Der zweite Tschetschenienkrieg - Auslöser, Hintergründe und Motive


Seminararbeit, 2010
23 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Land der Tschetschenen und deren Volksentwicklung
2.1 Die Geographische Einordnung und die Geschichte des tschetschenischen Volkes
2.2 Die Unabhängigkeitserklärung von 1991 und die postsowjetische Entwicklung Tschetscheniens

3. Der Verlauf des zweiten Tschetschenienkrieges

4. Die Motive der russischen Führung

5. Zusammenfassung

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als am 7. August 1999 tschetschenische Separatisten unter der Führung Schamil Bassajews in der Nachbarrepublik Beslan einfielen und dort mehrere Dörfer besetzten, war dies der Anlass für die russische Führung, einen zweiten Tschetschenienkrieg − der Erste reichte von 1994 bis 1997 − einzuleiten. Zuvor wurde via Internet vom Separatistenanführer Bassajew verkündet, Äer wolle ein kaukasisches Emirat schaffen, das frei von russischen Besatzern sei und durch den Islam und die Scharia bestimmt werde.“1 Diese Absichten bedrohten die Integrität und die Stabilität Russlands, was vom neuen Premierminister und ehemaligen Inlandsgeheimdienstchef Wladimir Putin rasch erkannt wurde. Eine Expansion dieser noch regionalen Krise auf den gesamten Kaukasus galt es zu verhindern, da sonst weitere separatistische Bewegungen die Abtrennung mehrerer Republiken, wie zum Beispiel Baschkirien und Tatarstan, anstreben hätten können. So ging es laut offiziellen Angaben um das Überleben sowie der Verhinderung des Zerfalls der Russischen Föderation.2

Doch ist dies der tatsächliche und alleinige Grund für die Führung des zweiten Tschetschenienkrieges? Dieser Frage soll in den folgenden Kapiteln nachgegangen werden. Bevor es jedoch zur eigentlichen Beantwortung der hier gestellten Fragestellung kommt, soll im anschließenden zweiten Kapitel zunächst die Region Tschetschenien geographisch eingeordnet sowie dessen Entwicklung und die Geschichte des tschetschenischen Volkes kurz nachgezeichnet werden. Im Anschluss daran, erfolgt im dritten Kapitel eine umrissförmige Darstellung des Verlaufes des zweiten Tschetschenienkrieges. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass aufgrund der Komplexität des Konflikts und der Erklärung des Kriegsschauplatzes zum ÄGebiet der Durchführung konterterroristischer Aktionen“3, was journalistische Berichterstattung nur mit Sondergenehmigung und unter Aufsicht des Innenministeriums gestattete, in dieser Arbeit lediglich auf die wichtigsten Ereignisse des Krieges kurz eingegangen werden kann. Im Anschluss an das Kapitel drei werden mögliche Motive der russischen Führung näher betrachtet und aufgeführt. Im abschließenden fünften Kapitel werden die Ergebnisse dieser Arbeit nochmals zusammenfassend dargestellt und es wird ein Fazit gezogen.

2. Das Land der Tschetschenen und deren Volksentwicklung

2.1 Die geographische Einordnung und die Geschichte des tschetschenischen Volkes

Mit rund 16.000 Quadratkilometern Fläche ist Tschetschenien etwa so groß wie das Bundesland Schleswig-Holstein. Das Land erstreckt sich vom Zentrum bis zum Äöstlichen Abschnitt nördlich des Großen Kaukasus.“4 Im Osten grenzt die Republik Tschetschenien an die autonome Republik Dagestan, im Süden an Georgien und im Westen an die autonomen Republiken Inguschetien sowie Nordossetien.

Die Wiesen und Schwarzerdeböden des Landes sind aufgrund ihrer hohen Fruchtbarkeit für die landwirtschaftliche Nutzung geradezu prädestiniert. So produzierte die Region bis Anfang der 1990er Jahre und dem Zerfall der Sowjetunion große Mengen an Obst, Getreide sowie Gemüse. Darüber hinaus gab es Rinder-, Schaf- und Geflügelzucht. Bis zu dieser Zeit existierte ebenfalls eine binationale Gebietseinheit, welche Tschetscheno- Inguschetien hieß und eine Fläche von 19.300 Quadratkilometern sowie 1,35 Mio. Einwohner vorweisen konnte. Unter dieser Bevölkerung befanden sich etwa 735.000 Tschetschenen, 164.000 Inguschen, 294.000 Russen und 15.000 Armenier. Als diese Gebietseinheit getrennt wurde, Äentfielen etwa 83 Prozent des Territoriums und 11 von 14 Verwaltungseinheiten (rajony) auf den tschetschenischen Teil“5, wobei das Verwaltungsgebiet am Fluss Sunscha zwischen beiden Republiken umstritten war. Genaue demographische Angaben sind seit dieser Teilung und der damit verbundenen Emigration schwierig geworden. Laut dem Föderalen Dienst für staatliche Statistik sind es im Jahr 2010 genau 1.268.042 Einwohner.6 Diese offiziellen Angaben sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. So geht ein Großteil der Literatur von lediglich 700.000 Einwohnern aus. Der überwiegende Teil der Bevölkerung sind weiterhin mit etwa 75 Prozent Tschetschenen. Des Weiteren leben etwa Ä20 Prozent Russen, 1 Prozent Armenier und 1 Prozent Ukrainer“7 in der tschetschenischen Republik. Allerdings leben in Tschetschenien noch weitere Vertreter kaukasischer Volksgruppen. So zum Beispiel Nogaier, Kumyken, Osseten und Awaren.

Die Hauptstadt Tschetscheniens ist Grosny, welche zu sowjetischer Zeit als Zentrum der Erdölproduktion des Kaukasus galt. In Grosny lebten jedoch hauptsächlich Russen. So waren 1989 etwa Ä50,6 Prozent der Einwohner ethnische Russen, 30,6 Prozent Tschetschenen und 5,4 Prozent Inguschen.“8 Neben Grosny existieren allerdings noch vier weitere größere Städte: Argun, Schali, Gudermas und Urus-Martan. Das Volk der Tschetschenen zählt zu den ältesten Völkern der nordkaukasischen Region. Ursprünglich lebten sie in Siedlungen, um dort Viehzucht zu betreiben und in den Flusstälern Getreide anzubauen. Die soziale Basis des Volkes ist der so genannte tejp, was eine Sippeneinheit, bestehend aus zwei bis drei Siedlungen, darstellt und auf einen gemeinsamen Ahnen zurückführt. Während der Entwicklung des tschetschenischen Volkes bildete sich weiterhin kein Adels- beziehungsweise Fürstenherrschaft heraus, sodass von einer weitgehend egalitären Gesellschaftsstruktur gesprochen werden kann. Somit beruhte die soziale Organisation auf Clan- und Sippenstrukturen, welche jedoch ethnisch sehr heterogen sein konnten. Unterschieden werden kann hierbei zwischen Tal- und Gebirgssippen. Die politische Gewalt lag bei der Volksversammlung.

Das Rechtswesen der Tschetschenen ist grundsätzlich vom Stammes- Gewohnheitsrecht, dem so genannten Adat, geprägt, sodass Elemente wie die Blutrache (kanly) und das Gastrecht (kunaklyk) bis heute die Gesellschaft prägen. Die Menschen identifizieren sich traditionell stärker mit der lokalen Gemeinschaft und ihrer Sippe als mit der Nation. Dieser Trend hat sich nach dem Zerfall der Sowjetunion noch weiter verstärkt.

Inguschen und Tschetschenen gehören zur selben sprachlichen und ethnischen Gruppe der Wajnachen, wobei beide Volksgruppen Teil des Volks der Nochtscho sind.9 Konfessionell betrachtet lässt sich festhalten, dass zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert das tschetschenische Volk zunächst unter georgischem Einfluss zum Christentum bekehrt wurde. Im 16. Jahrhundert setzte sich dann jedoch zunehmend − aus Dagestan und der Kabardei kommend − der Islam durch, welcher sich während des 18. Jahrhunderts im Kampf gegen die Kolonialmacht Russland verstärkte und bis heute vorherrscht. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts kam es wiederholt zu Berührungen zwischen Russland und der Völker Nordkaukasiens, sodass beispielsweise 1587 das erste Kosakenheer der Region entstand. Zunächst lebten Russen und Tschetschenen friedlich nebeneinander, was sich jedoch gegen Ende des 18. Jahrhunderts grundlegend änderte, als die Kosakenheere an Größe zunahmen und es wiederholt zu Konflikten zwischen den verschiedenen Völkern und dem Militär kam. Erstmals erhoben sich 1707 die tschetschenischen Stämme gegen die russischen Besatzer und erzielten dabei einige kleine Erfolge, wie die Zerstörung der Festung Tarki. Zwischen 1785 und 1791 kam es zum ersten Dschihad − also zum Heiligen Krieg − gegen das russische Militär, wobei die kaukasischen Völker gemeinschaftlich gegen die russische Vorherrschaft kämpften. Nach diesem ÄHeiligen Krieg“ folgte eine lange Phase der russischen Kolonialpolitik und des tschetschenischen Widerstandes. Erst 1865 konnten die Aufständischen durch das russische Militär unterworfen werden. In den folgenden Jahren emigrierte etwa ein Fünftel der tschetschenischen Bevölkerung, sodass in der Türkei und in den Ländern des Nahen Ostens eine tschetschenische Diaspora entstanden ist.

Nach der russischen Revolution von 1917 unterstützten die Bolschewiki zunächst Staatenbildungsprozesse, sodass es 1920 zur Gründung der ÄGorskaja Respublika“ − eine autonome Sowjetrepublik der Bergvölker − kam, welche jedoch früh wieder in ihre einzelnen ethnischen Bestandteile zerfiel. In den Jahren 1922 und 1924 kam es zur Gründung eines inguschetischen und eines tschetschenischen autonomen Gebietes, welche 1934 vereinigt und 1936 als Tschetscheno-Inguschetische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik (ASSR) konstituiert wurden. Während dieser Zeit wurden die islamischen Institutionen innerhalb der UdSSR weitestgehend aufgelöst, sodass es zu einer systematischen Unterdrückung des Islam und zur Schließung fast aller Moscheen kam. Die Kollektivierung der Landwirtschaft erzeugte jedoch bei Tschetschenen und Inguschen heftigen Widerstand, welcher 1937 in einer blutigen Verhaftungs- und Hinrichtungswelle mündete.10 Unter Vorwurf der Kollaboration mit den Nationalsozialisten wurden 1944 etwa 480.000 Tschetschenen und Inguschen nach Zentralasien − vor allem nach Kasachstan − deportiert, wobei jedoch viele bereits während der Deportation verstarben. Unter Chruschtschow wurde 1957 ein Großteil der Deportierten rehabilitiert, sodass sowohl Tschetschenen als auch Inguschen in ihre eigentliche Heimat zurückkehren konnten.

Nachdem die ASSR wiederhergestellt wurde, erfolgte ebenfalls eine erneute Eröffnung der zuvor geschlossenen Moscheen. Dadurch kehrte der Islam als offizielle Religion zurück nach Tschetschenien. Neben der Äoffiziellen“ Religion existierten und existieren jedoch auch im Untergrund tätige muslimische Organisationen, welche eng mit den tschetschenischen Gesellschaftsmustern verbunden sind.11 Höhepunkt dieses Voranschreitens des Islam stellt das Jahr 1997 dar, als offiziell die Scharia eingeführt wurde.

2.2 Die Unabhängigkeitserklärung von 1991 und die postsowjetische Entwicklung Tschetscheniens

Als die UdSSR kurz vor ihrem Zusammenbruch stand, tagte vom 23. bis 26. November 1990 der erste tschetschenische Nationalkongress in Grosny. Auf diesem Kongress wurde zunächst ein Exekutivkomitee gewählt, welches Ädie Gründung eines unabhängigen Staates“12 beschlossen hatte. Bereits wenige Tage später − am 27. November 1990 − Äwurde bei der vierten außerordentlichen Sitzung des Obersten Sowjets der Tschetscheno-Inguschetischen Republik (TschIR) die ‚Erklärung über die staatliche Souveränität der TschIR’ angenommen.“13 Zum Vorsitzenden des Exekutivkomitees des Tschetschenischen Nationalkongresses wurde am 1. Dezember 1990 der zuletzt in Estland stationierte Generalmajor der Luftstreitkräfte Dschochar Dudajew gewählt. Bis zu seinem Ausscheiden aus der sowjetischen Armee im März 1991, leitete sein Stellvertreter Letschi Umchajew die Arbeiten des Komitees.14 Im Mai 1991 wurde der Oberste Sowjet der TschIR von Dudajew für illegitim erklärt, sodass für eine Übergangszeit das Exekutivkomitee die Macht übernahm. Anschließend wurde Anfang Juni 1991 der Änationale tschetschenische Volkskongress“ von Dudajew und seinen Anhängern begründet, welcher gleich auf seiner zweiten Sitzung die ÄTschetschenische Republik Nochtschi-tscho“ proklamierte und parallel dazu Ädie führenden Mitglieder des Obersten Sowjet der TschIR zu ‚Usurpatoren’“15 erklärte. Im September des gleichen Jahres wurde der Oberste Sowjet aufgrund der Unterstützung des Putschversuches in Moskau für nicht länger vertrauenswürdig erklärt und somit aufgelöst. Dudajew und sein erster Stellvertreter im Exekutivkomitee des Nationalen tschetschenischen Volkskongresses Soslmabekow übernahmen von diesem Zeitpunkt an die Macht und Äsetzten einen Provisorischen Obersten Sowjet ein“16. Darüber hinaus erklärten sie die Ävöllige Unabhängigkeit Tschetscheniens von der RSFSR, die sie einer kolonialen Politik bezichtigten.“17 Diese Unabhängigkeitserklärung wurde von der russischen Führung jedoch, unter Berufung auf die Verfassung, bis heute nicht anerkannt. Einen Monat später, am 27. Oktober 1991 wurden das tschetschenische Parlament und der Präsident gewählt, welcher Dudajew hieß. Die Volksdeputierten der RSFSR erklärten noch am selben Tag die Wahlen für ungesetzlich.

[...]


1 Quiring, Manfred: Pulverfass Kaukasus. Konflikte am Rande des russischen Imperiums, Bonn: Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung 2009: S. 140.

2 Vgl. Quiring, M.: Pulverfass Kaukasus, S. 140.

3 Quiring, M.: Pulverfass Kaukasus, S. 143.

4 Wagensohn, Tanja: Aktuelle Analysen 18. Krieg in Tschetschenien, München: Hanns-Seidel-Stiftung e.V. Akademie für Politik und Zeitgeschehen 2000: S. 10.

5 Wagensohn, T.: Krieg in Tschetschenien, S. 10.

6 Vgl. http://www.gks.ru/free_doc/2010/popul2010.xls.

7 Wagensohn, T.: Krieg in Tschetschenien, S. 11.

8 Wagensohn, T.: Krieg in Tschetschenien, S. 11.

9 Vgl. Wagensohn, T.: Krieg in Tschetschenien, S. 11.

10 Vgl. Wagensohn, T.: Krieg in Tschetschenien, S. 12.

11 Vgl. Wagensohn, T.: Krieg in Tschetschenien, S. 13.

12 Wagensohn, T.: Krieg in Tschetschenien, S. 19.

13 Wagensohn, T.: Krieg in Tschetschenien, S. 19.

14 Vgl. Wagensohn, T.: Krieg in Tschetschenien, S. 19.

15 Wagensohn, T.: Krieg in Tschetschenien, S. 20.

16 Wagensohn, T.: Krieg in Tschetschenien, S. 20.

17 Wagensohn, T.: Krieg in Tschetschenien, S. 20f.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Der zweite Tschetschenienkrieg - Auslöser, Hintergründe und Motive
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Demokratische Tendenzen in der politischen Entwicklung Russlands seit 1991
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V169571
ISBN (eBook)
9783640880102
ISBN (Buch)
9783640880195
Dateigröße
761 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Politikwissenschaftliche Forschungsreihe
Schlagworte
Russland, Tschetschenien, Krieg, Tschetschenienkrieg, Putin, Bassajew, Terrorismus, Kaukasus, Kaukasuskonflikt, Mathias Kunz, Kunz
Arbeit zitieren
Mathias Kunz (Autor), 2010, Der zweite Tschetschenienkrieg - Auslöser, Hintergründe und Motive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169571

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