Literatur: Eine Verortung in den Utopie-Heterotopie-Konzepten von Michel Foucault


Seminararbeit, 2010

17 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Michel Foucault

3. Literatur
3.1 ,,Von anderen Raumen“ - Uber Utopie und Heterotopie
3.2 Theoretische Faktoren des Heterotopie-Konzepts und ihre Verbindung zur Literatur
3.3 Das Schiff und die Literatur
3.4 Der Spiegel und die Literatur

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit den 1970er Jahren ist eine Hinwendung der Literaturwissenschaften zum Thema Raum zu beobachten1. Eine ahnliche Fokussierung lies sich auch in verschiedenen weiteren Wissenschaftsdisziplinen feststellen und wird als Spatial oder auch Topographical Turn bezeichnet. Dieser Umschwung war maBgeblich gepragt von dem als Querdenker bekannten Philosophen Michel Foucault2. Ein zentrales Thema seiner Betrachtungen war die Bevorzugung des Raumes gegenuber der Zeit3.

Mit seinem Heterotopie-Konzept hat Michel Foucault einen interessanten Beitrag zur Raumwissenschaft geleistet. Er entwickelt damit die Idee eines Ortes, der dem Anderen vorbehalten ist, der zum Gegenmodell der Gesellschaft werden kann und trotzdem von dieser, meist in institutionalisierter Form, eingeschlossen wird. Den Begriff der Heterotopie entlehnt Foucault der Medizin. Ursprunglich bezeichnet er die Bildung von Gewebe am falschen Ort (wie zum Beispiel Knorpel im Hoden)4. Dieses Gewebe kann dort meist in einer Art Kapsel bestehen bleiben ohne dem Organismus zu schaden5.

Dem Konzept der Heterotopie steht die Utopie gegenuber, die ebenfalls die Moglichkeit zu anderem Denken bietet, deren entscheidendes Kennzeichen aber ist, dass sie im Phantastischen und somit fernab der Realitat bleibt. Doch wo ist in diesem konzeptualen Zusammenhang die Literatur anzusiedeln? Lasst sich Michel Foucaults Utopie-Heterotopie-Konzept uberhaupt auf die Literatur anwenden? Da Literatur ebenfalls durch das Phantastische und Irreale gepragt ist, ist als These anzunehmen, dass nach Foucault die Literatur eher dem Utopie-Konzept zuzuordnen ware.

2. Michel Foucault

Es fallt nicht leicht Michel Foucault einzuordnen. Manche sehen ihn in erster Linie als hoch begabten Philosophen6 , andere dagegen sagen, er sei in erster Linie und vor allem Psychologe7. Sicher ist, dass Foucault keine geschlossene philosophische Theorie hinterlassen hat, sondern vielmehr zahlreiche Ansatze liefert8. Er selbst beschrieb sich widerspruchlich, behauptete einerseits in Nachfolge Kants zu stehen, andererseits bezeichnete er sich als ,,nitzscheanischen Kommunisten“, lehnte die marxistische Theorie ab, zitierte Marx aber trotzdem haufig9. Er verbot sich gefragt zu werden, wer er sei, wollte nicht gezwungen werden, der Gleiche zu bleiben10. Auch blieb sein Werk hinsichtlich seines fruhen Todes unvollendet11.

Foucault selbst sagt einmal er habe sich stets an drei gesellschaftliche Achsen gehalten, das Wissen, die Macht und das Selbst12. Hinter diesen abstrakten Begriffen verbergen sich ausfuhrliche und komplexe Betrachtungen von sehr konkreten Phanomenen, die sich haufig gerade im Grenz- und Uberschneidungsbereich dieser „Achsen“ befinden13. Foucaults erstes groBes Werk ist seine ,,these principale“ (ahnlich der deutschen Doktorarbeit) „die Geschichte des Wahnsinns“. In dieser psychologischen Abhandlung geht es bereits um Konzepte des Normalen und des Anderen, sowie um die Position des Subjekts innerhalb dieses Gefuges14.

Schon fruh taucht die Idee der Diskursanalyse auf15 , die fur sein Spatwerk entscheidend sein wird und fur die sich mit zunehmender Verwendung die Bedeutung als Gesamtheit aller moglichen Aussagen herauskristallisiert16. Foucault beschreibt den Diskurs als eine Art Sprachmaschinerie, die nicht nur Macht uber Gesagtes, sondern auch uber das Denken bekomme17.

In seiner Studie ,,Die Ordnung der Dinge - eine Archaologie der Humanwissenschaften“ kritisiert er die Idee des klassischen sich linear entwickelnden Wissens, wie die Moderne seit Kant sie vertreten hat18. Gleichzeitig entwickelt Foucault eine radikale Subjektkritik, die er als ,,Tod des Menschen“19 bezeichnet.

Anhand der Geschichte von Bestrafungssystemen macht Foucault deutlich, dass heutige Verurteilungen und die damit verbundene Gefangnisstrafe seelischer und machtpolitischer Natur seien20. Der Korper eines Menschen soll immer wieder nutzbar gemacht werden, damit er in die Technologie der Macht reintegriert werden kann21. Macht wird genutzt um die Produktivitat der Gesellschaft standig zu steigern. Die Demokratie wird so zur Disziplinargesellschfat22.

Uber die Auseinandersetzung mit der Macht und der sich standig intensivierenden Suche nach einem gesellschaftlichen „AuBen“ kommt er schlieBlich zu einem neuen spirituell gepragten Subjektbegriff23. Die Spiritualitat bilde ein Selbst, welches vollstandig in diesem AuBen verortet sei, sich somit jenseits des Einflusses der Macht befinde und eine ganz eigene revolutionare Kraft hervor bringe24. Es ist eine Hinwendung zum Subjektjenseits von Macht und Wahnsinn, die er nicht mehr in alien Einzelheizen ausfuhren konnte, da ihn der Tod zu fruh ereilte25.

3. Literatur

Der Oberbegriff Literatur umfasst alle geschriebenen und gedruckten Texte26. Daruber hinaus kann Literatur aber auch als Sozialsystem verstanden werden. Nach dieser Deutung bildet sie einen kulturellen Bereich der Gesellschaft analog zum Beispiel zu Religion oder Philosophie27. Die Asthetik dieses Konzepts beinhaltet vor allem die Vermittlung von Wahrheiten28. Das Sozialsystem Literatur umfasst nicht nur Texte, sondern auch literarische Gesamtzusammenhange, bezieht den Autor als Produzenten und den Leser als Rezipienten, sowie die gesamte Verbreitung, Kommunikation und Weiterverarbeitung von literarischen Texten mit ein29.

Auch wenn diese Begriffsbestimmung bereits uber Texte hinaus geht, so sind sie immer noch ihr Ausgangspunkt. In der derzeitigen Literaturwissenschaft wirft eine nicht eurozentristische Perspektive die Frage nach der Notwendigkeit der schriftlichen Fixierung auf. Literarizitat kann auch in gesprochener Form bestehen30. Literatur wird dann zur kulturellen Praxis, zum Spiel mit dem Klang und der Bedeutung von Worten31. Das Erzahlen hat eine ahnliche Funktion wie die geschriebene Literatur.

Foucault selbst hat keine umfassende Theorie zur Literatur entwickelt32 , teilweise sind seine Ansatze und Ideen sogar widerspruchlich33. Indem er immer wieder auch literarische Texte in den Fokus seiner Betrachtungen nimmt, bietet er der Literaturwissenschaft trotzdem einige interessante Anknupfungspunkte34.

Der Literatur werden von Foucault und seinen Rezipienten unterschiedliche Funktionen zugeschrieben. Die meistgenannte Bedeutung ist die einer Gegenposition innerhalb des Diskurses35.

Diese Gegenposition kann als Opposition zur Modeme36 interpretiert werden. Literatur lasse sich nicht einfach als Teil des Wissens kategorisieren37. Im Rahmen des Diskurses teste die Literatur immer auch Grenzen aus, sie bewege sich am Rande des Sagbaren und sei damit das Gegenteil von fest verankertem Wissen38. Obwohl die Position der Literatur im Rahmen des Diskurses haufig marginalisiert wurde, habe sie eine ganz spezielle Kraft, die darauf abzielt den Diskurs selbst in Frage zu stellen39.

Literatur ist vor allem im Fruhwerk Foucaults und im Zusammenhang mit seiner Subjektkritik eine zentrale Kategorie40. Foucault kritisiert darin die drei Hauptkategorien von Autor, Werk und Bedeutung der klassischen Literaturtheorie41. Er behauptet selbst als „Autor“ im Grunde der Gesichtslosigkeit wegen zu schreiben42 und sagt man solle sein Werk als Werkzeugkasten begreifen. In der Allegorie mit dem „Werkzeugkasten“ wird klar, dass er den „fertigen“ Text eigentlich gar nicht als solchen verstanden wissen mochte. Die starre und uberdauernde Form der Literatur versucht er aufzulosen, indem er zur Benutzung seiner Texte aufruft. Aufierdem verweist dies auf eine aktive Beziehung zwischen Autor, Werk und Leser, die sich annahern, gar vermischen und so eine wirksame Einheit bilden konnen. Foucault nimmt eine krasse Gegenposition zu jeglicher Art kanonisierten Wissens ein43.

Innerhalb eines derart flexiblen Konzeptes sei es die Literatur, die der Sprache ihre Autonomie zuruck gebe44. Sie kann nicht langer von Autoren, Rezipienten und nicht einmal vom Werk selbst vereinnahmt werden. Wenn Bedeutungszuweisung und Interpretation unmoglich werden, wie Foucault es innerhalb seiner poststrukturalistischen45 Subjektkritik beschreibt, wird die Sprache wieder frei und damit zum Selbstzweck46 47.

Foucault beschreibt, dass ihm ,,die Literatur immer mehr als das [erscheint], was gedacht werden muss, aber ebensowohl und aus dem gleichen Grunde als das, was in keinem Fall, ausgehend von einer Theorie der Bedeutung, gedacht werden kann.“A1 Dieser Ansatz leitet direkt zu dem Konzept der Heterotopien als einer Verwirklichung des Anderen innerhalb der Gesamtgesellschaft uber.

[...]


1 Dunne, Jorg; Gunzel, Stephan (Hrsg.): ,,Raumtheorie - Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften“ (2006): 292

2 Vgl. Warning, Rainer: Heterotopien als Raume asthetischer Erfahrung (2009): 11

3 Vgl. ebd.: 11

4 Chlada, Marvin: ,,Heterotopie und Erfahrung - Abriss der Heterotopologie nach Michel Foucault“ (2005): 8

5 Ebd.

6 Vgl. Taureck, Bernhard H.F.: ,,Michel Foucault ,(2004): 18ff

7 Vgl. Sarasin, Philipp: ,,Michel Foucault: Zur Einfuhrung“ (2005): 15

8 Sarasin2005:9f

9 Sarasin2005:9

10 Sarasin2005: 10

11 Ebd.

12 Vgl. Sarasin 2005: 12

13 Ebd.

14 Vgl. Sarasin 2005: 17ff

15 Sarasin2005:42

16 Geisenhansluke 2001: 62

17 Sarasin2005:43

18 Vgl. Geisenhansluke, Achim: ,,Die Philosophie auf der Schwelle zur Literatur. Uber Michel Foucault“ in: Faber, RichardundNaumann, Barbara: ,,Literarische Philosophie -philosophische Literatur“ (1999): 170

19 Sarasin2005:74

20 Sarasin 2005: 128f

21 Sarasin 2005: 132

22 Sarasin 2005: 147

23 Sarasin2005: 189

24 Sarasin 2005: 189

25 Vgl. Sarasin 2005: 199

26 Vgl. Heydebrand, Renate von; Winko, Simone: ,,Einfuhrung in die Wertung von Literatur“ (1996): 22

27 Heydebrand, Winko 1006: 26

28 Ebd.

29 Heydebrand, Winko 2996: 27

30 Vgl. Caroll, Joseph: ,,Literature as a Human Universal“ in: Winko, Simone (Hrgs.): ,,Grenzen der Literatur: zu Begriffund Phanomen des Literarischen“ (2009): 142ff

31 Ebd.

32 Geisenhansluke, Achim: ,,Literatur und Diskursanalyse“ in: Kleiner, Marcus S.: ,,Michel Foucault - eine Einfuhrung in sein Denken“ (2001): 61

33 Vgl. Geisenhansluke 2001: 69

34 Warning 2009: 12

35 Vgl. z.B. Geisenhansluke, Achim: ,,Die Philosophie auf der Schwelle zur Literatur. Uber Michel Foucault“ in: Faber, RichardundNaumann, Barbara: ,,Literarische Philosophie -philosophische Literatur“ (1999): 170

oder: Dunne, Jorg: ,,Asketisches schreiben: Rousseau und Flaubert als Paradigmen literarischer Selbstpraxis in der Moderne“ (2003): 16

36 Vgl. Geisenhansluke 1999: 170

37 Dunne 2003: 16/17

38 Dunne 2003: 16/17

39 Dunne 2003: 16/

40 Geisenhansluke 1999: 170

41 Wunderlich, Stefan: ,,Michel Foucault und die Frage der Literatur: Beitrag zu einer Archaologie“ (2000): 1

42 Geisenhansluke 2001: 63

43 Wunderlich 2000: 2

44 Geisenhansluke 2001: 67

45 Vgl. Wunderlich 2000: 2

46 Vgl. Geisenhansluke 2001: 67

47 Geisenhansluke 2001:70

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Literatur: Eine Verortung in den Utopie-Heterotopie-Konzepten von Michel Foucault
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Veranstaltung
Literarische Topographien
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
17
Katalognummer
V169222
ISBN (eBook)
9783640874361
ISBN (Buch)
9783640873944
Dateigröße
457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
literatur, eine, verortung, utopie-heterotopie-konzepte, michel, foucault
Arbeit zitieren
Mareike Höckendorff (Autor), 2010, Literatur: Eine Verortung in den Utopie-Heterotopie-Konzepten von Michel Foucault, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169222

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