Europäische und nationale Identität in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Deutschland


Essay, 2009

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Eckpunkte nationaler und europäischer Identität

3 Eisenstadts Überlegungen zur europäischen Moderne

4 Ausgangspunkte der deutschen Identität

5 Gegenwärtige Entwicklung nationaler und europäischer Identität in Deutschland

6 Die Zukunft der europäischen Identität - führt sie zum Zusammenstoß mit der nationalen Identität?

Literatur und Quellen

1 Einleitung

Der Integrationsprozess der Europäischen Union auf politischer Ebene schreitet voran; die europäischen Institutionen wirken mit ungeheurer legislativer Macht in die einzelnen Mitgliedstaaten und egalisieren europaweit geltendes Recht. Sowohl die legislative als auch die judikative Gewalt der europäischen Institutionen werden durch den Vertrag von Lissabon abermals ausgebaut. Dadurch festigt die EU auch nach außen ihren Führungsanspruch gegenüber den Mitgliedstaaten. Dazu sollen außenpolitische Instrumente, wie ein EU- Außenminister und eine europäische Armee, geschaffen werden. Die europäische Integration macht sich jedoch auch für jeden Bürger bemerkbar. Die unbedingte Freizügigkeit im Schengenraum und die weite Verbreitung des Euro als Zahlungsmittel sind wohl die am deutlichsten sichtbaren Zeichen der Annäherung der europäischen Staaten. Das Zusammenwachsen Europas findet jedoch vor allem auf der wirtschaftlichen Ebene durch sogenannte „Spill-over-Effekte“ statt, d. h. durch grenzüberschreitende wirtschaftliche Kooperation. Dieselben Effekte können wir natürlich auch auf der wissenschaftlichen und kulturellen Ebene beobachten. Diese Effekte werden außerdem von der EU und den nationalen Regierungen aktiv gefördert.

Auch wenn wir nicht mehr am Anfang dieser Entwicklung stehen, sind die zukünftige Ausgestaltung der europäischen Integration und deren Einfluss auf das Selbst- und Weltbild ihrer Bürger noch höchst spekulativ. Werden die nationalen Identitäten der EU-Bürger einer europäischen Identität (sicher mit regionalen Ausprägungen) weichen? Oder aber erleben die nationalen Identitäten gerade durch die Konfrontation mit einer von den EU-Institutionen obstruierten europäischen Identität eine Stärkung? Natürlich kann es ebenfalls zu einem „harmonischen“ Nebeneinander von europäischer und nationaler Identität kommen, die wie andere Identitäten (Region, Beruf, soziale Schicht) das Selbstbild der Menschen bilden.

Grundlegend für die Thesenbildung in dieser Abhandlung sind Shmuel N. Eisenstadts Überlegungen in „Die Vielfalt der Moderne“ sowie die Ausgangspunkte der deutschen Identität. Zuvor soll jedoch kurz erläutert werden, was unter einer nationalen sowie einer europäischen Identität verstanden wird. Nachfolgend werden anhand von Umfrageauswertungen und theoretischen Überlegungen Prognosen für eine zukünftige Entwicklung nationaler und europäischer Identität gestellt.

2 Eckpunkte nationaler und europäischer Identität

Die nationale Identität besitzt viele Faktoren. Die Grundlage für diese Faktoren bildet das Bewusstsein einer Gruppe, aufgrund ihrer Sprache, ihrer Kultur, ihrer Geschichte, ihres ethnischen Ursprungs, des von ihr besiedelten Territoriums und ihrer Religion zusammenzugehören und sich gegenüber anderen Gruppen in einem oder mehreren der genannten Faktoren zu unterscheiden. Die Zusammenstellung und Gewichtung dieser Faktoren ist dabei bei jeder Gruppe unterschiedlich. Für eine Gruppe, die sich in der Folge dieses Bewusstseins Nation nennt, ist charakteristisch, dass sie das Recht für sich beansprucht, als Souverän selbstständig und unabhängig politische Entscheidungen zu treffen. Die Ausprägungen nationaler Identität können vielfältig sein. Das kann zum Beispiel der Stolz bzw. fehlender Stolz sein, zu dieser Nation zu gehören, oder der Stolz auf bestimmte Bereiche, wie zum Beispiel die Kultur, die Geschichte, oder die Verfassung. Ebenso spielt die Verbundenheit mit der Nation und ihren Symbolen, wie der Hymne, der Flagge oder den Feiertagen, eine große Rolle bei der Bildung nationaler Identitäten. Außerdem sind die Eigenschaften, die die Mitglieder einer Nation als typisch für die Bürger ihrer eigenen Nation empfinden, wichtige Bestandteile dieser Identität.

Im Hinblick auf eine europäische Identität ist der Zugang zu diesen Faktoren erschwert, angefangen damit, dass in Europa viele verschiedene Sprachen gesprochen werden und kulturelle europäische Epochen in den verschiedenen Ländern unterschiedlich ausgeprägt abliefen bzw. ausblieben. Ebenso ist die Geschichte bzw. ihre Rezeption national stets unterschiedlich gewichtet und einer nationalen Geschichtsschreibung wird in den meisten Ländern ein Vorrang eingeräumt (wobei dort vor allem Konflikte mit anderen europäischen Staaten thematisiert werden). Die Erforschung der europäischen Dimension der Geschichte steht zurzeit noch am Anfang. Dementsprechend scheidet das europäische Geschichtsbild als identitätsbildend aus. Man kann also durchaus davon sprechen, dass die Hürden für eine europäische Identität höher liegen als für eine nationale.

3 Eisenstadts Überlegungen zur europäischen Moderne

Eisenstadt beschreibt aus historisch-soziologischer Perspektive den Beginn der europäischen Moderne. Der Anfang dieses Prozesses war dadurch gekennzeichnet, dass in Europa die Weichen für die Entwicklung eines umfassenden Staatsverständnisses und Nationalbewusstseins gestellt wurden. Dieser Prozess ging einher mit einer sprichwörtlichen revolutionierenden Gesellschafts- und Wirtschaftstransformation. Die europäischen Völker, die sich während dieses Prozesses immer mehr als solche verstanden, bemühten sich, ihrem Bewusstsein eine entsprechende Staatlichkeit entgegenzustellen. Diese Entwicklung begann in Frankreich mit den Revolutionswirren, aber besonders zur Zeit der napoleonischen Herrschaft. In Deutschland begannen die Menschen mit den Befreiungskriegen gegen die napoleonische Herrschaft, sich zum ersten Mal in einer bis dahin nie gekannten Qualität zu ihrer Nation, ihrem Deutschtum, zu bekennen. Diese Bewegungen wurden zunächst vom Bürgertum getragen und begründeten den Glauben, wie Eisenstadt schreibt, dass „Gesellschaft durch ideengeleitetes politisches Handeln“ veränderbar ist. Mit ungeheurer Gewalt entwickelte sich das Staatsbürgerbewusstsein, dessen höchste Ideale Einheit, Gleichheit und Freiheit der Individuen und Nationen darstellten. Unzertrennbar damit verbunden war die Forderung nach einer Verfassung und Repräsentation des Volkes als neuer Souverän. In Deutschland war dies, wie in vielen anderen europäischen Ländern auch, durch den Kampf gegen das Feudalsystem und den Adel gekennzeichnet. Dieser Kampf führte in Deutschland über die gescheiterte Revolution von 1848/49 zur Reichsgründung 1871. Mit den Nationalstaatsgründungen und insbesondere den immer stärker werdenden Arbeiterbewegungen veränderte sich auch die Staatsaufassung der europäischen Völker. Durch diese Interaktion von Peripherie und Zentrum wurde die Verantwortung des Staates auf verschiedenste Felder ausgedehnt, dieStaatsaufgaben nahmen somit zu. Mit dem modernen Staat war unmittelbar eine neue kollektive Identität verbunden, nämlich die des Staatsbürgers, und da eine Vielzahl von Staaten Nationalstaaten waren, die Idee des Volkes. Eisenstadt beschreibt zwar die Entwicklung, die zur Bildung des modernen Staats und Bürgers führte, er fragt aber nicht, welche Umstände diese erst möglich machten. Ohne bestimmte Errungenschaften, insbesondere in der Technik und Kommunikation, wäre diese Entwicklung nicht möglich gewesen. Mit dem Beginn der Moderne setzte auch eine Transport- und Kommunikationsrevolution ein. Diese führte nicht nur zu[1]

Wirtschaftsverflechtungen, sondern auch zu „Spill-over-Effekten“ politischer Ideen und Ideale. Nötig dafür war wiederum nicht nur ein immer breiter werdender Zeitungsmarkt, sondern zunächst auch die Alphabetisierung der bürgerlichen Schichten. Hinzu kamen eine europaweite Vernetzung des liberalen Bürgertums und die Multiplikatoreffekte der Universitäten. Diese teilweise technischen Faktoren dürfen nicht vernachlässigt werden. Die Bildung einer nationalen Identität war nämlich erst möglich, als staatsweite Kommunikation, staatsweiter Informationsaustausch und Personenverkehr realisiert worden waren. Diese Faktoren sind umso relevanter, da sie natürlich auch ein europäisches Bewusstsein erst ermöglichten.

In der von Eisenstadt beschriebenen ersten europäischen Moderne vermochte kein Zentrum (also eine staatliche Gewalt), eine wirkliche Hegemonie über Europa zu errichten. Die europäischen Zentren existierten also nebeneinander (mit den dazugehörigen Konflikten). Eine ähnliche Situation herrschte vor Errichtung der Nationalstaaten auch in den Ländern selbst. Als ein extremes Beispiel ist hierfür Deutschland zu nennen], in dem es eine Vielzahl verschiedener Herrschaftsbereiche, d. h. Zentren, gegeben hatte. Führt man diesen Gedanken weiter, erkennt man einen Zentralisierungsprozess vonpolitischer Verantwortung auf immer höherer Ebene (Territorium Nationalstaat EU) bei gleichzeitiger Ausweitung von Kommunikation und Transport sowie wissenschaftlicher, wirtschaftlicher und kultureller „Spill- over-Effekte“. Der politische Zentralisierungsprozess und die Ausweitung der Kommunikation beeinflussen einander also. Die Entwicklung ist demnach eine direkte Weiterentwicklung der von Eisenstadt beschriebenen Ausbildung der europäischen Moderne. Aus der Retrospektive nationalstaatlicher Entwicklung

[...]


[1] Eisenstadt, Shmuel N.: Die Vielfalt der Moderne, Weilserswist 2000, S. 9-45.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Europäische und nationale Identität in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Deutschland
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
13
Katalognummer
V169741
ISBN (eBook)
9783640881857
ISBN (Buch)
9783640881949
Dateigröße
407 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
europäische, identität, vergangenheit, gegenwart, zukunft, deutschland
Arbeit zitieren
Marcel Stepanek (Autor), 2009, Europäische und nationale Identität in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169741

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