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Vom verletzten Vertrauen zur inneren Stabilität

Bindung, Urvertrauen und der Weg aus verletzenden Mustern

Titel: Vom verletzten Vertrauen zur inneren Stabilität

Sachbuch , 2026 , 163 Seiten

Autor:in: Jörg Weber (Autor:in)

ThinkShelf: Sachbücher
Leseprobe & Details   Blick ins Buch
Zusammenfassung Leseprobe Details

Das Verhalten von Kindern und Jugendlichen in der intensiven und individualpädagogischen Jugendhilfe ist selten das eigentliche Problem. Es ist Ausdruck von Erfahrungen, die oft nur bruchstückhaft bekannt sind – von Grenzverletzungen, Verlust, Angst und fehlender Sicherheit. Wer Verhalten allein verändern will, bleibt an der Oberfläche.

Dieses Buch lädt dazu ein, hinter das Sichtbare zu schauen. Es versteht auffälliges Verhalten nicht als Fehlleistung des Kindes, sondern als Symptom tiefer liegender Verletzungen, die ihren Ursprung häufig in Vernachlässigung, Misshandlung, Missbrauch oder dem Entzug zentraler Schutzfaktoren haben. Dort, wo Urvertrauen beschädigt wurde, greifen klassische Erziehungsstile zu kurz.

Im Mittelpunkt steht eine pädagogische Haltung, die nicht korrigiert, sondern begleitet. Die Beziehung zum Kind, das Verstehen seiner Geschichte und die gemeinsame Arbeit an den Ursachen rücken an die Stelle von Kontrolle und Verhaltensmodifikation. Kinder tragen keine Schuld an dem, was sie schützt oder überfordert – verantwortlich ist die Erfahrung, die ihnen Sicherheit genommen hat.

Aus entwicklungspsychologischer Perspektive beleuchtet der Autor zentrale Fragen der Resilienz: Warum entwickeln manche Kinder trotz extremer Belastungen innere Stärke, während andere daran zerbrechen? Welche Bedeutung haben Bindung, Urvertrauen und ein schützender Lebensraum für Heilung und Entwicklung? Und wie wirken sich extreme Erfahrungen von Angst, Ohnmacht und Ausgeliefertsein langfristig auf die kindliche Psyche aus?

Dieses Buch richtet sich an Fachkräfte der Jugendhilfe, Pädagog:innen und alle, die mit belasteten Kindern und Jugendlichen arbeiten. Es verbindet fachliche Reflexion mit einer klaren Haltung: Kinder brauchen keine weiteren Maßstäbe – sie brauchen Menschen, die bleiben, verstehen und Schutz ermöglichen.

Leseprobe


Inhalt

Was mich antreibt

Präverbale Kommunikation des Kindes

Bildung einer eigenen Persönlichkeit

Bindungen und Beziehungen

Risiko- und Schutzfaktoren

Häusliche Gewalt

Sexueller Missbrauch

Misshandlung

Vernachlässigung

Ein Blick auf die Urangst des Menschen

Dissoziationen

Fazit

Danksagung

Auszüge aus dem Buch

Cover: Vom verletzten Vertrauen zur inneren Stabilität

Was mich antreibt

Warum entwickeln einige Kinder unter schwierigsten Bedingungen eine Resilienz, während andere mit scheinbar „einfacheren“ Schwierigkeiten diese nicht entwickeln können? Welcher entwicklungsfördernde Baustein fehlt den Kindern, welchen die Resilienzentwicklung schwerer fällt?

Neben diesen Fragen versuche ich in diesem Text zu erörtern, welche Ängste und vulnerare Entbehrungen ein Kind erleben muss, wenn sich bspw. die Mutter ihrerseits entzieht, aber auch, welche Traumata sich bilden können, wenn das Kind ihr und allen anderen Sozialkontakten durch z.B. Dritte entrissen wird. Wenn das Kind also bspw. entführt und an einen ihm unbekannten Ort verbracht wird. In diesem Fall müsste sich meiner Auffassung nach beim Opfer eine Angst entwickeln, welche sich bis zur maximalen fühl- und aushaltbaren Angst und Hilflosigkeit steigern kann. Hierbei gilt es zu beachten, dass es keine absolute Obergrenze für Angst gibt, da Angst ein sehr subjektives und persönliches Gefühl ist.

Allerdings ist es die Meinung der meisten Kardiologen, dass der Mensch auch vor Angst sterben kann. 1

Angst kann also durch immer weiteres Schüren derselben derart großen Einfluss auf den Organismus nehmen, dass bspw. der Blutdruck, die Herzfrequenz und der Atem derart ansteigen, dass lebensbedrohliche Auswirkungen nicht ausgeschlossen werden können. Insofern bildet nur der Tod die absolute Obergrenze der maximalen Angst, denn sie ist, ähnlich wie der Schmerz, bis zum Tode endlos steigerbar. Im Falle einer Entführung wird die maximale Hilflosigkeit als Ohnmachtsgefühl wahrgenommen. Dies bedeutet, sich selbst nicht helfen zu können bzw. auf die Hilfe weiterer Personen nicht vertrauen oder zurückgreifen zu können. Man ist vollständig auf sich allein gestellt und der Macht und Willkür eines anderen ausgeliefert.

In diesem Moment müsste sich die Urangst, welche R. Posth in seinem Werk „Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen“ auf Seite 56 auch als eine Angst vor dem Verlassenwerden bzw. dem Ausgeliefertsein definierte, bestätigen. 2

Ich sehe daher in einer Entführung eines der schlimmsten Verbrechen gegen einen jungen Menschen, denn dieser wird nicht nur einer potenziellen Gewalterfahrung und dem möglichen Tod ausgesetzt, sondern gleichzeitig auch sämtlicher Resilienz fördernder Schutzfaktoren und aller Sozialkontakte beraubt.

Selbstverständlich sind auch der seelisch-emotionale, körperliche oder sexuelle Missbrauch / die Misshandlung oder gar die Tötung von Kindern und Jugendlichen als schwerwiegendste Verbrechen, insbesondere innerhalb der Familie, anzusehen und zu werten, denn gerade innerhalb der Familie und dem engen sozialen Umfeld sollten stattdessen die Schutzfaktoren vorliegen. Insofern versuche ich auch hier eine Antwort zu finden, bzw. darauf einzugehen, wie sich diese Verbrechen am Kind auf dieses, sowohl physisch als auch psychisch auswirken, um dann mein eigenes Handeln besser an Kinder mit diesen Erfahrungen anpassen zu können. Um in der bedauerlicherweise großen Welt des Missbrauchs und der Misshandlung möglichst viele Zusammenhänge beleuchten und erfassen zu können, versuche ich die frühkindliche Entwicklung und deren Schädigung bei Misshandlung und Missbrauch zu erfassen.

Hierfür beleuchte ich bspw. auch die Resilienz und die Risiko- und Schutzfaktoren. Als einen ganz besonderen Schutzfaktor im Rahmen der Resilienzbildung schätze ich persönlich den schützenden und behüteten Wohnraum, in Form einer tatsächlich ohne Angst erlebten und bewohnten Behausung, ein. Die Wohnungstür fällt hinter mir ins Schloss und ich bin sicher. Im Kapitel „Vernachlässigung“ gehe ich näher auf die Schutzfaktor-Wirksamkeit dieses wachenden Lebensumfelds ein.

Diesen möchte ich aber auch bereits an dieser Stelle erwähnen, da gerade bei Gewalt in der Familie dieser für die erfolgreiche Resilienzbildung meiner Auffassung nach unerlässliche Schutzfaktor vollständig und ersatzlos wegfällt. Betrachtet man dann die Resilienz als Erweiterung des Urvertrauens und essenziellen Bestandteil der kindlichen Entwicklung, sollte bereits hier in der Vorüberlegung auf die Notwendigkeit dieses Schutzfaktors hingewiesen werden.

Bei näherer Beschäftigung der oben angegebenen Verbrechen gegen Kinder und Jugendliche wird eine weitere mögliche Besonderheit im Rahmen einer Entführung deutlich. Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung in der Familie bzw. dem näheren Umfeld zeichnen sich meiner Erfahrung nach bereits mit frühester Kindheit, sehr häufig bereits mit der Geburt bzw. schon der vorgeburtlichen Bildung der Eltern-Kind-Beziehung ab. Diese Kinder erleben dann kein „absolut behütetes familiäres Umfeld“, keinen Schutzfaktor „schützender und behüteter Wohnraum“. Dadurch, dass sie es aber nicht anders kennen, lernen sie vielleicht sogar, besser mit der Abwesenheit dieses Schutzfaktors umzugehen, als die Kinder, welche in behüteten und umsorgten Verhältnissen groß werden durften, es könnten.

Das, was ich nicht kenne, vermisse ich auch weniger.

Das entführte Kind aber ist eventuell in behüteten Verhältnissen aufgewachsen. Daher ist diesem Kind der behütete Wohnraum; das absolut behütete familiäre und soziale Umfeld möglicherweise bekannt. Diesem wird es nun entrissen. Welche Eigenschaften lassen dieses Kind, welches eventuell noch in dem Lern- und Entwicklungsprozess „Urangst, Urvertrauen, Resilienz, Bindungen und Persönlichkeitsbildung“ steckt und niemals zuvor die für die Bewältigung dieser Belastungen benötigte Kraft und Stärke beweisen musste, dieses Verbrechen überstehen? Können Kinder, welche derartige Erlebnisse erleiden mussten, aufgrund und mit Hilfe der Schutzfaktor-Wirkung eines schützenden und behüteten Wohnraums / behüteten familiären und sozialen Umfelds schneller und eher genesen? Wie hoch und stark kann die Wirksamkeit dieses Faktors sein? Kann dieser Schutzfaktor selbst dann relevant sein, wenn das Kind zwar weiß, dass es ihn gibt, er aber aktuell und in dem Moment der Gewalterfahrung nicht zur Verfügung bzw. in weiter Entfernung steht?

Das Kind und die Bindung

R. Posth postuliert in seinem Werk „Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen“ auf Seite 29, dass der menschliche Säugling nach heutigen Erkenntnissen als eines der empfindlichsten Wesen in der Natur gelten kann. Er sei weit weniger existenziell abgesichert als der Nachwuchs unserer Artverwandten aus dem Tierreich. Außerdem habe er von der Natur keine rasche Entwicklung zur Selbstständigkeit in der Fortbewegung und Nahrungsbeschaffung mit auf die Welt bekommen. 3

Diese Auffassung bestätigend schreibt K. H. Brisch in seinem Buch „Kindliche Entwicklung zwischen Ur-Angst und Ur-Vertrauen“ auf Seite 18 und 19, dass menschliche Kinder nach der Geburt extrem hilflos seien; er vertritt den Standpunkt, sie kämen eigentlich zu früh zur Welt. Hierfür sieht er einen möglichen Grund darin, dass das menschliche Gehirn im Verlauf der Evolution und der während derer stattgefundenen Entwicklung immer größer wurde. Daher muss nun das Kind unreif geboren werden, damit der bereits sehr große Kopf durch das Becken der Mutter passt und nicht im Geburtskanal stecken bleibt. Auch er beschreibt, dass das Baby nach der Geburt motorisch, physiologisch und psychisch – etwa in Bezug auf die Fähigkeit zur Selbstregulation von Urängsten – unreif sei und ohne intensive Pflege, Getragenwerden, körperlichen Schutz und Koregulation von Ängsten durch die Bindungsperson nicht überlebensfähig sei. 4

Andererseits sind dem Säugling, wie R. Posth auf Seite 30 weiter schreibt, aber Grundtriebe wie Hunger, Durst, Suche nach Wärme, Schmerzfreiheit, und wenn auch das noch als Trieb anzusehen ist Streben nach Sicherheit, Schutz und Geborgenheit angeboren. Man spricht beim Menschen von Bedürfnissen und nicht von Trieben, welche aber nicht weniger intensiv empfunden werden. Diese Bedürfnisse macht der Säugling gegenüber seiner Mutter bzw. seinen weiteren Sozialkontakten mittels einer vorsprachlichen Kommunikation über Meckern, Schreien und Lächeln deutlich. Die hohen Ansprüche an den Sozialkontakt zielen hierbei auf den persönlichen Daseinserhalt und das Überleben ab.

R. Posth definiert im weiteren Verlauf der Seite 30 die vorsprachlichen Kommunikationsmittel des Säuglings wie folgt:

Das Säuglingsschreien ist ein Grundsignal welches beim Erwachsenen generell Sorge um das kindliche Wohlbefinden auslösen soll. Elementare Bedürfnisse sollen erfüllt werden und unangenehme Empfindungen und Gefühle erspart.

Das Säuglingslächeln ist der dazu gegenteilige Ausdruck von Zufriedenheit mit dem elterlichen Handeln und damit die prompte und positiv gestimmte Antwort.

Zwei spezielle, in seiner eigenen Sozialbiographie geprägten Gefühle und Empfindungen sollen für den Erwachsenen laut R. Posth hier handlungsweisend sein. Die grundsätzliche Sorge von Mutter und Vater um ihr Kind und das persönliche Verantwortungsbewusstsein, ein schwächeres Wesen wie ein Kind zu beschützen. 5

Das Lächeln des Säuglings und, ab dem 3. – 4. Lebensmonat, stimmhafte Lachen, drückt, wie R. Posth auf Seite 32 weiter schreibt, immer innere Zufriedenheit aus und hat als Kontaktlächeln die Aufgabe, Kontakt und Kommunikation herzustellen oder zu erneuern und als Antwortlächeln den Kontakt aufrecht zu erhalten. 6

Dem Säugling bzw. Kleinkind fehlt, so führt R. Posth in seinem Buch „Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen“ auf Seite 33 und 34 weiter aus, in dieser Phase des Lebens noch das Verständnis seiner Umwelt. Ihm ist noch nicht bewusst, dass es mit seiner Person ein eigenes Individuum darstellt. Dies und die mit dem eigenen Ich zusammenhängenden Bedürfnisse und Wünsche muss der Säugling noch kennen und verstehen lernen. Dieses Verständnis erwächst aus der Erfahrung, sich von anderen räumlich entfernen und je nach Bedürfnislage zu ihnen zurückkehren zu können. Er muss sich dafür mit der Gewissheit vertraut machen, nach dem Verlassen der Bezugsperson diese an demselben Ort auch wieder aufzufinden. R. Posth bezieht sich auf Seite 33 und 34 auf die bereits von Jean Piaget in dessen „Theorie kognitiver Entwicklungsstufen“ als Objekt- bzw. personelle Permanenz definierten Fähigkeit, zu wissen, dass ein Objekt oder eine Person auch dann weiterhin existiert, wenn es oder sie sich außerhalb des Wahrnehmungsfeldes befindet. Außerdem muss das Kind auch die Erfahrung machen, dass seine Lebensumgebung ein freier Raum ist, welchen er durchkrabbeln oder durchlaufen kann. Das er also selbst seinen Aufenthaltsort und damit auch sein Wahrnehmungsumfeld verändern kann. 7

Der kleine Säugling erlebt sein Dasein in gefühlshaften Erlebnissen.

R. Posth geht in seinem Buch “Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen“ davon aus, dass diese Erlebnisse prägend für die weitere Entwicklung und das Seelenleben des Kindes sind. Er vertritt weiterhin die Auffassung, dass diese Prägungen von Geburt an durch das bereits funktionierende implizite Gedächtnis stattfinden und dass, auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch kein faktisches und biographisches Erinnerungsvermögen besteht, Gefühle dennoch bereits abgespeichert werden können. 8

Ich gehe davon aus, dass sich Gefühle bereits vorgeburtlich prägend auswirken; die Fachliteratur postuliert dazu, dass Gefühle mindestens ab dem Zeitpunkt der Geburt prägende Spuren hinterlassen.


1. vgl. https://gedankenwelt.de/sterben-vor-angst-ist-das-moeglich/

2. vgl. R. Posth; Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen, S. 56

3. vgl. R. Posth; Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen, S. 29

4. vgl. K. H. Brisch; Kindliche Entwicklung zwischen Ur-Angst und Ur-Vertrauen, S. 18 & 19

5. vgl. R. Posth; Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen, S. 30 & 31

6. vgl. R. Posth; Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen, S. 32

7. vgl. R. Posth; Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen, S. 33 & 34

8. vgl. R. Posth; Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen, S. 37

[...]

Ein Blick auf die Urangst des Menschen

Die Urangst frisst das Urvertrauen
Jörg Weber, April 2025

Ein Grund dafür, warum sich der Säugling häufig ganz aus einem eigenen, inneren Gefühl heraus in Existenznot befindet, eine Not, welche nachweislich nicht durch Unterlassungen der Eltern und ebenso wenig durch Schmerzen verursacht ist, liegt R. Posth zufolge hauptsächlich in der Evolutionsgeschichte des Menschen. 1

Denn wenn wir in dieser Evolutionsgeschichte weit zurückgehen und den Beginn der menschlichen Entwicklung aus heutiger Sicht und mit den bisher gewonnenen Erkenntnissen betrachten, so können wir doch nur vermuten, unter welch extremen Ängsten diese Menschen damals gelitten haben.

K. H. Brisch erläutert auf den Seiten 13 und 14 in seinem Buch „Kindliche Entwicklung zwischen Ur-Angst und Ur-Vertrauen“, dass die Menschen zu Beginn der Evolutionsgeschichte Naturgewalten sowie wilden Tieren ungeschützt ausgesetzt waren, hinter jedem Baum konnte der Tod lauern. Die Furcht, welche der Mensch in dieser Zeit gespürt haben muss, führt selbst heute noch, trotz aller erreichter Fortschritte, zu extremen, panischen Angstzuständen. Dies könnte nach K. H. Brisch bedeuten, dass die Urmenschen in ständiger, extremer Angst lebten. Er erwähnt weiter, dass Reptilien lange vor den Menschen in der Evolution die Fähigkeit entwickelt haben, bei Lebensbedrohung einen Totstellreflex einzusetzen. Sie erstarrten motorisch innerhalb einer Sekunde in der in der Position, in welcher sie sich gerade befanden. Diese Reaktionsweise nennen wir heute Dissoziation, ein überlebenswichtiger Mechanismus, welchen wir heute bei allen höheren Wesen beobachten können.2

K. H. Brisch definiert es zudem als vorstellbar, dass, wie bereits M. Lang 2015 in seiner Studie „Effects of anxiety on spontaneous ritualized behavior“ feststellte, die Menschen zur Bewältigung dieser Ängste und der mit den Ängsten einhergehenden Erregungszuständen Rituale wie bspw. Musik, Tanz, Kunst oder religiöse Riten entwickelten. Durch die damit erfolgte Projektion der Ursache einer Ur-Angst auf andere, fremde Mächte wurden diese nachvollziehbar. Durch das Ziel, die Götter mit Demut und Opfergaben gnädig zu stimmen, könnte der Mensch unbewusst eine Art Selbstregulation erzeugt haben. Da den Urmenschen aber der Zusammenhang von Hormonen, Neurotransmittern, Stress und Selbstregulation vermutlich noch nicht bewusst war, muss die daraus entstandene Beruhigung der Ängste wie ein Besänftigen der Gemüter durch die Götter gewirkt haben. Auch T. Swan und J. Halberstadt haben laut K. H. Brisch bereits im Jahr 2022 in ihrer Studie „Anxiety enhances recall of supernatural agents“ die Möglichkeit gesehen, dass mit den ersten stressregulierenden Bindungserfahrungen durch andere Menschen auch projektive Erfahrungen der Bindung an externe Mächte wie Götter, vermittelt durch religiöse Riten, geholfen haben, mit den extrem traumatischen Ängsten umzugehen. 3

Den Urmenschen war noch nicht bewusst, dass positive Bindungserfahrungen, wie bspw. versorgendes, schützendes, Sicherheit gebendes Verhalten von Müttern gegenüber Babys – Hautkontakt und Stillen – zur Ausschüttung von Oxytocin führt. Oxytocin ist, wie K. H. Brisch in „Kindliche Entwicklung zwischen Ur-Angst und Ur-Vertrauen“ auf Seite 16 weiterschreibt, ein Hormon, welches unter anderem beim Stillen sowohl bei der Mutter wie auch beim Baby ausgeschüttet wird und zur Beruhigung führt. Es gilt als Anti-Stress-Hormon, welches zudem das Gefühl auslöst, sich bei dem anderen Menschen sicher zu fühlen. Es wird daher auch als Bindungshormon bezeichnet. Einander zu umarmen, Nähe zu suchen oder bspw. in der Gruppe zusammen zu sein führt zur Ausschüttung von Oxytocin. Es hat einen beruhigenden Effekt auf die physiologische Erregung, die emotionale Bindung jedes Einzelnen und der Gruppe wird gestärkt. Es war ihnen demnach zwar nicht bewusst, eine Auswirkung auf das Zusammenleben hatte es dafür eventuell umso mehr. Denn die Urmenschen schrieben die positive Wirkung auf sich selbst dann eventuell wiederum höheren Wesen zu – den Göttern. Dementsprechend wurde vermutlich das Überleben in der Gruppe immer häufiger durch das Zusammenrücken bei Gefahr oder Bedrohung gesichert. Das Erregungssystem regulierte sich herunter und es entstand möglicherweise die erste Form von Urvertrauen. 4

Betrachten wir mit dieser Erkenntnis die Beziehung der werdenden Eltern, muss uns unweigerlich bewusstwerden, wie groß auch hier wieder der Anteil des werdenden Vaters ist. Denn ist er bemüht, den Stress für die werdende Mutter gering zu halten, ist die Beziehung der werdenden Eltern von Liebe und Harmonie geprägt, führt dies zur Ausschüttung von Oxytocin bei der Mutter.

Den Grund für die Existenznot des neugeborenen Menschen definiert R. Posth in „Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen“ auf Seite 54 als das Erschrecken vor der Fremde. Es muss uns einleuchten, dass in der neuen Lebensumwelt außerhalb des Mutterleibs sowie den damit verbundenen (potentiellen) Gefahren, in die sich der Säugling begeben muss, alles fremd erscheint. Vielleicht sogar unwirklich, schwer zu begreifen. Das Erschrecken vor der Fremde lässt sich laut R. Posth am einfachsten als ein Gefühl der Unheimlichkeit beschreiben. Unheimlichkeit setzt kein Wissen voraus, sondern ist Fühlen schlechthin. Daher bewegt sich die Unheimlichkeit am Übergang von Gefühl und Stimmung und man könnte die daraus resultierende Urangst auch als Stimmungsangst bezeichnen. Man stelle sich einen dunklen Wald vor, den man des Nachts durchschreiten muss. Tagsüber geht man in genau diesem Wald spazieren, des Nachts überkommt auch uns aber ein unangenehmes Gefühl. Es ist für uns noch keine Angst, man kann es nur als „Unheimlich“ beschreiben. Genau dieses Gefühl überkommt den Säugling, unseres ist nach dem Gang durch den Wald weg und zudem aufgrund unseres Begriffs- und Logikverständnisses erläuter- und steuerbar, beim Säugling bleibt dieses Gefühl jedoch und bildet, wenn es ihm nicht genommen wird, eine Angst. Insofern erhofft er sich dann nach seinem Schrei ein Hinzueilen der Mutter, welche ihn dann aus seinen Angstzuständen erlöst. Dieses Erlösen aus dem Unheimlichkeits-Gefühl, welches ähnlich wie eine Bedürfnis-befriedigung wirkt, stellt sich faktisch als Trösten dar. Dramatisch wird das Empfinden und Fühlen für den Säugling dann, wenn keine Bezugsperson vorhanden ist oder diese sich ihm entzieht. 5

Insofern definiert R. Posth in seinem Buch „Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen“ auf Seite 56 und 57 die Urangst auch als eine Angst vor dem Verlassenwerden bzw. dem Ausgeliefertsein. Er definiert die aufkommende Angst aber auch als eine, in gewisser Weise, sinnvolle, emotionale Antwort auf die anfangs empfundene Unheimlichkeit, denn ein Leben ohne die Fähigkeit, Angst zu empfinden, schätzt auch R. Posth als grundsätzlich gefährlich ein. Bereits im zweiten Lebenshalbjahr entwickelt sich ein Drang zur Flucht vor der Angst. Gelingt diese Flucht nicht, steigt die Angst kontinuierlich an. Die Urangst mündet also in, dem Menschen lebenslang hilfreichen, Handlungsimpulsen. 6

Auch M. Renz beschreibt auf Seite 143 in ihrem Buch „Zwischen Urangst und Urvertrauen“ die Urangst weniger als Angst, mehr als Gefühl. Sie erklärt weiter, dass es treffender als Schaudern, Grauen oder Frieren im Gottverlassenen definiert werden könne. Im Unterschied zu den Angstformen, wie wir Erwachsenen sie kennen, ist die Urangst immer total. Es ist die Angst vor dem Umfassendem, vor dem Ganzen.7

An dieser Stelle sei noch einmal die „Wissenschaftliche Erkenntnis“ von R. Posth auf Seite 53 seines Buches „Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen erwähnt, dass die Rezeptoren, welche die Aufmerksamkeit und den Wachheitsgrad in der Hirnrinde hervorrufen und damit auch den Grad der Wahrnehmungsfähigkeit und das Bewusstsein erzeugen, eine gewisse Ähnlichkeit zu denen darstellen, welche auch das Angstgefühl beeinflussen. 8

Persönlichkeitsstörungen

Persönlichkeitsstörungen werden unter „www.msdmanuals.de“ definiert als psychische Gesundheitsstörungen mit langanhaltenden, tiefgreifenden Mustern des Denkens, der Wahrnehmung, der Reaktion und Bezugnahme, die dazu führen, dass die jeweilige Person stark darunter leidet und / oder ihr Lebensalltag beeinträchtigt ist. Im weiteren Verlauf werden Persönlichkeitsmerkmale definiert als etwas darüber aussagend, wie das Denkmuster, die Wahrnehmung, die Reaktion und das langfristige stabile Verhalten der Person ist. Manche Menschen sind zum Beispiel oft launisch oder introvertiert. Andere neigen dazu, aus sich herauszugehen und sozial zu sein. Die Persönlichkeits-störungen entsprechen dann in der genaueren Definition laut „www.msdmanuals.de“ der Diagnose einer psychischen Gesundheitsstörung, wenn die Persönlichkeits-merkmale der Betroffenen so auffällig, starr und unflexibel werden, dass der Betroffene Probleme bei der Arbeit, in der Schule und / oder im Umgang mit anderen Menschen hat. Solche Muster werden als maladaptiv (unangepasst) bezeichnet, weil diese Menschen sich nicht den Umständen bzw. der Gesellschaft anpassen (können). Der Mangel an Anpassungsfähigkeit schwankt je nach Dauer und Intensität. Diese sozialen Anpassungsfehler können bei Menschen mit Persönlichkeitsstörungen und ihren Familienmitgliedern, Freunden, Kollegen und anderen sozialen Kontakten zu erheblichem Leid führen. Gesunde Menschen mit Persönlichkeitsmerkmalen, die sich nachteilig oder kontraproduktiv für sie auswirken, versuchen in der Regel ihr Reaktionsverhalten zu ändern. Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung verändern dagegen ihre Reaktionsmuster nicht, auch dann nicht, wenn diese wiederholt erfolglos sind und zu negativen Folgen führen. 9

Im Folgenden gehe ich kurz allgemein auf die Persönlichkeitsstörungen ein, den Merkmalen der “Dissoziationen“, welche üblicherweise bei Personen auftritt, die in der Kindheit überwältigender Belastung oder Traumata ausgesetzt waren, widme ich mich im nächsten Kapitel. Auch die folgenden Beschreibungen der Persönlichkeitsstörungen sind wie die vorangegangenen Definitionen im Wesentlichen der Webseite „www.msdmanuals.com“ entnommen.

Ein an einer paranoiden Persönlichkeitsstörung leidender Mensch zeigt ein tief verwurzeltes Misstrauen und einen Argwohn gegenüber anderen, deren Motive für den Betroffenen als feindlich oder schädlich verstanden werden.

Eine tiefgreifende Distanzierung und ein allgemeines Desinteresse an Beziehungen zeichnen die schizoide Persönlichkeitsstörung aus. In einer bestehenden Beziehung macht sich diese Störung durch einen Mangel an Gefühlsäußerungen bemerkbar.

Bei der schizotypischen Persönlichkeitsstörung fühlt der hierunter leidende ein massives Unbehagen in engen Beziehungen und besitzt eine damit einhergehende, eingeschränkte Beziehungsfähigkeit. Diese Problematik gründet sich auf verzerrte Gedankenstränge und Wahrnehmung, und zudem auf exzentrische (merkwürdige) Verhaltensweisen.

Die Menschen, welche an einer antisozialen Persönlichkeitsstörung leiden, zeigen ein tiefgreifendes Muster an Ignoranz bezüglich der Folgen ihres Handels und der Rechte anderer.

[...]

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Details

Titel
Vom verletzten Vertrauen zur inneren Stabilität
Untertitel
Bindung, Urvertrauen und der Weg aus verletzenden Mustern
Autor
Jörg Weber (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2026
Seiten
163
Katalognummer
V1695463
ISBN (eBook)
9783389175644
ISBN (Buch)
9783389175651
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Missbrauch Misshandlung Vernachlässigung Resilienz Urvertrauen Urangst Schutzfaktor Risikofaktor Bindung Persönlichkeit Trauma Dissoziation Gewalt
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Jörg Weber (Autor:in), 2026, Vom verletzten Vertrauen zur inneren Stabilität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1695463
Blick ins Buch
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