Verhör- und Abhörtechniken der Stasi aufgezeigt an Florian Henckel von Donnersmarcks Film „Das Leben der Anderen“


Seminararbeit, 2010
22 Seiten, Note: 1,30

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Verhörmethoden
2.1. Im Film „Das Leben der Anderen“
a) Verhör eines Familienvaters
b) Verhör von Christa- Maria Sieland
2.2. In der Realität

3. Abhörmethoden
3.1. Im Film „Das Leben der Anderen“
3.2. In der Realität
3.3. Aus der Sicht einiger Opfer
a) Wolf Biermann
b) Hans Joachim Schädlich
c) Ulrich Mühe

4. Die Täter
4.1. Inoffizieller Mitarbeiter
4.2. Technisch- operativer Leiter

5. Die Stasi- Gefängnisse
5.1. Berlin Hohenschönhausen
5.2. Bautzen I und II
5.3. Rostock

6. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Der deutsche Beitrag „Das Leben der Anderen“ hat keinen Oscar verdient. Streng genommen auch keinen deutschen und europäischen Filmpreis. Erfolg und Zulauf verdankt er der Tatsache, dass es ihm gelungen ist, die bedrückende Atmosphäre eines totalitären Überwachungsstaates auf die Leinwand zu bringen. Nach all den zum Schießen komischen Klamotten von „Goodbye Lenin“, „Sonnenallee“ und „NVA“ keine große Kunst. Es wuchs vielmehr die Befürchtung, die größte Gefahr in der DDR hätte darin bestanden, sich totzulachen. Gäbe es einen Preis für die Bemühung um Ernsthaftigkeit, wäre die Anerkennung gerechtfertigt.

Doch bei Filmen, die Geschichte abbilden, lohnt es sich, genauer hinzusehen. Da viele ihr Geschichtsbild aus solchen Streifen beziehen. Und das zur DDR ist längst nicht abgeschlossen. Daran wird noch retuschiert. Ohne auf technische Schwächen des Filmes näher einzugehen, sei nur eine erwähnt. Auf dem Dachboden eines Wohnhauses installiert die Stasi eine Abhöreinrichtung, deren Bedienung sich im Schichtdienst abwechselt. Die Hausbewohner hätten demnach unter Zwangshypnose stehen müssen, dass dort die „PGH Rohrtechnik“ ein- und ausgeht.

So hat der große Lauschangriff der Firma „Horch und Guck“ nicht funktioniert. Doch der gravierendste Fehler des Films besteht darin, dass es einen solchen Stasi-Offizier, der unter Lebensgefahr einen Dissidenten rettet, nicht gab und im System begründet liegt, warum es ihn nie geben konnte. Stauffenberg, Harnack, Sophie Scholl sind keine Erfindungen.“[1]

So urteilt der Bürgerrechtler Werner Schulz über Florian Henckel von Donnersmarck’s Filmdebüt „Das Leben der Anderen“. Doch wie war es dann? Wie waren die Verhör- und Abhörmethoden der Stasi? Der folgende Text beschäftigt sich mit eben diesen Fragen und versucht, die Wirklichkeit mit dem Film zu vergleichen. Als weitere Punkte ergeben sich daraus aber auch die Frage nach der Sicht der Täter und der Opfer, sowie ein Überblick über die Orte des Geschehens.

2. Verhörmethoden

2.1. Im Film „Das Leben der Anderen“

a) Verhör eines Familienvaters

Bereits die erste Szene des Films, „Das Leben der Anderen“, konfrontiert den Zuschauer mit den Verhörmethoden der Stasi. Es wird gezeigt, wie ein junger Familienvater von einem Stasi- Mitarbeiter durch die Gänge des Untersuchungsgefängnisses Berlin- Hohenschönhausen geführt wird. Als sie auf eine Kreuzung zu laufen, die von einem anderen Wärter mit einem Häftling passiert wird, muss der Familienvater den Blick senken, um die Tarnung des Wärters und die Identität des anderen Häftlings nicht aufzudecken. Der junge Mann wird zu einem Verhörzimmer gebracht, in welchem er auf Hauptmann Wiesler trifft. Noch bevor der Gefangene eintritt, startet man die Aufnahmebänder. Der Mann muss sich auf einen Stuhl setzen und die Hände mit den Handflächen nach unten unter die Schenkel legen. Anschließend beginnt die Befragung, bei welcher der Gefangene nur mit Häftlingsnummer angesprochen wird. Der Mann wird verdächtigt, von der Republikflucht seines Nachbarn gewusst zu haben und sogar den Namen des Fluchthelfers zu kennen.

Es folgt ein Zeit- und Ortswechsel, hin zur Stasi Hochschule Potsdam- Eiche, wo Hauptmann Wiesler seinen Schülern die Aufnahme vorspielt. Er spult das Band vor und man kann erneut den Familienvater hören, der inzwischen unter akutem Schlafmangel leidet. Er wird wieder und wieder befragt. Ein Schüler empfindet diese „Folter“ des Schlafentzuges als unmenschlich und äußert dies gegenüber Wiesler. Der Hauptmann vermerkt sich diese Äußerung sofort in seinen Notizen. Letztendlich gesteht der Gefangene und nennt den Namen des Fluchthelfers, als Wiesler ihm damit droht, seine Frau verhaften zu lassen und die beiden Kinder einer Erziehungsanstalt zu übergeben. Nachdem der Häftling das Zimmer verlassen hat, entfernt Wiesler das Sitzpolster und verschließt es in einem Glas. Es soll als Geruchskonserve für die Hunde dienen, die bei jedem Verhör mit Untersuchungshäftlingen genommen werden muss. Wiesler beendet die Vorlesung mit den Worten: „Bei Verhören arbeiten Sie mit Feinden des Sozialismus. Vergessen Sie das nie.“[2]

b) Verhör von Christa- Maria Sieland

Die Lebensgefährtin des Dramatikers Georg Dreyman, Christa- Maria Sieland, wird bei einem Arztbesuch, bei welchem sie illegal die Tabletten „Aponeuron“[3] erwirbt, von Stasi- Mitarbeitern abgeholt und in einem Transporter zum Untersuchungsgefängnis Berlin- Hohenschönhausen gebracht. Allerdings wird sie von Oberstleutnant Anton Grubitz verhört und nicht von Gerd Wiesler. Sie wird auch nicht mit dem rauen Befehlston angesprochen, mit welchem sich der junge Familienvater abfinden musste. Außerdem muss sie nicht einmal ihre Hände unter die Schenkel nehmen, was bedeutet, dass von ihr auch keine Geruchsprobe genommen werden kann. Ihr wird aber mit Berufsverbot gedroht, welches ihre Schauspielkarriere beenden würde. Christa- Maria versucht zunächst sich als Spitzel in Künstlerkreisen anzupreisen, worauf Grubitz aber zunächst nicht eingeht. Sie bietet dem Oberstleutnant sogar ihren Körper an, was er aber auch ausschlägt, obwohl er nicht gänzlich abgeneigt erscheint. Schließlich offenbart er ihr die einzige Möglichkeit sich noch zu retten: Sie soll Informationen über den Spiegel- Artikel liefern, der vom Osten in den Westen geschmuggelt und dort veröffentlicht wurde. Es handelt sich um einen Artikel über Selbstmörder, den ihr Lebensgefährte verfasst und in ihrer gemeinsamen Wohnung versteckt hatte. Christa- Maria geht auf den Deal ein und verrät ihren eigenen Freund Dreyman, um ihre Karriere zu retten.

2.2. In der Realität

In einer Spiegel TV- Reportage erzählen der Leiter der Gedenkstätte, Hubertus Knabe, und ein ehemaliger Ex- Häftling, Gilbert Furian, von den Verhörmethoden der Stasi in Hohenschönhausen. Laut Hubertus Knabe war auf den Stadtplänen der DDR an der Stelle von Berlin- Hohenschönhausen nur ein weißer Fleck abgebildet, um den genauen Ort des Untersuchungsgefängnisses zu verschleiern.

Dies bestätigt auch der ehemalige Häftling. Furian erzählt ebenso, dass die Stasi sogar die Besuche, die einmal im Monat stattfanden, in ein anderes Gefängnis verlegte, um auch Angehörige über den genauen Aufenthaltsort im Unklaren zu lassen. Dazu fuhr man die Häftlinge in einem eigens dafür umgebauten Transporter ohne Fenster zum Ort des Treffens und wieder zurück.

Die Ankunft in Hohenschönhausen begann mit der Körperdurchsuchung in einer Umkleidezelle. Dort musste man sich nackt ausziehen und von einem Schließer „in die verschiedensten Löcher“[4] sehen lassen. Ein zweiter war als Sicherungsposten ebenfalls anwesend.

Furian war von März bis Oktober 1985 in Untersuchungshaft, da er im Sommer 1982 drei Gruppen von Punks interviewt hatte und das Material anschließend in dem Betrieb in dem er arbeitete, auf 100 Stück vervielfältigte. 10 davon gab er seiner Mutter, die als Rentnerin in den Westen reisen durfte, damit sie die Hefte an Freunde und Verwandte weiterreichte. Allerdings entdeckte der Zoll die Interviews und Furian wurde nach sieben Monaten U- Haft zu zwei Jahren und zwei Monaten verurteilt.

Laut Knabe war das wichtigstes Mittel der Stasi die strikte Isolation, Menschen verschwanden hinter Schloss und Riegel, es gab keinen Kontakt zur Außenwelt. „Wenn sie nach einem Anwalt verlangten, wurde ihnen höhnisch entgegen gehalten, sie hätten wohl zu viele amerikanische Krimis gesehen“[5]

Am Tag gab es einmal eine halbe Stunde Ausgang in einer Art Freiluftkäfig. „Es war schon vorprogrammiert, dass man irgendwann durchdrehte, was auch oft passierte.“[6]

Das frappierendste für die Opfer war und ist, dass die Partei sich durch schlichte Umbenennung in die neue Zeit hat retten können und heute sogar zunehmend Erfolge verzeichnet, auch im Westen.[7]

Einige Häftlinge leiten heute Schüler und andere Gruppen durch die Gedenkstätte und berichten von den brutalen Verhörmethoden der Stasi, wie zum Beispiel auch Matthias Meister. 1987 wollte er zusammen mit seiner Freundin in den Westen fliehen und wurde dabei von der Stasi erwischt. Der damals 21- jährige musste für fünf Monate nach Hohenschönhausen, bis ihn die Bundesrepublik schließlich freikaufte.

„Jeder Gefangene hatte seinen eigenen Offizier“, erzählt Matthias Meister in einem der Verhörzimmer mit Resopalschreibtischen, Telefon und einem Bild von Felix Dserschinski, dem russischen Leiter der Tscheka, einer brutalen Sturmtruppe Lenins, an der Wand. Stundenlang gingen die Befragungen, auch nachts. Schlafentzug war in der DDR eine gängige Methode, um Häftlinge zum Sprechen zu bringen.

[...]


[1] http://www.welt.de/politik/article734960/Das_Leben_der_anderen_hat_keinen_Preis_verdient.html

[2] Aus dem Film „Das Leben der Anderen“ von Florian Henckel von Donnersmarck, Szene 1

[3] Das Medikament „Aponeuron“ gab es wirklich und wurde aber bald vom Markt genommen. Später konnte man es nur noch illegal erwerben. Es fungierte als Stimmungsaufheller und Energielieferant. (Audiokommentar des Films)

[4] Gilbert Furian (Spiegel TV- Reportage)

[5] Hubertus Knabe (ebd.)

[6] Gilbert Furian (ebd.)

[7] http://einestages.spiegel.de/static/entry/haerte_bis_zum_untergang/29841/psycho_folter_im_stasi_knast.html?o=position-ASCENDING&s=17&r=1&a=4064&c=1

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Details

Titel
Verhör- und Abhörtechniken der Stasi aufgezeigt an Florian Henckel von Donnersmarcks Film „Das Leben der Anderen“
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Literatur zur Wende. 1989 und die Folgen
Note
1,30
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V169242
ISBN (eBook)
9783640875382
ISBN (Buch)
9783640875498
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stasi, DDR, Das Leben der Anderen, Florian Henckel von Donnersmarck, Verhörmethoden, Abhörmethoden
Arbeit zitieren
Franziska Huber (Autor), 2010, Verhör- und Abhörtechniken der Stasi aufgezeigt an Florian Henckel von Donnersmarcks Film „Das Leben der Anderen“ , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169242

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