Ich, Du und die ganze Welt

Der Dialog in den Medien


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Medienkommunikation – Massenmediale Gespräche
2.1 Seitigkeit von Kommunikation
2.2 Die Sehnsucht nach dem Dialog
2.3 Mediale Inszenierung
2.4 Zusammenfassung

3. Ich, Du und die ganze Welt: Dialoge in den Medien
3.1 Das Medium, mein Freund und Partner
3.2 „Alles, was Sie bisher nicht zu fragen wagten“
3.3 Mit Rat und Tat zur Seite
3.4 Zusammenfassung

4. Schluss

5. Literatur

1. Einleitung

„Der Prototyp des Dialogs ist für die meisten gegenwärtigen Forschungsrichtungen die spontane mündliche Wechselrede zwischen zwei Personen face-to-face.“ (Fritz/ Hundsnurscher 1994: 8) Von dem genannten Prototyp des Dialoges aus gehen allerdings vielfältige verwandte Formen des Dialoges wie beispielsweise der Mehrpersonendialog, die technisch über Entfernungen übertragene mündliche Kommunikation (über Telephon oder Fernsehbild) oder die Medienkommunikation.

Zwar sind Dialoge in ihrer Grundstruktur musterhaft; dennoch sind die unterschiedlichen Dialogformen jeweils für sich, in ihren spezifischen Bedingungen und Erscheinungen zu untersuchen. Es macht Sinn, in der Analyse ein Streitgespräch zwischen zwei Privatpersonen von einem Fernsehinterview zu unterscheiden.

Dass eine bestimmte Situation in einem bestimmten Rahmen uns vorgibt, was und wie etwas zu sagen ist, macht Dialoge so „spannend“. Nicht nur allgemein gültige soziale Regeln und Normen spielen hier bei der Analyse eine Rolle; insbesondere Gespräche die unter ganz speziellen, institutionellen Rahmenbedingungen verlaufen, sind für die Analyse interessant. Zu nennen wären hier die institutionellen, die Medien- und die literarischen Gespräche.

Es ist schwierig, den Begriff institutioneller Kommunikation zu definieren – schon deshalb, weil sich die Frage stellt, ob Medien- und literarische Kommunikation nicht auch institutionelle Kommunikation an sich ist. Medien folgen bestimmten, ihrem System inhärenten Bedingungen, die institutionell - also in der Institution „Medium“ - verankert sind. Zudem haben Medien bestimmte gesellschaftliche Funktionen, und die Teilnehmer medialer Kommunikation nehmen, so wie es für institutionelle Kommunikation spezifisch ist, qua Amt an dem kommunikativen Prozess teil. Das heißt, die Teilnehmer der Medienkommunikation übernehmen eine professionelle, wohldefinierte institutionelle Rolle: Sie sind jeweils befugt, in einem bestimmten institutionellen Rahmen zu kommunizieren und müssen auch nur in einem begrenzten Maße Eigenverantwortung für das tragen, was sie kommunizieren.[1] Verbunden damit, dass die Teilnehmer institutioneller Kommunikation eine bestimmte Rolle übernehmen und in einem System eine bestimmte Funktion ausüben, ist oftmals eine klare Stilisierung dieser Kommunikation. Das heißt, ein Fernseh-Moderator genauso wie ein Richter oder Priester kommuniziert innerhalb seiner Rolle und seiner Institution nach einem bestimmten Muster. Dieses gibt das System ihm vor; der Kommunikationsstil wiederum charakterisiert das System, in dem er handelt.

An diesen beispielhaften Ausführungen wird deutlich, dass Dialoge als eine Form der Kommunikation eine große „Angriffsfläche“ für die Analyse bieten. In dieser Arbeit soll daher nur ein Aspekt dialogischer Kommunikation näher betrachtet werden - eine Form dialogischer Kommunikation, die in der letzten und aktuellen Zeit immer mehr an Bedeutung gewonnen hat: Medienkommunikation, das heißt massenmediale Gespräche.

Medien sind zu einem Bestandteil unseres Lebens geworden, seit es sie überhaupt gibt. Ein Leben ohne Zeitung, Zeitschrift, Fernsehen und Internet ist für die meisten Menschen nicht mehr denkbar. Schon die Einführung der Schrift erbrachte wesentliche kommunikative Leistungen für die Gesellschaft, da bestimmte Ereignisse nun nicht mehr nur von Mund zu Mund, sondern auch in geschriebener Form kund gemacht werden konnten. Damit leistet die Schrift „temporale Indifferenz, Zugänglichkeit für alle (soziale Zugänglichkeit) und Absicherung der Authentizität in sachlicher Hinsicht“ (Merten et al. 1994: 150). Mit der Erfindung der Druckkunst durch Johannes Gutenberg wurde es dann möglich, umfangreiche Texte in großer Auflage herzustellen. Anfang des 17. Jahrhunderts erschienen die zwei ersten Zeitungen, und somit war „das erste der sogenannten Massenmedien [.] geboren“ (Merten et al. 1994: 151). Die „Geburt“ der Presse hatte gewaltige Wirkungen auf die Gesellschaft, aber auch auf die Entstehung neuer Medien. In immer kürzerer Zeit entstanden und entstehen immer mehr Medien und je mehr Medien entstehen, umso schneller entstehen noch mehr Medien. Kurz, die Evolution der Massenmedien vollzieht sich rasant und scheint sich immer weiter zu beschleunigen.

Mit Entstehung der Presse schon haben sich zum ersten Mal dialogische Formen in einem Medium entwickelt, beispielsweise in Form von Leserbriefen. Mit der Erfindung bzw. Entwicklung des Fernsehens, beworben als „Ihr Fenster zur Welt“ (vgl. Merten et al. 1994: 186), wurde nun ein weiterer gesellschaftlicher Prozess in Gang gesetzt. Ein Prozess, bei dem der Zuschauer die Möglichkeit hat, „(...) sich als Beobachter eines außenliegenden Geschehens zu erfahren oder aber sich mit dem Geschehen, das in seine Wohnung kommt, zu identifizieren (...)“ (Merten et al. 1994: 186). Neue Programmformen entstanden, und Unterhaltungsshows entwickelten sich - wie heute - zu einem sehr beliebten Genre. Einige Moderatoren verstanden es schon damals, sowohl die Zuschauer vor dem Bildschirm als auch das anwesende Studiopublikum direkt anzusprechen. So und durch Nahaufnahmen, die einen Effekt menschlicher Nähe produzieren konnten, erzielten die Produzenten der Show bereits in den fünfziger Jahren einen verblüffenden Eindruck von (privater) Interaktion, die einer Begegnung von Angesicht zu Angesicht ähnelte. (Vgl. Merten et al. 1994: 186/ 187) Heute scheint diese Form von sozusagen pseudo-dialogischer Kommunikation ihre Glanz- und Blütezeit erreicht zu haben, betrachtet man die Programmprofile der einzelnen Sender im dualen Rundfunksystem Deutschlands: Ein Blick in die Fernsehzeitung genügt, um Einsicht in das Angebot an unzähligen Talk- und Unterhaltungsshows zu erhalten.

Eine solche Entwicklung findet allerdings nicht ohne weiteres statt. Trotz unterschiedlicher Auffassungen über die Ursachen bestimmter Medienentwicklungen ist zu beobachten, dass letztere parallel zu gesellschaftlichen Veränderungen und Entwicklungen verlaufen. Genaugenommen aber bedingen sich die beiden Entwicklungen, die auf Seiten der Medien und die auf Seiten der Gesellschaft, gegenseitig. Hinsichtlich des Stellenwertes von Dialogen in den Medien heißt dies, dass das (Über-)Angebot an Dialogen in den Medien zum Ersatz für private informelle Kommunikation wird, gleichzeitig aber die viel monierte „Dialoglosigkeit“ heutiger Zeiten erst eine „Sehnsucht“ nach dem Dialog in den Medien hervorruft. Merten betrachtet diese Entwicklung weniger kritisch und fügt der Theorie, dass die Massenmedien die traditionellen Orte und Gelegenheiten der persönlichen Kontaktaufnahme mehr und mehr außer Kraft gesetzt haben, eine weitere hinzu: Seiner Meinung nach sind Massenmedien nicht Ersatz für informelle Kommunikation, sondern beide Typen von Kommunikation ergänzen sich in „höchst sinnvoller Weise“ (vgl. Merten et al. 1994: 157). Denn durch und über Massenmedien kann man in Kontakt treten, beispielsweise wenn man schon vor, während oder nach einer Fernsehsendung mit jemandem über diese spricht.

Die Diskussion darum, ob und inwiefern die Dialogisierung der Medien die gesellschaftliche Entwicklung beeinflusst, soll hier nicht ausgeführt werden. Vielmehr soll es in dieser Arbeit darum gehen zu klären, welchen Stellenwert Dialoge in den Massenmedien haben und wie sie „funktionieren“.

2. Medienkommunikation – Massenmediale Gespräche

Um Produkte massenmedialer Kommunikation untersuchen zu können, sollen erst einmal die am massenmedialen Kommunikationsprozess beteiligten Hauptfaktoren und deren Zusammenhänge kurz verdeutlicht werden:

An jedem Massenkommunikationsprozess beteiligt ist (mindestens) ein Kommunikator, der das Medienangebot herstellt und dieses publiziert. Er erstellt einen massenmedialen Beitrag als Teil des gesamten Programmangebotes und vermittelt darin einen bestimmten Inhalt in einer bestimmten Präsentationsform. Zur Vermittlung bedient er sich eines bestimmten Mediums (Printmedium oder elektronisches Medium), das als technisches Verbreitungsmittel eingesetzt wird. Adressiert sind die Beiträge der Kommunikatoren in den Massenmedien an die Rezipienten, das heißt an eine disperse Leserschaft oder ein disperses Publikum.

Diese einfache Modellierung massenmedialer Kommunikation impliziert eine einseitige Kommunikationsrichtung. Und tatsächlich sind massenmediale Kommunikationssituationen klassischerweise charakterisiert durch ihre Einseitigkeit, Indirektheit, Mittelbarkeit und Interaktionslosigkeit. So stellt Burger beispielsweise fest, dass Massenkommunikation „(...) sich prinzipiell nur in eine Richtung vollzieht (‘Einweg-Kommunikation’). Der Rezipient hat keine Möglichkeit, unmittelbar zu reagieren und damit die Kommunikation, deren Gelingen oder Misslingen, zu beeinflussen. Für den Kommunikator bedeutet dies, dass er kein unmittelbares Feedback hat (...)“ (Burger 1990: 33). Anders als bei der Kommunuikation face-to-face, die durch zeitliche und räumliche Unmittelbarkeit und durch Wechselseitigkeit bestimmt ist, muss Massenkommunikation grundsätzlich als Kommunikation bei räumlicher, zeitlicher oder raumzeitlicher Distanz angesehen werden (vgl. Maletzke 1963: 32).

Unter Berücksichtigung dieser nachvollziehbaren Eigenschaften sollte ein Modell massenmedialer Kommunikation jedoch erweitert werden, um den Bedingungen und Strukturen von medienvermittelter Kommunikation besser gerecht zu werden. Es braucht keiner wissenschaftlichen Analyse um festzustellen, dass Massenkommunikation dialogische Züge trägt: Hierzu gehören beispielsweise Feedback, Rezipientenbezug und Mediengespräche.

Im folgenden soll die Diskussion um die Ein- bzw. Wechselseitigkeit von (Medien-)Kommunikation weiter ausgeführt werden.

2.1 Seitigkeit von Kommunikation

Wie eben schon angedeutet, sind Kommunuikationssituationen face-to-face durch zeitliche und räumliche Unmittelbarkeit sowie durch Wechselseitigkeit bestimmt. Luckmann bezeichnet diese Formen, die durch Unmittelbarkeit gekennzeichnet sind, als die „ursprünglichsten Formen der Kommunikation“ (Luckmann 1983: 33). Dabei stehen sich die Kommunikationspartner gegenüber, und sie können sich sehen, hören oder sogar berühren. Die Tatsache, dass der andere – der Kommunikationspartner also – in Reichweite des kommunikativ Handelnden ist, macht die Unmittelbarkeit aus. (Vgl. Luckmann 1983: 33)

In der heutigen modernen Gesellschaft scheinen allerdings andere Formen von Kommunikation immer mehr Bedeutung zu erlangen: die mittelbaren Formen, bei denen der Kommunikationspartner außer Reichweite des Handelnden ist. Mit der Medienkommunikation haben wir einen sozusagen eindeutig uneindeutigen Fall mittelbarer Kommunikation: Es handelt sich um eine „quasiunmittelbare[.] Form[.] mittelbarer Kommunikation“ (Luckmann 1983: 33/34). Wie diese quasiunmittelbaren Kommunikationssituationen produziert werden, werden wir an späterer Stelle sehen, wenn wir die mediale Inszeniertheit von Massenkommunikation näher betrachten (vgl. Punkt 2.3).

Luckmann definiert den Unterschied von Ein- und Wechselseitigkeit von Kommunikation auf der Grundlage und in Abhängigkeit von einer Beantwortung des kommunikativen Handelns: „(...) Nur wenn es beantwortbar wird, kann man von Wechselseitigkeit sprechen (...)“ (Luckmann 1983: 34). Er sieht dabei die Eigenschaft von Massenkommunikation als „strukturbedingte Einseitigkeit“, die ein Antworten unmöglich macht und daher eine Wechselseitigkeit generell ausschließt, höchstens eine künstlich erzeugte Wechselseitigkeit zulässt. Diese aber macht, nach Ansicht Luckmanns, die Mittelbarkeit erst besonders anschaulich, ebenso wie sich seiner Meinung nach Kommunikation allgemein mit der Einführung massenmedialer Kommunikation zunehmend vereinseitigt. (Vgl. Luckmann 1983: 36)

Nicht konsequent erscheint der Ansatz Luckmanns im Hinblick auf die dialogischen Aspekte von Medienkommunikation. Einerseits sei diese von Natur aus nicht wechselseitig, andererseits versuche sie, beispielsweise in medialen Beratungssendungen, Wechselseitigkeit künstlich zu erzeugen. Schließt Luckmann Gespräche in den Medien, also Interviews beispielweise, ebenfalls von der Wechselseitigkeit aus? Oder welche Erklärung bietet er für diese Form von Kommunikation, die im wesentlichen der Face-to-Face Kommunikation in (fast!) nichts nachsteht und somit als unmittelbare wechselseitige Kommunikation bezeichnet werden könnte? Die Tatsache, dass die Medien Wechselseitigkeit künstlich erzeugen und somit eine „massenmediale[.] Ersatzform[.] von Gespräch[en]“ (Luckmann 1983: 35) anbieten, ist ein zu berücksichtigender dialogischer Aspekt in der Untersuchung von Kommunikation allgemein und besonders in der von Medienkommunikation. Die These, dass Massenmedien - bedingt durch ihre Struktur - einseitig vermitteln und ein Antworten seitens des Rezipienten erst gar nicht aufkommen kann, lässt sich allerdings in dieser Form und in Zeiten wo Live-Schaltungen, Phone-Ins und andere Techniken üblich sind, nicht mehr halten. Die Dialogizität in den Medien muss mitberücksichtigt werden und darf nicht vorschnell als Bedrohung oder anonymisierende Entwicklung abgehandelt werden.

[...]


[1] Denn hinter dem Einzelteilnehmer steht das System Medium, das die einzelnen Vorgaben macht. In einem Fernsehinterview beispielsweise übernimmt der Interviewer qua Amt die Rolle des Fragenden. Der Interviewer befragt den Gast nicht aus persönlichem Interesse, sondern weil das Programm und seine Struktur dies zu einem bestimmten Zeitpunkt so vorsieht. Der Interviewer wird dafür bezahlt, es ist sein Job.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Ich, Du und die ganze Welt
Untertitel
Der Dialog in den Medien
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Deutsche Philologie I)
Veranstaltung
Hauptseminar: Dialoganalyse
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
23
Katalognummer
V16921
ISBN (eBook)
9783638216272
ISBN (Buch)
9783638644792
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Welt, Hauptseminar, Dialoganalyse
Arbeit zitieren
Nicola Mager (Autor), 2002, Ich, Du und die ganze Welt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16921

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