Der Einfluss der ökonomischen Globalisierung auf die Entwicklung von Least Developed Countries

Analysen anhand der Sektoren Landwirtschaft und Rohstoffe


Diplomarbeit, 2010
124 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

TEIL A: THEORETISCHE GRUNDLAGEN

2. Die ökonomische Globalisierung
2.1 Der Begriff Globalisierung
2.2 Ausmaße der heutigen Weltwirtschaft

3. Sozioökonomische Entwicklungsstrategien
3.1 Der Begriff „Entwicklung“
3.1.1 Entwicklungsökonomische Betrachtungsweisen
3.1.2 Kritik der Post-Development
3.1.3 Das „magische Fünfeck von Entwicklung“
3.1.4 Zusammenfassung und Fazit
3.2 Historie der Entwicklungspolitik
3.2.1 Modernisierungstheorie
3.2.2 Dependenztheorie

4. Die neoliberale Globalisierung
4.1 Die Renaissance des Neoliberalismus
4.2 Grundsätze des Neoliberalismus
4.2.1 Staat, Markt und Wettbewerb
4.2.2 Der Mensch als Homo oeconomicus
4.3 Die Liberalisierung des Handels als Kernprojekt der neoliberalen Globalisierung
4.3.1 Die Welthandelsorganisation (WTO)
4.3.2 Theorie der komparativen Kostenvorteile
4.3.3 Argumente für Freihandel
4.4.Globalisierungskritische Betrachtungsweisen
4.4.1 Kritiker des Washington Consensus
4.4.2 Kritiker des Freihandel

5. Zwischenfazit: Dominanz marktzentrierter Entwicklungsstrategien im Zeitalter der Globalisierung

TEIL B: SEKTORALE ANALYSE VON GLOBALISIERUNGSPROZESSEN IN DEN LDCs

6. Die Least Developed Countries (LDCs)

7. Globalisierung und Landwirtschaft
7.1 Die Bedeutung der Landwirtschaft in den LDCs
7.1.1 Die ökonomische Bedeutung
7.1.2 Die Bedeutung der kleinbäuerlichen subsistenzorientierten Landwirtschaft
7.2 Das neoliberale Entwicklungsverständnis der Landwirtschaft am Beispiel der Weltbank
7.3 Die Liberalisierung des Agrarhandels
7.3.1 Die Schutzmechanismen und das WTO-Agrarabkommen
7.3.2 Handel und Ernährungssicherheit
7.3.3 Finanzielle Liberalisierung
7.3.3.1 Ausländische Direktinvestitionen in die Landwirtschaft in Form der Landnahme
7.3.3.2 Rohstoffspekulationen
7.4 Importabhängigkeit am Beispiel Haitis

8. Globalisierung und Rohstoffe
8.1 Die Situation in den LDCs
8.2 Die Bedeutung von Transnationalen Unternehmen (TNU)
8.3 Das Steuer- und Abgabenregime im Bergbau
8.4 Länderbeispiel Sambia
8.4.1 Hintergrund des Bergbau in Sambia
8.4.2 Analyse der Staatseinnahmen aus dem Bergbau
8.4.3 Unternehmensanalyse: Equinox Minerals Ltd
8.4.4 Unternehmensanalyse: First Quantum Minerals Ltd
8.5 Länderbeispiel Malawi
8.5.1 Unternehmensanalyse Paladin Energy Ltd

9. Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Wachstum des Welthandels im Vergleich zum Welt-BIP (in %)

Tabelle 2: Übersicht der LDCs

Tabelle 3: Vergleich von gängigen Indikatoren sozialer und ökonomischer Entwicklung zwischen LDCs und anderen Entwicklungsländern

Tabelle 4: Beschäftigungs- und BIP-Anteil der Landwirtschaft von LDCs und anderen Entwicklungsländern, 1980-2006

Abbildung 1: Durchschnittliche Hofgröße in Hektar

Abbildung 2: Importe und Exporte von Nahrungsmitteln der LDCs in Milliarden US-Dollar von 1994-2007

Abbildung 3: FAO Lebensmittelpreisindex (2002-2004=100)

Abbildung 4: US-Reis-Importe (in Tonnen) nach Haiti von 1994-2008

Tabelle 5: Übersicht Sambia

Abbildung 5: Karte von Sambia

Tabelle 6: Übersicht der Staatseinnahmen sowie Exporterlöse im Bergbau im Zeitraum 2005-2009 anhand verschiedener Quellen

Tabelle 7: Alternative Gewinn- und Verlustrechnung von EQN basierend auf den Angaben des Geschäftsberichts 2009

Tabelle 8: Vergleich unterschiedlicher Staatseinnahme-Szenarien der Lumwana-Mine für das Geschäftsjahr 2009

Tabelle 9: Überblick Kansanshi- Kupfer-Gold-Mine 2009

Tabelle 10: Übersicht Malawi

Abbildung 6: Karte von Malawi

Tabelle 11: Prognostizierte Staatseinnahmen Malawis über gesamte Minenlebensdauer

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die heutige Welt wird stärker denn je durch die fortschreitende Globalisierung der Weltwirtschaft geprägt. Ihre rasante Beschleunigung manifestiert sich vor allem am wirtschaftlichen Aufstieg zahlreicher Schwellenländer, welche die bisherigen Strukturen und Machtzentren innerhalb der Weltwirtschaft einer tiefgreifenden Transformation unterzogen haben. Für die Befürworter der Globalisierung wird dies als Beleg für die positiven Auswirkungen der Globalisierung angebracht. Sie argumentieren, dass die zunehmende wirtschaftliche Vernetzung über die Ausdehnung des globalen Kapitalismus im Zuge der Handelsliberalisierung den einzelnen Volkswirtschaften Wohlstand bringe und vor allem zur Armutsbekämpfung beitrage. Als das schwächste Glied in der Globalisierung der Weltwirtschaft wird die Staatengruppe der LDCs - die so genannten „am wenigsten entwickelten Länder“ - bezeichnet. Der britische Entwicklungsökonom Paul Collier spricht dabei offen von der „Bottom Billion“- der untersten Milliarde der Weltbevölkerung. Sie habe jeglichen Anschluss an den wirtschaftlichen Fortschritt schon verloren und lebe größtenteils in afrikanischen Staaten. Dabei macht Collier jedoch nicht die Globalisierung an sich dafür verantwortlich, „sondern gerade die Abkopplung von ihr“ (Collier 2007: 78). Mehr Globalisierung führe zu mehr Entwicklung, lautet also verkürzt das Credo. Der indische Ökonom Jagdish Bhagwati (2008: 25) fühlt sich in seiner pathetischen „Verteidigung der Globalisierung“ gar dazu genötigt aufzurufen, dass:

wenn wir die Zusammenhänge nicht verstehen und die Ängste und Torheiten, die die Globalisierungskritiker antreiben, nicht kenntnisreich widerlegen können, lässt sich die Globalisierung, die so viele von uns behalten wollen, nicht angemessen verteidigen.

Die vorliegende Arbeit beabsichtigt - abseits von „Ängsten und Torheiten“ - die ökonomischen Liberalisierungsprozesse der Globalisierung hinsichtlich ihres Einflusses auf Entwicklung in den LDCs kritisch zu beleuchten. Denn die ökonomische Globalisierung stellt vielmehr als eine reine Verdichtung von grenzüberschreitenden ökonomischen Transaktionen dar. Wie bereits einleitend erwähnt, wird über die „entgrenzte“, globalisierte Ökonomie, die Ausdehnung des globalen Kapitalismus angestrebt. Eine besondere Rolle diesbezüglich stellen sowohl die Transnationalen Unternehmen (TNU), als auch die multilateralen Organisationen, wie die Weltbank, der Internationale Währungsfonds (IMF) oder die Welthandelsorganisation (WTO) dar. Handlungsgrundlage Letzterer ist dabei die Überzeugung, dass eine möglichst freie und wettbewerbsintensive Weltwirtschaftsordnung - so gesehen in der Verbreitung der Kräfte des freien Marktes - das effizienteste Instrument sei, um Armut und Unterentwicklung weltweit zu überwinden. Aufgrund ihres bedeutenden Einflusses in Hinblick auf Steuerung und Begleitung von Globalisierungsprozessen sowie ihres spezifischen Entwicklungsverständnisses richtet sich ein Großteil der globalisierungskritischen Bewegung gegen diese Organisationen. Darüber hinaus zieht vor allem das Geschäftsgebaren Transnationaler Unternehmen vielfach Kritik auf sich, da sie als die Profiteure von „entgrenzten“ Wirtschaftsräumen gelten. An dieser Stelle sollen nun die zentralen Leitfragen der hier vorliegenden Arbeit formuliert werden:

1) Welches Entwicklungsverständnis liegt der ökonomischen Globalisierung und der sie vorantreibenden Institutionen zugrunde? Welchen Einfluss haben Letztere auf Entwicklungsprozesse in den LDCs?
2) Wie ist die Rolle Transnationaler Unternehmen im Prozess der Globalisierung zu bewerten?

Der Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist daher der Internationalen Politischen Ökonomie (IPÖ) zuzuordnen, da jenes Feld, „nämlich nicht nur grenzüberschreitende wirtschaftliche Vorgänge in den Mittelpunkt [stellt], sondern ebenso die theoretische und empirische Untersuchung des Verhältnisses zwischen Politik und Ökonomie“ (Schirm 2007: 9). Neben einer ausführlichen allgemeinen Untersuchung der Themenfelder Globalisierung und Entwicklung sowie ihren Akteuren (Teil A), sollen im zweiten Teil (B) dieser Arbeit Analysen der Sektoren Landwirtschaft und Rohstoffe erfolgen. Dabei konzentriert sich die Betrachtung der Landwirtschaft auf die im obigen Punkt 1) formulierten Fragestellungen, während die sektorale Analyse der Rohstoffe sich der Rolle von TNU (wie in Punkt 2 aufgeführt) widmen wird.

Nach einem Einführungskapitel (2), das sich umfassend dem Begriff der Globalsierung widmet und anschließend ihre weltwirtschaftliche Dimension beschreibt, sollen in Kapitel 3 die sozioökonomischen Entwicklungsstrategien im Fokus stehen. Es ist dabei wie folgt strukturiert: Zunächst wird eine kritische Annäherung an einen der zentralen und schwierigsten Begriffe dieser Arbeit vorgenommen: der Entwicklung. Dabei sollen zu Beginn drei verschiedene Betrachtungsweisen des diesbezüglichen Begriffes vorgestellt und anschließend in kritischer Reflexion diskutiert werden (3.1.4). Hierin soll auch eine eigene Positionsbestimmung vorgenommen werden. Im Anschluss daran werden die beiden großen universalistischen Theorien der Entwicklung - die Modernisierungs-und Dependenztheorie - rekapituliert und in eine historische Perspektive eingebettet. In Kapitel 4 widmet sich die Arbeit ausführlich dem theoretischen Fundament der ökonomischen Globalisierung: dem Neoliberalismus.

Wie obig geschildert, wird im zweiten Teil dieser Arbeit eine Analyse von Globalisierungswirkungen anhand der Sektoren Landwirtschaft und Rohstoffe im Mittelpunkt stehen. Gegenstand der im Rohstoffteil erfolgten Untersuchung werden integrierte Fallbeispiele der Länder Sambia und Malawi sein.

Die Arbeit endet mit einer Schlussbetrachtung.

Teil A: Theoretische Grundlagen

2. Die ökonomische Globalisierung

2.1 Der Begriff Globalisierung

„Globalisierung“ gehört heute zu den am häufigsten gebrauchten Wörtern unserer Zeit. Dabei besteht in Medienberichterstattungen und in öffentlichen Diskursen generell der Trend, nahezu alle gesellschaftlichen Veränderungsprozesse in einen direkten oder indirekten Kausalzusammenhang mit der Globalisierung zu setzen. Dies ist insofern problematisch, als dass das „Phänomen“ Globalisierung dabei diffus sowie unerklärlich bleibt und der Erkenntnisgewinn dabei gering ausfällt. Die Globalisierung im Hinblick auf die zu untersuchenden spezifischen Fragestellungen bzw. Wirkungszusammenhänge eindeutig zu definieren, ist eine unablässige Notwendigkeit, um zu gehaltvollen Aussagen über Einflüsse und Auswirkungen von Globalisierungsprozessen zu gelangen. Denn diese sind oft von komplexer Natur sowie durch eine ausgeprägte Multidimensionalität gekennzeichnet. Die Rückwirkungen auf gesellschaftliche Prozesse sind daher nicht immer eindeutig identifizierbar.

Die Globalisierung, von der heute sooft gesprochen wird, ist kein „neues“ Phänomen des postmodernen Zeitalters. Liegen der Definition von Globalisierungsprozessen ökonomische Kriterien zugrunde, wie etwa das Ausmaß der internationalen Handelsbeziehungen, dann haben erste Phasen der Globalisierung schon ab Ende des 19. Jahrhunderts bis hin zu Beginn des Ersten Weltkrieges stattgefunden. Das Ausmaß des internationalen Handels, gemessen am prozentualen Anteil des Bruttoinlandsprodukts der jeweiligen Staaten, war damals nicht signifikant niedriger als heute, jedoch gab es im Vergleich zu den heutigen Austauschbeziehungen der Staaten gravierende Unterschiede: Durch die Ausbreitung des wirtschaftlichen Imperialismus und Kolonialismus der europäischen Großmächte bestand der Welthandel damals wesentlich aus der Einfuhr nahezu unverarbeiteter agarischer und mineralischer Rohstoffe aus Überseegebieten, die für die Endgüterproduktion in den europäischen Staaten benötigt wurden. Heute hingegen wird die Weltwirtschaft maßgeblich durch den ökonomischen Aufstieg Asiens und Schwellenländern aus anderen Kontinenten beeinflusst. Diese aufstrebenden Nationen, wie beispielsweise China, Indien und Brasilien, nähern sich durch Produktion und Export von modernen Industriegütern und Hochtechnologien den Handelsstrukturen westlicher Industriestaaten immer mehr an, sodass die weltwirtschaftliche Globalisierung für diese Länder mit einer Angleichung an die Verhältnisse des Westens einhergeht. Betrachtet man jedoch die Entwicklungen in den „Least Developed Countries“, so kann keineswegs von einer Angleichung durch den Globalisierungsprozess gesprochen werden. Die LDCs - dies gilt in besonderem Maße für die afrikanischen - haben die vom Kolonialismus induzierten Handelsstrukturen größtenteils beibehalten: Ihre Integration in den Weltmarkt, und damit ihre Rolle im Prozess der ökonomischen Globalisierung, reduziert sich weitgehend auf die Rolle des Lieferanten von zumeist unverarbeiteten agrarischen und mineralischen Rohstoffen.

Die Globalisierung ist ein vielschichtiger Prozess, der nicht nur „die Zunahme und Verdichtung weltweiter ökonomischer und sozialer Beziehungen, seine Ursachen und Folgen“ offenbart, sondern ebenso in seiner Dynamik „Gewinner und Verlierer“ zur Folge hat (Eißel 2003: 430). Nichtsdestotrotz wird die Globalisierung heute vorwiegend als ökonomischer Prozess wahrgenommen, gleichwohl auch politische und sozio-kulturelle Aspekte, wie etwa die Verbreitung demokratischer Strukturen oder die Orientierung vieler Gesellschaften an westlichen Konsummustern und Lebensentwürfen ebenso bedeutsam sind. Äußerst prägnant beschreibt Nuscheler (2005: 52) die unterschiedliche und facettenreiche Wahrnehmung der Globalisierung innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses:

Wirtschaftswissenschaftler betonen die Internationalisierung der Produktion und die Entgrenzung des Welthandels, Sozialwissenschaftler die Vermehrung und Verdichtung transnationaler sozialer Beziehungen und das Entstehen einer Weltgesellschaft, Politikwissenschaftler die tendenzielle Entgrenzung der Staatenwelt und den Bedeutungsverlust der Nationalstaaten, Staats-und Völkerrechtler die Erosion von Souveränität und die Herausbildung eines Weltinnenrechts, Kulturwissenschaftler das Entstehen einer Allerweltskultur.

Die ökonomische Globalisierung kann im Grunde genommen auf zwei Hauptursachen zurückgeführt werden (vgl. Müller/Wallacher 2005: 27; Schirm 2006: 15):

(1) Die technologischen Entwicklungen in den Bereichen Transport und Kommunikation. So hat beispielsweise die Zunahme des Güterhandels in Containern diesen erheblich vereinfacht und die Transportkosten reduziert. Die digitale Revolution - verursacht durch die rasante Verbreitung des Internets - hat die Kommunikation erheblich verbilligt und über die grenzenlose Vernetzung der Welt den Globalisierungsprozess beschleunigt.
(2) Die zweite Ursache liegt im „neoliberalen Projekt“ begründet: So hat die Liberalisierung der Weltwirtschaft eine Entgrenzung der ökonomischen Transaktionen ermöglicht und das Ausmaß der heutigen Weltwirtschaft entscheidend geprägt. Damit wird deutlich, dass die ökonomische Globalisierung kein zufälliges Phänomen ist; es ist ein gewollter Prozess, der von einflussreichen, multilateralen Institutionen wie der Welthandelsorganisation (WTO) und der Weltbank sowie dem Internationalen Währungsfond (IMF) bewusst gesteuert und geplant ist. Diese drei genannten Institutionen können aufgrund ihres entscheidenden Einflusses als die dominierenden Globalisierungsinstitutionen bezeichnet werden.

2.2 Ausmaße der heutigen Weltwirtschaft

Im Zentrum der ökonomischen Globalisierung steht die Entstehung eines globalen einheitlichen Marktgefüges, in dessen Rahmen Kapital und Güterströme in zunehmender Weise weitgehend ungehindert zirkulieren. Dies hat zur Folge, dass die Territorialität von Staaten und deren Nationalökonomien für die Ausführung wirtschaftlicher Aktivitäten heute weitgehend bedeutungslos geworden sind. Dieses Zeitalter der „Entgrenzung“ von Ökonomie kann anhand folgender Faktoren bzw. Aspekte beschrieben werden:

(1) Ein stetig steigender weltweiter Handel von Waren und Dienstleistungen. So wuchs der internationale Handel im Zeitraum von 1950-2007 jährlich durchschnittlich um 6,2 Prozent und stieg damit deutlich schneller als das globale BIP, wie folgende Tabelle veranschaulicht:

Tabelle 1: Wachstum des Welthandels im Vergleich zum Welt-BIP (in %)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: WTO (2008): 15.

Damit einhergehend ist ein zunehmender Offenheitsgrad der einzelnen Volkswirtschaften, gemessen am Wert der Exporte zuzüglich der Importe im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt. Dieser Offenheitsgrad quantifiziert das Ausmaß (jedoch keineswegs die „Qualität“) der Integration in die Strukturen der Weltwirtschaft.

(2) Die rasant wachsende Anzahl transnational agierender Unternehmen (TNU). Sie gelten als die eigentlichen „Globalisierer“, weil sie von der Deregulierung des Warenverkehrs profitieren. Die Bezeichnung „transnational“ offenbart, dass die wirtschaftlichen Aktivitäten von TNU heute räumlich entgrenzt sind, da im Rahmen der Produktion global operiert wird (vgl. Eißel 2003: 430). 2006 existierten etwa 78.000 TNU mit circa 780.000 im Ausland tätigen Tochtergesellschaften (vgl. UNCTAD 2007: 17). Verbunden damit ist auch die Tatsache, dass ein Großteil des Welthandels heute konzernintern abgewickelt wird.

(3) Ein durch TNU verursachter Anstieg der transnationalen Kapitalströme in Form von ausländischen Direktinvestitionen (FDI) zur Finanzierung von produktionsbezogenen Investitionen. Diese Kapitalströme konzentrieren sich vor allem auf die aufstrebenden Schwellenländer und ihre „emerging markets“ wie China, Indien und Brasilien.

(4) Eine dramatische Zunahme des weltweiten Handels von Derivaten und anderen sogenannten innovativen Finanzmarktprodukten: Maßnahmen zur Liberalisierung und Deregulierung der Finanz- und Kapitalmärkte haben zu einer Derivatisierung sowie Autonomisierung derselben geführt. Die Autonomisierung der Finanzmärkte äußert sich in erster Linie darin, dass Finanzmarkttransaktionen von realwirtschaftlichen Gegebenheiten entkoppelt werden, bzw. der Bezug zu realwirtschaftlichen Größen - wie das gesamtwirtschaftliche Produktionsvolumen - vollkommen verloren geht. Diese gravierenden Umwälzungen im Finanzsektor sind mit einem fundamentalen Funktionswandel erklärbar: Die eigentliche Aufgabe der Finanz- und Kapitalmärkte, die darin besteht, Kredite und Finanzdienstleistungen für realwirtschaftliche Vorgänge bereitzustellen, weicht einer Dienstleistungsfunktion für einen sich immer mehr selbst produzierenden, finanzmarktgetriebenen „Kasinokapitalismus“. Das Volumen der sogenannten OTC-Derivate hat - wie die Bezeichnung OTC = Over The Counter suggeriert, nämlich ein vornehmlich außerbörslich unreguliert stattfindender Handel mit Derivaten - zu Spekulationsblasen geführt, deren Platzen mit schwerwiegenden ökonomischen Folgen für die Allgemeinheit verbunden ist, wie die aktuelle Finanzkrise beispielhaft dokumentiert. Seit 1987 hat sich der theoretische Wert der ausstehenden Derivate beispielsweise im Bereich der Zins- und Währungskontrakte bis 2009 um den Faktor 479, auf nunmehr 414 Billionen US-Dollar erhöht (ISDA 2009).[1] Im Bereich der Agrarrohstoffe haben Spekulationen durch preistreibende Effekte zu einer Verschärfung der weltweiten Ernährungskrise beigetragen, die besonders die ärmsten Länder Welt überproportional getroffen hat (siehe Abschnitt 7.3.3.2).

Dieser Abriss sollte deutlich gemacht haben, welche quantitative Dimension der ökonomischen Globalisierung zu Grunde liegt. Vor dem Hintergrund einer entwicklungsthematischen Betrachtung des Globalisierungsprozesses der vorliegenden Arbeit, gilt es nun im folgenden Kapitel, das Thema Entwicklung in das Zentrum der Betrachtung zu rücken

3. Sozioökonomische Entwicklungsstrategien

3.1 Der Begriff „Entwicklung“

Wohl kaum ein Begriff ist mit einer vergleichsweisen Kontroverse ausgestattet wie jener der „Entwicklung“. In den Sozialwissenschaften, im Besonderen in der Wirtschafts- und Politikwissenschaft, wird der Begriff „Entwicklung“ nahezu inflationär gebraucht. Auf der institutionellen Ebene tragen Ministerien, Forschungsinstitute, UN-Sonderorganisationen, Thinktanks oder Nichtregierungsorganisationen den Begriff direkt im Namen, wie beispielsweise das Bundesministerium der wirtschaftlichen Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), der Deutsche Entwicklung sdienst (DED), das britische Overseas Development Institute (ODI), das United Nations Development Programm (UNDP) oder das Centre for Global Development ¾ um nur einige zu nennen. Diese Vielfalt der mit Entwicklung beauftragten Institutionen dokumentiert, wie allgegenwärtig der Begriff Entwicklung und die sich daraus ergebende Handlungsanleitung verankert ist. Abstrakt formuliert bezieht sich der Begriff Entwicklung auf eine Veränderung im zeitlichen Prozess. In den Sozialwissenschaften stehen dabei im Besonderen ökonomische, soziale, politische und kulturelle Aspekte von gesellschaftlichen Veränderungsprozessen im Fokus.

Im Rahmen der hier vorliegenden Arbeit, nimmt der Begriff Entwicklung einen zentralen Stellenwert der Betrachtung ein, da Prozesse der ökonomischen Globalisierung weitreichende Veränderungen auf gesellschaftlicher Ebene und damit auf Entwicklungsprozesse allgemein hervorrufen. Es soll in diesem Kapitel daher einen Versuch unternommen werden, sich der Begrifflichkeit zu nähern. Im Zentrum stehen dabei folgende Fragen:

- Was ist Entwicklung?
- Wovon und wohin müssen sich Gesellschaften entwickeln?
- Ist Entwicklung ein vorwiegend sozioökonomischer Prozess, der gleichbedeutend ist mit dem in den Wirtschaftswissenschaften so zentralen Begriff des Wachstums, ist Entwicklung also hauptsächlich die Erhöhung des Bruttoinlandsproduktes und des Pro-Kopf-Einkommens? Oder
- beinhaltet der Begriff „Entwicklung“ auch andere Aspekte, die weit über eine rein ökonomisch-materialistische Betrachtungsweise hinausgehen?
- Welche Rolle spielt bei den hier aufgeworfenen Fragestellungen die Globalisierung in ihrer ökonomischen Dimension?

Grundsätzlich wird dieser hier vorgenommene begriffliche Annäherungsversuch mit der Frage konfrontiert, ob es universell gültige Definitionen von Entwicklung und andere häufig assoziierte Schlüsselbegriffe, wie beispielsweise Armut, Fortschritt oder Wohlstand, geben kann. Betrachtet man die extreme Heterogenität der auf diesem Planeten lebenden Gesellschaften mit ihren unterschiedlichsten sozio-kulturellen Ausprägungen, Normen und Wertvorstellungen, so scheint jedes Bemühen um eine objektive und konsensfähige Begriffsbestimmung von vorneherein ein hoffnungsloses Unterfangen zu sein. Dennoch ist zumindest der Versuch einer Annäherung an den Entwicklungsbegriff von entscheidender Bedeutung, da sich aus der jeweiligen Konzeption ganz bestimmte Handlungsoptionen für die Operationalisierung von Entwicklungsstrategien ergeben. Im folgenden Kapitel sollen nach einer eingehenden Literatursichtung drei verschiedene Blickweisen auf Entwicklung vorgestellt werden. Begonnen wird mit der Entwicklungsökonomie, die für die ökonomische Betrachtungsweise des Entwicklungsbegriffes steht. Im Anschluss soll eine radikale Betrachtungsweise anhand der Positionen der Post-Development-Schule vorgestellt werden. Darauf folgend wird das erstmalig 1974 von Dieter Nohlen und Franz Nuscheler vorgestellte „magische Fünfeck von Entwicklung“ stellvertretend für eine normativ aufgeladene sozialwissenschaftliche Perspektive herangezogen.

3.1.1 Entwicklungsökonomische Betrachtungsweisen

In der entwicklungsökonomischen Literatur beschränkt sich naturgemäß die Sichtweise auf Entwicklung hauptsächlich auf ökonomische Aspekte. Entwicklung ist demnach ein Prozess der wirtschaftlichen Transformation hin zu einer qualitativ und quantitativ besseren Versorgung der Bevölkerung mit Gütern und Dienstleistungen (vgl. Hemmer 2002: 53). Eng verknüpft damit ist die Vorstellung, dass die Sicherung von menschlichen Grundbedürfnissen primär durch Wirtschaftswachstum zu erzielen ist. Der Terminus „Grundbedürfnisbefriedigung“ bezieht sich dabei auf das Streben der Menschen ein Existenzminimum sicherzustellen, um die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse beispielsweise nach ausreichender Nahrung, angemessener Behausung oder menschenwürdiger Hygiene zu befriedigen.[2]

Als zentrale Indikatoren für Entwicklung im ökonomischen Sinne gelten die Höhe des Bruttoinlandsprodukts pro Kopf, welches das in einem Jahr in einer Volkswirtschaft erwirtschaftete und monetär bewertete Gütervolumen pro Kopf misst, sowie das daraus abgeleitete durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen. Diese beiden Messwerte gelten als aussagefähigste Indikatoren für den (wirtschaftlichen) Entwicklungsstand der einzelnen Länder (vgl. Hemmer 2002: 9; Cypher/Dietz 1997: 26 ff.; Durth et al.2002: 13).

Die Frage nach dem wovon und wohin entwickeln lässt sich aus entwicklungsökonomischer Betrachtungsweise anhand der strukturellen Eigenschaften der „ärmeren“ Länder ableiten. Als typische Strukturmerkmale für Unterentwicklung gelten (vgl. Wagner 1997: 5):

- Niedriges Pro-Kopf-Einkommen
- Geringe Spar- und Investitionstätigkeit
- Geringe Kapitalintensität und Arbeitsproduktivität
- Niedriges Humankapital (Aus- und Fortbildung)
- Hoher Anteil des Primärsektors am BIP (Rohstoffe, Landwirtschaft)
- Mangelhafte Infrastruktur

Die hier beschriebenen strukturellen Defizite lassen sich zwangsläufig nur durch die Übernahme des industriell-kapitalistischen Modells des Westens mittels einer Modernisierungsstrategie überwinden (siehe hierzu Abschnitt 3.2.1). Am deutlichsten tritt diese logische Konsequenz anhand der attestierten Defizite „geringe Kapitalintensität“ und „hoher Anteil des Primärsektors am BIP“ auf: Sie ist in industrialisierten Gesellschaften nicht denkbar. Daher kann Entwicklung auch als ein Prozess der nachholenden Industrialisierung einschließlich der Orientierung bzw. Übernahme im Westen vorherrschender Konsum- und Produktionsstrukturen definiert werden.

Laut der ökonomischen Lehrmeinung ist wirtschaftliches Wachstum dabei von zentraler Bedeutung. Wachstum wird zwar in der entwicklungsökonomischen Literatur nicht völlig gleichbedeutend mit Entwicklung gesetzt, gilt jedoch unbestritten als unerlässliches Instrument, um auch weitere, nicht-materialistische Entwicklungsziele erfüllen zu können. Cypher/Dietz (1997: 28 f.) fassen diesen Grundsatz folgendermaßen zusammen:

And there is empirical evidence, […], to at least partially support the claim that income per person is highly correlated with key measures that attempt to capture the broader aspirations of economic, social, and political progress. Thus many economists, acknowledging that it would be imprudent and wrong-headed to imply that economic growth is the same as development, firmly believe that it is nonetheless reasonable to focus primarily, even exclusively, on the factors that contribute to enhancing a nation`s economic growth and wealth, since the greatest number of the other dimensions of development that countries might wish to realize are more easily attained at, and tend to accompany, higher income levels. It is precisely the expansion in income over time that provides the means which make the broader end goals of development easier to achieve, according to this perspective.

Es lässt sich also feststellen, dass die hier beschriebene entwicklungsökonomischen Perspektive auf die vereinfachende Formel Wachstum= Entwicklung = Industrialisierung reduziert werden kann.

3.1.2 Kritik der Post-Development

Entwicklung ist heute eine begriffliche Amöbe: gestaltlos, aber unausrottbar. Die Umrisse des Begriffs sind so undeutlich geworden, dass er gar nichts mehr bedeutet. Gerade darum findet er allgemeine Verbreitung-er steht nur noch für die gute Absicht. [...] Der Begriff hat keinen Inhalt, aber er erfüllt seinen Zweck als ein höheres Ziel, dass jeden Eingriff rechtfertigt [... ] (Sachs 1993: 13).

In seinem „polemischen Handbuch zur Entwicklungspolitik“ rechnen Wolfgang Sachs und weitere Autoren der Post-Development-Bewegung mit den gängigen Begrifflichkeiten sowie Grundüberzeugungen der Entwicklungspolitik ab und provozieren auf diese Weise eine intensive Auseinandersetzung mit Schlüsselbegriffen. Laut Sachs sei der Begriff Entwicklung ein Instrument der wachstumsgetriebenen industriell-kapitalistischen Weltanschauung des Westens, welche die kulturelle Entwicklung des „Südens“ behindere. Er geht in seiner Kritik auf die schwerwiegenden ökologischen Folgen der Industrialisierung ein, die durch ihren hohen Ressourcenverbrauch nicht als Vorbild für den Rest der Welt dienen könne, sondern vielmehr als „Irrweg der Geschichte“ zu begreifen sei (vgl. Sachs 1993: 9). Grundsätzlich attestiert Sachs dabei der Entwicklungspolitik einen verdeckten Plan zur Verwestlichung der Welt, die einen Verlust an kultureller Vielfalt zur Folge habe (vgl. ebd.: 12).

Auch Latouche (2001: o.S.) spricht ganz im Sinne des Post-Development-Ansatzes von Entwicklung als einem „hoffnungslosen Begriff“, der als Patentlösung für die Probleme des Südens hochstilisiert werde. Er verbindet in seiner radikalen Kritik die westliche Moderne mit einer „Kolonisierung der Vorstellungswelten durch Fortschritt, Wissenschaft und Technik“. Latouche betont dabei, dass es ihm nicht um eine Rückkehr in die Vergangenheit vorindustrieller, traditioneller Lebensweisen gehe, sondern um einen Aufbau neuer Kulturen, um eine Strategie, die eine Suche nach „kollektiven Entfaltungsmöglichkeiten“ jenseits der Befriedigung von materiellen Bedürfnissen auf Kosten der natürlichen Lebensgrundlagen ermögliche.

Dieser kurze Abriss der Post-Development-Betrachtungsweisen macht deutlich, wie kontrovers eine Auseinandersetzung mit dem Begriff „Entwicklung“ aussehen kann. Dabei erweist sich Post-Development als ein nützliches Sammelsurium an wichtigen Fragestellungen hinsichtlich der Annäherung und kritischen Reflexion des ideologisch aufgeladenen Entwicklungsbegriffes. Gerade auch im Hinblick auf die Formulierung und Konzeption von Entwicklungstheorie- und politik kann Post-Development für die Praxis ein hilfreiches analytisches Instrumentarium sein.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Post-Development-Perspektive folgende Kernelemente aufweist:

- Eine radikale Kritik am materialistischen Entwicklungsbegriff und die daraus resultierende Ablehnung des konsumistisch geprägten, westlichen Lebensstils.
- Die Betonung der Grenzen des ökonomischen Wachstums anhand der negativen ökologischen Folgen des industriell-kapitalistischen Modells und damit dessen grundlegende Infragestellung.
- Die Interpretation von Entwicklung bzw. Globalisierung als ein Vehikel zur Verwestlichung der Welt in Form eines hegemonialen Kulturimperialismus. Die Post-Development-Kritiker treten daher vehement für eine eigene, vom Westen emanzipierte, kulturelle Entwicklung des Südens ein.

3.1.3 Das „magische Fünfeck von Entwicklung“

Im „Handbuch der Dritten Welt“ versuchen die beiden renommierten Entwicklungsforscher Dieter Nohlen und Franz Nuscheler (Nohlen/Nuscheler 1993) Unterentwicklung und Entwicklung zu definieren. Die einfachste Gleichung von Unterentwicklung laute „Unterentwicklung= Hunger + Krankheit + Unwissen“, die den Kernbestand der extremen bzw. absoluten Armut beinhalte. Nohlen / Nuscheler (1993: 31 f.) sehen jedoch die Notwendigkeit, den Begriffsinhalt der Armut zu präzisieren. Armut bedeute

nicht nur Mangel an lebensnotwendigen Gütern, sondern außerdem unzureichende Befriedigung von menschlichen Grundbedürfnissen, die nicht durch eine bestimmte Kalorienmenge pro Tag und Person gedeckt werden.

Daraus leiten die Autoren einen synthetisierten Entwicklungsbegriff ab, das so genannte „magische Fünfeck von Entwicklung“ (vgl. ebd.: 64-73): Es zeichnet sich im Besonderen dadurch aus, dass „Entwicklung“ mit Hilfe von fünf Kriterien in seiner Multidimensionalität und Komplexität beschrieben wird und daher weit über die rein materielle Bedürfnisbefriedigung hinausgeht, auch wenn die ökonomische Dimension von Entwicklung keineswegs negiert wird. Die Kriterien bzw. Begriffe, die den Entwicklungsgedanken formen, lauten:

(1) Wachstum
(2) Arbeit
(3) Gleichheit/Gerechtigkeit
(4) Partizipation
(5) Unabhängigkeit

(1) Dem Wachstum sbegriff wird in der Herangehensweise von Nohelen/Nuscheler (1993) bei der Befriedigung der Grundbedürfnisse eine bedeutende Rolle beigemessen. Die Autoren verstehen jedoch unter Wachstum nicht nur eine quantitative Erhöhung der Menge an Gütern und Dienstleistungen, sondern knüpfen ihre Anforderungen an zwei qualitative Bedingungen: Dabei steht vor allem der Gedanke der Nachhaltigkeit und der gezielten Verwendung von Wachstum im Zentrum der Betrachtung. Nachhaltigkeit („sustainable development“) umfasst im Sinne der Autoren eine Wachstumsstrategie, die nicht auf Kosten der natürlichen Lebensgrundlagen erfolgt. Damit erhält der Wachstumsbegriff eine deutlich ökologische Konnotation.
Darüber hinaus müsse Wachstum zur gezielten Armutsreduzierung beitragen, um als entwicklungskonform zu gelten. Die Verwendungsdimension von Wachstum ist heute durch den Weltbank-Jargon „Pro-Poor-Growth “ ein fester Bestandteil der internationalen Begriffswelt geworden.
(2) Auch der Begriff der Arbeit erhält im „magischen Fünfeck der Entwicklung“ eine qualitative Komponente, da Beschäftigung nicht nur als reine Erwerbsquelle angesehen wird, sondern darüber hinaus ihre ethische und gesellschaftspolitische Bedeutung (Arbeit als Mittel zur Selbstverwirklichung und Stärkung der sozialen und politischen Integration) betont wird.
Hinsichtlich der Diskussion um eine kapitalintensive bzw. arbeitsintensive Entwicklungsstrategie konstatieren die Autoren:
Wir halten am Plädoyer für einen arbeitsorientierten Entwicklungsweg fest, weil unter den Bedingungen wachsender Massenarmut der Mobilisierung unqualifizierter Arbeit und der Erhöhung der Massennachfrage nach Nahrungsmitteln und einfachen Gebrauchsgütern eine strategische Bedeutung zukommt. Importierte kapitalintensive Technologie kann die Arbeitsproduktivität erhöhen und das Wachstum steigern, aber wenn sie gleichzeitig Arbeit einspart, verstärkt sie Marginalisierungsprozesse (ebd.: 69 f.).
(3) Mit den Kriterien Gleichheit/Gerechtigkeit wird das Erfordernis der gerechten Verteilung des gesellschaftlich erzeugten Wohlstandes betont. Die Autoren zielen dabei auf die Ebene der Herrschaft bzw. Machtstrukturen einer Gesellschaft ab, da der in Entwicklungsländern häufig feststellbare extrem ungleiche Zugang zu sozialen Dienstleistungen wie Bildung, Gesundheit und soziale Sicherung oftmals eine Frage des Zugangs zu politischer Macht sei.
Auch wenn der Begriff, wie die beiden Autoren selbst zugeben, einer gewissen inhaltlichen Unschärfe unterliege, so stelle er doch eindeutig qualitative Anforderungen an die Gesamtverfassung einer Gesellschaft im Sinn einer „guten Ordnung“ dar (vgl. ebd.: 70 f.).
(4) Partizipation im Sinne von Entwicklung soll die politischen und sozialen Menschenrechte zusammenfassen und beinhaltet die politische Mitwirkung und soziale Teilhabe an den materiellen und kulturellen Gütern einer Gesellschaft (vgl. ebd.: 71). Damit gehören demokratietheoretische Elemente zum hier vorgestellten Verständnis von Entwicklung, die über den reinen formellen Wahlprozess hinausgehen. Partizipation wird auch im Sinne von „Entwicklung von unten“ aufgefasst, so dass die betroffenen Menschen die Möglichkeit erhalten, über Basisbewegungen bzw. basisdemokratische Einflussnahme den Entwicklungsprozess eigenständig steuern und kontrollieren zu können.
(5) Unabhängigkeit/Eigenständigkeit bezieht sich nach Nohlen/Nuscheler (1993) im Kern auf die von der UN-Vollversammlung 1974 verabschiedeten Charta der wirtschaftlichen Rechte und Pflichten der Staaten. Diese räumt jedem Staat das souveräne und unveräußerliche Recht ein, sein wirtschaftliches, politisches, soziales und kulturelles System ohne Bestimmung von außen frei zu wählen.

3.1.4 Zusammenfassung und Fazit

In den vorhergehenden Kapiteln wurde eine Annäherung an den Entwicklungsbegriff unternommen. Dabei wurden drei unterschiedliche Denkschulen vorgestellt: Die entwicklungsökonomische Denkschule lässt sich vereinfacht mit der Gleichung Entwicklung = Wachstum = Industrialisierung zusammenfassen, da nach ihrem Verständnis, nur ein durch wirtschaftliches Wachstum zu steigerndes Pro-Kopf-Einkommen die Grundlage für die Verwirklichung materieller und nicht-materieller Entwicklungsdimensionen bilden kann. Die Autoren des Post-Development-Ansatzes verfolgen hingegen einen radikalen Ansatz, da sie dem Begriff Entwicklung jegliche Existenzberechtigung zu entziehen versuchen; Entwicklung diene nur als ideologisches Instrument zur Verwestlichung der Welt. Eine gemäßigte und stärker interdisziplinär ausgerichtete Konzeption stellt das von Nohlen und Nuscheler entworfene „magische Fünfeck von Entwicklung“ dar, das mit normativen Elementen versehen ist.

Jener Versuch, den Begriff aus einer Synthese von einzelnen Bausteinen zu definieren, ist einer ökonomistischen und dadurch reduktionistisch anmutenden Betrachtungsweise, wie sie größtenteils in der Entwicklungsökonomie vorzufinden ist, eindeutig vorzuziehen. Entwicklung mag sich als nicht definierbare, formlose „begriffliche Amöbe“ herausstellen, jedoch sollte Einigkeit darin bestehen, dass jener Begriff vielmehr als nur Wirtschaftswachstum umfasst. Die beanspruchte Definitionshoheit durch die Ökonomie wird den multidimensionalen Aspekten samt Wechselwirkung zwischen den verschiedenen Teilbereichen von Entwicklung nicht gerecht.

Die Herangehensweise von Nohlen/Nuscheler (1993) wiederum, unter Entwicklung mehr zu verstehen als nur Wachstum, bietet dennoch Angriffspunkte für Kritik: Normative Konzeptionen des Entwicklungsbegriffes laufen Gefahr – gewollt oder ungewollt - einem westlichen Ethnozentrismus zu unterliegen. Beispielsweise ist es durchaus problematisch den Begriff „Arbeit“ semantisch einseitig mit „produktiver und ausreichend bezahlter Beschäftigung“ (ebd.: 68) zu verbinden. In diesem Falle müssten dann subsistenzorientierte Lebensweisen, wie etwa die in vielen Entwicklungsländern noch weit verbreitete kleinbäuerliche Subsistenzlandwirtschaft, per se als unterentwickelt gelten.

Genau an diesem Punkt setzt die Post-Development-Schule in ihrer Kritik am westlichen Entwicklungsbegriff an. Grundsätzlich stellt sich die Frage, inwiefern vor dem Hintergrund der sich dramatisch verschlechternden ökologischen Situation der Erde (Folgen des Klimawandels, Entwaldung, Überfischung der Meere, Artensterben usw.) Entwicklung auch nur ansatzweise in Denkkategorien wie der Industrialisierung nach westlichem Vorbild - einschließlich der Übernahme westlicher Konsummuster - gedacht werden sollte. Die auf dieser Argumentation basierende Kritik bzw. weitgehende Ablehnung der Moderne im Post-Development-Ansatz ist jedoch auch kritisch zu beleuchten, da die positiven Aspekte der Moderne (beispielsweise die Senkung der Kindersterblichkeit durch die moderne Medizin) einseitig ignoriert und traditionelle Gesellschaftsstrukturen tendenziell romantisiert werden (vgl. Ziai 2006: 202).[3]

Es ist angebracht an dieser Stelle noch einmal zu betonen, dass es keine universell gültige Definition von Entwicklung und den damit assoziierten Begriffen (Armut, Fortschritt, Wohlstand, etc.) gibt (vgl. Fischer et al. 2007: 13f.). Die Diskussion um den Begriff „Entwicklung“ bleibt auch nach fast 60 Jahren Entwicklungspolitik weiterhin ein kontroverses Thema. Eine unkritische Verwendung des Begriffs ist demnach immer mit Problemen behaftet. Diese Vorbehalte sollten stets im Hinterkopf behalten werden, wenn im weiteren Verlauf der Arbeit von Entwicklung die Rede ist.

Trotz der Schwierigkeit hinsichtlich der Begriffsbestimmung von Entwicklung, soll an dieser Stelle dennoch eine eigene Interpretation vorgestellt werden: Entwicklung wird - anstelle gängiger Assoziationen mit der Moderne, wie beispielsweise Industrialisierung, Marktwirtschaft, Urbanisierung, Automobilisierung, Produktivität, Technologisierung, etc. - auf eine soziale und politische Dimension verengt. Demnach kann von Entwicklung gesprochen werden, wenn die „Verwirklichungschancen“ der Menschen (Sen 2002) erhöht werden. So kann bezüglich der sozialen Dimension bspw. die Beseitigung des Hungers, die Senkung der Kindersterblichkeitsrate, die Erhöhung der Lebenserwartung oder die Schaffung eines ausreichenden Zugangs zu sauberem Trinkwasser als Entwicklung bezeichnet werden.

Die politische Dimension von Entwicklung soll die Befähigung der Menschen zu einem Leben in Souveränität, Selbstbestimmung und Freiheit umfassen, ohne dabei - und daher die abstrakte Formulierung - automatisch die westlichen Verhältnisse als normatives Ziel anzusehen. Freiheit und politische Selbstbestimmung haben zwar einen normativen Charakter, sie bedeuten jedoch nicht zwangsläufig parlamentarische Demokratie westlicher Prägung. Die Beseitigung des Hungers muss nicht zwangsläufig in eine Strategie der Industrialisierung der Landwirtschaft münden. Der Zugang zu sauberem Trinkwasser mag staatliche Investitionen in die Infrastruktur erfordern, aber dies bedarf nicht zwangsläufig einer auf Wachstum und Kapitalakkumulation ausgerichteten Politik. Darüber hinaus wurde die explizite Nennung von Armut als Ausdruck von Unterentwicklung hier bewusst vermieden, da die gängigen Definitionen des Armutsbegriffs - wie etwa die Ein-Dollar-Grenze der Weltbank zur Messung der „extremen Armut“ - jenen auf die Einkommenshöhe reduzieren. Damit wird Armut einseitig als Mangel an Reichtum, also vorrangig über die Knappheit der zur Verfügung stehenden Gütern definiert.[4]

Wichtig ist in diesem Zusammenhang eine „Entwestlichung“ der Debatte um die Begriffsbestimmung von Entwicklung.

Vor dem Hintergrund, der in dieser Arbeit von besonderem Interesse stehenden globalisierungsorientierten Betrachtungsweise, stellt sich die Frage, welchen Einfluss die ökonomische Globalisierung auf den Entwicklungsdiskurs hat. Oder anders ausgedrückt: Welche Art der „Entwicklung“ wird durch die Globalisierung propagiert? In einem ersten Schritt sollen die Entwicklungspolitik und die ihr zugrunde liegenden Vorstellungen von Entwicklung in eine historische Perspektive eingebettet werden, bevor die Globalisierung in ihrer neoliberalen Prägung thematisiert wird.

3.2 Historie der Entwicklungspolitik

Die internationale Entwicklungspolitik blickt nunmehr auf eine fast 60-jährige Geschichte zurück. Ihre Anfänge lassen sich auf den Beginn der Phase der Dekolonisation Mitte der 50er Jahre datieren, als sich die ehemaligen Kolonialmächte schrittweise aus ihren Herrschaftsgebieten zurückzogen und somit die politische Weltkarte grundlegend veränderten. Begründet wurde die „Dritte Welt“ erstmalig in der Amtsantrittsrede des amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman, der 1949 von „unterentwickelten Gebieten“ sprach (vgl. Sachs 1993: 9; Fischer et al. 2007: 14).

Im theoriegeschichtlichen Kontext standen sich im Wesentlichen zwei große Entwicklungstheorien gegenüber: die in den ersten beiden Entwicklungsdekaden (50er und 60er Jahre) vorherrschende Modernisierungstheorie sowie die Dependenztheorie, die als kritische Reaktion auf die nicht erfüllten Versprechungen von Modernisierungsstrategien ihre Wurzel in Lateinamerika hatte und vor allem in den 70er Jahren eine weite Verbreitung innerhalb der akademischen Zirkel erreichte. Beide „großen“ Theorien haben einen entscheidenden Einfluss auf den entwicklungspolitischen Diskurs und die daraus entstandenen Handlungsempfehlungen für Entwicklungsländer ausgeübt. Beiden Theorien gemeinsam ist, dass sie mit einem universalistischen Geltungsanspruch operieren und letztendlich Entwicklung als nachholende Industrialisierung bzw. Adaption der westlichen Lebensweise verstehen. Für das Phänomen der „Unterentwicklung“ machen sie monokausale Ursachen verantwortlich.

Ab Ende der 80er jedoch begann unter den Entwicklungsforschern eine theoriekritische Diskussion einzusetzen, welche die Validität der „großen“ Theorien offen bezweifelte (vgl. Menzel 1992; Boeck 1993). Menzel (1992: 27 ) sprach dabei vom „Ende der Dritten Welt“ und dem „Scheitern der großen Theorie“ und konstatierte diesbezüglich offen, „dass die globalen Paradigmen nicht nur in die Krise geraten, sondern in der Tat gescheitert sind“. Auch wenn heutzutage der entwicklungspolitische Diskurs weitgehend differenzierter verläuft, als dies in den 60er und 70er Jahren durch die beobachtbare klare Trennung in die beiden entwicklungstheoretischen Lager der Fall war, so lassen sich aus der Analyse wichtige Erkenntnisse für zukünftige Entwicklungsstrategien der LDCs gewinnen. Gerade die heute scheinbar in die Bedeutungslosigkeit versunkene Dependenztheorie, die vor allem durch den weltmarktorientierten Aufstieg der ostasiatischen „Tigerstaaten“ den Nimbus einer universalistisch gültigen Theorie verlor, bietet für eine globalisierungskritische Diskussion durchaus brauchbare Erklärungsansätze.

Im Anschluss an diesen kurzen historischen Überblick soll daher noch einmal etwas detaillierter auf die Modernisierungstheorie und auf wesentliche Punkte der Dependenztheorie anhand der Ausarbeitung von Senghaas (1977) eingegangen werden, welcher die deutschsprachige dependenztheoretische Diskussion wesentlich prägte.

3.2.1 Modernisierungstheorie

Die Modernisierungstheorie sieht vorwiegend in den internen, sozio-kulturellen Faktoren die Hauptursache für die Rückständigkeit der Entwicklungsländer. Verkrustete und wenig dynamische, da vorwiegend aus traditionellen Bewusstseinsmuster resultierende, Gesellschaftsstrukturen stünden einer wirtschaftlichen, sozialen und politischen Modernisierung im Wege und seien als Erklärung für die beobachtbare stagnierende Situation in den Entwicklungsländern verantwortlich.

Die Überwindung eben jener „modernisierungsfeindlichen“ Strukturen erfordere die weitgehende Adaption des westlichen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells, um jene ökonomischen Produktivkräfte - wie z.B. freies Unternehmertum, soziale Mobilität, Individualisierung und Rationalisierung - zu entfalten, die für die wirtschaftliche Entwicklung als notwendig erachtet wurden. Kurzum: Die Staaten der Dritten Welt benötigten eine Durchdringung von Max Webers beschriebenem „Geist des Kapitalismus“ (vgl. Menzel 1992: 98 ff.; Nuscheler 2004: 214).

In der Entwicklungsökonomik, die auf modernisierungstheoretischen Annahmen basierte, wurde das Konzept „Entwicklung durch Wachstum“ favorisiert (siehe hierzu auch das Fünfstufenmodell von Walt Whitman Rostow in Kapitel 7.2). Grundlegende Annahme ist, dass den Entwicklungsländern eine zu geringe Kapitalausstattung ihrer Volkswirtschaften den Weg in die wirtschaftliche Moderne verwehrte. Durch eine externe Kapitalzufuhr würden die betroffenen Staaten in die Lage versetzt werden, die Industrialisierung nachzuholen, um die bestehende Einkommenslücke zu den westlichen Industriestaaten zu schließen. Das Konzept basiert wesentlich auf dem Gedanken, dass durch die Erzeugung von wirtschaftlichem Wachstum und dem daraus resultierenden wachsenden Pro-Kopf-Einkommen automatisch Entwicklungsprozesse ausgelöst würden, die über eine Breitenwirkung zur nachhaltigen Armutsreduzierung führten. Bekannt geworden ist in diesem Zusammenhang auch der Begriff des „Trickle down“-Effekt, der das Konzept metaphorisch beschreibt. Irgendwann, so die Theorie, würden die Effekte des wirtschaftlichen Wachstums zu den armen Bevölkerungsschichten „durchsickern“ und sie aus Armut und Unterentwicklung befreien.

Hinsichtlich der Wachstumsstrategien - und nichts anderes stellten die Modernisierungsstrategien im eigentlichen Sinne dar - lassen sich zwei verschiedene Ansätze unterscheiden: die über eine importsubstituierende Industrialisierung stark binnenmarktorientierte Strategie sowie die weltmarktintegrative und daher stark exportorientierte Industrialisierungsstrategie.

Eine Industrialisierung durch Substitution der Importe fand vorwiegend in Lateinamerika ihre Anwendung. Die Konzeption wurde im Wesentlichen vom Exekutivsekretär der UN-Wirtschaftskommission für Lateinamerika Raul Prebisch ausgearbeitet. Bekannt geworden ist in diesem Zusammenhang die Prebisch-Singer-These, die langfristig von sich verschlechternden Austauschbeziehungen im internationalen Handel, den sogenannten „Terms of Trade“, für Rohstoffexporteure im Vergleich zu Exporteuren von fertigen Industrieprodukten ausgeht (vgl. Hein 1998: 262). Um diesen entwicklungshemmenden Wirkungen einer weltmarktintegrativen Strategie zu entgehen, bestünde der Ausweg in einer partiellen Abkehr vom Weltmarkt in Form einer gezielten Ankurbelung der lokalen Produktion von für die Industrialisierung wichtigen Gütern (Schwerindustrieerzeugnisse, Produktionsgüter). Dies impliziert den temporären Schutz der sich im Aufbau befindlichen Industrien über sogenannte Erziehungszölle, die einen zu frühzeitigen Wettbewerb mit der technologisch überlegenen internationalen Konkurrenz unterbinden sollen.

Die exportorientierte Industrialisierung hingegen setzt vorrangig auf die vollständige Integration in die Strukturen der Weltwirtschaft. Freihandel und der damit verbundene Abbau von Handelshemmnissen, die Deregulierung der Kapitalmärkte zur Förderung ausländischer Direktinvestitionen sowie die Schaffung von Exportsonderwirtschaftszonen zwecks Ansiedlung von aus Industrieländern ausgelagerten, zumeist arbeitsintensiven Industriezweigen, sind wesentliche Kernbestandteile dieser Strategie der Modernisierung.

Doch trotz umfassender Entwicklungsbemühungen in den ersten beiden Entwicklungsdekaden dominierte Massenarmut weiterhin das Leben der Mehrheit der Menschen in den Staaten der sogenannten „Dritten Welt“. Als Reaktion auf die nicht erfüllten Versprechungen wurde innerhalb der Lehrmeinungen gegen Ende der 60er Jahre vermehrt lautstarke Kritik an den herrschenden Entwicklungskonzeptionen geäußert. Dieses entwicklungspolitische Paradigma der dependenztheoretischen Ansätze soll im folgenden Abschnitt vorgestellt werden.

3.2.2 Dependenztheorie

Die „ Dependenztheorie (Dependencia) “ fokussiert in der Problemanalyse, im Gegensatz zu modernisierungstheoretischen Annahmen, die externe Ebene und sieht in der vorherrschenden Weltwirtschaftsordnung, welche neokolonialistische Züge annehme, die Hauptursache für die Unterentwicklung der „Dritten Welt“. Auf den entwicklungspolitischen Diskurs hatte sie einen nachhaltigen Einfluss: Die Auseinandersetzung mit der Dependenztheorie bewirkte, dass der Nord-Süd-Konflikt als globaler Strukturkonflikt in der Weltöffentlichkeit wahrgenommen wurde. Eine Vielzahl von internationalen Konferenzen, insbesondere die Welthandels- und Entwicklungskonferenzen (UNCTAD), die sich strukturellen Fragen der bestehenden Weltwirtschaftsordnung widmeten, spielten hierbei eine wesentliche Rolle. Die Kritik richtete sich z.B. auf das ausbeuterische Verhalten multinationaler Konzerne und dem damit einhergehenden Ressourcenabfluss in die reichen Staaten sowie auf die sich auf den Entwicklungsprozess nachteilig auswirkende Integration der Entwicklungsländer in den Welthandel durch die Verschlechterung der Terms of Trade (vgl. Menzel 1992: 146).

Im deutschsprachigen Raum haben unter anderem die Autoren Menzel und Senghaas zur Verbreitung der dependenztheoretischen Ansätze beigetragen und im entwicklungstheoretischen Sprachgebrauch die Bezeichnung des „peripheren Kapitalismus“ verankert. Senghaas (1977) plädierte ganz im Sinne der dependenztheoretischen Schule für eine „Dissoziation“ (Abkopplung) der Entwicklungsregionen vom kapitalistischen Weltsystem, betonte jedoch, dass eine dissoziative Entwicklungsstrategie nicht identisch mit einer vollkommen autarken Entwicklungspolitik sei (vgl. ebd.: 16). Er kritisierte, im Sinne der Prebisch-Singer-Hypothese, die Spezialisierung der Entwicklungsländer auf den Export von nahezu unverarbeiteten Rohstoffen und Agrargütern. Diese Spezialisierung sei eine Folge des in der neoklassischen Außenhandelstheorie favorisierten Theorems der komparativen Kostenvorteile, das bei konsequenter Befolgung eine „strukturelle Verarmung der Peripherie“ verursache (ebd.: 27-28). Der neoklassischen Außenhandelstheorie mangele es an der Berücksichtigung der langfristigen Auswirkungen einer solchen Arbeitsteilung im Welthandelssystem. Laut Senghaas (1977) lässt sich die Entwicklung des peripheren Kapitalismus in drei Phasen einteilen:

- 1. Phase: Kombination exportorientierter Produktion von unverarbeiteten Rohstoffen und Agrargütern mit Importen von Massenkonsumgütern, die zur klassischen internationalen Arbeitsteilung führten.
- 2. Phase: Strategie der Importsubstitution von Massenkonsumgütern.
- 3. Phase: Industrielle Produktion von langlebigen Konsumgütern (wobei diese nur in wenigen Gesellschaften zu beobachten sei).

Dabei verweist Senghaas (1977) auf in allen drei Phasen auftretende Merkmale des Peripherie-Kapitalismus:

- eine stagnierende Produktivität im nicht-exportorientierten landwirtschaftlichen Sektor im Unterschied zum landwirtschaftlichen Exportsektor sowie
- die Nicht-Existenz eines Produktionsgüter- und Massenkonsumgütersektors.

Wie bereits erwähnt, gerieten die dependenztheoretischen Verfechter durch den ökonomischen Aufstieg der ostasiatischen Tigerstaaten, die mit einer exportorientierten Entwicklungsstrategie eine Industrialisierung vollzogen, in große Erklärungsnot. So mussten auch Menzel/Senghaas (1986: 22) trotz des in früheren Arbeiten detailliert beschriebenen „Peripherisierungsdrucks“ konstatieren, dass „in einer nicht unbedeutenden Zahl von Gesellschaften eine erfolgreich nachholende Entwicklung auf der Grundlage von Weltmarktintegration zustandegekommen [ist]“.

Infolge dessen mussten dependenztheoretische Ansätze von ihrem Anspruch, eine monokausale Erklärung für die Unterentwicklung der „Peripherie“ zu liefern, die allein in den vorherrschenden Strukturen des Weltmarktes zu finden sei, abrücken. In diesem Sinne plädierten Menzel/Senghaas (1986: 171), stellvertretend für die dependenztheoretische Schule, dafür, „die internen sozio-strukturellen Bedingungen [...] stärker ins Blickfeld treten zu lassen“.[5]

Dieses Eingeständnis auf Seiten der Dependenztheoretiker führte jedoch keineswegs zu einer generellen „Entideologisierung“ der entwicklungspolitischen Konzepte. Vielmehr standen in der Entwicklungspolitik die 80er und 90er Jahre unter dem Vorzeichen einer Renaissance des Neoliberalismus, der in Gestalt des sogenannten „Washington Consensus“ zum dominierenden Referenzrahmen der Entwicklungspolitik wurde. Diese Entwicklung, hin zu wirtschaftsliberalen Vorstellungen, darf keineswegs isoliert betrachtet werden, sondern ist ein Abbild der sich stärker beschleunigenden ökonomischen Globalisierung und der damit verbundenen Hinwendung zu neoliberalen Politiken. Im folgenden Kapitel sollen daher die Makroebene thematisiert und die Einflüsse dieses neuen „Zeitgeistes“ auf den Entwicklungsdiskurs herausgearbeitet werden.

4. Die neoliberale Globalisierung

4.1 Die Renaissance des Neoliberalismus

Auf das „Scheitern der großen Theorien“ folgte mit Beginn der 80er Jahre in der internationalen Entwicklungspolitik eine starke Orientierung hin zu neoklassischen bzw. wirtschaftsliberal ausgerichteten Konzepten. Diese theoriegeschichtliche Entwicklung ist unter anderem eine Folge der enttäuschenden Entwicklung in den Entwicklungsländern, die vor allem in Lateinamerika und Afrika zu beobachten war. Die dritte Entwicklungsdekade (ab 1980) wurde selbst von der Weltbank in ihrem 1990 erschienenen Weltentwicklungsbericht als „Verlorenes Jahrzehnt“ bezeichnet. Verantwortlich dafür zeigte sich die drastisch verschärfende Verschuldungskrise der Entwicklungsländer, die ihren Ausgangspunkt schon mit dem beginnenden Verfall der internationalen Rohstoffpreise sowie den beiden Ölpreisschocks in den 70er Jahren hatte. Die Auslandsverschuldung der Entwicklungsländer verdoppelte sich von 1980 bis 1990 (vgl. Sangmeister 1993: 331) und hatte schwerwiegende Folgen auf die politische, soziale und wirtschaftliche Stabilität der betroffenen Länder. Ungünstige weltweite Rahmenbedingungen verschärften zusätzlich die Verschuldungskrise, die einige Entwicklungsländer in die Zahlungsunfähigkeit bzw. in den Staatsbankrott führte. So unterlagen die Preise für agrarische und mineralische Rohstoffe (die Hauptexportgüter der Entwicklungsländer) in den 80er Jahren weiterhin einem kontinuierlichem Preisverfall, welcher die Fähigkeit der Entwicklungsländer zu Devisenerlösen zunehmend beschränkte, die dringend für die Tilgung und Zinszahlung ausstehender Auslandskredite benötigt wurden. In der entwicklungspolitischen Diskussion wird in diesem Zusammenhang oft von fallenden Terms of Trade aus Sicht der Entwicklungsländer gesprochen. Die Terms of Trade beschreiben hierbei das Austauschverhältnis im internationalen Handel und geben an, wie viele Einheiten an Importgütern sich ein Land anhand seiner Exporterlöse leisten kann. Fallen die Preise für seine Exportgüter überproportional stark, so reduziert sich die Importkapazität des betreffenden Landes. Dies kann unter Umständen zu negativen Handelsbilanzen führen, die wiederum über externe Kapitalzuflüsse finanziert werden müssen.

Darüber hinaus verschlechterten sich für die Entwicklungsländer die Bedingungen auf den internationalen Kapitalmärkten. Die amerikanische Notenbank erhöhte 1979 das Zinsniveau (der „Volcker-Schock“), mit der Folge, dass die zumeist in Dollar kontraktierten Kreditpakete erhöhte Zinszahlungen vorsahen (vgl. Altvater 2008: 55). Dieser „Teufelskreis“ aus sinkenden Devisenerlösen durch fallende Terms of Trade, die der starken Abhängigkeit von weltwirtschaftlichen Entwicklungen geschuldet ist, sowie steigenden Zinszahlungen führten letztendlich zu einer nicht mehr tragfähigen Verschuldungssituation, die vor allem in Lateinamerika zu beobachten war.

Die Verschuldungskrise und die damit einhergegangene Zahlungsunfähigkeit der Entwicklungsländer bedrohte die Stabilität der Weltwirtschaft. Dies erforderte ein Eingreifen seitens der multilateralen Finanzinstitutionen IMF und Weltbank, die mit wirtschaftspolitischen Reformmaßnahmen reagierten. Diese sogenannten Strukturanpassungsprogramme umfassten makroökonomische Stabilisierungsmaßnahmen - wie etwa die Beseitigung struktureller Defizite im Bereich des Staatshaushaltes und der Außenhandelsbilanz. Die Implementierung galt als notwendige Voraussetzung für die Gewährung von weiteren Krediten und ermöglichte es IMF und Weltbank, auf die Wirtschaftspolitik der betreffenden Entwicklungsländer maßgeblichen Einfluss zu nehmen. Somit ebnete die Verschuldungskrise erstmalig den Weg für eine umfassende Implementierung neoliberaler Reformansätze auf breiter Ebene. Der amerikanische Ökonom John Williamson prägte für diese Politik den Begriff „Washington Consensus“, und beschrieb damit die weitgehende inhaltliche Übereinstimmung hinsichtlich (neoliberaler) wirtschaftspolitischer Reformen zwischen der amerikanischen Regierung und den Technokraten in IMF und Weltbank (Williamson 1990). Obwohl die Maßnahmen speziell auf den lateinamerikanischen Kontext zugeschnitten waren, entwickelte sich der „Washington Consensus“ zum dominierenden wirtschaftspolitischen Paradigma innerhalb des IMF und der Weltbank. Dieser deckt sich dabei weitgehend mit den Grundsätzen und Kernforderungen des Neoliberalismus, die auf eine Entfesselung der Marktkräfte abzielen. Dieser „neue Liberalismus“ erfuhr weltweit eine Renaissance; selbst in den Industrieländern begann in den 80er Jahren mit der Regierungsübernahme von Margaret Thatcher als Premierministerin in Großbritannien (1979) und Ronald Reagan als Präsident in den USA (1981) die Phase des Monetarismus, jene von Milton Friedman begründete angebotsorientierte wirtschaftspolitische Konzeption, die nur in der Geldmengensteuerung Anlass für ein Eingreifen in den Wirtschaftsprozess sieht (Friedman 1984).

Der Neoliberalismus stellt dabei jedoch keine neue Erscheinung dar: Die Geschichte des Neoliberalismus begann vor etwa 80 Jahren, als mit der Weltwirtschaftskrise 1929-1932 der klassische Wirtschaftsliberalismus und der damit vorherrschende Glaube an den Markt als stabilen Regulationsmechanismus erheblich erschüttert wurde. Als Reaktion auf die Krisenanfälligkeit sollte der Neoliberalismus eine neue Form des Liberalismus begründen, ohne sich von den grundlegenden Ansichten des Wirtschaftsliberalismus zu verabschieden. In der Wirtschaftspolitik der Industrieländer dominierte jedoch fortan der Keynesianismus - ein staatsinterventionistisches Paradigma, welches durch den britischen Ökonomen John Maynard Keynes begründet wurde. Keynes befürwortete ein aktives Eingreifen des Staates in den Wirtschaftsprozess, um in Zeiten konjunktureller Krisen über kreditfinanzierte staatliche Ausgabenprogramme die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu stimulieren. Damit widersprach Keynes der neoklassischen Sichtweise des Laissez-faire, nach welcher der ungehinderte freie Markt automatisch zu einem gleichgewichtigen Zustand führe. Die Anfänge des Neoliberalismus müssen daher als Gegenentwurf zum keynesanistischen Staatsinterventionismus verstanden werden.

Heute bilden der Neoliberalismus bzw. Washington Consensus das theoretische Fundament des weltweit beobachtbaren Prozesses der ökonomischen Globalisierung. Der Neoliberalismus avancierte zum globalen Referenzrahmen der Wirtschafts-, Sozial- und Gesellschaftspolitik. Dieser „Globalization Consensus“ (Wade 2009) versucht über ein Bündel an Maßnahmen, die institutionell in einflussreichen „Globalisierungsorganisationen“, wie z.B. Weltbank, IMF und WTO, verortet sind, eine globale Marktgesellschaft auf Basis der ökonomischen Rationalität zu etablieren. Seit den 70er und 80er Jahren hat die ökonomische Globalisierung deutlich an Geschwindigkeit zugenommen. Als besonders wichtige Katalysatoren für die Beschleunigung der neoliberalen Globalisierung können die folgenden beiden Entwicklungen gelten (vgl. Ptak 2008a: 83 f.; Altvater 2008: 53 ff.):

(1) der Abbau von Schutzrechten und Marktbeschränkungen in Form von Zöllen und nicht-tarifären Handelshemmnissen durch eine konsequente Politik zur Schaffung einer globalen Freihandelszone. Haupttreiber dieser Entwicklungen ist die Welthandelsorganisation WTO, die darüber hinaus auch die Schaffung neuer Märkte vorantreibt. So werden bisher vor der Ökonomie geschützte Bereiche der Gesellschaft durch Privatisierung von öffentlichen Gütern und Dienstleistungen in die globale Marktwirtschaft integriert (zur WTO siehe Abschnitt 4.3.1).
(2) die Liberalisierung und Deregulierung der Finanz- und Kapitalmärkte. Als Kernmaßnahme stellte sich hierbei die Abschaffung des Bretton-Woods Systems dar, das fixe Wechselkurse vorsah. Durch weitgehende Liberalisierungsmaßnahmen, die in den USA und Großbritannien begannen, ist die Bildung von Wechselkursen und Zinssätzen den Kräften des Marktes ausgesetzt, was wiederum die staatliche Einflussnahme dieser wichtigen makroökonomischen Parameter beschränkte. Die Kapitalmärkte vollzogen darüber hinaus einen grundlegenden Funktionswandel: Es stand nicht mehr primär die Investitionsfinanzierung und damit der realökonomische Bezug im Mittelpunkt, stattdessen gewann eine durch weitgehende Deregulierungsmaßnahmen entfachte Finanzspekulation immer mehr an Bedeutung. Dieser Spekulationskapitalismus wird durch immer neuere Finanzmarktprodukte befeuert, welcher die gestiegenen Renditeerwartungen transnationaler Investmentbanken, Hedge-Fonds und anderer institutionellen Anleger befriedigt (vgl. hierzu die Spekulation mit Agrarrohstoffen in Abschnitt 7.3.3.2).

4.2 Grundsätze des Neoliberalismus

Um zu einer adäquaten Analyse der ökonomischen Globalisierungsprozesse und dessen mögliche Wirkungen auf den Entwicklungsverlauf in den LDCs zu gelangen, ist es an dieser Stelle notwendig einen differenzierteren Blick auf den Neoliberalismus bzw. Washington Consensus zu werfen. Worin besteht das Kernanliegen des Neoliberalismus und wie sieht sein Grundverständnis von Staat und Markt (Abschnitt 4.2.1) aus bzw. welches Menschenbild liegt ihm zugrunde (4.2.2)?

Als Methodik wird im Folgenden ein exemplarisches Vorgehen gewählt, das Kernpositionen der neoliberalen Theorie vorwiegend anhand einiger Schlüsseltexte herausarbeiten wird. Dabei handelt es sich um die „Geschichte der Gouvermentalität II“: Die Geburt der Biopolitik“ vom französischen Philosophen Michel Foucault (Foucault 2004) sowie Texte aus der (kritischen) Sekundärliteratur. Friedrich August von Hayek, als einer der bedeutendsten Vertreter des Neoliberalismus, wird ebenso herangezogen, da seine Schriften den wohl umfassendsten Einblick in die Denkweise liberaler Weltanschauung liefern (Hayek 1969 und 1994).

Es soll an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass im Grunde genommen nicht von „dem“ Neoliberalismus, sondern von Neoliberalismen gesprochen werden müsste, da in Theorie und Praxis unterschiedliche Ausprägungen existieren. Der radikalen und markfundamentalistischen Interpretation amerikanischer Prägung, für den die beiden „Libertären“ Friedrich August von Hayek und Milton Friedman stellvertretend stehen, ist der deutsche Ordoliberalismus von Walter Eucken und Alfred Müller-Armack, die als Begründer der „Sozialen Markwirtschaft“ in Deutschland gelten, entgegegenzusetzen (vgl. Plehwe/Walpen 1999; Ptak 2008b). Der amerikanische Neoliberalismus zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass er die ökonomische Analyse auf nicht-ökonomische Bereiche ausweitet, beispielsweise auf menschliche Verhaltensweisen (vgl. Foucault 2004: 336). Doch trotz auftretender Unterschiede bestehen erhebliche Gemeinsamkeiten, die sich auf das grundlegende Verhältnis von Staat und Markt sowie auf das dem Neoliberalismus inhärenten Menschenbild beziehen. Diese Gemeinsamkeiten lassen Rückschlüsse auf Intention und mögliche Wirkungen des neoliberalen Globalisierungsprojektes auf Entwicklungsprozesse in den LDCs zu.

4.2.1 Staat, Markt und Wettbewerb

Das „Neue“ am Neoliberalismus besteht, wie bereits erwähnt, in der Reaktion auf die Krisenanfälligkeit des klassischen Liberalismus des 19. und beginnenden 20.Jahrhunderts. Dieser auf dem Prinzip des „Laissez-faire“ basierende (radikale) Liberalismus ordnet dem Staat im Marktprozess eine nahezu bedeutungslose Rolle zu („Nachtwächterstaat“), wohingegen der Neoliberalismus die institutionelle Absicherung des marktwirtschaftlichen Prozesses durch den Staat befürwortet (vgl. Ptak 2008a: 13 ff.; Willke 2003: 29). Von Hayek (1994: 58 f.) fasst die Ablehnung des Laissez-Faire-Prinzips sowie die Grundlagen des neuen Liberalismus folgendermaßen zusammen:

Der Liberalismus lehrt, daß wir den bestmöglichen Gebrauch von den Kräften des Wettbewerbs machen sollen, um die Wirtschaftsaktivität der Individuen aufeinander abstimmen, er lehrt aber nicht, daß wir die Dinge sich selber überlassen sollen. Er beruht auf der Überzeugung, daß dort, wo ein echter Leistungswettbewerb möglich ist, diese Methode der Wirtschaftssteuerung jeder anderen überlegen ist. Er leugnet nicht, sondern legt besonderen Nachdruck darauf, daß ein sorgfältig durchdachter rechtlicher Rahmen die Vorbedingung für ein ersprießliches Funktionieren der Konkurrenz ist […]. Der Liberalismus leugnet auch nicht, daß wir dort, wo die Bedingungen für einen echten Leistungswettbewerb nicht geschaffen werden können, zu anderen Methoden der Wirtschaftsteuerung greifen müssen. Er lehnt es jedoch ab, den Wettbewerb durch schlechtere Methoden der Ordnung des Wirtschaftslebens zu ersetzen.

Doch trotz dieser Unterschiede stellt der Neoliberalismus „keine neue Erscheinung, sondern eine modernisierte und erweiterte Variante des Wirtschaftsliberalismus in der Tradition von Klassik und Neoklassik dar“ (Ptak 2008a: 16). Im Gegensatz zum klassischen Laissez-faire -Liberalismus des 18. und 19. Jahrhunderts lassen sich in der neoliberalen Denkschule weit über die ökonomische Betrachtung hinausgehende Forderungen eines umfassenden Gesellschaftsentwurfes finden. Dies soll im Folgenden anhand von Foucault (2004) dargestellt werden. Darüber hinaus enthüllt seine Analyse detailliert die Rolle des Staates im neoliberalen Verständnis.

Foucault sieht im Neoliberalismus weniger eine rein wechselseitige Beziehung von Staat und Markt, bzw. eine Begrenzung des staatlichen Interaktionsradius und damit die intendierte Etablierung von Räumen, in denen sich der Markt frei bewegen könne; vielmehr gehe es im Neoliberalismus darum, die Organisation von Gesellschaft den Prinzipien des Marktes unterzuordnen. Ziel sei die Schaffung einer Marktgesellschaft, in der das Prinzip der ökonomischen Rationalität zum dominierenden Regulationsmechanismus der Gesellschaft avanciert. Der Neoliberalismus fordere einen Staat unter der Aufsicht des Marktes und nicht einen Markt unter der Aufsicht des Staates (vgl. Foucault 2004: 168). Dabei sei der Neoliberalismus bzw. Liberalismus im Allgemeinen vom Prinzip durchdrungen, das „stets zu viel regiert - oder dass man zumindest den Verdacht haben muss, dass zu viel regiert wird“ (ebd.: 437).

Im Neoliberalismus wird der Markt dabei zum perfekten Regulationsmechanismus hochstilisiert. Foucault legt dies anhand der Positionen deutscher Ordoliberaler bezüglich des Monopols, das über die Preissetzungsmacht eine Behinderung des Marktmechanismus darstellt, dar. Nach deren Interpretation sorge der Markt dafür, dass selbst monopolistische Strukturen nicht von Dauer sein können, da ein Monopol nur dann dauerhaft aufrechterhalten werden könne, wenn der Preis, den der Monopolist setze, identisch mit dem Preis seines Wettbewerbers sei. Alles andere führe dazu, dass der Monopolist bekämpft würde. Dies bedeute, dass Monopole sich im Grunde genommen so verhielten, als ob eine Wettbewerbssituation vorliege (vgl. ebd.: 195). Laut Foucault sieht der Neoliberalismus im Falle der Existenz von Monopolen keinen unmittelbaren Anlass für staatliche Interventionen in das wirtschaftliche Geschehen, „weil der Wirtschaftsprozess, der, wenn man ihm freien Lauf lässt, die regelnde Struktur des Wettbewerbs in sich trägt, gar nie in Unordnung geraten wird“ (ebd.: 195). Der Zweck einer staatlichen Anti-Monopolgesetzgebung liege darin begründet, „äußere Prozesse daran zu hindern, Monopolerscheinungen hervorzubringen“ (ebd.: 196).

Um die eigentliche Rolle des Staates im neoliberalen Verständnis zu verdeutlichen, weist Foucault auf die Theorie der konformen Handlungen hin. Sie beschreibt, wie ein marktkonformes Handeln des Staates konzipiert sein müsse und welche Maßnahmen in diesem Zusammenhang als angemessen betrachtet werden könnten. Staatliche Intervention im neoliberalen Sinne sollte demnach nicht auf die unmittelbaren wirtschaftlichen Gegebenheiten einwirken, „sondern Gegebenheiten, die Bedingungen für eine eventuelle Marktwirtschaft darstellen“ (ebd.: 199).[6] Diese Bedingungen werden als der Rahmen bezeichnet, innerhalb dessen das reibungsfreie Funktionieren des Marktmechanismus gewährleistet sei. Der Staat habe also eine Rahmenpolitik zu verfolgen, welche die Rolle des Staates bzw. der „Regierungskunst“ (Gouvernementalität) auf die Schaffung von Markt- und Wettbewerbsbedingungen reduziere. Prägnant konstatiert Foucault (ebd.: 206 f.):

Sie [die Regierung] soll auf die Gesellschaft selbst einwirken, auf ihre Struktur und Zusammensetzung. Im Grunde soll sie – und hierdurch soll ihr Eingreifen ihrem Ziel näher kommen, d.h. der Einrichtung eines Marktes, der allgemein die Gesellschaft regelt - diese Gesellschaft beeinflussen, damit die Wettbewerbsmechanismen in jedem Augenblick und an jedem Punkt des sozialen Dickichts die Rolle eines regulierenden Faktors spielen können.

Zusammengefasst weist der Neoliberalismus eine umfassende gesellschaftspolitische Dimension auf, die darin besteht, die Logik des Marktes in der Gesellschaft zu verankern. Nachdem nun der hegemoniale Anspruch des Neoliberalismus thematisiert wurde, stellt sich im Anschluss die Frage, worin die in der (neo)klassischen Wirtschaftstheorie begründete Überlegenheit des Marktprozesses besteht?

[...]


[1] Die Summe bezieht sich auf die den Derivaten zugrundeliegenden Vermögensgegenstände, bewertet mit aktuellen Marktpreisen.

[2] Es soll an dieser Stelle betont werden, dass jedwede konkrete Definition von „Grundbedürfnissen“ eine weitere Kontroverse darstellt (siehe hierzu Nuscheler 2006: 229 ff.).

[3] Ziai (2006) weist darauf hin, dass es innerhalb der Post-Development zwei rivalisierende Diskurse gibt. Auf der einen Seite existiert ein Diskurs der traditionelle Gesellschaften romantisiert, auf der anderen Seite finde ein Diskurs statt, der die Tradition viel skeptischer bewertet (vgl. ebd.: 207 ff.). Zur kritischen Auseinandersetzung mit der Post-Development siehe auch Hauck (2004: 45-47).

[4] Der Armutsbegriff wird im Zusammengang mit der Vorstellung des Begriffs der LDCs in Kapitel 6 noch einmal aufgegriffen.

[5] Dieses Eingeständnis wird von Hauck (2002: 14) scharf kritisiert. Er verweist darauf, dass Vertreter der Dependenztheorie sich im Grunde genommen hinsichtlich des Ziels von „Entwicklung“ kaum von den Modernisierungstheoretikern unterscheiden: „So nimmt es nicht Wunder, dass dem einstmals bedeutendsten deutschen Dependenztheoretiker Dieter Senghaas in den 1980er Jahren die komplette Saltowende zum Modernisierungstheoretiker gelang. Er musste hierzu nur die Ausplünderung der Dritten Welt von einer zentralen Ursache der Unterentwicklung zu einem Randfaktor herunterspielen“ (ebd.: 14).

[6] Zur Veranschaulichung der Theorie der konformen Handlungen bezieht sich Foucault auf einen Text von Eucken, der die Besonderheiten der deutschen und europäischen Landwirtschaft beinhaltet (Hinweis: Laut Anmerkung 42 des Herausgeber Michel Sennelart in Foucault (2004), sei dieser Bezug von Foucault falsch, da in Euckens Text nicht explizit von der Landwirtschaft die Rede sei). Das Beispiel der Landwirtschaft ist insofern für diese Arbeit interessant, da in Kapitel 7.2 das neoliberale Entwicklungsverständnis der Landwirtschaft am Beispiel der Weltbank beschrieben wird. An dieser Stelle wird daher noch einmal auf die Theorie der konformen Handlungen Bezug genommen.

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Details

Titel
Der Einfluss der ökonomischen Globalisierung auf die Entwicklung von Least Developed Countries
Untertitel
Analysen anhand der Sektoren Landwirtschaft und Rohstoffe
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Politikwissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
124
Katalognummer
V169641
ISBN (Buch)
9783640881567
Dateigröße
1041 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Globalisierung, Entwicklungstheorie, ländliche Entwicklung, Bergbau, Neoliberalismus, Weltbank, Sambia, Malawi, Transnationale Unternehmen, Ernährungssicherheit, Staatseinnahmen Bergbau
Arbeit zitieren
Philipp Kumria (Autor), 2010, Der Einfluss der ökonomischen Globalisierung auf die Entwicklung von Least Developed Countries, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169641

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