Petuhtantendeutsch - die flensburger Stadtsprache

Awer unse Sprak is nich gut un warn klok ut…. Eine Untersuchung zum Gebrauch des Petuhtantendeutsch in der heutigen flensburger Alltagssprache


Seminararbeit, 2009

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Fragestellungen
1.2 Erwartungen
1.3 Methodisches Vorgehen

2. Petuh - Eine kurze Einführung

3. Merkmale des Petuh
A: Grammatikalische Kriterien:
B: Phonologische Kriterien
C: Lexik (Beispiele)

4. Auswertung der Fragebögen
4.1 Flensburg
4.2 Kiel
4.3 Kiel und Flensburg im Vergleich

5. Deutungsversuch

6. Kritik und Ausblick

7. Literaturliste

1. Einleitung

Viele Städte nehmen für sich das Privileg in Anspruch, eine eigene Stadtsprache zu besitzen, die nur dort gesprochen wird. Typische Beispiele hierfür sind natürlich Berlin und Hamburg, aber auch kleinere Städte, wie Flensburg, stellen sich in diese Tradition. Die dortige Mundart wird Petuh-Tanten-Deutsch, oder einfach nur Petuh, genannt. Im Frühjahr 2011 wurde im Rahmen einer Hausarbeit bereits eine erste Untersuchung zum heutigen Sprachgebrauch des Petuh in Flensburg erarbeitet. Diese Arbeit soll in dieser Arbeit nun mit Kieler Lehrern und Schülern fortgesetzt werden. Ziel ist es, Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei der Verwendung typischer Petuh-Ausdrücke herauszuarbeiten. Hierzu wurden am Gymnasium Kiel-Elmschenhagen die gleichen Fragebögen wie 2011 in der Flensburger Untersuchung verteilt.

1.1 Fragestellungen

Folgende Fragen sollen mithilfe der verwendeten Bögen untersucht werden:

1. Welche Petuh-Ausdrücke sind in Kiel bekannt?
2. Welche Unterschiede zwischen der Kieler Lehrer- und Schülergruppe existieren?
3. Welche Unterschiede gibt es zwischen der Flensburger und der Kieler Gruppe?
4. Können eventuelle typische Kieler Ausdrücke gefunden werden?

1.2 Erwartungen

Es wird erwartet, dass sowohl die Flensburger Lehrer als auch die Schüler mehr der gefragten Ausdrücke ins Hochdeutsche übertragen können. Besonders deutlich müsste dieser Unterschied bei der Lehrergruppe zutage treten. Auch scheint es wahrscheinlich, dass in Flensburg die Petuh-Ausdrücke einen größeren Eingang in die Alltagssprache gefunden haben als in Kiel.

1.3 Methodisches Vorgehen

Für diese Untersuchung wurden Fragebögen entworfen, die 39 Ausdrücke enthielten, die als typisch Petuh angesehen werden. Die meisten dieser Begriffe sind dem Petuh-ABC von W.L. Christiansen oder dem Heft „Stadt an der Förde - Ein Heimatgruß an Flensburgs Söhne im Dienste der Wehrmacht“ aus dem Jahr 1941 entnommen. Die Teilnehmer der aktuellen Umfrage wurden dann gebeten, zu den angegebenen Petuh-Ausdrücken ein hochdeutsches Synonym oder eine Umschreibung anzugeben. Als Nächstes wurde die Frage gestellt, ob das Petuh-Wort von den Gewährspersonen im Vergleich zum hochdeutschen Pendant „immer“, „häufig“, „selten“ oder „nie“ verwendet wird.

Der Bogen wurde in Flensburg an der Hebbelschule (Realschule) verteilt und von 9 Lehrern und 48 Schülern der 9. und 10. Klasse ausgefüllt. In Kiel war das Gymnasium Elmschenhagen die Vergleichsschule. Hier füllten 11 Lehrer und 39 Schüler den Bogen aus. Die Auswertung der Bögen beginnt ab Kapitel 4.

2. Petuh - Eine kurze Einführung

Um einen besseren Einstieg in das Thema zu bekommen, soll an dieser Stelle zunächst etwas näher auf die Geschichte und die typischen Merkmale des Petuh eingegangen werden.

Der Ausdruck „Petuh“ leitet sich vom französischen Ausdruck für eine Dauerkarte ab, einer sogenannten „Partou-Karte“. Mit dieser Fahrkarte war es möglich, vom 1. Mai bis zum 30. September für 26 Reichsmark[1] auf kleinen Fähren (den „Butterdampfern“) die Flensburger Förde zu befahren. Diese Fahrten waren anscheinend besonders bei älteren Damen beliebt, denn diese wurden nach ihrem Fahrschein „Petuh-Tanten“ genannt. Petuh ist eine Mischform, die sich wie Missingsch aus verschiedenen Sprachen zusammensetzt. Beim Petuh sind dies Hoch- und Niederdeutsch sowie Dänisch und Sønderjysk („Plattdänisch“)

Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der vier Sprachen werden beispielhaft kurz am folgenden Satz dargestellt[2]:

- Hochdeutsch: Gestern Abend saßen wir im Garten und aßen Abendbrot.
- Plattdeutsch: Güstern aabend seeten wi inne gaarn und eeten aabendbrot.
- Dänisch: I går aften sad vi i haven og spiste aftensmad.
- Sønderjysk: I gaajaus var vi i u eie kalko au fik nare.

Petuh basiert zum Teil auf der dänischen Grammatik (Satzbau) und einer Reihe von Danismen, ist jedoch vom Wortschatz her eher dem Deutschen bzw. dem Plattdeutschen ähnlich, weshalb es auch dort eingeordnet und als „Petuh-Tanten- Deutsch“ bezeichnet wird.

Die Entstehung dieser „Sprachverwirrung“ ist eng mit der Flensburger Geschichte verbunden: Bis zur Schleswig-Holsteinischen Erhebung im Jahre 1848 wurde das Herzogtum Schleswig von Kopenhagen aus regiert, da der dänische König gleichzeitig Herzog von Schleswig war. Im Landesteil Südschleswig gab es aber eine große deutsche Gemeinde. Mit dem Sieg Dänemarks 1848 im ersten Schleswig-Holsteinischen Krieg wuchs der dänische Einfluss in Flensburg und Umgebung. 1864 wurde dann erneut um die Frage des Besitzanspruches Krieg geführt. Diesmal gewannen die von Preußen und Österreich unterstützten deutschsprachigen Schleswig-Holsteiner und das Land wurde zu einer preußischen Provinz. Insbesondere für die Generation um 1850 kam es durch die wechselnden Herrschaftsverhältnisse zu einem verwirrenden Sprachmix im Alltagsleben. Zuhause sprach man zumeist Plattdeutsch, aber bis 1864 wurde in der Schule auf Dänisch unterrichtet – oft von dänischen Lehrern, die selbst kein Deutsch sprachen. Nach 1864 wurde dann überwiegend Hochdeutsch als Amts- und Verkehrssprache eingeführt.

Einen guten Einblick in diese Zeit gibt Johann Ortmann in seinem Buch „Sind Kriege notwendig?“[3]. Dort schildert er die Alltagsprobleme seiner Familie, deren Mitglieder aus unterschiedlichen Teilen Schleswig-Holsteins stammten. Sein Vater lebte in einem Haushalt, in dem Plattdeutsch gesprochen wurde. Mit 10 Jahren kam der Vater als Hütejunge in die Schleswiger Geest, wo Jütisch vorherrschte – von den Deutschen verächtlich „Kartoffeldänisch“ genannt. Ortmanns Mutter hingegen stammte aus dieser Region und sprach als Muttersprache eben dieses Jütisch. Nach ihrer Konfirmation bekam sie eine Stellung in Angeln, wo wiederum ein Plattdeutsch üblich war, welches stark auf einem dänischen Grund basierte. Über seine Muttersprache schreibt Ortmann:

„Unser Plattdeutsch war recht eigenartig. Man muss bedenken, dass im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts Schleswig-Holstein erst seit rund vierzig Jahren zu Preußen gehörte. Bis dahin hatte die Mehrheit der Bevölkerung Flensburgs Dänisch oder Jütisch gesprochen, insbesondere die untere soziale Schicht. […] Vom Norden Schleswigs […] drangen immer wieder dänische Vokabeln und auch dänische Syntax in das Flensburger Plattdeutsch ein. Dieser Prozess entstand schon zwangsläufig durch Knechte, Landarbeiter und jüngere Bauernsöhne aus dem nördlichen Schleswig, die in der Werft- und Eisenindustrie Arbeit annahmen. So entwickelte sich in meiner Heimatstadt [Flensburg] eine merkwürdige Mischsprache, die jetzt nur noch von sehr alten Leuten gesprochen wird.“[4]

Interessantes liest man auch in einem Brief vom 1. September 1845, den Peter Kristian Sicks, Oberlehrer in Odense, an den Kieler Professor Christian Flor schreibt:

Die [Flensburger] Sprache ist doch nicht so ausschließlich deutsch, wie ich gedacht habe. Die breite Bevölkerung spricht teils Dänisch, teils Plattdeutsch, teils eine Mischung aus beiden Sprachen, die gebildete Schicht dagegen ist hochdeutsch.[5]

Schaut man sich Quellen zur Sprachforschung aus dieser Zeit an, so stellt man fest, dass die Frage, welche Sprache man in Flensburg spricht, schon damals unklar war. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang ein Brief des Lehrers J. J. Callsen, der im Januar 1880 einen Antwortbrief an Dr. Wenker in Marburg schrieb, welcher gerade mithilfe seiner später berühmten 40 Sätze den „Sprachatlas des Deutschen Reiches“ verfasste. In diesem Brief sammelt Callsen bei seinen Nachbarn typische Flensburger Redensarten und Ausdrucksweisen, um diese dem Antwortschreiben beizulegen. Als Begründung schreibt Callsen: „ Wi möten em [Wenker] noch en Breef mitschicken, un em nawisen, wodennich sik hier Dütsch un Dänisch mängelert.“

Außerdem findet sich im Antwortbrief die Aussage, dass die Flensburger ja gar keine eigene Sprache hätten, sondern einfach alles wild durcheinander sprächen. Da Callsen meinte, er könne keine große Hilfe für Wenker sein, schreibt er resigniert: „ Awer unse Sprak is nich gut un warn klok ut.[6]

Als spannende Quelle hat sich auch das Buch „Stadt an der Förde – Ein Heimatgruß an Flensburgs Söhne im Dienste der Wehrmacht“ herausgestellt. Dieses Buch wurde 1941 von der Stadt für Flensburger Soldaten herausgegeben und enthält unter anderem eine kurze Anekdote auf Petuh sowie eine „heitere Wortkunde“ der Flensburger Stadtsprache[7]. Bereits zu dieser Zeit ist das Wort Petuh-Tanten ein fester und anscheinend allgemein bekannter Ausdruck, denn zum Petuh-Tanten-Deutsch findet sich folgender Absatz:

„Diese überaus glückliche, von andern Städten uns vielfach beneidete Flensburger Sprachmischung aus Hochdeutsch, Niederdeutsch und Jütisch (Plattdänisch), ist wissenschaftlich noch nicht hinreichend bis zu den letzten Tiefen erforscht. Stets neue Überraschungen von Schönheitswert entfaltend, verdient diese charaktervolle Sprechweise die genaue Festlegung der Harmonie ihres Aufbaues durch eine Doktordissertation. Das „Petuh-Tanten-Deutsch“ (auch kurz „Flensburger Deutsch“ genannt) ist wegen seiner Ursprünglichkeit in Schüleraufsätzen die Wonne der Deutschlehrer. Sprachforscher erklären die ersten Bestandteile des seltsamen Wortes aus dem Französischen „partout“ (=überall) in Anlehnung an die früheren Dauerfahrkarten der Fördedampfer.“[8]

Neben diesem Eintrag werden eine ganze Reihe von anderen typischen Wortwendungen erklärt, die sich auch heute noch in Christiansens „Petuh-ABC“ wiederfinden. Auch die typische Schreibweise von „s“ und „z“ als „sz“ oder „ß“ für [s] wird hier angewendet.

3. Merkmale des Petuh

Zunächst sollen die speziellen Merkmale des Petuh vorgestellt werden. Als Grundlage für diese Auswertung wurden u.a. das Petuh-ABC von W.L. Christiansen sowie das 1941 erschienene Heft für die Flensburger Wehrmachtssoldaten[9] verwendet. Die Ausrücke der beiden Werke gleichen sich zum Großteil und auch die Schreibweise ist ähnlich. Als Vergleichsprosatexte waren die Geschichten von Renate Delfs eine wertvolle Quelle. Insbesondere die CDs "Die Flensburger Petuhtanten" (2002) und "Die Petuhtanten und ihre Nachbarinnen: Weitere plattdeutsche Wort-Geschichten" (2008) waren bei der Erstellung der phonologischen Merkmale von großer Bedeutung.

Zur besseren Übersicht wurden die Merkmale in die folgenden drei Kategorien eingeteilt:

a. Grammatikalische Kriterien
b. Phonologische Kriterien
c. Lexik (Wortschatz)

A: Grammatikalische Kriterien:[10]
1. Die Zerteilung von zusammengesetzten Präpositionen
- Petuh: „ Da kann ich nichts für.“
- Hochdeutsch: „ Dafür kann ich nichts.“
- Petuh: „ Da braucht man keine Angst vor zu haben.“
- Hochdeutsch: „ Davor braucht man keine Angst zu haben.“

2. Präpositionen können adjektivisch dekliniert werden
- auf / offen: „auffe Fenster“
- zu / geschlossen: „zu(h)e Türen“
- eingeschaltet / angeschaltet: „annes Gerät“
- aus: „ausse Heizung“
- ab: „abbe Knöpfe“

3. Vermeidung von Infinitivkonstruktionen mit „um“ und „um zu“ und Anlehnung an die dänische Wortstellung
- Petuh: „Was ein Glück und sein wieder in Flensburg.“
- Dänisch Hvilken held at være igen i Flensborg.”
- Hochdeutsch: „Welch ein Glück, wieder in Flensburg zu sein.
- Petuh: „Es ist ein schlechtes Wetter und gehen aus in.“
- Dänisch:Det er et dårligt vejr at gå ud i.“
- Hochdeutsch: „Es ist ein schlechtes Wetter, um hinauszugehen.“

4. Allgemeine Verwendung von dänischer Grammatik mit deutschem Wortüberbau
- Petuh: „Da haben Szie chanz recht in.
- Dänisch: „Da har du ret i.
- Hochdeutsch: „In dieser Sache haben Sie recht.“
- Petuh: „Da kann einer sich richtig zu freu’n.“
- Dänisch: „Da kan en riktig glæde seg til.”
- Hochdeutsch: „Darüber kann man sich richtig freuen.“
- Petuh: „… wenn er nich kricht szein Abenbrot szu rechte Szeit“
- Dänisch: „…når han ikke får sin aftensmad til rette tid”
- Hochdeutsch: „…wenn er sein Abendbrot nicht zur richtigen Zeit bekommt“
- Petuh: „Nun szollen wir afstäh.“
- Dänisch: „Nu skal vi afsted.”
- Hochdeutsch: „Jetzt möchten wir gerne weggehen.“

5. Kasus (Bevorzugung des Nominativs)
- „Meinen Sie das mit das Flugzeug?“
- „Er wollte der Schinken holen.“
- „Er steigt auf ein Stuhl.“

6. „was“ statt „dass“
- Petuh: „Was’n Glück, was da kein Wasser drin war.“
- Hochdeutsch: „Welch ein Glück, dass dort kein Wasser drinnen war.“

7. Semantik der Modalwerben ist nicht wie im Hochdeutschen
- Petuh: „Nun szollen wir afstäh.“
- Hochdeutsch: „Wir möchten gerne weggehen.“

[...]


[1] Christiansen (2006) S. 9. Delfs (2005) S. 14.

[2] Sätze entnommen aus: Christiansen (2006) S. 9.

[3] Ortmann (1995)

[4] Entnommen aus Christiansen 2006. S. 11.

[5] Christiansen 2006. S. 11-12.

[6] Veröffentlich wurde dieser Antwortbrief zunächst in der Zeitschrift „Heimat“ (1920, S. 181 f). Er wurde später an verschiedenen Stellen abgedruckt, u.a. bei Bock (1933, S. 306 – 309) und bei Selk (1982, S. 12 – 16)

[7] Witt 1941, S. 42 – 53.

[8] Witt 1941, S. 48.

[9] Witt, Klaus: Stadt an der Förde - Ein Heimatgruß an Flensburgs Söhne im Dienste der Wehrmacht. Flensburg 1941.

[10] Die Orthografie des Petuh richtet sich jeweils nach der Schreibweise der zugrunde liegenden Quelle.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Petuhtantendeutsch - die flensburger Stadtsprache
Untertitel
Awer unse Sprak is nich gut un warn klok ut…. Eine Untersuchung zum Gebrauch des Petuhtantendeutsch in der heutigen flensburger Alltagssprache
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Veranstaltung
Sprachliche Varietäten
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
24
Katalognummer
V169854
ISBN (eBook)
9783640883134
ISBN (Buch)
9783640882939
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
- Zweite, überarbeitete Version, Stand: Februar 2013 -
Schlagworte
Petuh, Petuhtanten, Flensburg, Missingsch, Dialekt, Norddeutsch, Flensburger platt, Hebbelschule, Plattdeutsch, Niederdeutsch, Platt, Angeln, Renate Delfs
Arbeit zitieren
Jan Patrick Faatz (Autor), 2009, Petuhtantendeutsch - die flensburger Stadtsprache, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169854

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Petuhtantendeutsch - die flensburger Stadtsprache



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden