich ein anderes Gesicht macht, als Gott ihr gegeben hätte, was wohl auf Heuchelei hinauslaufen soll; parallel dazu meint er, ihr Vater solle lieber nur in seinem eigenen Haus den Narren spielen.[5] Bevor Hamlet sich von Ophelia schließlich entfernt, kündigt er an, dass er „nichts mehr von Heiraten wissen (wolle)“[6] und rät ihr, „in ein Kloster“[7] zu gehen. Worin auch immer der Grund für Hamlets Verhalten liegen mag, Ophelia wird ganz eindeutig von ihm zurückgewiesen.

Zuerst wird von seiner Seite her abgestritten, Ophelia jemals überhaupt etwas gegeben zu haben, anschließend behauptet, dies seien gewissermaßen Mittel gewesen, um ihr lediglich vorzutäuschen, er empfinde etwas für sie. Auch wenn dies alles Lügen von Hamlet sein mögen, so lassen sie keinen besonders positiven ersten gemeinsamen Auftritt eines Liebespaares entstehen.

Immer noch im dritten Aufzug, jedoch in der zweiten Szene lässt sich der zweite Auftritt des angeblichen Liebespaares finden. Die Aufforderung seiner Mutter, der Königin Gertrude, sich an ihrer Seite das Theaterstück anzusehen, weist Hamlet zurück, indem er Ophelia als den „stärkeren Magneten“ bezeichnet.[8] Doch die Tatsache, dass er an ihrer Seite weilt, wird im Folgenden durch sein restliches Verhalten an positiver Einstellung ihr gegenüber entwertet. Mit Anspielungen wie, ob er in ihrem Schoß liegen solle oder dass sie zu stöhnen haben würde, ehe sie seine Spitze abgestumpft hätte[9], wird Ophelia gewissermaßen durch Hamlet sexuell gedemütigt. Sein Mangel an Höflichkeit drückt Respektlosigkeit aus oder zumindest den Wunsch, Ophelia zu ärgern. Und dennoch liegt seine Hauptaufmerksamkeit nicht auf seiner schönen Sitznachbarin, sondern weitaus mehr auf dem Königspaar. Äußerungen wie diejenigen, dass seine Mutter fröhlich aussehe, obwohl sein Vater sozusagen gerade erst verstorben war, oder dass Frauenliebe allgemein kurz sei[10], richten sich kaum an Ophelia, sondern vielmehr an die Königin. Ophelia scheint in diesem Moment nicht interessant für Hamlet zu sein, sie wird lediglich zur Zuhörerin degradiert, deren Aufgabe es ist, Hamlets provozierende Aussagen gegenüber seiner Mutter entgegen zu nehmen. Und sobald das Theaterstück im Text begonnen hat, richtet Hamlet sämtliche Aufmerksamkeit auf die Reaktion des Königs, wie der Leser seinen Gesprächen mit Horatio entnehmen kann.[11]

Im weiteren Verlauf des Stückes trifft Hamlet kein einziges Mal mehr auf die lebende Ophelia, dennoch ist auch sein Verhalten in Anbetracht ihres Todes wesentlich für die These, seine Liebe müsse man anzweifeln.

In der ersten Szene des fünften Aufzuges erfährt Hamlet nun, dass Ophelia beerdigt worden sei. Reaktionen seinerseits zeigen sich allerdings erst, nachdem ihr Bruder Laertes vor Trauer ins Grab springt, nämlich indem er es diesem gleichtut.[12]

Nicht nur diese Tat erweckt den Anschein, Laertes lediglich übertreffen zu wollen, sondern auch seine Ankündigung, alles, was Laertes aus Trauer um Ophelia tun könnte, „weinen (…), fechten (…), fasten (…), (sich) zerreißen (…), Essig trinken (…), Krokodile essen (…)“[13], er ebenso tun würde. Das Ringen ihrer Körper setzt Hamlet in seiner Trauer um die verstorbene Ophelia fort, so ist er doch der festen Ansicht gegenüber Laertes: „Ich kann’s so gut wie du.“[14] Dies alles spricht weniger für tiefes Trauern, als vielmehr für den allgemeinen Drang, sich mit Laertes messen zu wollen. Bezeichnend ist auch, dass Hamlet im weiter laufenden Stück kein einziges Wort mehr über Ophelia verlauten lässt. Selbst wenn damit nicht bewiesen ist, dass Hamlet keinerlei Gefühle für Ophelia hegt, so zeigt sich doch deutlich, dass seine Liebe auf jeden Fall anzuzweifeln ist.

Im Folgenden werde ich nun die Film-Beispiele aufführen und aufweisen, inwiefern die Inszenierung gegen einen in Ophelia verliebten Hamlet umgesetzt wurde. Dabei bleibt zu beachten, dass nicht die Filme selbst ein grundlegender Beweis für die Unsicherheit von Hamlets Liebe darstellen, sondern die Umsetzung zeigt, dass die Erzählung die genannten Lücken aufweist, welche problemlos mit einem eigenen Narrativ vervollständigt werden können.

2.Der weibliche Hamlet bei Svend Gade

Es existiert dem Anschein nach eine Sage aus dem zwölften Jahrhundert in Norwegen, über welche Edward E. Vining das Buch „The Mystery of Hamlet. An Attempt to Solve an Old Problem“ geschrieben hat.[15] Laut dem Text wäre Hamlet kein Mann, sondern eine Frau, die gezwungen ist, sich für einen Mann auszugeben.

Mehr von dieser Idee ausgehend, als von Shakespeares Stück brachten Svend Gade und Heinz Schall im Jahr 1921 eine Hamlet-Verfilmung heraus, welche als größter „Kassenerfolg jenes Jahres in Deutschland und (…) (als erster deutscher) Filmerfolg nach dem ersten Weltkrieg in den USA“[16] gefeiert wurde.

Die Dramaturgie setzt inhaltlich an den Anfang eine Feldschlacht, in welcher der dänische König verwundet wird und die übereilte Nachricht, er sei gefallen, veranlasst Gertrude dazu, aus ihrer soeben geborenen Tochter offiziell einen Sohn zu machen, um den Besitz der Herrschaft zu sichern.[17] Diese Fiktion wird auch mit der Heimkehr des Königs aufrecht erhalten und die Tochter als Prinz Hamlet aufgezogen. Abgesehen von dieser Änderung des Shakespeare-Textes, sind auch noch zahlreiche andere Abweichungen vom Stück vorhanden, wie zum Beispiel der gemeinsame Entschluss von Claudius und Gertrude, den König zu ermorden oder Hamlets Racheakt, bei welchem er die Halle in Brand steckt, wodurch Claudius in den Flammen zu Tode kommt. Nichtsdestotrotz „entsprechen wichtige Szenen dem Shakespeare-Text.“[18]

Nun war Asta Nielsen, welche die Titelrolle übernahm, zwar nicht die erste Frau, die Hamlet darstellte (dies war filmisch gesehen Sarah Bernhardt), jedoch die erste, die „als Frau eine Frau spielt(e), die sich als Mann verkleidet(e)“.[19] Interessant ist nicht nur Hamlets „Geschlechtsumwandlung“, sondern auch die Tatsache, die gewissermaßen damit einhergeht, dass Hamlet Horatio leidenschaftlich liebt. In bereits laufender Handlung erfährt der Zuschauer die Mitteilung „Hamlet vergeht vor Liebe zu Horatio“, was „als wichtiger dramaturgischer Bestandteil der Haupthandlung erhalten“[20] bleibt. Parallel dazu liebt Horatio allerdings Ophelia, die wiederum Hamlet liebt. Die ungleichmäßige Verteilung der Gefühle führt dazu, dass ein glücklicher Ausgang einer Liebesgeschichte zum Scheitern verurteilt ist. Die Begegnung zwischen Hamlet und Ophelia, welche auch in diesem Film von Polonius organisiert wurde, jedoch lediglich aus dem Grund, um „ihn auf andere Gedanken (…) zu bringen“[21], erklärt Hamlets seltsames Verhalten, indem seine Weiblichkeit und seine vergebene Liebe an Horatio Vorraussetzung des Inhalts sind. Da Hamlet das Treffen als arrangierte Begegnung erkennt, täuscht er/sie vorerst Interesse an Ophelia vor, wobei er sich hiermit lediglich „einen Scherz mit Polonius erlaubt“.[22] Auch folgende Verführungsversuche Hamlets gehen nicht auf ehrliche Gefühle gegenüber Ophelia gegenüber zurück, sondern dienen dem Entschluss, sie von Horatio fern zu halten.[23]

[...]


[1] Vgl. Fischer-Lichte, Erika: Semiotik des Theaters. Eine Einführung. Band 1. Das System der theatralischen Zeichen. Tübingen 1988, S.8

[2] vgl. Shakespeare, William: Hamlet. Stuttgart 1969, S.61

[3] Shakespeare, William: Hamlet. Stuttgart 1969, S.61

[4] vgl. Shakespeare, William: Hamlet. Stuttgart 1969, S.62

[5] vgl. Shakespeare, William: Hamlet. Stuttgart 1969, S.62

[6] Shakespeare, William: Hamlet. Stuttgart 1969, S.63

[7] Shakespeare, William: Hamlet. Stuttgart 1969, S.63

[8] vgl. Shakespeare, William: Hamlet. Stuttgart 1969, S.68

[9] vgl. Shakespeare, William: Hamlet. Stuttgart 1969, S.68/73

[10] vgl. Shakespeare, William: Hamlet. Stuttgart 1969, S.68/70

[11] vgl. Shakespeare, William: Hamlet. Stuttgart 1969, S.67/74

[12] vgl. Shakespeare, William: Hamlet. Stuttgart 1969, S.121

[13] Shakespeare, William: Hamlet. Stuttgart 1969, S.122

[14] Shakespeare, William: Hamlet. Stuttgart 1969, S.122

[15] vgl. Dahlke, Günther/Karl, Günter (Hg.): Deutsche Spielfilme von den Anfängen bis 1933. Ein Filmführer. Berlin 1988, S.50

[16] Dahlke, Günther/Karl, Günter (Hg.): Deutsche Spielfilme von den Anfängen bis 1933. Ein Filmführer. Berlin 1988, S.51

[17] vgl. Dahlke, Günther/Karl, Günter (Hg.): Deutsche Spielfilme von den Anfängen bis 1933. Ein Filmführer. Berlin 1988, S.50

[18] Dahlke, Günther/Karl, Günter (Hg.): Deutsche Spielfilme von den Anfängen bis 1933. Ein Filmführer. Berlin 1988, S.50

[19] Sunara, Nives: Immer wieder „Hamlet“. Trier 2004, S.17

[20] Sunara, Nives: Immer wieder „Hamlet“. Trier 2004, S.18

[21] Sunara, Nives: Immer wieder „Hamlet“. Trier 2004, S.26

[22] Sunara, Nives: Immer wieder „Hamlet“. Trier 2004, S.27

[23] vgl. Sunara, Nives: Immer wieder „Hamlet“. Trier 2004, S.27/28

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die zweifelhafte Liebesgeschichte zwischen Hamlet und Ophelia und ihre Auswirkungen auf diverse Hamlet-Verfilmungen
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar
Note
2,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V169199
ISBN (eBook)
9783640874255
ISBN (Buch)
9783640873920
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
liebesgeschichte, hamlet, ophelia, auswirkungen, hamlet-verfilmungen
Arbeit zitieren
Stefanie von Rossek (Autor), 2010, Die zweifelhafte Liebesgeschichte zwischen Hamlet und Ophelia und ihre Auswirkungen auf diverse Hamlet-Verfilmungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169199

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