Anknüpfend an "Postkoloniale Theorie und das Gespenst des Kapitalismus" von Vivek Chibber untersucht diese Hausarbeit einen Artikel von Partha Chatterjee über das Kastensystem in Indien. Nach einer Zusammenfassung des Artikels werden die darin enthaltenen Thesen mit der Realität des Kastensystems konfrontiert und kritisiert. Chatterjee ignoriert materielle Gründe für den Fortbestand des Kastensystems und dessen partielle Kompatibilität mit der kapitalistischen Ökonomie zugunsten einer reinen Bewusstseinstheorie. Zudem wird seine Suche nach einem die Gesellschaft versöhnenden Konzept als idealistisch zurückgewiesen und seine Kritik des Marxismus als unhaltbar kritisiert: Er beharrt darauf, dass der Zusammenhang zwischen Kaste und Klasse im sozialen Bewusstsein Indiens gefunden werden müsse, weil die Trennung zwischen beiden durch die Handlungen von ‚externen‘ Kräften bewirkt wurde. Dieses Argument nimmt ernsthaft die grenzüberschreitende Komponente des Kolonialismus als Grund dafür, dessen empirische Auswirkungen nicht zu berücksichtigen, sondern sich auf einen kleinen Teil der Gedankenwelt Indiens zu beschränken.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung
- 2. Chatterjee über das Kastensystem
- 3. Das Fortbestehen des Kastensystems
- 3.1 Das Kastensystem im Feudalismus
- 3.2 Das Kastensystem im Kapitalismus
- 4. Die Kritik an der Kastenideologie
- 5. Die Externalität von Konzepten
- 6. Die Kritik am Marxismus
- 7. Fazit
- Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit beabsichtigt, eine materialistische Kritik an Partha Chatterjees Analyse des Kastensystems im postkolonialen Indien zu formulieren. Sie prüft, wie Chatterjee das Kastensystem und dessen Fortbestehen erklärt, welche Kritik er daraus ableitet und warum er andere Theorien, insbesondere marxistische Ansätze, ablehnt.
- Kritik an europazentrierten Theorien der Subaltern Studies.
- Analyse und Bewertung von Chatterjees Verständnis des Kastensystems.
- Untersuchung des Fortbestehens des Kastensystems im Feudalismus und Kapitalismus.
- Erörterung der Rolle des gesellschaftlichen Bewusstseins und der Ideologien.
- Formulierung einer materialistischen Kritik, die materielle Interessen hervorhebt.
- Auseinandersetzung mit Chatterjees Kritik am Marxismus.
Auszug aus dem Buch
3.2 Das Kastensystem im Kapitalismus
Wie in vielen anderen Ländern zog sich der Prozess der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise in Indien über mehrere Jahrhunderte hin. Einige Küstenregionen waren bereits vor der Kolonisierung in einer frühkapitalistischen Phase, diese Unternehmen wurden jedoch von den Briten zerstört (Arvind Institute 2013: 24). Mit der Kolonisierung wurden ab dem 17. Jahrhundert dann einige kapitalistische Industrien eingeführt, es gab jedoch noch lange auch vorkapitalistische Produktionsverhältnisse, insbesondere auf dem Land. Wenn davon die Rede ist, dass das Kastensystem fortbesteht, während die Gesellschaftsform zu einer kapitalistischen wird, ist also offensichtlich, dass es nicht als Ganzes in der Form erhalten bleiben kann, die es zuvor hatte. Denn im indischen Feudalismus war es schließlich die Organisationsform der gesellschaftlichen Reproduktion.
Oberflächlich kann zunächst konstatiert werden, dass die Kastenendogamie noch sehr dominant ist. Die rituellen Schranken zwischen Kasten sind in vielen ländlichen Regionen ebenfalls noch intakt. Außerdem gibt es viele politische Organisationen auf der Basis von Kaste, die khap panchayats³ haben noch eine große Macht inne und es gibt viele Gewalttaten gegenüber den dalits⁴ (Teltumbde 2017: 11-12, 22-24). Das Fortbestehen von Kastenpraktiken macht somit deutlich, dass der Kapitalismus kein Garant für eine Revolutionierung jeglicher kultureller Verhältnisse ist. Das Kapital muss sich nur die Dimensionen der sozialen Reproduktion unterordnen, die für die Produktion und Distribution von Gebrauchswerten notwendig sind (Chibber 2021: 195). Nun soll gezeigt werden, wie sich diese Voraussetzung auf die zur vorkapitalistischen Zeit dominanten Aspekte des Kastensystems ausgewirkt hat.
Die hereditäre Arbeitsteilung ist größtenteils verschwunden, da eine gewisse Mobilität zwischen verschiedenen Beschäftigungen ein Erfordernis der Verwertung des Werts ist (Sinha 2013: 133-135). Denn die Verschiebung von Kapital hin zu Branchen oder Orten, welche profitabler sind, macht es für das Kapital zu einem rationalen politischen Ziel, dass die Arbeit mobil ist, also schnell und ohne Komplikationen von einem Unternehmen zum anderen wechseln kann. Profitorientiertes Wirtschaften kann durchaus mit Despotie am Arbeitsplatz einhergehen, es gibt allerdings im Kapitalismus trotzdem eine Tendenz dazu, den doppelt freien Lohnarbeiter zu erzeugen (Mau 2022: 228-229). Die meisten Mitglieder der arbeitenden Klasse haben also das Recht, sich von wechselnden Unternehmern ausbeuten zu lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Kritisiert die europazentrierten Theorien der Subaltern Studies und stellt Chatterjees Ansatz zum Kastensystem vor, um eine materialistische Gegenkritik zu formulieren.
2. Chatterjee über das Kastensystem: Erläutert Chatterjees These, dass eine „immanente“ Kritik des Kastensystems über das gesellschaftliche Bewusstsein erfolgen muss, da marxistische und liberale Ansätze scheitern würden.
3. Das Fortbestehen des Kastensystems: Argumentiert gegen Chatterjees ideologiezentrierte Erklärung und beleuchtet stattdessen die materiellen Interessen und die historische Transformation des Kastensystems im Feudalismus und Kapitalismus.
4. Die Kritik an der Kastenideologie: Untersucht Chatterjees Vorstellung einer „immanenten“ Kritik des Kastensystems, die sich auf den Anspruch körperlicher Autonomie stützt, und bewertet deren Wirksamkeit.
5. Die Externalität von Konzepten: Hinterfragt Chatterjees Behauptung, dass europäische liberale Konzepte zur Versöhnung der indischen Gesellschaft „extern“ seien und daher ungeeignet.
6. Die Kritik am Marxismus: Auseinandersetzung mit Chatterjees Einschätzung, dass der Marxismus für die Analyse des indischen Kastensystems ungeeignet sei, da er sich auf europäische bürgerliche Konzepte konzentriere.
7. Fazit: Fasst die materialistische Kritik an Chatterjees Erklärung des Kastensystems zusammen und betont die Bedeutung von materiellen Interessen und Praktiken für dessen Fortbestehen.
Schlüsselwörter
Kastensystem, Indien, Subaltern Studies, Partha Chatterjee, Marxismus, Kapitalismus, Feudalismus, Gesellschaftliches Bewusstsein, Ideologie, Kastenendogamie, Unberührbarkeit, materielle Interessen, Produktionsverhältnisse, Klassenkampf, körperliche Autonomie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer materialistischen Kritik von Partha Chatterjees Analyse des Kastensystems im postkolonialen Indien, um dessen Fortbestehen umfassender zu erklären.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die Kritik an europäisch-zentrierten Theorien der Subaltern Studies, Chatterjees Konzept des Kastensystems und des gesellschaftlichen Bewusstseins, marxistische Analysen des Kastensystems sowie dessen Fortbestehen im Feudalismus und Kapitalismus.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, eine materialistische Kritik an Chatterjees Verständnis des Kastensystems zu formulieren und aufzuzeigen, dass materielle Interessen und Produktionsverhältnisse für dessen Fortbestehen entscheidend sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine kritische Analyse von Theorien, insbesondere die Auseinandersetzung mit den theoretischen Ansätzen von Partha Chatterjee aus einer materialistischen Perspektive, um eine alternative Erklärung zu entwickeln.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird das Fortbestehen des Kastensystems im Feudalismus und Kapitalismus beleuchtet, die Kritik an Chatterjees ideologie-zentrierter Erklärung sowie seine Kritik am Marxismus und an "externen" Konzepten diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Kastensystem, Indien, Subaltern Studies, Partha Chatterjee, Marxismus, Kapitalismus, Feudalismus, Gesellschaftliches Bewusstsein, Ideologie, Kastenendogamie, Unberührbarkeit, materielle Interessen, Produktionsverhältnisse, Klassenkampf und körperliche Autonomie.
Wie unterscheidet sich die im Dokument vorgestellte materialistische Kritik von Chatterjees Ansatz?
Während Chatterjee das Fortbestehen des Kastensystems hauptsächlich durch die Dominanz der Kastenideologie im gesellschaftlichen Bewusstsein erklärt, argumentiert die Arbeit, dass materielle Interessen und die Kompatibilität mit kapitalistischen Produktionsverhältnissen entscheidende Faktoren sind.
Welche Rolle spielen Kastennetzwerke im Kontext des fortbestehenden Kastensystems im Kapitalismus?
Kastennetzwerke vermitteln in vielen Fällen weiterhin die Beziehung zu den Produktionsmitteln, bieten Individuen materielle Vorteile und tragen zur Spaltung der Arbeiterklasse bei, wodurch das Kastensystem stabilisiert wird.
Warum lehnt Chatterjee marxistische Analysen des Kastensystems ab?
Chatterjee lehnt marxistische Analysen ab, weil er sie als "extern" zu den indischen Verhältnissen betrachtet und meint, sie seien primär auf die Kritik europäischer bürgerlicher Konzepte ausgelegt, die im indischen Bewusstsein nicht stark verankert seien.
- Citar trabajo
- Anne Weber (Autor), 2024, Eine materialistische Kritik an Chatterjees Verständnis des Kastensystems, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1696245