Die Urkunde - Eine Quellengattung des Mittelalters


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

25 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Urkunde und Diplomatik: Eine allgemeine Betrachtung
2.1 Einordnung und Charakterisierung der Urkunde als Quellengattung
2.1.1 Begriffsdefinition5
2.1.2 Urkundenarten
2.2 Diplomatik

3. Die Urkunde als Quelle: Eine quellenkritische Annäherung
3.1 Äußere Quellenkritik
3.2 Innere Quellenkritik

4. Urkundenbeispiel: Privilegium Ottonianum

5. Fazit

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

7. Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

Dem Leser von Darstellungstexten zu mittelalterlichen Urkunden, dem Thema also, welches sich diese Hausarbeit widmen möchte, fällt sofort ins Auge, dass ihre Autoren oftmals die Wichtigkeit dieser Quellengattung für die Erforschung des Mittelalters betonen. So bezeichnet Brandt Urkunden „als die häufigsten und wichtigsten Quellen zur mittelalterlichen Geschichte“[1]. Auch Goetz unterstreicht gleichfalls, dass „neben Historiographie und Hagiographie Urkunden zu den wichtigsten mittelalterlichen Quellen [zählen]“[2]. Warum Urkunden ohne Zweifel die hier erwähnte Wichtigkeit einnehmen, wird spätestens am Schluss dieser Hausarbeit offensichtlich geworden und daher in einem kurzen Fazit nochmaliger Gegenstand sein.

Umso erstaunlicher ist es dennoch, dass die letzte große deutschsprachige Gesamtdarstellung zur Urkundenlehre vor 79 Jahren erschienen ist. Diesem berühmten 'Handbuch der Urkundenlehre' von Harry Breslau folgten bisher lediglich kürzere Darstellungen, u.a. von Santifaller, Vogtherr, Frenz sowie den bereits oben erwähnten Autoren.

Die Zahl der überlieferten mittelalterlichen Urkunden ist groß. In der Diplomatareihe der MGH sind alle erhaltenen Urkunden der fränkischen und deutschen Könige ediert. Ein Überblick über andere verschiedenartige Urkundeneditionen, die beispielsweise Urkunden von nichtköniglichen Verfassern enthalten, wurde durch Schieffer erstellt. Tafelwerke hingegen, z.B. von Sybel und Sickel, helfen einen Einblick in das ursprüngliche Erscheinungsbild der Urkunden zu bekommen[3].

Das zentrale Anliegen der hier vorliegenden Arbeit ist die quellenkritische Betrachtung der Urkunde als mittelalterliche Quellengattung. Im ersten Teil dieser Arbeit wird sich dem Thema Urkunde mittels einer Begriffsdefinition sowie ihren Einteilungsmöglichkeiten genähert. Es soll auch ein Blick auf ihre Wissenschaft, der Diplomatik, geworfen werden, so dass im zweiten Teil ein quellenkritischer Zugang zur Urkunde gefunden werden kann. Die äußere und innere Quellenkritik hilft dabei vor allem den Quellenwert der Urkunde zu bestimmen. Um die Ausführungen zur Quellengattung der Urkunde letztendlich zu unterstreichen und abzurunden, soll am Ende und somit im dritten Teil der Arbeit ein konkretes Urkundenbeispiel, nämlich das durchaus sehr interessant erscheinende und vielfach umstrittene Privilegium Ottonianum, analysiert werden.

2. Urkunde und Diplomatik: Eine allgemeine Betrachtung

2.1 Einordnung und Charakterisierung der Urkunde als Quellengattung

Die Quelle verhält sich zum Historiker in etwa so wie die Luft zum Leben. Hätten frühere Generationen im Laufe ihres Daseins keine Spuren hinterlassen, könnte der Beruf des Geschichtswissenschaftlers nicht bestehen. Ohne Quellen wäre die Vergangenheit für uns schlicht weg nicht existent so wie das Leben ohne Sauerstoff nicht vorhanden wäre. Da dies aber jeder Logik von Dasein widersprechen würde, können Historiker auf eine Vielzahl von Dingen zurückgreifen, die wir als historische Quelle bezeichnen und nutzen können. Laut Kirn sind solche Quellen eben „alle Texte, Gegenstände oder Tatsachen aus denen Kenntnis der Vergangenheit gewonnen werden kann“[4]. Obwohl sehr einfach gehalten, drückt dieser Satz dennoch aus, dass prinzipiell alles als historische Quelle fungieren kann. Die Definition dient demnach als Grundlage für die Bernheimsche Einteilung historischer Quellen in Überreste und Tradition. Die erste Begrifflichkeit bezeichnet „alles, was unmittelbar von den Begebenheiten übriggeblieben ist“, die zweite „alles, was von den Begebenheiten übriggeblieben, hindurchgegangen und wiedergegeben durch menschliche Auffassung [ist]“[5]. Erzeugnisse also, wie z.B. Chroniken oder Innschriften, die bewusst zum Zwecke der Überlieferung angefertigt worden sind, werden als Tradition bezeichnet. Alles andere, was diesen Zweck nicht erkennen lässt, z.B. Kleidung oder Gesetzestexte, gehört demnach in die Gruppe der Überreste.

Die hier zu behandelnde Quellengattung der Urkunde ist in die Gruppe der Überreste einzuordnen, da es ein schriftliches Gut darstellt, „das aus geschäftlichen oder privaten Bedürfnissen der jeweiligen Gegenwart entstanden ist“[6]. Urkunden wurden demnach für keinen anderen Zweck erstellt, als die rechtlichen Zustände der jeweiligen Zeit in Kraft zu setzen, zu bestätigen oder zu erneuern. Urkunden sind demnach in erster Linie Ausdruck des Rechtslebens, welche allerdings heute als historische Quelle genutzt werden können. Santifaller spricht der Urkunde, wenn sie nicht gerade gefälscht wurde, daher den höchsten Grad an Tendenzlosigkeit und Objektivität unter den Quellengattungen zu[7]. Dies wird jedoch von Goetz relativiert, indem er darauf hinweist, dass auch Urkunden auf den Rechtsinhalt bezogene Tendenzen verfolgen können: Urkunden „spiegeln […] nicht in jedem Fall geltendes Recht wider, sondern unter Umständen nur Rechtsansprüche des Empfängers“[8]. Demnach ist immer zu prüfen, ob der urkundliche Aussteller überhaupt die Rechtssprechung vom Inhalt sowie vom Status her aussprechen durfte. Zweifellos ist allerdings die Tatsache, dass den Urkunden eine äußerst wertvolle Aussagekraft hinsichtlich von Rechts- und Verfassungs-, Gesellschafts- und Wirtschaftszuständen zukommt[9]. Daher ist es nun von Nöten im Folgenden eine genaue Begriffsdefinition sowie eine formale Einteilung der Urkunden vorzunehmen.

2.1.1 Begriffsdefinition

Mittelalterliche Urkunden sind „schriftliche, unter Beobachtung bestimmter, nach Person, Ort, Zeit und Sache in wechselnden Formen aufgezeichnete Zeugnisse über rechtliche Vorgänge“[10]. Diese Definition beweist zu aller erst die bereits genannte Tatsache, dass Urkunden nicht der Geschichtsschreibung zuzuordnen, sondern, dass sie als ein Produkt der mittelalterlichen Rechtssprechung anzusehen sind[11]. Sie besitzen demnach einen hohen Wert für die Geschichtsforschung.

Ferner benennt die obige Begriffsdefinition die Tatsache, dass Urkunden Schriftgüter darstellen. Wenn dies auf den ersten Blick auch vollkommen logisch und daher nicht besonders erwähnenswert erscheint, so ist dennoch darauf hinzuweisen, da der Verschriftlichung immer eine Motivation vorangehen muss. Der Prozess vom Beurkundungswunsch bzw. -befehls eines Rechtsgeschäfts bis zur letztendlichen Aushändigung der fertigen Urkunde an den Empfänger soll an dieser Stelle jedoch nicht weiter betrachtet werden, da dort „eine erhebliche Unsicherheit der Forschung“[12] vorherrscht. Es soll lediglich darauf hingewiesen werden, dass Urkunden ein Ergebnis eines Prozesses sind, der verschiedene Personentypen involviert. So gibt es verschiedene Parteien, nämlich diejenigen der Aussteller und Empfänger (wobei diese identisch sein können) und dem Verfasser sowie der Zeugen[13].

Weiterhin wird mit Hilfe der Definition impliziert, dass die Urkunde bestimmte Formen einnimmt, die von obig erwähnten Faktoren abhängen. Gerade diese Formalia „mach[en] das Wesen der Urkunde aus“[14] und beweisen ihre Rechtsgültigkeit. Eine für die Zeit ihrer Ausstellung untypische Form und Art, sei es inhaltlich oder das äußere Erscheinungsbild betreffend, würde sich einer Fälschungsprüfung unterziehen lassen müssen. Indirekt deutet die genannte Definition daher auch an, dass eine Urkunde immer auch nach ihrer Echtheit hin überprüft werden muss, was methodisch mit Hilfe der inneren und äußeren Urkundenkritik durchgeführt wird[15]. Diesem Aspekt wird im zweiten Teil der Hausarbeit größere Beachtung geschenkt werden. Da Urkunden sich also scheinbar in ihrer Form unterscheiden, soll nun im nächsten Absatz eine Einteilung der Urkunden vorgenommen werden.

2.1.1 Urkundenarten

Urkunden lassen sich anhand drei verschiedener Kriterien klassifizieren. So gibt es entweder die Möglichkeit, Urkunden bezüglich ihres Verhältnisses zum Rechtsakt zu unterscheiden oder aber bezüglich ihres jeweilig angestrebten Zweckes oder ihres eigentlichen Ausstellers[16].

Der erstgenannte Gesichtspunkt bedeutet, dass man zwischen einer Beweisurkunde (notitia) und einer Verfügungsurkunde bzw. dispositiven Urkunde (carta) differenzieren kann. Die notitia ist eine „schriftliche Fixierung einer bereits erfolgten Rechtshandlung“[17] und nimmt einen objektiveren Standpunkt ein, welcher zumeist stilistisch erkennbar an der dritten Person ist[18]. Im Gegensatz dazu ist die carta „erst Recht setz[end]“[19] und somit subjektiv sowie aus sich selbst heraus glaubwürdig. Die Zeugennennung nimmt daher eine geringere Wichtigkeit ein als bei der Beweisurkunde[20]. Typischer für das Mittelalter war die erstgenannte Urkundenform, da es vor der eigentlichen Beurkundung häufig eine mündliche bzw. symbolische Rechtssprechung gab, die erst im Nachhinein mittels einer Urkunde bestätigt wurde[21]. Das bedeutet wiederum auch, dass die notitia die ältere der beiden Urkundenformen ist[22].

Wenn eine Urkunde ihrem Zweck nach Einordnung findet, ergibt sich eine Unterscheidung zwischen einem Diplom und einem Mandat. „Diplome beinhalten Rechtsverleihungen oder Rechtssetzungen von grundsätzlich dauerhafter Gültigkeit. Mandate enthalten zeitlich begrenzt gültige Anweisungen und besitzen häufig einen mehr verwaltungstechnischen Charakter[23]. Da Diplome für die Ewigkeit gedacht sind, verfügen sie über eine feierlichere Aufmachung als die Mandate[24]. Die hier dargestellte Unterscheidung kann prinzipiell als eine Untergruppierung der Kaiserurkunde angesehen werden, was mit Hilfe des folgenden Absatzes klarer werden dürfte.

Die praktikabelste aber gleichzeitig auch durch ihre starke Vereinfachung sehr problematische Unterscheidung ist die zwischen der mittelalterlichen Kaiser- und Königsurkunde, Papsturkunde und Privaturkunde[25]. „Königsurkunden sind in der Regel in feierlicher Form ausgestellte Diplome“[26]. Typische auf den ersten Blick erkennbare Merkmale dieser Urkundenart sind das Chrismon, das Monogram des Herrschers sowie das Recognitionszeichen des verantwortlichen Notars bzw. Kanzlers[27]. Der konkrete innere Aufbau eines kaiserlichen Diploms soll an späterer Stelle dieser Arbeit noch einmal aufgegriffen und näher beleuchtet werden.

Bei den vom Kirchenoberhaupt ausgestellten Urkunden gibt es einen ursprünglichen Unterschied zwischen Privilegien und Briefen (litterae)[28]. Vereinfacht gesagt „entsprechen die (päpstlichen) Privilegien den (kaiserlichen / königlichen) Diplomen, die (päpstlichen) litterae im Kern den (kaiserlichen / königlichen) Mandaten“[29]. Charakteristisch für die Privilegien sind die perpetuum-Formel, die auf eine dauerhafte Gültigkeit der Urkunde verweist, eine eigenhändige Unterschrift (zumindest bis zum Reformpapst Leo IX.), die Rota, eine radförmige Zeichnung, sowie das dreifache Amen[30]. Bei den Briefen gibt es eine offene und eine geschlossene Variante. Die erstere (litterae patentes) ist auf der Rückseite besiegelt, die zweite (litterae clausae) erscheint zusammengefaltet und besiegelt[31]. Seit 1245 kommt als dritte päpstliche Urkundenform die Bulle hinzu, die nach dem ihnen angefügten Bleisiegel benannt sind. Bullen dienen vor allem dem Zweck der Bekanntgabe von Dekreten oder Exkommunikationen[32].

[...]


[1] Brandt, Ahasver von: Werkzeug des Historikers: Eine Einführung in die historischen Hilfswissenschaften (Urban Taschenbücher, Bd. 33), 15. Aufl., Stuttgart 1998, S. 81.

[2] Goetz, Hans-Werner: Proseminar Geschichte: Mittelalter, 3. Aufl., Stuttgart 2006, S. 135.

[3] Vgl.: Goetz 2006, S. 134-135.

[4] Brandt 1998, S. 48.

[5] Brandt 1998, S 52.

[6] Brandt 1998, S. 56.

[7] Vgl.: Santifaller Leo: Urkundenforschung: Methoden, Ziele, Ergebnisse (Böhlau-Studien-Bücher), 4. Aufl., Köln [u.a.] 1986, S. 7.

[8] Goetz 2006, S. 136.

[9] Vgl.: Goetz 2006, S. 136.

[10] Spiegel, Joachim: Urkunde, -nwesen, in: Lexikon des Mittelalters: Stadt (Byzantinisches Reich) bis Werl, Bd. 8, München 2002, Sp. 1298.

[11] Vgl.: Brandt 1998, S. 82.

[12] Vogtherr, Thomas: Urkundenlehre (Hahnsche Historische Hilfswissenschaften, Bd. 3), Hannover 2008, S. 35.

[13] Vgl.: Spiegel 2002, Sp. 1300.

[14] Goetz 2006, S. 141.

[15] Vgl.: Vogtherr 2008, S. 9

[16] Vgl.: Goetz 2006, S. 138-139.

[17] Vgl.: Goetz 2006, S. 138.

[18] Vgl.: Spiegel 2002, Sp. 1298.

[19] Vgl.: Goetz 2006, S. 138.

[20] Vgl.: Spiegel 2002, Sp. 1298.

[21] Vgl.: Brandt 1998, S. 84.

[22] Vgl.: Spiegel 2002, Sp. 1298.

[23] Vogtherr 2008, S. 11.

[24] Vgl.: Vogtherr 2008, S. 11.

[25] Vgl.: Goetz 2006, S. 138.

[26] Goetz 2006, S. 138.

[27] Vgl.: Goetz 2006, S. 138.

[28] Vgl.: Vogtherr 2008, S. 11.

[29] Vogtherr 2008, S. 11.

[30] Vgl.: Goetz 2006, S. 139.

[31] Vgl.: Spiegel 2002, Sp. 1300.

[32] Vgl.: Goetz 2006, S. 139.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die Urkunde - Eine Quellengattung des Mittelalters
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Hilfswissenschaftliches Hauptseminar: Quellenkunde des Mittelalters
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
25
Katalognummer
V169296
ISBN (eBook)
9783640875450
ISBN (Buch)
9783640875269
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Urkunde, Quellengattung, Privilegium Ottonianum, Quellenkritik, Diplomatik, Hilfswissenschaften, Urkundenarten, Otto I.
Arbeit zitieren
Katharina Hüfner (Autor), 2010, Die Urkunde - Eine Quellengattung des Mittelalters, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169296

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