Diese Arbeit untersucht das Konzept des Verlusts bei Georges Bataille und Jacques Lacan und zeigt, warum Verlust nicht nur ein philosophisches Randphänomen, sondern ein zentrales Prinzip menschlicher Subjektivität und kapitalistischer Ökonomie ist. Während Bataille den Menschen als Überflusswesen begreift, das überschüssige Energie notwendig durch Verschwendung und Opfer abbauen muss, analysiert Lacan Verlust als konstitutive Struktur des Begehrens: Das Subjekt begehrt um ein immer schon verlorenes „Ding“ herum.
Ausgehend von Lacans Psychoanalyse wird Batailles Kapitalismuskritik kritisch weitergedacht. Die Arbeit argumentiert, dass der Kapitalismus den Verlust nicht verdrängt, sondern strukturell integriert und zugleich verleugnet. Opfer finden nicht mehr im Ritual statt, sondern im Alltag: in der geopferten Arbeitszeit der Produzierenden und im Geldverlust der Konsumierenden. Gerade diese unsichtbare Opferstruktur ermöglicht psychische Befriedigung und stabilisiert das System. Die Arbeit verbindet politische Ökonomie, Psychoanalyse und Gesellschaftskritik und zeigt, warum Batailles strikte Trennung von produktiver und unproduktiver Konsumtion im Kapitalismus nicht aufrechterhalten werden kann.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Georges Bataille: Überschuss und Verlusttrieb
- 3. Jacques Lacan: Begehren, Verlust und Schuld
- 4. Kapitalismus und die Verleugnung des Opfers
- 5. Fazit
- 6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit kontrastiert die Konzepte des Verlusts von Georges Bataille und Jacques Lacan, um eine Leerstelle in Batailles Kritik des Kapitalismus aufzuzeigen. Die zentrale Forschungsfrage ist, ob Bataille das volle Ausmaß der Rolle des Verlusts im Kapitalismus verkennt und wie Lacans Psychoanalyse hier eine vertiefte Perspektive bieten kann.
- Verlustkonzepte von Bataille und Lacan im Vergleich
- Batailles Theorie des Überschusses und Verlusttriebs
- Lacans Verständnis von Begehren, Verlust und Schuld in der Subjektkonstitution
- Die Rolle von Opfer und dessen Verleugnung im Kapitalismus
- Die Untenhaltbarkeit von Batailles Trennung produktiver und unproduktiver Konsumtion
- Psychische Befriedigung und die Illusion des vollkommenen Warenerwerbs
Auszug aus dem Buch
4. Kapitalismus und die Verleugnung des Opfers
Ein schwerwiegenderer Kritikpunkt gegen Batailles Prinzip der Verausgabung kann vielleicht immanent vorgebracht werden, indem man von einer Einsicht ausgeht, welche Bataille selbst formuliert: Da das Begehren des Verlusts eine anthropologische Konstante ist, kann es verleugnet werden, es ist jedoch immer vorhanden. Auch wenn Bataille dies an manchen anklingen lässt, unterschätzt er die Rolle des Verlusts bei der Aufrechterhaltung des kapitalistischen Systems, dem eine Verdrängung, aber keineswegs eine Aufhebung des Strebens nach Verlust unterstellt werden kann. Bataille sieht Forderungen nach höheren Löhnen oder einer Begrenzung der Arbeitszeit als Forderungen nach mehr Verschwendung an (Bataille 1975: 190). Dem kann im Prinzip zugestimmt werden, bei der Betrachtung der Lohnarbeit fehlt jedoch die Einsicht, dass im Kapitalismus für die Produktion einer Ware strukturell die Zeit der Arbeitenden geopfert wird (McGowan 2016: 91, 94). Das Opfer findet somit nicht mehr als Ritual statt, dass eine transzendentale Sphäre schafft, sondern wird in den Alltag integriert und damit vernebelt; es wird aber durch und in seiner Unsichtbarkeit genossen (ebd.: 92).
Der Bezug auf das Prinzip des Verlusts ist der Reproduktion des Kapitalismus strukturell inhärent, denn nicht nur die Produktion selbst, sondern auch die Konsumtion ist nicht ausschließlich als Sphäre der Zweckrationalität zu betrachten. Bataille ist darin zuzustimmen, dass die Bourgeoisie nicht den gesamten Mehrwert reinvestiert. Er erwähnt ebenfalls, dass die Bourgeoisie ihre Verausgabung privat innerhalb der eigenen Klasse organisiert (Bataille 1975: 23). Dies sei ein Bruch mit vorherigen Formen der öffentlichen Verausgabung, in welchen diese zur Erneuerung der Verbindung von Souverän und Untertanen diente (ebd.: 21). Diese von Bataille aufgezeigte Verschiebung der Verausgabung in den privaten Raum ist im 21. Jahrhundert allerdings für weitere Teile der Gesellschaft zu konstatieren: Dadurch, dass das Opfer verleugnet wird, also aus der Öffentlichkeit verschwindet, geht seine kohäsive Macht verloren und das Subjekt erliegt dem Trugschluss, die private Verausgabung könne zur Befriedigung des Begehrens führen.
Die Verschwendung des Gelds des Konsumenten beim Kauf einer nicht benötigten Ware ist dabei ein zentraler psychischer Anreiz. Während das Versprechen gegeben wird, durch den Warenkauf zu einer Befriedigung zu kommen, wird eine partielle Befriedigung erreicht durch den Verlust des Geldes sowie durch das Scheitern des Versuchs, die perfekte Ware zu erlangen (McGowan 2016: 24). Die Quelle tatsächlicher Befriedigung muss dabei allerdings unbewusst bleiben, da der Kapitalismus nur durch den Glauben funktioniert, dass die perfekte Ware die Absenz, das Negative, eliminieren wird und eine andauernde Präsenz herstellen wird (ebd.: 30, 33). Auch wenn der direkte Genuss des Opfers in der Moderne nicht mehr erreicht werden kann, ist die Opferstruktur nach wie vor unumgänglich, um durch den Verlust Befriedigung zu erreichen. Damit geht die Notwendigkeit einer Verleugnung des Opfers einher. Der moderne Konsument muss wissen, dass sowohl für die Produktion der Ware als auch für den Kaufakt ein Opfer notwendig war, zugleich muss er dieses Wissen ignorieren (ebd.: 102).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Problemstellung ein und stellt die kontrastierende Analyse der Verlustkonzepte von Georges Bataille und Jacques Lacan als Ausgangspunkt für eine Kritik des Kapitalismus vor.
2. Georges Bataille: Überschuss und Verlusttrieb: Hier wird Batailles Theorie der allgemeinen Ökonomie erläutert, die den Menschen als Überflusswesen mit einem grundlegenden Verlusttrieb betrachtet und eine Kritik an der rein produktiven Konsumtion des Kapitalismus formuliert.
3. Jacques Lacan: Begehren, Verlust und Schuld: Das Kapitel widmet sich Lacans psychoanalytischem Verständnis von Begehren, das sich um den ursprünglichen Verlust eines imaginären "Dings" strukturiert und als konstitutiv für die menschliche Subjektivität beschrieben wird.
4. Kapitalismus und die Verleugnung des Opfers: In diesem Hauptkapitel wird argumentiert, dass der Kapitalismus das Prinzip des Verlusts und der Opferung nicht aufhebt, sondern vielmehr verleugnet und strukturell in die Produktion und Konsumtion integriert.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, indem es Batailles strikte Trennung von produktiver und unproduktiver Konsumtion als im Kapitalismus nicht haltbar bewertet und die Bedeutung von Lacans Perspektive für ein anderes Verständnis des Verlusts hervorhebt.
6. Literaturverzeichnis: Dieses Kapitel listet alle im Text zitierten wissenschaftlichen und literarischen Quellen auf.
Schlüsselwörter
Verlust, Begehren, Kapitalismus, Opfer, Georges Bataille, Jacques Lacan, Psychoanalyse, Überschuss, Verlusttrieb, Verausgabung, Konsumtion, Schuld, Verleugnung, Subjektivität, Nützlichkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert und kontrastiert die Konzepte des Verlusts bei Georges Bataille und Jacques Lacan, um auf dieser Grundlage eine kritische Perspektive auf die Rolle des Verlusts im Kapitalismus zu entwickeln.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die philosophischen Theorien von Georges Bataille (allgemeine Ökonomie, Überschuss, Verlusttrieb) und Jacques Lacan (Begehren, Verlust, Schuld, Subjektkonstitution) sowie deren Anwendung zur Analyse und Kritik des Kapitalismus, insbesondere im Hinblick auf die Verleugnung des Opfers.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel der Arbeit ist es, ausgehend von Lacans Theorie des Begehrens, eine Leerstelle in Batailles Kritik des Kapitalismus aufzuzeigen, indem argumentiert wird, dass Bataille das volle Ausmaß der Rolle des Verlusts im Kapitalismus verkennt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine vergleichende, theoriegeleitete Analyse der philosophischen und psychoanalytischen Konzepte von Bataille und Lacan, um daraus eine kritische Perspektive auf ökonomische und gesellschaftliche Phänomene abzuleiten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil der Arbeit behandelt detailliert Batailles Konzepte von Überschuss und Verlusttrieb, Lacans Theorie von Begehren, Verlust und Schuld und führt diese zusammen, um die Verleugnung des Opfers im Kapitalismus zu analysieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Schlüsselwörter wie Verlust, Begehren, Kapitalismus, Opfer, Georges Bataille, Jacques Lacan, Psychoanalyse, Überschuss, Verlusttrieb, Konsumtion und Verleugnung charakterisiert.
Inwiefern unterscheidet sich Lacans Verständnis von Verlust von Batailles Konzept des Verlusttriebs?
Während Bataille den Verlust als anthropologischen Trieb zur Verausgabung von Energieüberschuss sieht, der auch der kosmischen Einswerdung dienen kann, versteht Lacan Verlust als konstitutiv für die menschliche Subjektivität, wobei das Begehren sich um den ursprünglichen Verlust eines nie vorhandenen "Dings" strukturiert und exzessive Verlusthandlungen als gescheiterte Versuche interpretiert werden, Schuld abzubauen.
Wie wird die Verleugnung des Opfers im Kapitalismus nach dieser Arbeit interpretiert?
Die Arbeit interpretiert die Verleugnung des Opfers im Kapitalismus dahingehend, dass der strukturelle Verlust (z.B. geopferte Arbeitszeit oder Geld der Konsumenten) in den Alltag integriert und vernebelt wird, anstatt als rituelles Ereignis wahrgenommen zu werden, wodurch seine kohäsive Macht verloren geht und die Befriedigung des Begehrens fälschlicherweise in privater Verausgabung gesucht wird.
Welche Erkenntnis würde das Versprechen des Kapitalismus laut dem Fazit zunichtemachen?
Laut dem Fazit würde die Erkenntnis, dass das ohnehin immer fehlende Objekt unseres Begehrens nur in seinem Fehlen genossen werden kann, das Versprechen des Kapitalismus einer zukünftigen, vollkommenen Befriedigung, basierend auf dem Erwerb von Waren, zunichtemachen.
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- Anne Weber (Autor), 2023, Verlust bei Bataille und Lacan, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1696215