Wird im Christentum über Menschen jüdischen Glaubens gesprochen, so folgt unweigerlich eine gewisse Assoziation mit Gesetzlichkeit und starrer Religiosität. Die Thora, auf welcher der jüdische Glaube gründet, wird als „… ein ‚tötendes Gesetz„ betrachtet, von dem der Christ durch Jesus befreit worden ist.“ Selten wird beachtet, dass für einen Juden das Gesetz im Dienst des Lebens steht und gerade im Judentum eine sehr hohe Gottesfurcht4 und auch eine grosse Gottesliebe vorhanden ist, welche seinesgleichen sucht. Das Loben von Gott als Schöpfer, Herr und Liebender seines Volkes Israel ist auch im modernen Judentum immer noch ein zentrales Thema. In freikirchlichen - christlichen Gemeinden wird dem Lob Gottes vor allem durch das Singen von Liedern Ausdruck verliehen. Dabei bedient man sich den Möglichkeiten und Ausdrucksformen der modernen Musik und drückt in den Liedtexten die Beziehung zwischen Gott und Geschöpf
aus. Diese Form des Lobpreises Gottes geht auf die Neuordnungen des levitischen Dienstes in der 1. Chronik durch König David zurück. Er hat sich geisterfüllte und fachlich gute Musiker ausgesucht, welche Tag und Nacht Gott im Tempel mit ihren Liedern angebetet und
besungen haben.
Nun haben wir im christlichen Glauben mit den Juden zusammen die gemeinsame Grundlage des Pentateuch, der Schriften und der Propheten. Während die Christen in der Bibel das Alte Testament und das Neue Testament haben, so gründet der Glaube der Juden auf dem Tenach.
Wie bereits Paulus in Römer 11 zum Ausdruck bringt, haben wir als Christen dieselben Wurzeln wie die Juden. Dazu Dwight Pryor: „Unser Leben wurzelt in der Bewegung des jüdischen Rabbi Jeschua auf der Grundlage jüdischer Schriften, einem jüdischen Boden.“ Die Christen sind aber aufgepfropfte Zweige und dürfen der Fettigkeit und der Wurzel des edlen Ölbaumes aus Gnade teilhaftig werden. In vorliegender Arbeit soll dargestellt werden, wie sich das Gotteslob im Judentum aus dieser gemeinsamen Grundlage heraus bis in die heutige Zeit entwickelte und welchen Stellenwert das Loben des Schöpfers für den gläubigen Juden von heute inne hat. Zum Ende der Arbeit schliesslich soll in Kürze dargestellt werden, wie der Christ seine Praxis vom Gotteslob durch die gewonnenen Erkenntnisse erweitern kann.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 LOB UND ANBETUNG GOTTES IM TENACH
2.1 Durch Opfer
2.2 Durch Gebet
2.3 Durch Gesang und Musik
3 LOB ND ANBETUNG GOTTES NACH DER ZERSTÖRUNG DES ZWEITEN TEMPELS
4 LOB UND ANBETUNG GOTTES IM HEUTIGEN JUDENTUM
4.1 Studium der Thora und der Schriften als Lob Gottes
4.2 Gebet als Lob Gottes
5 FAZIT
6 ANHANG: EXKURS „MESSIANISCHER LOBPREIS“
6.1 Lobpreismusik von / für messianische(n) Juden
6.2 Lobpreismusik mit „Messianismus“ als Inhalt
6.3 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung des Gotteslobs im Judentum, ausgehend vom Tenach bis zur heutigen Praxis, um den Stellenwert des Lobens Gottes für gläubige Juden aufzuzeigen und christliche Perspektiven durch diese Erkenntnisse zu bereichern.
- Historische Herleitung des Gotteslobs im Tenach (Opfer, Gebet, Musik)
- Transformation des Gottesdienstes nach der Zerstörung des Zweiten Tempels
- Ganzheitliche Praxis des Gotteslobs im heutigen Judentum
- Rolle des Thorastudiums als Akt der Anbetung
- Analyse und Definition des Begriffs „messianischer Lobpreis“
Auszug aus dem Buch
4.1 Studium der Thora und der Schriften als Lob Gottes
„Die Thora wird nie nackt gelesen.“ sagt Ruth Gellis und spielt damit auf die Tatsache an, dass die Thora und die Schriften einerseits immer in Verbindung mit den rabbinischen Auslegungen, aber immer auch betend gelesen werden, es wird betend gelernt. Gebet und Studium gehen derart ineinander über, dass sie kaum unterschieden werden können. Das Studium der Thora selber wird als Akt der Anbetung verstanden. Es geht letztlich nicht um ein Vermitteln von Wissen, sondern darum, tiefer in die Furcht Gottes zu kommen. Umgekehrt bezeichnet Schalom Ben-Chorin das Studium der Thora ohne Gebet als nicht legitim. Shmuel Safrai erläutert das Studium der Thora als Gottesdienst an sich:
„Das Lernen der Tora ist nicht nur ein Mittel, um in Erfahrung zu bringen, was man zu tun und zu lassen habe, sondern es ist in sich selbst Gottesdienst, eine Art Medium, durch das der Mensch in Verbindung mit seinem Gott kommt. Im Tora-Lesen und Lernen erfährt der jüdische Mensch, dass er sich verbindet, ja gleichsam vereinigt, mit der göttlichen Weisheit. Das Lernen ist an sich [Gottesdienst].“
Die Wichtigkeit des Thorastudiums nimmt unter anderem Bezug auf das Buch Nehemia: „Und er las daraus vor dem Platz, vor dem Wassertor, vom ersten Tageslicht bis zum Mittag in Gegenwart der Männer und Frauen und aller, die es verstehen konnten. Und die Ohren des ganzen Volkes waren auf das Buch des Gesetzes gerichtet.“ (Neh 8,3)
Und die Mischna statuiert im Traktat Abot I,2 einerseits die Wichtigkeit des Thorastudiums, andererseits die Ganzheitlichkeit im Leben des Juden: „Auf drei Dingen ruht die Welt: auf der Tora, auf dem Gottesdienst und auf den Werken der Barmherzigkeit.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Problematik der Assoziation des Judentums mit reiner Gesetzlichkeit ein und verdeutlicht die Intention, das Gotteslob als zentrales, ganzheitliches Element jüdischer Frömmigkeit aufzuzeigen.
2 LOB UND ANBETUNG GOTTES IM TENACH: Dieses Kapitel erläutert die biblischen Grundlagen des Gotteslobs durch Opfer, Gebete und musikalische Darbietungen im Kontext des Tempeldienstes.
3 LOB ND ANBETUNG GOTTES NACH DER ZERSTÖRUNG DES ZWEITEN TEMPELS: Hier wird der Wandel zur Synagogenliturgie und die zentrale Bedeutung von Gebet und Studium nach dem Verlust des Opferkultes beschrieben.
4 LOB UND ANBETUNG GOTTES IM HEUTIGEN JUDENTUM: Dieses Kapitel vertieft, wie das Gotteslob im Alltag und im synagogalen Gottesdienst als Lebensstil durch Thorastudium und Gebet verwirklicht wird.
5 FAZIT: Das Fazit fasst die Transformation des Gotteslobs zusammen und zieht Schlussfolgerungen für eine ganzheitliche Anbetungspraxis, auch aus christlicher Sicht.
6 ANHANG: EXKURS „MESSIANISCHER LOBPREIS“: Dieser Exkurs analysiert die moderne Verwendung und Bedeutung von „messianischem Lobpreis“ und dessen Einordnung in das jüdisch-christliche Verhältnis.
Schlüsselwörter
Gotteslob, Judentum, Tenach, Synagoge, Thorastudium, Gebet, Beracha, Opferdienst, messianischer Lobpreis, Tempelzerstörung, Anbetung, Jeschua, Liturgie, Gottesfurcht, Glaubenswurzeln.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die geschichtliche Entwicklung und die heutige Praxis des Lobens und Anbetens Gottes im Judentum, vom Tenach bis zur Gegenwart.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Transformation vom Opferkult zur Synagogenliturgie, die Rolle des Thorastudiums und der täglichen Segenssprüche (Berachot) als Lebensanbetung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, das tiefe Verständnis von Gotteslob im Judentum aufzuzeigen und zu prüfen, wie Christen diese Erkenntnisse für ihre eigene Praxis der Anbetung nutzen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse sowie auf Experteninterviews mit Vertretern der jüdischen Gemeinschaft, um ein authentisches Bild jüdischen Selbstverständnisses zu gewinnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die historischen Grundlagen im Tenach, den Wandel nach der Zerstörung des Zweiten Tempels und die heutige Ausgestaltung des Gotteslobs im Judentum.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Gotteslob, Tenach, Thorastudium, Beracha und messianischer Lobpreis charakterisiert.
Wie hat sich die Form des Lobpreises nach der Zerstörung des Zweiten Tempels verändert?
Nachdem der Opferkult im Tempel nicht mehr möglich war, verlagerte sich der Schwerpunkt auf das Gebet in der Synagoge und das Studium der Tora, welche fortan den Kern der Gottesverehrung bildeten.
Was versteht der Autor unter dem Begriff „messianischer Lobpreis“ im Anhang?
Der Autor definiert messianischen Lobpreis als eine Form der Anbetung, die einen starken Bezug zu Jeschua als jüdischem Messias aufweist und versucht, dieses Loben in den Kontext biblischer und jüdischer Traditionen einzubetten.
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- David Jäggi (Author), 2010, Lob und Anbetung Gottes im Judentum, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169447