"Winterkuss bedeutet nicht Wärme. Sondern jemanden zu finden, für den man im Eis stehen bleibt."
Ivy Morgan kämpft in Anchorage ums Überleben- gegen Armut, Gewalt und die Angst, das letzte Zuhause ihrer Mutter zu verlieren. Ihre einzige Zuflucht ist das Singen in einer kleinen Bar.
Als ihr Stiefvater sie brutal zusammenschlägt und im Schnee zurücklässt, rettet der Soldat Marek Voss ihr das Leben. Zwischen Krankenhausnächten und vorsichtigem Vertrauen entsteht eine leise Nähe. Doch Marek ist Soldat- und Ivys Leben birgt Geheimnisse, die alles zerstören könnten.
Triggerwarnung / Content Note: In diesem Roman werden unter anderem folgende Inhalte thematisiert: häusliche Gewalt, körperliche und psychische Misshandlung, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Abhängigkeit, Machtmissbrauch und Kontrolle, traumatische Erlebnisse und deren Nachwirkungen, Krankenhaus- und Verletzungsszenen, militärische Einsätze und deren psychische Belastungen, Schuld, Verlust und verdrängte Trauer.
Die dargestellten Situationen sind Teil einer fiktionalen Geschichte, werden jedoch realistisch und teilweise detailliert geschildert. Bitte achte beim Lesen auf deine eigenen Grenzen und pausiere, wenn du merkst, dass dir die Inhalte zu nahegehen.
Dieses Buch romantisiert keine Gewalt. Es erzählt von Überleben, Schweigen und dem schwierigen Weg zurück zu Selbstbestimmung und Vertrauen.
Wenn du sensibel auf die genannten Themen reagierst, lies mit Vorsicht.
Auszüge aus dem Buch
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Prolog
Man sagt, der Winter sei still, doch das ist eine Lüge, die nur Menschen glauben, die nie gelernt haben, in dieser Stille zu lauschen, denn unter dem Eis knackt es, im Schnee bleibt jeder Schritt ein Geständnis, und in der Dunkelheit hallt alles nach, was man verdrängen will. Ich habe in vielen Nächten gelernt, wie laut Erinnerungen werden können, wenn draußen nichts mehr existiert, das sie übertönt, und wie sich Schuld anfühlt, wenn sie nicht schreit, sondern sich langsam festsetzt, Schicht für Schicht, wie Frost auf einer Haut, die man zu lange ungeschützt gelassen hat. Soldat zu sein bedeutet, Entscheidungen zu treffen, die kein Zurück kennen, und Befehle auszuführen, die man später nicht mehr auseinandernehmen kann, egal wie oft man sie im Kopf neu ordnet, als ließen sich Worte und Schüsse rückgängig machen, wenn man sie nur oft genug hinterfragt. Ich habe gelernt, sauber zu schießen, präzise zu handeln und nicht zu zögern, weil Zögern Leben kostet, und doch gibt es diesen einen Moment, der sich jeder Ordnung entzieht, diesen einen Einsatz, der sich nicht ablegen lässt wie eine Uniform, weil er nicht an Stoff haftet, sondern an etwas Tieferem, das keinen Rang kennt. Der Mann, der damals fiel, war für die Akte nur ein Ziel, eine Bewegung im falschen Winkel, ein Schatten im Visier, und für mich war er lange nichts weiter als ein Gesicht, das in meinen Träumen immer wieder auftauchte, ohne Namen, ohne Geschichte, ohne die Erlaubnis, wirklich zu existieren. Ich habe mir eingeredet, dass das notwendig war, dass es richtig war, dass man überlebt, indem man nicht fragt, wem man etwas nimmt, solange man selbst zurückkehrt, doch der Winter vergisst nichts, und je kälter die Nächte werden, desto deutlicher spüre ich, dass manche Dinge nicht vergraben bleiben, selbst wenn man sie tief genug glaubt verpackt zu haben. Hier oben im Eis zählt Kontrolle, Disziplin, Kameradschaft, und doch weiß jeder von uns, dass es Momente gibt, in denen selbst die stärksten Regeln brüchig werden, wenn das, was man schützen wollte, plötzlich ein Gesicht bekommt, eine Stimme, eine Verletzlichkeit, die man nicht einkalkuliert hat. Ich wusste nicht, dass man jemanden retten kann, ohne ihn zu kennen, und dass genau darin die größte Gefahr liegt, weil Nähe Fragen aufwirft, für die es keine taktischen Antworten gibt, und weil Schutz nicht nur bedeutet, sich vor jemanden zu stellen, sondern auch vor das, was man selbst getan hat. Es gibt Entscheidungen, die einen zu dem machen, was man ist, und andere, die offenlassen, was man noch werden kann, doch zwischen diesen beiden liegt ein Raum, den kein Befehl abdeckt, kein Einsatzbericht erklärt und kein Schlaf jemals vollständig zum Schweigen bringt. Vielleicht ist dieser Bericht mein Versuch, Ordnung zu schaffen, bevor etwas beginnt, das ich nicht mehr kontrollieren kann, vielleicht ist es nur ein weiteres Schweigen in Worten, aber ich weiß eines mit einer Klarheit, die schmerzt: Der Winter ist kein Ort. Er ist ein Zustand. Und ich habe ihn lange genug mit mir getragen, um zu wissen, dass er sich sein Recht immer holt.
[...]
Marek – Kapitel 5
Wir waren seit Stunden zurück auf der Base, und trotzdem fühlte es sich an, als hätte ich den Raum noch nicht ganz betreten, als wäre ein Teil von mir noch immer dort geblieben, in dieser Straße, in diesem Haus, in diesem Keller, der mehr Schutz bot als alles darüber. Der Wintersturm fegte über Fort Wainwright, Schnee peitschte gegen die Fenster, als wolle er erinnern, wo wir sind, wofür wir ausgebildet wurden, wozu wir funktionieren müssen. „Und wie war es?“, fragte Julian ungeduldig, kaum dass wir die Tür hinter uns geschlossen hatten. „War sie schon zu Hause?“ Viktor antwortete zuerst. Ruhig. Kontrolliert. Wie immer. „Ja.“ Ich sagte nichts. Noch nicht. Der Geruch des Hauses lag mir noch in der Nase. Alkohol. Chemie. Verfall. Dinge, die man nicht vergisst, wenn man sie einmal eingeatmet hat. Ich stand da, zog die Handschuhe aus, legte sie ordentlich ab, als würde Ordnung etwas ausgleichen, das sich nicht ausgleichen lässt. „Geht es ihr gut?“, fragte Ben. Viktor nickte leicht. „Sie sieht gut aus. Fit.“ Eine Pause. „Aber ihr hättet das selbst sehen müssen.“ Ich übernahm, weil Schweigen sonst zu laut geworden wäre. „In dem Haus liegen Spritzen herum“, sagte ich. Meine Stimme klang fremd in meinen eigenen Ohren. Zu nüchtern für das, was ich gesehen hatte. „Benutzte Utensilien. Leere Alkoholflaschen. Schimmel.“ Rico setzte an. „Aber—“ Viktor wusste bereits, was er fragen wollte. „Ivy lebt im Keller. Aber selbst dort riecht man den Schimmel.“ Niemand sagte etwas. Das Schweigen war schwer. Kein taktisches Schweigen. Kein Befehlsschweigen. Sondern das, was bleibt, wenn Worte nicht ausreichen. „Ich glaube, ich rede für uns alle“, sagte Ben schließlich. „Wir sind fassungslos.“ Ich nickte. Pflichtgemäß. Mechanisch. Doch das, was wirklich in mir arbeitete, hatte nichts mit dem Haus zu tun. Nicht mit dem Dreck. Nicht mit dem Elend. Es waren ihre Worte. Dass sie sich eingeengt fühlt. Dass die Blase im Krankenhaus schön war, aber dass hier draußen ihre Realität ist. Dass Nähe für sie Druck bedeutet. Verantwortung. Gefahr. Wir sagten es den Jungs. Sagten es sachlich. Strukturiert. Ohne Emotionen. Sie sahen mich danach anders an. Julian musterte mich einen Moment zu lange, dann grinste er. „Du liebst sie.“ Ich wollte widersprechen. Reflex. Befehl. Grenze. Kontrolle. Aber nichts kam. „Komm schon, Marek“, setzte Rico nach. „Seit Jahren hast du keine Frau so angesehen wie sie. Und das, was du alles tust…“ „Ja“, sagte ich schließlich. Das Wort kam leise, aber klar. „Ich denke, ich liebe sie.“ Es war kein Geständnis. Es war eine Feststellung. Eine Lageeinschätzung. „Das wusste hier jeder schon seit Wochen“, sagte Viktor ruhig. „Wir haben nur gewartet, bis du es selbst aussprichst.“ Ich wandte mich ab, trat ans Fenster. Der Sturm draußen war heftig. Sicht gleich null. Ein guter Sturm. Einer, der alles auf das Wesentliche reduziert. Ich mochte das. Normalerweise. „Ihr kennt mich“, sagte ich schließlich. „Ich rede nicht viel über sowas.“ Keiner unterbrach mich. Sie wussten, dass jedes Wort, das jetzt kommt, kein Smalltalk ist, sondern etwas, das man nicht zurücknimmt. „Sie ist nicht zerbrechlich“, sagte ich. „Auch wenn man das denken könnte.“ Eine Pause. Bewusst gesetzt. „Sie trägt nur mehr, als ein Mensch tragen sollte.“ Schutz ist ein Wort, das wir oft benutzen. In Briefings. In Einsatzplänen. Schutz bedeutet Stellung halten. Feuer erwidern. Evakuieren. Es ist klar definiert. Bei Ivy ist es das nicht. „Ich habe schon für vieles gekämpft“, fuhr ich fort. „Für Dinge, die man später kaum noch erklären kann. Für Befehle, hinter denen man sich versteckt. Für Verantwortung, die man nicht gewählt hat.“ Ich atmete aus. Kurz. Kontrolliert. „Bei ihr ist es anders.“ Ich drehte mich wieder zu den Jungs. „Sie ist der Punkt, an dem ich aufhöre zu funktionieren.“ Niemand lachte. Niemand kommentierte. „Sie ist das, wofür ich gerade überhaupt noch loslege.“ „Und das reicht?“, fragte Viktor. Ich dachte an ihren Blick. An ihre Stimme. An den Moment, als sie sagte, dass es ihr zu viel wird. An den Keller. An das Schweigen, das sie gelernt hat. „Ja“, sagte ich. „Sie ist mein Leben geworden. In den letzten Wochen.“ Die Worte blieben im Raum hängen. Schwer. Unausweichlich. Und dann lächelten die Jungs. Nicht spöttisch. Nicht erleichtert. Sondern dieses stille Lächeln von Männern, die wissen, dass etwas Ernstes ausgesprochen wurde. „Wenn ich bei ihr bin“, sagte ich weiter, leiser jetzt, ohne den Blick abzuwenden, „atme ich anders. Ruhiger.“ „Als hätte mir jemand Luft zurückgegeben, von der ich nicht wusste, dass sie mir fehlt.“ Pflicht hat mich geformt.
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- Quote paper
- Tabea Spremberg (Author), 2026, Winterkuss - Einsatz im Eis, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1693156