Diese Arbeit analysiert das Verhältnis von Religiosität und struktureller Integration bei muslimischen Migrant:innen der zweiten Generation in Westeuropa und stellt gängige integrationskritische Annahmen grundlegend infrage. Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung, Religiosität – insbesondere der Islam – stelle per se ein Integrationshindernis dar, zeigt die ausgewertete empirische Forschung einen klaren Entkopplungstrend zwischen religiöser Praxis und sozioökonomischer Integration.
Auf Basis aktueller sozialwissenschaftlicher Studien wird herausgearbeitet, wie Religiosität und strukturelle Integration operationalisiert werden und warum insbesondere Bildungserfolge nicht negativ, sondern teilweise sogar leicht positiv mit subjektiver Religiosität korrelieren. Die Arbeit differenziert präzise zwischen verschiedenen Dimensionen von Religiosität (Identifikation, Praxis, subjektive Bedeutung) und Integration (Bildung, Sprache, Arbeitsmarkt) und zeigt, dass einfache Ursache-Wirkungs-Zuschreibungen empirisch nicht haltbar sind.
Besondere Aufmerksamkeit gilt intergenerationellen Vergleichen sowie der Rolle sozialer Klassen. Dabei wird deutlich, dass hohe Religiosität mit zunehmender struktureller Integration vereinbar ist und dass wahrgenommene Diskriminierung und soziale Ungleichheit entscheidendere Faktoren darstellen als Religion selbst.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Begriffsdefinitionen
- 2.1 Religiosität
- 2.2 Strukturelle Integration
- 2.3 Muslim:innen der zweiten Generation
- 3. Ergebnisse
- 3.1 Bildungserfolge
- 3.2 Genereller Entkopplungstrend
- 4. Diskussion
- Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen Religiosität und Integration bei muslimischen Migrant:innen der zweiten Generation in Westeuropa. Die zentrale Forschungsfrage lautet: Welches Verhältnis besteht zwischen der Religiosität und der strukturellen Integration von muslimischen Migrant:innen der zweiten Generation in Westeuropa?
- Definition und Operationalisierung der Konzepte Religiosität und strukturelle Integration.
- Charakterisierung der Gruppe der Muslim:innen der zweiten Generation in Westeuropa.
- Analyse der Bildungserfolge in Bezug auf Religiosität.
- Untersuchung eines generellen Entkopplungstrends zwischen Religiosität und struktureller Integration.
- Diskussion der wichtigsten Erkenntnisse und Aufzeigen bestehender Forschungslücken.
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Dennoch gibt es für muslimische Migrant:innen in Westeuropa viele ‚bright boundaries‘, womit gemeint ist, dass deren Überschreitung und somit einige Aspekte des Integrationsprozesses mit einer großen persönlichen Veränderung bzw. gar einer Abkehr von der eigenen Kultur einhergehen. Im Gegensatz dazu ist bei einer ‚blurred boundary‘ unklarer, wann sie überschritten ist und der Prozess gestaltet sich ohne größere Einschnitte (Alba & Nee 2014: 60).
‚Bright boundaries‘, welche für muslimische Migrant:innen in Europa existieren, entstehen erstens durch die Institutionalisierung normativer Muster, wie etwa die stärkere staatliche Förderung des Christentums und zweitens durch Interessen an der Aufrechterhaltung von Hierarchien. Die Charakterisierung, dass der Islam unabhängig von diesen beiden Faktoren eine ‚bright boundary‘ darstellt, ist in ihrer Einseitigkeit unzutreffend. Ob die Religiosität von Muslim:innen im Assimilationsprozess notwendig verschwindet, ist zunächst eine offene Frage, mit welcher sich theoretische und empirische Studien auseinandersetzen. Denn die Integration von muslimischen Migrant:innen stellt zunächst einen spezifischen Fall dar, bei welchem Individuen mit sehr hoher Religiosität auf Gesellschaften mit durchaus unterschiedlichen Wertvorstellungen treffen. So kann zum Beispiel demonstriert werden, dass die in Westeuropa aufwachsenden Kinder muslimischer Migrant:innen sich in verschiedenen sozialen Konstellationen in teils stark divergierenden Normzusammenhängen bewegen. Meistens findet eine religiös geprägte primäre Sozialisation statt, während es in der sekundären Sozialisation zu ersten Kontakten mit den säkularen Werten der westlichen Gesellschaften kommt. Ohne eine generelle Unvereinbarkeit zu postulieren kann konstatiert werden, dass diese Kinder in historisch christlichen, hochgradig säkularen und zunehmend antiislamischen Kontexten aufwachsen (Fleischmann & Phalet 2012: 321). Die religiösen Werte der Familie können dabei im Widerspruch zu den Einflüssen der Mehrheitsgesellschaft stehen (Beek & Fleischmann 2020: 3659). In diesem Zusammenhang untersucht die vorliegende Arbeit, wie das Verhältnis zwischen Religiosität und Integration bei muslimischen Migrant:innen adäquat charakterisiert werden kann. Zu diesem Zweck wird der folgenden Forschungsfrage nachgegangen: Welches Verhältnis besteht zwischen der Religiosität und der strukturellen Integration von muslimischen Migrant:innen der zweiten Generation in Westeuropa?
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Debatte um Religiosität und Integration muslimischer Migrant:innen in Westeuropa ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach dem Verhältnis zwischen Religiosität und struktureller Integration bei der zweiten Generation.
2. Begriffsdefinitionen: Hier werden die Schlüsselbegriffe „Religiosität“, „strukturelle Integration“ und „Muslim:innen der zweiten Generation“ im Kontext der sozialwissenschaftlichen Forschung präzise definiert und operationalisiert.
3. Ergebnisse: Das Kapitel präsentiert die Studienergebnisse zu den Bildungserfolgen muslimischer Migrant:innen der zweiten Generation und zeigt einen generellen Entkopplungstrend zwischen Religiosität und struktureller Integration auf.
4. Diskussion: In diesem Abschnitt werden die wichtigsten Erkenntnisse rekapituliert, die These einer Entkopplung bestätigt und kritische Forschungslücken sowie zukünftige Forschungsansätze erörtert.
Schlüsselwörter
Religiosität, Integration, Muslime (zweite Generation), Westeuropa, Strukturelle Integration, Bildungserfolg, Entkopplungstrend, Assimilation, Sozialisation, Migration, Intergenerationsstudien, Soziale Klasse, Diskriminierung, Forschungslücken
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen Religiosität und Integration bei muslimischen Migrant:innen der zweiten Generation in Westeuropa, insbesondere im Hinblick auf deren strukturelle Integration.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die wissenschaftliche Definition von Religiosität und struktureller Integration, die Charakterisierung von Muslim:innen der zweiten Generation, die Analyse von Bildungserfolgen sowie die Untersuchung eines generellen Entkopplungstrends zwischen Religiosität und Integration.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Forschungsfrage zu beantworten: "Welches Verhältnis besteht zwischen der Religiosität und der strukturellen Integration von muslimischen Migrant:innen der zweiten Generation in Westeuropa?"
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Rezeption und Analyse bestehender theoretischer und empirischer Studien, um einen umfassenden Überblick über das Forschungsfeld zu geben und aktuelle Forschungslücken aufzuzeigen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil der Arbeit behandelt die detaillierten Begriffsdefinitionen von Religiosität und struktureller Integration, präsentiert die Ergebnisse bezüglich Bildungserfolgen und dem generellen Entkopplungstrend und schließt mit einer Diskussion der gewonnenen Erkenntnisse ab.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Schlüsselwörter wie Religiosität, Integration, Muslime (zweite Generation), Strukturelle Integration, Bildungserfolg, Entkopplungstrend, Assimilation, Sozialisation und Migration charakterisiert.
Inwiefern unterscheidet sich die zweite Generation muslimischer Migrant:innen von der ersten Generation hinsichtlich ihrer Religiosität und Integration?
Die zweite Generation zeigt im Vergleich zur ersten Generation eine stärkere strukturelle Integration, wobei der Grad der Religiosität intergenerational stabil bleiben kann und die negative Korrelation zwischen Religiosität und Integration geringer ausfällt.
Welche Rolle spielen soziale Klassen bei der Vereinbarkeit von Religiosität und struktureller Integration?
Die Forschung zeigt, dass die Vereinbarkeit von Religiosität und struktureller Integration stark von der sozialen Klasse abhängt, mit den größten Abweichungen an den Extremen der Klassengesellschaft, was auf reaktive Religiosität hindeuten kann.
Welche Kritikpunkte werden an der bestehenden Forschung zum Verhältnis von Religiosität und Integration geäußert?
Kritisiert wird die unzureichende Untersuchung der sozialen Funktion von Religion, ein verengter Blick auf den Islam als homogene Institution und das Fehlen vergleichender Studien mit Angehörigen anderer Religionen.
Kann Religiosität auch einen positiven Einfluss auf den Bildungserfolg haben?
Ja, die Arbeit hebt hervor, dass insbesondere die subjektive Religiosität durch die Förderung internaler Kontrollüberzeugungen einen leicht positiven Einfluss auf die Leistungsmotivation und somit auf den Bildungserfolg haben kann.
- Citar trabajo
- Anne Weber (Autor), 2023, Das Verhältnis von Religiosität und struktureller Integration bei muslimischen Migrant:innen der zweiten Generation, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1696221